Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 91 (13.11.1936)
- Date
- 1936-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91 13. XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Rund um Shylock Von Hermann Sinshcimer Der Name Shylock ist fast ein Schimpfname für die Juden geworden. In ihm ist, der populären Meinung nach, alles oder vieles enthalten, das man den Juden nachzusagen pflegt. Die Figur Shakespeares gilt gleichsam als Denkmal der jüdischen National- und Kardinalfehler, und der Name ist die Aufschrift auf dieser Statue der Brandmarkung. Grund genug, um heute, da das Judenproblem in seinem ganzen Umfang und in seiner ganzen Tiefe eine Revision erlebt, sowohl die Gestalt wie auch die Hintergründe ihrer Ent- Stellung neu zu überprüfen. Wahrscheinlich hat auch dem Regisseur Leopold Jeßner und der Ha bim ah etwas Aehnliehes bei der Inszenierung des ,,Kaufmanns von Venedig“ in Tel-Awiw vorgeschwebt. Wie aus dem Referat der ״jüdischen Rundschau“ zu entnehmen war, hat Jeliner die Figur sozial und historisch umgedeutet; nämlich in «inen großen Herrn, also etwa in einen der zahlreichen nach Venedig übergesiedelten sephardischen Juden, die wirtschaftlich und kulturell nicht nur für das Judentum, sondern auch für den venezianischen Handelsstaat des 16. Jahrhunderts von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren. Um nun zwei Beispiele dafür zu nennen, ein wirtschaftliches und ein kulturelles, von denen das letztere sogar nach England hinüberweist: als Heinrieh VIII. seine Scheidung von Katharina, seiner ersten Frau, gegen die Meinung und den Willen des Papstes betrieb, hat er u. a. auch von einem jüdischen Talmud- und Rechtsgelehrten in Venedig ein Gutachten darüber eingeholt, dessen Original noch heute in London aufbewahrt wird. Und als die Signoria etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts eine Aus- Weisung der Juden aus Venedig ins Auge gefaßt hatte, da petitionierte die christliche Kaufmannschaft gegen diesen Plan mit der Motivierung, sie befürchte davon soviel Nachteile, daß man sic selbst am besten mitausweisen würde. Demnach ist die Auffassung Jeßners nicht ohne historische Basis. Aber es kommt bei der Auslegung einer dichterischcn Figur weniger auf die Historie als aut die Absicht des Dichters an. Und diese geht unzweideutig dahin, in Shylock nicht einen großen Handelsherrn, sonderen einen, ja sogar den Ghettojuden zu gestalten, und zwar den Ghettojuden, wie er sich im Lauf des Mittelalters in der Vorstellung der europäischen Völker als Typ und eradezu als Mythe gebildet und festgesetzt hat. Der große landelsherr in der Dichtung Shakespeares ist ja Antonio, der ״königliche Kaufmann", der Gegenspieler Shvlocks, von dem dieser nach seinem ״Schein“ das Pfund Fleisch verlangt. Shylock also muß der Dichter sich so ״unköniglich“ wie nur möglich gedacht haben. Wofür auch die Tatsache spricht, daß Richard ßurbage, der erste Shylock-Darstellcr, und Shakespeares Kollege lind Freund, ihn als komische Figur gespielt hat. Herren aber, und gar ״königliche“, sind hei Shakespeare nie komisch. Das bleibt ein Reservat der Leute aus dem Volk oder der Outsiders, zu denen eben Shvlocl» gehört —, genau so wie etwa Falstaff, der übrigens kurz vor dem Juden zuin erstenmal die Bretter betreten hat. Nein, Shylock ist kein großer und überhaupt kein Herr. Er ist das Gestalt gewordene Judentum, so wie es nicht psychologisch, sondern mythologisch in der englischen Vorstellungswelt des 16. Jahrhunderts aus dem tiefsten Mittelalter her fortgelebt hat. Denn England hat ja drei Jahrhunderte vorher — 1290 — alle Juden (es waren freilich war etwa 16 000) ausgetrieben und sie erst in der zweiten hälfte des 17. Jahrhunderts wieder «gelassen. Schon dies beweist, daß Shylock als Phantasiegestalt aufzufassen ist, als ein Phantom und Gespenst, dessen Schatten sich freilich unter den Händen des größten Menschenbildners blutvoll rötete. Shakespeares Griff in die mittelalterliche Mythologie vom Juden hat eine Gestalt hervorgezaubert, durch die der Mythos neu befestigt, förmlich neu untermauert und auferbaut ist. Sie ist nicht 'lebenswahr, aber geistig wahr, insofern nämlich, als sie nicht etwa den jiidisehen Geist, sondern das mythisch gewordene mittelalterliehe Geistern der Juden festhält — freilich mit der shakespeareschen Belichtung und Durchdringung, daß hinter der damals konventionellen Juden maske das tragische Antlitz des jüdischen Schicksals durch- und aufscheint. * ״Der Kaufmann von Venedig“ wmrde im August 1591 im Globe-Theater zu London zum erstenmal aufgeführt. In dem gleichen Jahr wurden auf der Londoner Bühne zwei weitere Judenstficke älteren Datums gegeben: ״Der Jade von Malta“ von Christophcr Marlowe und ein Drama, das schlechtweg ״Der Jude“ hieß. Jenes ist einer der genialischen Theaterreißer Marlowes, dessen Titelfigur, der Jude Barabas, als macchiavcllistischer Theaterbösewicht (Macchiavclli in Person erscheint als Prologtis) geschildert wird. Er ist ein Mörder, Verräter und — — Händler von überlebensgroßem Format, der auf der Insel Malta zwischen Türken und Christen seine Teufeleien treibt und sogar auf der Höhe seines Lebens und des Dramas von den Türken zum Gouverneur über die Insel eingesetzt wird. Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, daß Marlowc mittelbar zu dieser Figur durch jenen berühmten Herzog von Naxos — vorher Josef Nassi — angeregt worden ist, der als bedeutender Diplomat und Großkaufmann unter den Sultanen Suleiman und Sei im II. eine überragende Rolle gcspielt hat und den, einige Jahrzehnte vor dem Erscheinen des Stückes, die politische Legende für alles politische Unheil verantwortlich zu machen pflegte, das aus Konstante nopel kam. Josef Nass! — mit seinem spanischen Namen Joao Miques — war ein Marrane, der von Lissabon über Antwerpen nach Venedig und Ferrara und von da in die Türkei gekommen war. (In meinem — teilweise in der ״Jüd. Rundschau“ erschienenen — Roman ״Die Abenteuer der Graeia Mendez“ wird einiges aus seiner Lissaboner Jugend erzählt.) Daß dieser Herzog von Naxos die Figur des Barabas als legendäres Modell beeinflußt hat, wird noch deutlicher, wenn wir uns jetzt dem anderen Stück ״Der Jude“ zuwenden. Dieses gilt als verloren, auch sein Verfasser ist unbekannt. Man weiß nur von ihm aus dem bereits 1579 erschienenen Buch eines puritanischen Autors ״School of Abuse“, das den Titel erwähnt und von dein Inhalt sagt, das Stücke schildere ״Die Habgier weltlicher Freier und den blutigen Sinn der Wucherer“. Diese Inhaltsangabe macht aufhorchen, weil sie, zumal von einem theaterfeindlichen puritanischen Moralisten formuliert, auch auf den ״Kaufmann von Venedig“ paßt. Nun glaube ich aber nachwcisen zu können, daß jenes Stück nicht ganz untergegangen ist. In der Wiener Hofbibliofhek findet sich ein Textbuch ״Englischer Komödianten“, die bekanntlich vor und nach 1600 auf dem Festland zu gastieren pflegten, das den Titel hat: ״Comoedia, genannt Das Wohl-Gesprochene Uhrtheil Eyncs Weiblichen Studenten oder Der Jud Von Venedig“. Man hat bisher angenommen, daß dieses ״Libretto“ für den Gebrauch der Englischen Kotnödianfen von einem fingerfertigen Bearbeiter, wie das damals üblich war, aus dem Marloweschen und Shakespcarcschcn Judenstück zusamineijgekleisfert worden sei. Dagegen sprechen gewichtige Gründe, die alle zu nennen hier nicht möglich ist. Am deutlichster! aber spricht dagegen die Figur des Juden. Auch sie trägt zuerst den Namen Barabas, der ja als der Name des Mördqrs, den nach den Synoptikern die Juden statt des christlichen Heilands von Pontius Pilatus vor der Todesstrafe bewahrt haben, verächtlich genug ist. Dieser Barabas!um wird aus dem Königreich Cypern ausgetricben und fährt, als Soldat verkleidet, im Gefolge des Prinzen von Cypern nach Venedig. Hier nennt er sich Joseph, also so wie der Herzog von Naxos! Dieser aber hatte zu der Insel Cypern Bez.iehungen. Er nämlich hat dem Sultan Sclim geraten, sie durch einen Handstreich der Republik Venedig wegzimelnnen, was im Jahre 1570 geschah. Kurz vorher war in Venedig das Kriegsarsena! in die Luft geflogen, wofür man den Herzog verantwortlich gemacht hat — allerdings ohne Beweis. Auch wurde ihm nachgesagt, er habe gehofft, König von Cypern zu werden. Sein Tod fällt in das Jahr 1579, also in das gleiche, in dem wir das Stück ״Der Jude“, das damals offenbar neu war, zitiert finden. Was die Handlung des erwähnten ״Librettos“ anlangt, so ist in seinem ersten Teil eine Freier- und Liebesgeschichte enthalten: Der Prinz von Cypern verliebt sich in die von zwei leichtsinnigen Freiern umworbene Tochter eines vcnczianiselten Ratsherrn — und im zweiten Teil die Gerichtsszene wie bei Shakespeare, die hier zwischen dem Prinzen von Cypern und seinem auf Rache für die Ausweisung bedachten Gläubiger, dem Juden Joseph, vormals Barabas spielt. Als ״gerechter Richter“ tritt natürlich die Ratstochter auf, so wie bei Shakespeare Porzia. Wie gesagt: es handelt sich um eine Bearbeitung. Zu den schon genannten Hauptfiguren tritt noch die des Pickelhäring, des Vorläufers des Hans Wurst. Aber trotzdem scheint durch alle Vergröberungen noch die Hand eines Dichters durch, so daß man ein Recht zur Feststellung hat: hier sind die mehr oder minder schönen Reste des Stückes ״Der Jude“ uns erhalten geblieben und damit die Vorlage sowohl für Marlowc wie für Shakespeare, von den! es ja bekannt genug ist, daß er vorhandene Stücke oft in ewige Dichtungen verwandelt hat. Hinsichtlich Marlowes aber ist damit auch erwiesen, daß er mit seinem Barabas den Herzog von Naxos zu einem jüdischen Kinderschreck gemacht hat. Marlowe hat übrigens am englischen Feldzug in Flandern teilgcnoinruen und mag dort auch schon von jenem Josef Nassi gehört haben, der in Antwerpen als Jüngling am Hof der Statthalterin Maria, der Schwester Karls V., eine bedeutende Rolle gespielt und eine vergrößernde und vererobernde Legende von sich in den Niederlanden hinterlassen hat. ♦ Aber kehren wir nach London und in das Jahr 1594 zurück. Was konnte die dortigen Theatcruntcrnehrner veranlaßt haben, ihrem Publikum in der gleichen Spielzeit drei Judenstücke vor/usct/cn? In cincrStadt und in cincmLand, wo cs seit fast genau dreihundert Jahren keine Juden mehr gab, wenn inan von den paar gelegentlich durchziehenden marranischen Flüchtlingen oder vorübergehend anwesenden jüdischen Kaufleuten absieht! Ja, nicht genug mit jenen drei Dramen — es ERNST LOCHNER & HORKHEIMER Liebfrauenberg 39, I. Stock / FRANKFURT a. M. / Gegründet 1837 HERRENSTOFFE in den altbekannt ersten Qualitäten erschien auch im gleichen Jahr 1361 eine Abenteurerg e s c h re h t e des damals sehr beliebten witzigen Pamphletisten Thomas Nash, in der eine von Blut, Gift und Mord nur so triefende Judeucpisodc, die in Rom spielt, breit ausgcwal/t wird. Deren ״Held“ aber ist ein jüdischer Leibarzt des Papstes, dem das Gift zum Morden nur so unter der! Händen wachst. Auel! diese Episode häuft Greuel über Greuel um die Juden. Ihre .,antisemitische“ Tendenz — in einein Lande ohne Juden! — ist imverkeim bar. Das Buch N’ashs ist übrigens dem Lord Southampton gewidmet, dem Gleichen, der als Shakespeares Mäzen und als Freund des Grafen Essex, des Güristlings der Königin Elisabeth, bekannt ist. Was also war in London mit den Juden los, die es dort ja gar nicht gab? Ls hatte eben doch einen gegeben, wenn auch nur einen getauften, nämlich den Doktor Rodrigo Lopez, den Leibarzt der Königin. Er war im Frühjahr 1391 nach kurzem Prozeß als Hochverräter zum Tode verurteilt und gehängt worden. Das war die ״cause eclebre“ von London, noch lange über den Prozeß und die Hinrichtung hinaus. Wir wollen die Tragödie des Rodrigo Lopez erzählen. Ob er selbst erst in London eingewandert cxler aber der Sohn einer marranischen Aerztefamilie ist, deren erster Vertreter dein König Heinrich VII. durch Ferdinand von Kastilien übersandt wurde, ist nicht mehr festzustellen. Jedenfalls war Rodrigo Lopez jahrzehntelangeiner der angesehensten Acrzte Londons, gehörte zuerst zum Gefolge des mächtigen Grafen Leicester, des Vorgängers des Grafen Essex in der Gunst der Königin, genoß auch sonst in Hofkreisen Sympathien und Ansehen und wurde schließlich — welche Karriere! — der Leibarzt Elisabeths. Aber dein alternden Mann, der übrigens ein Haus voll Töchter hatte, die er trotz größter Anstrengungen nicht verheiraten konnte, standen noch andere Ehren bevor. Itn Jahre 1583 nämlich kam der von Philipp von Spanien verjagte und vom Herzog Alba rnelirmals geschlagene letzte König von Portugal, Antonio Percz, nach London. Er war ein Neffe des in Afrika romantisch verschollenen Königs Sebastian, konnte aber nicht nachwcisen, daß seine Eltern legitim verheiratet waren. Dies benutzte Philipp, um den portugiesischen Thron zu usurpieren, obwohl die Portugiesen Spanien haßten und den kriegerisch tüchtigen, aber sonst unbedeutenden Antonio liebten. Elisabeth nahm den Flüchtling mit großem Gepränge auf, um ihn zu gelegener Zeit gegen ihren Feind Philipp aus/uspielen. Antonio sprach nur portugiesisch. Fr brauchte dringend einen Mentor in London. Man nahm dazu Lopez, der nicht nur fünf Sprachen beherrschte, sondern auch Beziehungen zu Verwandten, Freunden oder marranischen Schicksalsgenossen auf der iberischen Halbinsel unterhielt. So kam der jüdische Arzt plötzflMkJcmJjuz SALMAN SCHNEUR Autorisierte Uebersctzung von Grete Fischer 22. Fortsetzung־ Nachdruck verboten ״Es wäre nicht so schlimm hier“, sagte der andere, und schaute sieh sorgfältig um. ״Die Wärter lassen manches durch. Wenn sie ein bißchen Geld für Branntwein kriegen — Wenn diese Bestie Tschurillo nicht wäre, ich könnte hier großartig leben! AVer Tschurillo ist? wirst du bald merken! Ein Riese! Und ein Vieh! Geht in Ketten herum, und macht allen das Leben sauer. Sogar die Wörter haben Angst vor ihm! Er frißt den Leuten ihr Essen weg und pufft sie. Angeblich ist er der Henker •— er kriegt drei Kuhei pro Kopf und Straferleichterung. Er rühmt sieh damit. Einmal hat er uns von einem erzählt — einem kleinen lageren Kerlehen. ,Den hab ich angepackt‘, sagte er, ,alle Knochen haben ihm geknackt. Wein man nicht, mein Junge, hab ich ihm gesagt und hab ihm die Arme hinterm Rücken verdreht. Die Augen quollen ihm heraus, und er hat sich gekrümmt w ie ein Wurm‘.. Pandre saß auf seinem Platz mit großen starren Augen. Kälte rann ihm über den Rücken. Scheitel wurde still, rieb sich die Stirn. ״Tschurillo hat *dacht, wir würden lachen“, flüsterte er weiter — ״aber «iner hat gelacht. Nicht einmal die groben Bauern.“ * Es war Essenszeit, und eine neue Masse von Hälthngen strömte herein, die auswärts gearbeitet hatten. Zw'ti junge Gefangene in runden Kappen und aufge• schürzten Hemdsärmeln schleppten einen großen Blecheimer Essen herein. Sie trugen ihn an einem durch die beiden Benkel gesteckten Besenstiel, stellten ihn auf dem Boden ab Una hoben den Deckel. Alle herumstchenden Gefangenen verschwanden sofort in einem dicken Brodem mit einem scharfen Geruch nach Sauerkraut. Ais sich der stinkende che! «twas verzogen hatte, sah Pandre einen graubraunen BPe1• etwa wie die Maische, die nach dem Abziehen übrigbleibt, wenn man Branntwein brennt — oder wie der Schaum, der manchmal den Ochsen vom Maule rinnt, bevor sie geschlachtet werden. Pandre erinnerte sich daran aus seiner Schlächterzeit. Aber in dieser Brühe schwömmen Kohlstrünkc, ungesebabte Rüben und Brocken Schweinebauch, noch mit den Borsten daran. Der Saalälteste, ein alter Graubart, teilte den Brei mit einem großen zinnernen Schöpflöffel aus. Alle reihten •sich im Gänsemarsch mit ihren Näpfen hintereinander auf, bekamen sie gefüllt zurück, und jeder bekam ein Stück unausgcbackenes Schwarzbrot dazu, Dann machten sie kehrt w־ic Soldaten und trugen ihre Ration an ihren Platz. Manche hielten der Bequemlichkeit wegen das Brot zwischen den Zähnen, um den Napf voll heißer Suppe mit beiden Händen fassen 7.u können, und das vergrößerte noch ihre Tierälinlichkeit. Sie holten meist hölzerne Löffel aus den Stiefelschäften oder unter den Kopfkissen hervor, leckten sie der Reinlichkeil wegen erst noch einmal rundherum ab und legten los. Die, die keine Schüssel hatten, standen mit den Löffeln in der Hand und warteten, bis die älteren Gefangenen ihren Anteil bekommen hatten. Pandre war hungrig und wußte nicht, was er tun sollte. Die letzte Zeit vor dem Prozeß, als er kein Geld mehr hatte, hatte er auch im Untersuchungsgefängnis aus dem nllgcmcinen Kessel essen müssen. Er hatte sich dabei damit getröstet, daß er das als Soldat ja ebenso hätte machen müssen. Nur war da das Essen nicht so schlimm gewesen. Hier wurde ihm vom bloßen Sehen übel — und das sollte er nun ein Jahr lang essen! Ein paar Häftlinge, meist Juden, standen und warteten au! ihr Essen, das ihnen von außerhalb geschickt wurde. Pandre sah, daß Scheitel, der Dieb, darunter war. F.r saß auf seiner Pritsche und schlenkerte mit den Beinen auf und ab, wie ein junger Mensch, dem es gut geht. Als er Pandres Blick fühlte, rief er ihn freundlich an: ״Mach dir nichts draus, Pandre! Mein Essen kommt gleich, du kannst mit essen. Ich kriege genug.“ Die jüngeren Gefangenen, die keine Näpfe hatten, umringten nun den Eimer wie gierige Wölfe und fraßen, Löffel ein, Löffel aus, und einer hütete den andern, damit er ja nicht einen Bissen mehr bekäme. Die Löffel klapperten in einer Art von Takt — dem ewigen Rhythmus grausamer Gemeinschaft zwischen Eingesperrten und Bettlern. Die Aelteren, die ihr Teil schon halb verzehrt hatten und den ersten wilden Hunger gestillt, sahen zu den Feinschmeckern hin, die nicht aus dem gemeinsamen Topf aßen! lachten und machten hämische Bemerkungen; ״Da schaut euch die Herrschaften an! Dreckjuden! Unser Futter ist ihnen nicht gut genug! Hiebe sollten sie kriegen! — Na, wartet bis Tschurillo kommt •— der wird sie schon lehren! —“ Während sie redeten, wurde die schwere Bohlcntür aufgesperrl, die eisernen Angeln kreischten mit schwerem Gebrumm. Ein Wärter trat ein mit einem Korb voll Pakete. Und hinter ihm streunte ein gewaltiger, scheußlicher Kerl herein, mit kahlem Schädel und ein paar roten Augen ohne Augenbrauen, Augen mit einem weißlichen Blinken, wie nur bei den ärgsten Gaunern, einem Gemisch von durchdringender Schlauheit und Frechheil ... Er wiegte sich im Gehen, und bei jedem Schritt klirrten die schweren Ketten, die er unter dem schmutzigen Stoff des Anzugs trug. Er hatte eine vcrschwollene Schnauz«, ein Säufergesicht, von einem roten Stoppelbart umsäuml, der sein rohes Aussehen noch abstoßender machte. ״Das ist er!“ flüsterte Scheftcl mit einem Rippenstoß Pandre zu, kauerte sich zusammen und w'urde still wie eine Maus, die die Katze sieht. Nach Scheftcls Erzählung hatte Pandre einen Gorilla zu sehen erwartet, haarig, mit langen Armen, mit sechzig Zähnen — doppelt so viel wie ein normaler Mensch. Sogar der Name Tschurillo klang barbarisch, wie Wildnis und brutale Grausamkeit. Nun schien ihm Tschurillo leibhaftig menschlicher, als er erwartet hatte. Der sommersprossige Kahlkopf erhöhte den Eindruck menschlicher Gebrechlichkeit. Aber gleichzeitig erkannte Pandre, der gewohnheitsmäßig jeden stark aussehenden Mann auf seine Kräfte ahschätzte, wieviel verhaltene Stärke der faule Tritt dieses Büffels barg. Wieviel schwere Sicherheit lag in jeder Bewegung! ״Er ist so sicher“, ging es Pandre durch den Kopf, ״daß ihn wohl mal ein Schwächerer in einem unbewachten Augenblick unterkriegen könnte.“ Pandres Augen tasteten Tschurillos Körper ab, bemerkten die Muskeln unter der Gefangenenjacko, blieben an den großen, glatten Händen haften. Das also waren die Henkerspranken, die den armen Verurteilten die Knochen brachen, während er sie mit plumpen Worten tröstete: ״Wein nicht, mein Junge!“ Alle Gefangenen hörten auf zu essen, als Tschurillo hercinkam; das Klappern der Blechnäpfe schwieg. Die Jungen, die um den Kessel hockten, sahen sich um wie Katzen, die die Milch aus dem Topf schlecken. Endlich schlug ihr Anführer mit dem Löffel gegen den Eimer und kamman- «Berte: ״Los! Nehmt!“