Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 91 (13.11.1936)
- Date
- 1936-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 91 13 XI. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU -Seite 3 Brief aus Polen Aus der Haftarah für Schabbat, den 14. November 1936 Von unserem Korrespondenten g. Warschau, 10. November Exzesse an den Hochschulen An den polnischen Hochschulen dauert die Spannung an. Trotz den Erklärungen der Regierung und der Hochschulbehördcn, die die antijüdischen Ausschreitungen aufs schärfste verurteilen, wiederholen sich die Exzesse und die radikalnationalen Studenten scheuen kein Gewaltmittel, um die jüdischen Hochschüler zum Verlassen der Universitäten zu zwingen. Auch am 10. d. M. kam es in Warschau wieder zu Unruhen, wobei auch dem Regierungsblatt ״Kurier Poranni“ die Fenster eingeworfen wurden. Die Regierung weiß genau, daß diese Terrorakte nicht nur gegen die Juden gerichtet sind, daß vielmehr seitens der Nationaldemokraten diese Aktion mit der Absicht arrangiert wird, um Unruhe im Lande hervörzurufen und der Re• gierung Schwierigkeiten — gerade jetzt an der Schwelle des Winters — zu bereiten. Und trotzdem begnügt sich die Regierung mit einem Appell, läßt für 24 Stunden etliche Studenten verhaften, erläßt liier und da unbedeutende Strafen und damit glaubt man, dieser Bewegung ein Ende zu bereiten. Die Schließung mancher Hochschulen ist — wie die Erfahrung beweist —- kein wirksames Strafmittel, da es hauptsächlich den an den Unruhen unschuldigen Teil der Jugend trifft. Trotzdem auch viele polnische Presseorgane gegen die Kampfcsart der nationale niokratischen Hochschiiler protestieren, trotzdem viele maßgebende Faktoren im Staatsinteresse ein energisches Eingreifen der Regierung fordern, ist diese bisher nicht geneigt, diesem Verlangen nachzukommen. Die jüdische Jugend, in ihrer menschlichen und nationalen Würde aufs tiefste beleidigt, ist hilflos; die jüdische Bevölkerung ist entrüstet, aber auch ratlos. Der so kleine Prozentsatz von Juden, der jetzt die formelle Möglichkeit hat, Hochschul- Studium in Polen zu betreiben, kann es nur mit Lebensgefahr und Erniedrigung versuchen. Bedroht• Städtchen Auch sonst kommen aus verschiedenen Teilen der Republik täglich beunruhigende, alarmierende Nachrichten über neue Uebcrfällc auf Juden in Städtchen und Dörfern. In der Gegend von Loni/a kam es vorige Woche zu blutigen Ausschreitungen gegen Juden, wobei die Polizei viele Juden aus Lebensgefahr rettete. Die dortigen Juden, die nur vom Handel an Wochenmärkten leben, stehen vor einem Dilemma: Ohne diese Wochenmärktc bleiben sie brotlos, finden die Wochenmärkte aber statt — sind sie ihres Lebens nicht sicher. In einer solchen verzweifelten Situation befinden sich tausende Juden in aller! Gegenden Polens. (S. auch S. 9.) Folgen des Schäcbtverbots Die bevorstehende Durchführung des Gesetzes über das Schächtverbot bedroht tausende jüdische Existenzen. Die Durchführungsbestimmungen zu diesen! Gesetz sind in vielen Punkten für die Juden schlimmer als das Gesetz. Es finden Beratungen der jüdischen Organisationen statt, die eine großangelegte Rettungsaktion für die bedrohten Familien planen. Es sind Aussichten vorhanden, daß mit Hilfe ausländischer jüdischer Fonds ein Teil der im Fleisch handel bisher heschäftigten Juden in Produktionsgenossenschaften ühcrgeleitet wird, wo sie ihre Fachkenntnisse werden gut verwerten können. Was mit den übrigen geschehen wird, ob sie z. B. eine Möglichkeit zur Auswanderung erhalten werden, ist sehr ungewiß. Diesbezügliche Bemühungen sind im Gange. Einheitsbestrebungen Die Notwendigkeit für viele Teile der polnischen Judenheit, konstruktive ökonomische Hilfe zu organisieren, ferner die Einsicht, daß der Kampf gegen den Antisemitismus in Polen einheitlich geführt werden muß und nicht zuletzt die polnischer- und jiidischerseits in den letzten Wochen hervorgerufene Erörterung des Emigrat ionsproblcms haben allenthalben wiederum die Frage nach (einer zentralen Instanz) Führung der jüdischen Politik in Polen aufgerollt. Die letzten Beratungen der polnischen Mitglieder des Administrativen Rates des Jüdischen Weltkongresses gingen in dieser Richtung und es ist zu hoffen, daß auf diesem Wege eine organisatorische Zusammenfassung des größten Teiles der polnischen Judcnheit zwecks positiver Tätigkeit wird erfolgen können. Mifal Habizzaron Nach wie vor ist das Interesse der jüdischen Volksmassen in Polen Palästina zugewendet. Die soeben in Polen vor Abschluß stehende großzügige Aktion für den Mifal Bi z zar on uhita c 11 o n gab wiederum Beweise der innigen Verbundenheit mit Palästina und größter Opferbereifschaft für das Aufbauwerk. Der von Ing. Reiß und Dr. Schipper geleitete Drive mobilisierte hunderte freiwillige Kräfte, die die entlegensten Orte besuchten. Zu!n Gelingen der Kampagne haben viel heigetragen: Grünb a 11 m, Locker, S p r i n 1. a k, Rabb. f i s c h m a n n, Rabb. Gold und Red. Groß-Zininierman n, vor allem aber Leib Jaffc (Ucbcr die von Jaffc durchgeführte Mobilisierung der Jugend für -*Mifal Biz.zaron" berichteten wir in Nr. 89 — Red.). Lttftdienat and symbolischer Marsch Noch an zwei Begebenheiten mag die innige Verbindüng Polens mit Palästina gemessen werden. Wegen des immer wachsenden Postvvrkehrs zwischen diesen beiden Ländern (in •den Jahren 1932—1935 stiegen die Postsendungen von Polen nach Palästina von 1 200 000 aut über 3 Millionen, von Palästina nach Polen von 1 346 000 auf 2513 000) bat. Polen sich entschlossen, einen ständigen direkten Luftpostdienst über Rumänien und Griechenland zu installieren. Der zweite Probeflug erfolgt am 9. d. M., und es ist vorgesehen, daß ab Frühling 1037 ein direkter Flugpassagierverkchr zwischen Polen und Palästina eingeführt wird. Nicht alle polnischen Juden können sich dies aber leisten und nicht alle haben Geduld zu warten. Da kam unlängst ein jüdischer Rechtsanwalt in Warschau, den niemand bisher kannte, auf den Gedanken, einen Fußmarsch von Tausenden junger Juden nach Palästina zu organisieren. |<aum hatte er von seinem Plane nur Umrisse der Oeffentlichkcit mitgeteilt, und schon meldeten sich bei diesem Rechtsanwalt Hunderte von Juden, die mittellos, auf alles gefaßt, ohne Zertifikate, ohne Pässe, bereit waren, einen solchen Abentcurerwcg anzutreten. Nach einigen Tagen waren es schon Tausende, bis die Behörden eingreifen mußten. ״Es ist kein Abenteuer'1, erklärte den Pressevertretern der Initiator dieses Planes. ״Es ist keine mystische Bewegung. ... Unser Marsch ist ein symbolischer Marsch der verzweifelten Judcnheit ..." Jabotinakya Illusionen Die Diskussion über das jüdische Emigrat ionsprohlem in Polen dauert fort. Jiidischerseits wird immer wieder betont, daß es eine Illusion ist, bei den jetzigen Bedingungen an eine große Auswanderung der Juden aus Polen zu denken. Wenn man auch, was noch zweifelhaft ist, die Tore mancher Länder für eine Immigration öffnete, luiiuiiiiininiiMiiiiiMmiiniiHiiMiiiiiiiiiiiimimnmiiiiiiiiiiiMiiiwiiiiimiiiiffliuiiimiiimiiiiiimiiifiiiMiimHiniiMiiNMimi Dr. Des. friedmann der zionistische Präsident der Wiener Kultusgemeinde, der infolge des großen zionistischen Wahlsieges am letzten Sonntag weiter die Führung derWinner Gemeinde behält Folo: Archiv könnte damit kaum der jährliche natürliche Zuwachs aufgenommen werden. Anläßlich dieser Diskussion kam es in Polen zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Zionisten und dem jüdisch-sozialistischen ״Bund", welcher die Zionisten der Freigabe der Lebensinteressen der hier lebenden und zum Hierbleiben verurteilten jüdischen Millionenmasse beschuldigt. Dieser Vorwurf beruht auf einer Entstellung des zionistischen Standpunktes. Die Zionisten betrachten allerdings eine geregelte Emigration und Kolonisation vor allen! in Palästina als geschichtliche Notwendigkeit, und sehen diesen Prozeß als die Grundlage für eine normale jüdische Zukunft an; dies bedeutet aber nicht den Verzicht auf die bürgerlichen und nationalen Rechte sowie auf die wirtschaftlichen Positionen der Juden in der Galuth, zumal wenig Aussichten für die technische Möglichkeit einer Massenemanzipation der Juden in den nächsten Jahren vorhanden sind. In polnischen Kreisen werden diese Fragen sehr lebhaft erörtert, aber der zionistische Standpunkt wird kaum begriffen. Bei den Polen ist ״der Wunsch der Vater des Gedankens“ und deshalb ist ihnen jede Illusion recht und bequem. Trotzdem hält es Jabotinsky für angebracht, seinen ״Zchnjahresplan“ wieder vor die polnische Oeffentlichkeit zu bringen. Vor einigen Tagen hielt Jabotinsky im ״Institut zur Forschung der Nationalitätenproblcme“ in Warschau einen Vortrag, in welchem er seine Meinung wiederholte, es sei möglich, Im Laufe von 10 Jahren aus Polen 700 Tausend, aus anderen Ländern 800 Tausend Juden zur Auswanderung zu bringen, und zwar zur freiwilligen, wie er diesmal unterstrich; diese Juden könne man in Palästina ansiedeln. Die polnische Regierung — erklärt« J. - sei berechtigt und in der Lage, die Mandatarmacht zu bewegen, daß sie die Tore Palästinas beiderseits des Jordan für eine große Einwanderung der Juden öffne. Die polnische Regierung hatte in den letzten Tagen die Möglichkeit, aus autoritativer Quelle die Meinungen der Jcwish Agency über diese Fragen zu hören. Jizchak G r ii n b a 11 m wurde vom Außenminister Beck und Premierminister Skladkowski empfangen und legte ihnen den Standpunkt der Zionistischen Organisation dar. Die polnische Oeffentlichkeit hört aber gerne die phantasiereichen Plaudereien des Revisionistenführers und deswegen wird in jüdischen Vereinen die Tätigkeit Jabotinskys für schädlich gehalten. Prozesse gegen Jaden Seit geraumer Zeit werden die Juden Polens von einer neuen ״Plage" heimgesucht. In verschiedenen Teilen des Landes werden merkwürdige Prozesse gegen Juden angestrengt, die beschuldigt w׳erden, das polnische Volk beleidigt zu haben. Die Urteile in diesen Prozessen sind meistens sehr hart, Kerkerstrafen im Ausmaße von 3 bis 6 Monaten sind die Norm. In jüdischen Kreisen ist man sich klar darüber, daß die Beschuldigungen jeder faktischen Grundlage entbehren. Manchmal werden solche Anklagen cingercicht, um den Haß gegen einen Juden zu betätigen, oft aber auch, um selbst einer Strafe oder einem Prozesse zu entgehen: nachdem ein Jude angegriffen worden ist, verleumdet ihn der Angreifer, um den Ueberfallenen vor gerichflieber Verfolgung abzuschrecken. Diese Verleumdungen wiederholen sich öfters und wirken ansteckend. Die Ge- — ■— —...... - — ״r■■ ■ —• 1 ״*־״ ׳■־—־׳ .- 1— ׳ ״— Hein Bund war bei ihm; Leben und Frieden, die gab ich Ihm; Ehrfurcht, dal» er mich ehrlürchfe und vor meinem Namen sich beuge. Weisung der Wahrheit war ln seinem Hund, und Unrecht fand sich nicht auf seinen Lippen, in Frieden und Geradheit wandelte er mit mir, und viele hielt er ab von Sünde. Denn Priesters Lippen sollen Erkenntnis wahren, und Weisung soll man erfragen von seinem Mund; denn ein Bote des Ewigen der Scharen ist er. Maleadii, 2, S~T lieber setzt von Harry Tortzzyner richte schenken meistens den christlichen Zeugen Glauben, und selten werden Juden freigesprochen. Winterhilfe Auch in Polen wird eine großzügige W i n t e r h i I f s ־ aktion organisiert und die gesamte Bevölkerung wird zu ansehnlichen materiellen Opfern herangezogen. Es ist klar, daß die Juden auch diesmal ihre bürgerliche PflicD . ־ vollem Ausmaß erfüllen und als stattliches Element /um allgemeinen Fonds verhältnismäßig stärker beitragen als andere ßcvölkerungsteile. Wird aber die jüdische bedürftige Bevölkerung von dieser Aktion ihren gerechten Teil erhalten? Dies ist die Frage, vor der jetzt sorgenvoll die Juden stehen. Nachdem gesetzlich bei Verteilung der Unterstützungen mir die registrierten Arbeitslosen in Betracht kommen, sind die meistert Juden ausgeschlossen, da die Zahl der jüdischen Arbeiter in Werkstätten und Fabriken, die mehr ais fünf Arbeiter beschattigen, sehr gering ist. Unter den äußerst pauperisierten jüdischen Massen gibt es vor allem eine nach Hundert- Türkisch 24CA0 tausenden zählende Kategorie von Erwerbslosen, diese aber sind gesetzlich von jeder Hilfsaktion ausgeschlossen. In den letzten Tagen wurden Schritte unternommen, um für diese Juden die Möglichkeit zu erhalten, von der vorgesehenen Winter hilfsaktion einen Anteil zu erhalten. Es ist aller noch zweifelhaft, oh das in größerem Maße gelingen wird. Die Juden werden dann wie gewöhnlich — doppelt belastet sein: für die allgemeine Aktion und die zusätz• lieh notwendige jüdisch c. Der neue Präsidialausschnß Die Presseabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland teilt mit: Im Rahmen der kürzlich erfolgten Ausgestaltung der Organisation der Reichs- Vertretung war der Präsidialausschuß der Reichsvertretung durch den Hinzutritt einiger neuer Mitglieder erweitert worden. Der Präsidialausschuß in seiner neuen Zusammensetzung hat nunmehr seine Arbeit aufgenominen. Die neu eingeiretenen Mitglieder sind: Rabbiner Dr. M. Grünewald, Mannheim; Rechtsanwalt A. Horovitz, Frankfurt a. M.; Dr. Georg Josephthal, Berlin; Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, Berlin; Adolf Michaelis, Berlin. Eine weitere Aenderimg in der Zusammensetzung des Präsidialausschusses ist dadurch, cingciretcn, daß Rechtsanwalt Dr. R. Callmann, Köln, mit Rücksicht auf seine Inanspruchnahme durch eine größere wissenschaftliche Arbeit gebeten hat, ihn bis auf weiteres von seinen Pflichten als Mitglied des Präsidialausschusses zu c n t b i n d e n. An seiner Stelle ist Rechtsanwalt l)r. K. Alexander, Krefeld, in den Präsidialausschuß berufen worden. Dem Präsidialausschnß gehören nunmehr außer dem Präsidenten der Reiclisvertretung, Rabbiner Dr. Ba«ck, an: Dr. Otto H i r s c 11, Vorsitzender, Dr, Siegfried Moses, stellvertretender Vorsitzender, Dr. Kurt Alexander, Krefeld, Dr. Max G r ü 11 e vv a! d, Mannheim, Dr, Jakab Hot f mann, Frankfurt a. M., Abraham Horovitz, Frankfurt a. M., Dr. Georg j o s e p h t h a I, Berlin, Dr, Alfred K 1 e c, Berlin, Dr. Leopold L a n d e n b e r g e r, Nürnberg, Dr. Franz Meyer, Berlin, Adolf Michaeli s, Berlin, Dr. Julius L, S c 1 i g s o h n, Berlin, Heinrich Stahl, Berlin. In den Kreis der Sachbearbeiter der Reichsvertretung ist am 1. November Rechtsanwalt Bruno K 1 e y f f, der dem Führerrat des Rcichsbumles jüdischer Frontsoldaten angehört, eingetreten. Er hat die Bearbeitung der rechtlichen Angelegenheiten in der Reiclisvertretung übernommen. Polens Nationalfeier. An den Feierlichkeiten anläßlich der Ernennung des Generalinspcktors der polnischen Armee Rydz-Smigly zun! Marschall von Polen nahm auch die polnische Judcnheit durch ihre Vertreter teil. Alle jüdischen Organisationen und Institutionen des Landes haben Abordnungen nach Warschau entsandt. In den Synagogen fanden F e s t g o 11 e s d i c n s t e statt. Die J!!den Polens hoffen, daß der neue Marschall ebenso wie sein Vorgänger Marschall Piisudski Duldsamkeit gegenüber der jüdischen Bevölkerung an den Tag legen wird. Bisher hat sieh General Rydz-Smigly in keiner Weise als voreingenommen gegenüber den Juden erwiesen. Es sind von ihm überhaupt nur wenige Aeufierungen bekannt, die sich auf Juden und Judentum beziehen. So erklärte er 1926: Ich bin in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der alle polnischen Bürger als gleich gelten. Ich glaube an den militärisch-kameradschaftlichen Geist, der keine Art rassischer oder religiöser Diskriminierung duldet. In allen Abteilungen unseres Hauses finden Sie viele preiswerte Angebote BERLIN C2 SPANDAUER —KÖNIGSTRASSE MU