Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 91 (13.11.1936)
- Date
- 1936-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 91, 13. XL 1936 lieh mitten ins politische Getriebe und an die Seite eines Königs im Exil. Um diesen war besonders der junge Graf Essex und sein Kreis besorgt und bemüht. Essex strebte nach dem ihm bisher versagten Erfolg und Ruhm als Staatsmann und Feld- Iierr. Er hatte schon einige kriegerische Streiche gegen Spanien und gegen das von diesem unterjochte Portugal versucht, aber er hatte, der Friedensliebe Elisabeths rum Trotz, noch größere Pläne politischer und militärischer Art gegen Spanien. Er also und seine Freunde, zu denen 11. a. der schon genannte Graf Southampton, die Grafen Rutland und Pcmhroke und die beiden Brüder Bacon gehörten, stellten den König Antonio immer wieder in den Mittelpunkt der londoner Oeffentlichkeit, wovon natürlich auch Lopez profitierte. Aber Antonio wurde im englischen Exil immer nervöser und launischer, zumal er sehen!nullte, daß seine Aussichten auf den portugicsiselien Thron immer schlechter wurden, und eines Tages kam es zwischen ihm und seinem Mentor 2un1 Zerwürfnis. Lopez fiel in Ungnade bei Antonio und damit auch bei Essex und den jungen Uofleuten. Sie begannen ihn 211 verhöhnen, zu verspotten und zu bespitzeln. Plötzlich war er für sie — - ״der Jude“. Wo sie ihn trafen, ließen sie den alten und nun auch kränkelnden Mann ihre Verachtung und ihr Mißtrauen fahlen. (So etwa wie sich Shakespeares Antonio und sein Kreis gegen Shvlock verhält.) Aber damit nicht genug! Es entspann sich nun um den armen Lopez eine erbärmliche Spitzeltragödie. Mit Antonio waren aus Portugal eine Anzahl von ״Getreuen“ gekommen, darunter auch einige Marranen. Anderseits aber wimmelte es in England von Kreaturen des Königs Philipp, die nicht nur Spionage trieben, sondern auch der englischen Königin und <ie!11 portugiesischen König nach dem Leben stellten. Lopez hatte schon früher im Auftrag von Essex, der aus politischem l.htgei/ einen privaten Nachnchtcndienst im feindliehen lind freundlichen Ausland iinterhielt, eine■ Korrespondenz mit spanischen I rcimdcn angefangen. Daraus wurde ihm jetzt ein Strick gedreht. I s winde zu weit fuhren, wollte mail das ganze Intrigenspiel aufdecken, das Lwscx nn/ettelte, tun Lopez, <lt׳r nach wie v״r als Leibarzt das ( Ihr und die Gunst der Königin halte, uimcliatlhch zu machen. Lopez seihst, aufs totste gekiankt um! entt iuseht über Antonios Und׳!! kba keit, ließ sich selbst zu allerhand Unvorsichtigkeiten liinrcj ilen — insbesondere in seinem Verkehr mit den Lniigraiiten, von denen wiedmun Fallen zu Philipps Spionen gingen. Kurzum: nach einigen fehlgesihlagenen Versuchen, I opez als Hoch- Verräter zu entlarven, gelang es Essex endlich, zwei Bekannte des .Arztes verliehen und ihnen auf der Falter Geständnisse entreißen zu las-.cn, wonach sie Und Lopez, der Königin und dein Komi; nach dem!.eben geirachtet hatten. Nun wurde auch I opez in (b׳t1 Tower geworfen und durch I)rohungett mit der Folter zu einem Gest a n d n 1' s gezwungen, er habe Elisabet 11 und Antonio vergiften wollet!. litt Prozeß gißen ihn führte Essex den Vorsitz, seine Freunde bildeten das Pichterkollegiurn, Die ordentlichen Riehtcr wurden beiseite gesetzt. Lopez hatte sein Geständnis längst widerrufen. Das half ihm nichts tni'llr. Er wurde zurrt Tode verurteilt. Sowohl der Ankläger — es war der Kronamvalt Coke in eigener Person — wie auch die Richter spielten in der Verhandlung immer wieder darauf an, daß Lopez ein Jude sei. Aber in ganz London, das die Affäre schon wegen der Popularität sowohl des Grafen Essex wie auch des Königs Antonio mit brennendem Interesse verfolgte, sah man plötzlich in dem bisher ebenso angesehenen wie erfolgreichen Arzt nur noch den Juden, den jüdischen Verratcr und Giftmischer. Und als er sich bei seiner öffentlichen Hinrichtung in Tvburn verteidigen wollte, wurde er von der Menge nicdergcbrüllt mit den Worten: ״He is a Jew — He is a Jew!“ Nach der Urteilsvollstreckung, der die Königin erst nach wochenlanger Weigerung zugcstinmit hatte,!egte sich die Aufregung erst recht nicht. Besonnene und gerecht denkende Leute glaubten nicht an die Schuld des Lopez und übten an dem Verfahren Kritik. Nacheinander erschienen, durch die Esscx-Klique veranlaßt, mehrere Rechtfertigungsversuche, amtliehe Protokolle, dazu!Pamphlete und Karikaturen gegen den Toten. Von diesen Stimmungen und Ereignissen angeregt, hat S h a k es p;• a r e sein Jmicn-I fraina geschrieben und haben die Londoner Theater die schon vorhandenen beiden Judenstucke wieder in ihre u SpitTnlan mitgenommen. Uebrigens hat sogar Burbago den Shvlock wahrscheinlich in der Maske des Lopez gespielt. Natürlich hat Shakespeare kein ״Schlüsselstück“ und kein ״Zcitdrama“ geschrieben. Immerhin aber hat er dem (.legenspieler Shvlock.-, dem ״königlichen“ Kaufmann von Venedig, den Namen des portugiesischen Königs gegeben. In der No¬ Sie alle steckten die Löffel in die Stiefelsrhitfte, griffen mit den sehmutzigtn Fingern nach den zerkochten fleischbrocken im Kessel und schlangen gierig, und dabei schauten sie herum. Sie hatten Angst, Tsthurillo könnte seinen Löwenanteil fordern. .Aller der Goliath schaute kaum nach ihnen hin. Sein spöttischer Blick haftete an den Feinschmeckern, die auf ihre Essenpakete von zu Hause ■warteten. Wie eine Diebs- 1 aterne wunderte dieser Blick über sie hin, von einem zum andern, und wem er traf, duckte sich. Nur Pandrc blieb ruhig sitzen und begegnete ihm gebissen mit den kahlen grauen Augen unter schwarzen Wimpern. Im Schotten mußten diese Augen unwillkürlich geblitzt hoben. Denn Tschurillos spöttischer Blick wurde plötzlich kalt. Er schnaubte wie ein wildes Tier, das ein anderes im Schatten wittert, und noch nicht weiß, ist es ein Tier, das man totbeißen oder mit dem inan sich beißen wird. Inzwischen hatte der Wärter di« Pakete aus dem Korb an die Leute verteilt, die das Essen entweder hatten kaufen lassen, oder von ihrer Familie bekamen. Scheitel Fiekam sein Paket und machte es auf. Es war ein schön gebratenes Huhn darin, ein halber Laib frisches helles Korn- Brot, mit Kümmel bestreut, ein paar Zwiebeln und etwas Salz, in einem Stückchen Papier. Pandre hatte gemeint, alle würden sofort zu essen anfangen, deshalb wunderte er sich, als er sah, daß kein einziger der Gefangenen sein Essen anrührte. Sie legten die geöffneten Pakete vor sich hin und warteten. Nachdem der Wärter das letzte Paket ausgegeben hatte, schloß «r die Tür auf, ging hinaus und sperrte hinter sich zu. Nun kreuzt« Tschurillo wie ein großer Herr die Arme über die Brust und schritt langsam an den Bänken entlang, um der. Inhalt der Pakete zu untersuchen. Die Ketten unter seinem weiten Kittel klirrten bei jedem Schritt. Hinter ihm ging ein stumpfnasiges Bürschchen mit einer großen hlceherncn Schüssel in beiden Händen, und seine Augen folgten Tschurillo mit der kriecherischen Unterwürfigkeit eines Schakals, der mit einem Löwen die Jagd teilt. Tschurillo, ohne die gekreuzten Arme zu bewegen, stieß den zunächst sitzenden Gefangenen mit dem Fuß ins Knie und zeigte mit der breiten Spitze seiner plumpen Schuhe: ״Was hast du <la, du Schweinehund!“ Und der Stumpfnasige hinter ihm machte da* nach', wie ein Clown, der den Athleten kopiert, gab dem Mann auch einen Stoß und sagte: ״Zeig her, was du da hast!“ Tschurillo erlaubte huldvollst, daß der Besitzer ihm die veile des Giovanni Fiorentino, die er neben dem älteren Stück ״Der Jude“ benutzt haben mag, heißt der Gegenspieler Ansaldo. Für die sonstigen Niederschläge der Affäre Lopez in dein Drama sei mir noch ein Beispiel erwähnt. Am Ende der ersten Szene des ersten Aktes geht üraziano in Schiegels Ucbersetnmg mit den Worten ab: ״... Schweigen ist bloß zu empfehlen geräucherten Zungen und jungfräulichen Seelen.“ Das ergibt nicht viel Sinn. Hans Rothe übersetzt wörtlicher: ״Ja, Schweigsamkeit paßt nur ~ wird es dir klar jetzt? — für geräucherte Zungen oder Töchter, die man nicht absetzt.״ Diese Anspielung auf den töchterreichen Lopez wurde vom Londoner Publikum verstanden, denn Essex und seine Freunde hatten den jüdischen Vater wegen seiner eifrigen Versuche, seine Töchter an den Mann zu bringen, oft und öffentlich verhöhnt. Es ist bekannt genug, daß das Motiv des Glaub!־ g e r s, der sich vom Schuldner für den Fall des Verzugs ein Pfund Fleisch verschreiben läßt und es daun von dem in Verzug geratenen Schuldner auch einfordert, einer alten Rechtsfabel entstammt, deren Quellen ins Indische und Persische, aber auch ins Byzantinische und in das frühe Christliehe Mittelalter weisen.' Der grausame Gläubiger ist in den frühen europäischen Fassungen, so auch in der bekanntesten, die in der Historien- und Legenden - Sammlung der ״Gesta *Ufa,'faxt dkssur Jjxud JZk&Xftjkwc'i Erste Büchsen-Leerung 5697 KEREN KAJEMETH EEJISRAEE Berlin W 15, Meinckcstr. 10 Postsdicck: Berlin 282 47 taupUckn '04*<A Düclc£&40SpZ4ulu. 'fütt de4t kK.OC.JC. Romaiiorum“ steht, kein Jude. Dieser übernimmt die Rolle des blutdürstigen Klägers erst in der oben erwähnten fiorentinisclien Novelle aus der Noveliensaminhmg ״Pecorone“, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erschienen ist, also in der Zeit nach den blutigen Judenverfolgungen, da man die Juden für die um die Jahrhundertmitte ausgebrochene Pest als Brunnen- und Quellenvergiftcr verantwortlich machte, ln dieser Zeit eben wurde der Mythos von Juden als dem mörderischen Feind der europäischen Christenheit erneuert. Shakespeare hat insofern jenen Mythos dichterisch überwunden, als er den Haß Shyioeks gegen Antonio und auch den angeblichen Haß der Juden gegen die Christen psychologisch motiviert. Er läßt die gepeinigte Kreatur ins Menschliehe aufrückcn, indem er sie nicht nur als Schreck- und Zerrbild zeichnet, sondern auch als Bild des leidenden Mensehen. Er läßt etwas Licht ins verrufene Ghetto fallen, und es hat beinahe den Anschein, als ob er auch einiges vorsichtige Licht dem Fall Lopez hätte zuteil werden lassen wollen. Dies wird noch wahrscheinlicher, wenn man den Verlauf des Prozesses und besonders seinen höchst ungerechten Ausgang betrachtet. Zwar: daß der Jude nicht mehr und nicht weniger als ein Pfund Fleisch schneiden und keinen Tropfen Blut dabei vergießen darf, entspricht den früheren Fassungen der Fabel. Aber: daß Shvlock sein Vermögen zur Hälfte verliert und Christ werden muß, ist denn doch etwas zu viel. Es sieht nach Satire aus, wie ja überhaupt‘ auch der Verlauf des Prozesses parodistischer Elemente nicht enthehrt, so daß man vermuten könnte, Shakespeare habe sich damit zu dem Prozeß Lopez in einer, man möchte fast sagen: distinguierten Form distanzieren wollen. Er gehörte ja freilich durch alle seine Lebensumstände zu der Partei des Essex und seiner Freunde. E i n Moment des Prozesses, mit dessen juristischer Seite sich große Reelltslchrer, wie in Deutschland Rudolf von Ihering oder Josef Köhler, eingehend befaßt haben, ist bisher kaum beachtet worden. Shyiock vereinbart mit Antonio, daß er ein ״volles“ Pfund Fleisch sol! schneiden dürfen, ״aus welchem Teil von eurem Leib ich will“. Nach dem Schein, den Porzia im Prozeß liest, kann ״der Jud’ hierauf / Verlangen ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen / Des Kaufnianns auszuschneiden.“ Das lautet anders, grausamer als die mündliche Abmachung. Ob an dieser verschiedenen Lesart des Vertrags die bekanntlich oft ungenaue Ueberlieferung des Textes der Werke Shakespeares schuld ist, mag dahingestellt bleiben. Wichtiger ist etwas anderes: wie kann man einem männlichen Individuum ein volles Pfund Fleisch ״zu. nächst dem Herzen“ aus dem Körper schneiden? Das ist anatomisch unmöglich. Ein Irrtum Shakespeares liegt bestimmt nicht vor. Denn die Anatomie war zu seiner Zeit eine ziemlieh neue, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehende Wissenschaft. Also muß wohl eine Absicht des Dichters vorliegen, und es kann nur die sein, den Prozeß vollends zur Farce zu machen! Sbylock verlangt etwas Unmögliches. Also ist er eine ... komische Figur. Was aber ist das Gericht, das die Unmöglichkeit einer geforderten Leistung nicht sofort sieht und rügt? Ebenfalls komisch, ebenfalls nicht ernst zu nehmen! Ob nicht vielleicht hier wieder Shakespeares despektierliche Meinung über den unmöglichen Prozeß Lopez 11er• einspielt? Das Pfund-Fleisch-Motiv ist auch in einem 1581 franzö• sisch erschienenen Buch von Alexandre Sy 1 v a i n ״Epitomes de Cent histoires tragiques, extraites des actes des Ro• mains et autres“ behandelt, das übrigens 1506 unter dem Titel ״The orator“ auch englisch erschienen ist. Darin plädieren zuerst der jüdische Kläger und dann der christliche Beklagte, jeder für seine Sache. Jener stellt sich dabei auf einen bereits ״fortgeschrittenen“ Standpunkt. Er sagt, er wolle dem Beklagten kein Pfund Fleisch aus dem Körper schneiden, sondern der Beklagte habe ihm, wie er es versprachen und wozu er sich feierlich verpflichtet habe, das Pfund Fleisch aus seinem Körper zu ״liefern“. Hier hat sicli dem blutrünstigen Fall bereits die Ironie zugesellt. Zum Schluß noch eine Frage an Shylock: woher hat er seinen Namen? In allen Stücken Shakespeares, die in Italien spielen, wird man vergeblich nach einem englischen Namen für eine der Figuren suchen. Shylock steht darin einzig da. Nun wollen einige Shakespeare-Forscher, so Georg Brandes, in Shylock die Anglisierung des biblischen Namens Schelach (Moses I 10, 24) «rkt;״kn. Das ist weit hergeholt und kaum zu beweisen. Zu Shakespeares Zeiten wimmelte es bereits unter den englischen Puritanern von alttestainentarischen Namen, und zwar ohne Anglisierung. Nein, es muß etwas zu bedeuten haben, daß der Dichter dem venezianischen Juden einen englischen Namen gegeben hat. Vielleicht wollte er damit betonen, daß er mit Shylock auf eine englische Figur, nämlich auf Lopez, anspiele. Ja, vielleicht war sogar Shylock ein Spitzname des Juden Lopez! Landauer übersetzt das Wort mit ״Scheuloch“. Shv bedeutet scheu tmd schüchtern, auch vorsichtig, mißtrauisch oder argwöhnisch, lock heißt Schloß, aber auch: Umfassen und Kunstgriff. Der Name er• innert an das Wort shy-cock vorsichtiger, mißtrauischer Hahn), das auch auf feige oder mißtrauische Menschen angewendet wird. Damit ist der Name, auch ohne die Bibel, erklärt. Will man sich in eine besonders kühne Konjektur einlassen, so könnte man sogar vermuten, daß Shakespeare, der bereits unter der Theater- und Kunstgegnerschaft der ganz judaistisch eingestellten englischen Puritaner zu leiden hatte und sie sich einige Male, auch im ״Kaufmann von Venedig“ sehr deutlich vornahm, mit der englischen Benennung des Juden an der puritanischer! Vorliebe für alttestamentarische Namen Kritik üben wollte. Ja, es ist sogar nicht einmal ausgeschlossen, daß in der Figur des Shylock auch ein Protest gegen den übertriebenen Judaismus der Puritaner enthalten sein sollte. Alles In allem — man darf zum Schluß das gute Wort über Shylock, insbesondere aber über seinen ״Nachruhm“ zitieren,'das Heine bei einer Aufführung des ״Kaufmanns“ in London aus dem Mund einer Engländerin gehört haben will: This man is wronged — diesem Mann geschieht U11recht. Und man darf dieses Wort auch auf den jüdischen Arzt Rodrigo_ Lopez erstrecken, dessen Unschuld sich aus den englischen ״State Papers“ ergibt — und übrigens auch aus der Tatsache, daß die Königin Elisabeth sein konfisziertes Vermögen der Witwe und den Töchtern ungeschmälert zurückgegeben hat. hnlbc MiF/.wurst abgah, die er bekommen hatte, ein Stück Käse und ein Stück Gurke. Der Stumpfnasige warf es flink in seine ßlcchsehilssel und schmiß den Rest dem Eigentümer hin wie einem Hund. Inzwischen prüfte Tschurillo schon den Inhalt des nächsten Pakets. Hochmütig gingen sie von einem zum andern, wie Zöllner. Sie stießen die Leute in die Rippen, beschimpften sie und plünderten gemächlich, soviel ihnen beliebte. Und nicht ein einziger wagte sein Essen anzurüliren, ehe die Revision vorbei war. Wenn sic ihren Anteil zurflekbekommen hatten, sahen sie erleichtert aus und fingen an zu schlingen, schmatzend, wie Schakale, wenn der I.öwe satt ist. Als ob gar nichts geschehen wäre; keiner war beleidigt. Sclieftel saß wartend neben seinem Paket. Er war an diese Tributerhebung gewöhnt. Aber Pandrc schaute mit aufgerissenen Augen zu. Ohne daß es ihm bewußt wurde, wuchs sein Zorn. Seine Nasenflügel blähten sich, die Adern an seinem Halse schwollen. Aller Groll, der sich in dem letzten halben Jahr in ihm angesammelt hatte, gegen alle seine Peiniger, gegen den Stndthauptmnnn und seine Polizisten, die Wärter, die falschen Zeugen und kaltherzigen Richter, aller verhaltene Zorn brauste auf Diese andern konnten wenigstens für sich in Anspruch nehmen, daß sie das Gesetz waren. Sie hatten Bücher gelesen, sie waren vom Fach. Aber mit welchem Recht drangsalierte dieses Vieh die Schwächeren, dieser Henker, dieser Stier, der Gemeinst« von allen, der sich über die Mitgefangenen aufschwang! ״Warum ißt du nicht?“ fragte er Scheftel leise, aller streng ״Siehst doch ..gab Scheftel noch leiser zurück. ״Kttnimer dich doch nicht um ihn! Hab keine Angst! Ich sag dir, iß!“ ״Er bringt mich um“, sagte Scheitel mit unruhig schwelfenden Augen. ״Er nimmt mir alles weg und schlägt mich einfach tot! Dann kannst du dich beklagen! F.in Mensch wie er — ein Goliath! Er kann ein Hufeisen mit den bloßen Händen zerdrücken wie «in Beugel! Eine Deichsel kann er überm Knie zerbrechen!“ Tschurillo und sein Kumpan waren nun schon nahe. Tschurillo hörte Scheftel mit dem Nachbar flüstern, drehte sich zti ihm um und zischte drohend: ״Red weiter! Los! Mehr!“ Wie die Wärter mit ihm, so redete er mit den Schwächeren. ״Hi-Hi!“ echote sein Adjutant hinter ihm. ״Iß! leb hab es dir gesagt!“ sagte Pandre zu Sehe!• tei. ״Ich sage dir, du sollst essen!״ ״Iß du!“ sagte Scheftel, und reichte ihm sein Paket. ״Sei du ein Ileld, wenn du gern ein Loch im Schädel haben willst.“ Pandre nahm ruhig das Huhn und riß es in 7,w׳ei gleiche Teile. In der gleichen Sekunde sprang TseliuriHo auf ihn los wie ein wildes Tier und holte mit dem rechten Arm aus, daß das halbe Huhn über die schmutzige Diele rollte bis in die andere Ecke des Saales. ״Was heißt das!“ Tschurillos weiße Mördernugen quollen fast aus dem Ivopfe, und er stammelte vor Wut, Schaum vor dem Munde: ״Du — du — du — — du Schwein! — Was denkst du dir! Du — du — du — du —!!“ Pandre erinnerte das daran, daß der balbbetrunkeno Stadthauptmann so gespuckt hatte, als er in Wut geraten war, damals bei dein Brande. Aber das war immerhin d«r Sladthauptmann gewesen. Wer zum Teufel war Tschurillo? ♦ Alle Gefangenen sprangen auf und stellten sich im Kreise um die beiden Gegner. In ihren gleichgültigen Augen glänzte begeisterte Aufregung bei der Aussicht auf eine Prügelei. Sie fühlten, daß Pandre nicht der Mann war, sich in die Suppe spucken zu lassen. Die meisten beteten zu Gott, daß sie so unerwartet Tschurillos Zwangsherrschalt loswerden könnten. Nur ein Dutzend der Verdorbensten waren auf Tschurillos Seite und brummten böse über die Frechheit, gegen ihren Champion aufzutreten: ״Mach Hackfleisch aus ihm! Hau ihn, daß er bis in die nächste Woehe hineinfliegt! Zeig ihm, wo die Krebse wintern!“ Aber Tschurillo halte keine Eile. Er faltete die Arme über der Brust und schaute sieh Pandre an, von Kopf bis Fuß. Pandre war nicht gerade klein, aber Tschurillo war einen guten Kopf größer. Dennoch — ihm gefielen Pandre» breile Schultern nicht. Und der kleine Kopf saß fest drauf, auf breitem Hals« mit schwellenden Adern, über der Rundheit der Achseln. Und vor allem mißfielen ihm diese Augen, die ihn offen und furchtlos nnsahen. Es war ein kalter Glanz unter den schwarzen Wimpern. Gleich als er hereingekontmen war nnd Pandre zuerst bemerkt hatte, hatte ihm dieser unbekannte Blick nicht gefallen. In den vierzig Jahren, die er als Bauer gelebt hatte, als Vagabund auf der Wolga, als Räuber in den Politzer Wäldern, hatte er Erfahrungen genug gesammelt, um zu wissen, mit ■wem er es zu tun hatte. So leicht war mit diesem Jungen nicht fertig zu werden. (Fortsetzung folgt)