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Jüdische Rundschau · 1936-11-17 · Heft 92 (17.11.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 92 (17.11.1936)
Date
1936-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 92. 17. XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Jüdische Volkstrauer in Krakau Paläsiinakonferenz des Keren Hajessod Von unserem Korrespondenten Krakau, 12. November Das Begräbnis Dr. Thons verwandelte sich in eine gran* diöse Manifestation und Huldigung für den verstorbenen Führer des polnischen Judentums. Im jüdischen Viertel der Stadt waren sämtliche Läden und Werkstätten geschlossen. Schon seit den frühesten Morgenstunden stauten sich an den Straßen, die der Trauerzug passieren sollte, ungeheuere Menschenmassen. In den Fen• Stern der Wohnungen brenneu mit Trauerband umhiillte Kerzen, von den Baikonen hängen schwarze und blau-weiße Fahnen ncrab. Aus Warschau, Lodz und Leinberg kamen zahlreiche Delegierte der zionistischen Verbände und der zentralen jüdischen Organisationen. Die Städte und Städtchen Kleinpolens und Schlesiens waren durch ihre Rabbiner und Geineinderepriisentanteil sowie Leiter der zionistischen Ortskomitees vertreten. Das Rabbinat und die Repräsentanz der jiidisehen Gemeinde Krakaus, deren geistiges Oberhaupt Dr. Thon 40 Jahre ununterbrachen war, erschienen vollzählig. Anwesend waren ferner der Präsident der Stadt Krakau und Delegierte der Wojewodschaft. Die Verwaltungen sämtlicher zionistischer und jüdischer Organisationen und Vereine in Krakau kamen in corpore. Osias Thon Foto Archi» lieber dreißigtausend Menschen bildeten den Trauerzug. Besonders imposant war der Anteil der Jugend, die in geschlossenen Reihen mit ihren Fahnen dem Trauerzuge voranschritt. Außerdem haben sich hiniil;1!(.' Mitglieder der verscliiedenen Jugendbüiule und des ״Makkabi“ am Ordnungsdienst musterhaft beteiligt. Der Trauerz.ug bewegte sich durch die berühmten engen Straßen des historischen Krakauer Ghetto, hielt an vor den altehrwürdigeu Schulen und Synagogen, wo Trauergebete gesprochort wurden, und als die Spitze des Zuges den alten Friedhof erreichte, hatten die letzten Reihen des Zuges noch kaum das Stadtzentrum passiert. In der Friedhofshalle war nur Platz für׳ die nächsten Angehörigen, Mitarbeiter und auswärtige Delegierte. Auf ausdriicklichcn. mehrmals geäußerten Wunsch des Verstorbenen wurden keine Trauerreden gehalten. Nach Absolvierung der Gebete nahmen die versammelten Repräsentanten der zlonistisehen Bewegung die Bahre und die Trauernden gaben ihrem unvergeßlichen Meister das letzte Geleit. Ar» dem von der Jüdischen Gemeinde gewidmeten F. hr en grabe in der Hauptallee des jüdischen Friedhofes sprach Rabbi S c 11 tu e 1 k e s das Gebet, von dem Vorbeter und dem Chor der Synagoge, an der 1)1׳. Thon gewirkt hat, wurden Psalmen rezitiert. Dann sprach Rabbiner Professor Schoor (aus Warschau) zutiefst gerührt das Kaddisehgebet. Die stille Traucrandacht hat die versammelten Tausende schmerzlich ergriffen. Alle fühlen, daß dieser Verlust für die kdenheit Polens unersetzlich ist. Ein Meister der Feder, rin begnadeter Redner, ein kluger und vornehmer Mensch, hielt Dr. Thon 40 Jahre lang Freund und Feind in seinem Banne. Ehre seinem Andenken! * Die Zionistische Organisation Polens hat einen T rauermonat proklamiert und alle Veranstaltungen während dieser Zeit abgesagt. Aus ganz Polen, aber auch aus dern Aus-!and und insbesondere aus Palästina sind Beileidskundgebungen in großer Zahl eingetroffen. Die Nachricht vom Tode Dr. Thons hat, wie Palcor berichtet, in Palästina große Trauer hervorgerufen. Eine Gedächtnislei er, bei der U s s i s c h k i n einen Nachruf hielt, fand sofort beim Eintreffen der Nachricht im Gebäude der Jewish Agency in Jerusalem statt. Die jüdischen nationalen Institutionen unterbrachen die Arbeit für eine halbe Stunde. Eine öffentliche Kundgebung mit Mrs. Sieff Als Auftakt zu der Palästinakonferenz veranstalteten der Keren Hajessod für Deutschland, die Mitglieder des Council der Jewish Agency in Deutschland und die Zionistische Vereinigung für Deutschland am letzten Sonnabend eine öffentliehe Kundgebung im Logenhaus Kleiststraße. Zahlreiche Zuhörer waren der Aufforderung zu dieser Versammlung gefolgt. Nachdem die Ouvertüre zu ״Iphigenie in Aulis“ die das seit wäre, so würde der bestimmende Gesamteinfluß wegfaj» len, der dem jüdischen Leben Richtung und Ziel gibt. Sodann ergriff, von stürmischem Beifall begrüßt, Mrs. Rebecca Siel! das Wort zu einer englischen Rede, in der sie in kurzer gc» schichtiicher Betrachtung auf die Umwälzungen ökonomischer Dr, Baeck (stehend) eröffnet die Palästina-Konferenz. Der Präsidententisch: rechts von Dr, Hacek: Dr. Traub, Rabbiner Hoff mann (Frankfurt a. M.), der Vorsitzende des Präs.-Ausschnsses der Reichsvertr. Dr. Otto Hirsch, Dr, Friedrich Brodnitz. Links von Dr. Baeck: Mrs. Rebecca Sieff (,London), Dr. Franz Meyer, Frau Lola llahn-W'arburg. Foto; ijonnenfeldl Kulturbundorchester unter Leitung von Kapellmeister Sander spielte, verklungen war, begrüßte Dr. Leo Baeck die Erschienenen und besonders herzlich den englischen Gast Mrs. Sieff. Nicht Sorge, so führte Dr. Baeck in seiner Einleitungsrede aus, sondern Gewißheit führe diese Versammlung zusammen. Tapferkeit und Weisheit seien stets die Faktoren in der Weltgeschichte gewesen, die sich vereinigen mußten, damit etwas Großes entstünde. Unsere Brüder in Erez Israel haben in den letzten Monaten ihre Tapferkeit bewiesen, die sich in Zurückhaltung umi Selbstbeherrschung zeigte. Jetzt muß die Weisheit vor der Kommission sprechen. Die englische Staatskunst sei immer eine Kunst des Konipromisscs gewesen. Aber es gebe eine Grenze im Kom* promillscliließcn für uns: das jüdische Recht auf Einwanderung und Arbeit in Palästina. Anschließend daran verlas Dr. Baeck den Brief Chaim Weizmanns an das Präsidium des Keren Hajessod, den wir auf der 1. Seite wiedergeben. Die Verlesung des Briefes wurde mit starkem Beifall aufgenomnten. In einer kurzen Ansprache von Rabbiner Dr. Max Grünewald aus Mannheim wurde die Bedeutung der Tatsache unter״ strichen, daß in den letzten sechs Monaten eine bisher unerreichte Einigkeit nicht nur im Jischmv Palästinas, sondem unter den Juden der Welt unter dem Eindruck der Ereignisse zustande gekommen sei. Dr. Griinewald erinnerte daran, daß wir Juden gleichsam inselhaft lebe», ja, daß wir eine insulare Mentalität haben, ohne die dazugehörige Insel zu besil/en. Wir brauchen aber eine solche Insel, um das Vertrauensverhältnis zur Welt herzustcllen. Palästina ist diese Insel. Wenn Palästina heute für jede Einwanderung geschlos- Natur im vergangenen Jahrhundert und auf die zunchmenda Versperrung der Eiinvamlertmgslümier himvies, eine Tatsache, die das jüdische Volk mehr betroffen hat als jedes andere. Sie zeigte ferner, »vie Palästina sehr schnell der Schwer* paukt für die jüdisch e A u s w;1 n 11 e r 11 11 g wurde, obwohl es ein armes Land ohne Roh-tolle mul sonstige wirfschädliche Möglichkeiten ist. Mit Eindringlichkeit wies die Kellnerin ferner auf die Bedeutung Palästinas innerhalb einer Welt hin, in der der Zug zur Stadt das Merkmal aller Binnen- Wanderung ist. 111 Palästina wird der Versuch gemacht, aus Juden wieder Bauern zu schaffen, und das Bei-piei der Biluitn zeige, mit welchem Idealismus unsere Menschen an diese Aufgabe herangcgaiigen sind. Viele Opfer habe dieses Land gekostet; aber das große sei, daß durch diese Opfer die historische Kontinuität aufrecht erhalten worden ist. Palästina ist nicht für eine bestimmte Anzahl von Juden da, sondern für das ganze jüdische Volk. Aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ sei Palästina das Zentrum der Auswanderung. Es ist vor allem das einzige Land, in dem Juden mit offenen Armen empfangen werden, weil sie kraft eines Rechtes dort hinkommen. In diesem Zusammenhang pries Mrs. Sieff die heroische Haltung des J i s c 11 u w, der der Versuchung, den Arabern auf Kosten der Golali nachzugehen, widerstanden hat. Gerade deshalb ist von den Juden der Welt zu erwarten, daß sie auch ihrerseits ihre Pflichten gegenüber Palästina erkennen, und kein bewußter Jude wird in dieser Zeit den Kampf für Erez. Israel aufgelien, sondern in verstärktem Maße Opfer bringen. Wir stehen vor der Welt mit reinen Händen, bereit zur Verständigung — aber unsere Grundprinzipien können ivir nicht aufgeben. Palästina ist ein Besitztitel des ganzen jüdischen Volkes und kann ihm nicht verschlossen werden. Und die Mandatarmacht hat mich ihrerseits vitale Interessen an diesem Land. Die öffentliche Meinung in England lerne allmählich die jiidi sehen Leistungen in Palästina schätzen und das jüdische Recht einsehen. Mit dem Aufruf an die Juden Deutschlands, an Opfern nicht /unick/tisrehcn, und sich hevvußt zu sein, da fl unsere Opfer die Voraussetzung für die Mandatarmacht sind, ihrerseits ihre Pflichten nicht zu vergossen, schloß Mrs. Sieff ihre aufmerksam entgegengenom« Das Begräbnis Dr. Thons Der Trauerzug hält vor der Großen Synagoge, an der Dr, Thon seit 1897 als Prediger wirkte. Schaler des Krakauer Hebräischen Gymnasiums im Foto. 1 1, H Film-F.10, Ink» Trauerzug, \1114 ►v.־; יי1.זל*ר ׳♦*PW* .׳ ■#! *.י/.. *i ' . ■*, V .*s .

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