Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 90 (10.11.1936)
- Date
- 1936-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 90. IO. XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Ein Achtzigjähriger erzählt Bnndesknltnrrat Heirat Frankfurter als Jubilar ״Man läuft wohin die Augen schauen.« Von unserem Wiener Berichterstatter J. R., Wien, 6. November ־ Am 9. November begeht der frühere Direktor der Wiener Universitätsbibliothek, Buiideskulturrat Hofrat Professor Dr. Salomon Frankfurter, in vollster geistiger Frische und körperlicher Agilität seinen 80. Geburtstag. Man würde cs kaum für möglich halten, daß dieser, dem jüdischen Leben in jugendlicher Anteilnahme verbundene Gelehrte nun bereits in das Patriarchenaltcr eintritt. Man wundert sich darüber noch mehr, wenn man mit dem Jubilar eine Stunde und mehr plaudert, wie er nicht müde wird, aus seinen überreichen Erlebnissen mit bedeutenden jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten in der langen Reihe der Jahre seiner vielfaltigen Tätigkeit, sei es in allgemeiner, sei es in speziell jüdisch - kultureller Beziehung, Interessantes zu erzählen. Es sind Episoden aus giner Zeit, da er, der bewußte, in bestem Sinne traditionstreue Jude ist Frankfurter ist in Preliburg geboren und mütterlicher seits ein Abkömrnlimg de: bekannten Rabbiner-Familie Wertheimer, deren bekanntestcr Sproß der Ffoffaktor und Rabbiner R. Samson Wertheimer aus Worms war. Im Jahre 1881, unmittelbar nach seinen Universitätsstudien in Wien und Berlin wo er ein Schüler Theodor Mommscns war — Hofrat Frankfurter ist heute der einzige Lebende aus diesem Kreise — trat er in die Dienste der Wiener Universitäts- Bibliothek, um im Laufe der Jahre an dieser bedeutenden Stätte einen einzigartigen Auisticg zu erleben, bis zur hochsten Stufe des Direktors einer der bedeutendsten europäisclren Universitätsbibliotheken. Dank seiner langjährigen Erfahrung im Bibliothekswesen und ausgezeichneter Beziehungen zu den wissenschaftlichen Stellen des In- und Auslandes war es ihm gerade in der Zeit, da er die Leitung dieser Bibliothek übernahm, in den schwere« Tagen des Unisturzjahres 1910, möglich, vieles für den Ausbau der Bibliothek zu tun. Wir Jüngeren, die wir etwa vor einem Jahrzehnt die Universität verließen, haben Hofrat Frankfurter noch in lebendigster Erinnerung, wie er für unsere geistigen Bedürfnisse väterlich sorgte. Seine Bedeutung als Bibliotheksfachmann reicht weit über den Rahmen seiner Wiener Tätigkeit hinaus, f rankfurter hat nicht nur hier das gesamte Bibliothekswesen reorganisiert, er ist Gründer des österreichischen Vereins für Bibliothekswesen, sowie Mitglied der bedeutendsten einschlägigen Vereinigungen im Deutschen Reich. So erhielt Frankfurter anläßlich der diesjährigen Tagung des Vereins der deutschen Bibliothekare in Dresden im Juni 1936 eine von den bedeutendsten Vertretern des deutschen Bibliothekswesens gezeichnete Karte, in der dem Gelehrten mitgeteilt wird, daß ״die Tagung in öffentlicher Sitzung des vortrefflichen Berichterstatters auf der ersten Konferenz der deutschen Bibliothekare im Jahre W'i7‘‘ — dies war damals Hofrat Frankfurter — gedachte. Trotz der umfangreichen Tätigkeit als Bibliothekar hat Professor Frankfurter, seiner lebendigen Verbundenheit mit fern jüdischen Schrifttum stets treu bleibend, auch im rein indischen Bezirk sowohl als archäologischer Forscher und Fpigraph — Hofrat Frankfurter hat seine wissenschaftliche Laufbahn als Assistent am archäologisch-epigraphischen Seminar der Wiener Universität begonnen —, als Altertumsforscher, sowie als klassischer Philologe-Professor (Frankfurter ist der Begründer des Vereines des Humanistischen Gymnasiums in Wien) Ersprießliches geschaffen. Dank seinen pädagogischen Qualitäten wurde er zum Konsulenten für Angelegenheiten des österreichischen Mittelschulwescns ins österreichische Unterrichtsministerium im Jahre 1909 vom damaligen Unterriclitsniinister Grafen Stiirgkh — dem späteren während des Krieges ermordeten Ministerpräsidenten —- berufen. Mit ihm wurde der erste Jude ins Unterrichts ministerium berufen, und zwar mit einer speziellen jüdischen Mission: er wurde Referent für Angelegenheiten des jüdischen Kultus in diesem Ressortministerium, über Betreiben des damaligen Jüdischen Klubs im österreichischen Reichsrat. im neuen Oesterreich wurde Flofrat Frankfurter in den neu geschaffenen österreichischen ßundcskulturrat als übrigens einziger jüdischer Vertreter im Herbst 1934 berufen. Schließlich soll auch noch auf das wissenschaftliche Schaffen ries Jubilars auf dem Gebiete der Archäologie, Epigraphik, Pädagogik, Geschichte und Bibliographie hillgewiesen wer• den, Frankfurter hat eine Arbeit über ״Hebräische Büchertitel“, ״Das altjüdische Erziehungswesen J111 Lichte moderncr Bestrebungen“, ein Buch über ״Josef Ungcr“, ein Werk über ״Mittelalterliche hebräische Grabsteine in Wien“, sowie Werke allgemeiner Art, wie ״Führer durch Carnuntum“ (getncinsam mit Dr. Kubitschek) veröffentlicht. Frankfurter, ein Vetter des verstorbenen Wiener Ober* rabhiners C 11 a j e s, ist Präsident des Kuratoriums des liebrä- Lehen Chajes-Rcalgyinnasiunis in Wien, ferner Präsident des Kuratoriums des Jüdischen Museums, Ehrenmitglied der ,.Judäa“ u. v. a. Seiner Intervention ist nicht zuletzt das große Verständnis der Unterrichtsbehörden, insbesondere des jetzigen Uiiterrichtsministcrs Dr. P c r n t c r für die Bedürfnisse des Chajes-Realgyinnasiums zu danken, was bekanntlich auch in der Ueberlassimg eines städtischen Schulhatises für das iiidische Gymnasium, sowie die Ucbcrnahnic des Direktors der Lehranstalt Professor I)r. Viktor Kellner in den Bundesdienst, womit eine gewisse Erleichterung im Budget der Schule erzielt wurde, zum Ausdruck kam. Der Jubilar besitzt das Ritterkreuz des Franz Josefs- Ordens; für seine Tätigkeit im Dienste der humanistischen Bildung wurde er seiner/eit vom griechischen König Georgiu mit dem üffizierskreuz des griechischen Erlöser-Ordens ausgezeichnet. Er ist anläßlich seines 80. Geburtstages Gegen- Uand herzlicher Gratulationen. Eine Reihe von Ehrungen ist von offizieller jüdischer Seite für den verdienstvollen Jubilar vorgesehen. Die Wiener Judenschaft ist sich jenseits aller Parteischattierung eins im Wunsche, daß der Jubilar noch lange Jahre für das Ansehen und die Geltung des, Judentums ט unverminderter Intensität wirken möge. Foto; Archiv . Berichtigung. In der vorigen Nummer Seite 2 ist in dem Feil des Leitartikels, der die Verhältnisse im Tel- Awi wer Stadt rat behandelt, ein Druckfehler unterlaufen. In der ״• Zeile soll es heißen: ״Dieser Schritt der Regierung hat dem Teil der Stadtverwaltung, der gegen Rokach (nicht, *1e irrtümlich steht, ״für Rokach“) gestimmt hatte, starke Entrüstung hervorgerufen.״ Zur Pathologie der Juden in Polen Von unserem Korrespondenten g., Warschau, im November Ein Warschauer jüdischer Soziologe berichtet: Zu mir ist ein junger Mann gekommen von ungefähr 25 Jahren, einem blassen, intelligenten Jeschiwah-üesicht und sanften weichen Augen. Er war sehr aufgeregt und nervös. Vorher hatte mich ein bekannter jüdischer Schriftsteller telephonisch angerufen mit der Bitte, den jungen Menschen zu empfangen und seinen Gedanken Interesse entgegenzubräugen. Der junge Mann studiert Jura. Dies Jahr macht er das Endexamen. Er hat eine große jüdische Bildung, denkt selbständig über jüdische Fragen und sorgenschwere Probleme nach und hat darüber ein sehr interessantes Buch in polnischer Sprache erscheinen lassen. Ich bin, selbstverständlich, voller Interesse dafür und bin bereit, demjenigen Menschen fast um den Hals zu fallen, der uns neue Methoden und Wege zeigen würde, durch die man den jüdischen Wagen ans dem tiefen Sumpf, in dem er so tragisch steckengeblieben ist, herausziehen könnte. Der junge Mann läßt sich nicht lange bitten und fängt sofort an, seine neuen Ideen darzulegen. Er spricht, und ich nicke zustimmend mit dem Kopf zu allem, was er sagt. Daß Juden ein I.and brauchen, welches Millionen aufnehmen könnte, muß man mir nicht lange beweisen. Ich bin auch seiner Meinung, daß die Welt groß genug ist und noch freie Länder für hundertmal mehr Menschen, als die Zahl der Juden beträgt, hat. Noch schneller bin ich bereit zu zugeben, daß die m aiericilc Not der jüdischen Massen einfach himmelschreiend ist, man erstickt fast in seiner Armut, die zu moralischem Niedergang und physischer Entartung führen muß. Auch die Lage der mittleren und sogar der höheren Klassen, ganz besonders aber der Intelligenz, ist fast verzweifelt. Sie fühlen, wie man sie zurück ins Ghetto stoßen will, wie man ihnen die Luft zum Atmen nimmt, wie ihnen jeder Schwung unmöglieh gemacht wird. Gerade diese jüdischen Klassen, die so viel Energie besitzen, die nicht hungern oder noch nicht hungern, fühlen den Druck am stärksten. Bis dahin hatte ich immer mit dein Kopf genickt und dem jungen Mann Mut gemacht, da ich schneller zum Brennpunkt kommen wollte, zur Beantwortung der Frage, wie man die Ehe zwischen den leerst eilenden Ländern und dem landlosen Volk ziistündebringen, wie mar! diese Verzweiflung in Bewegung setzen, organisieren und fruchtbar machen könnte. Der junge Mann, noch blasser als vorher, noch aufgeregter und nervöser, seufzte ein paarmal tief auf und schoß plötzlich los: ״Der Kampf muß auch verzweifelt sein — wir müssen ein Land fordern! Wir müssen die Völker zwingen, uns ein Land zu geben! Wir müssen England zwingen, die Tore Palästinas diesseits und jenseits des Jarden zu öffnen! Wir müssen die Welt erschüttern! Das ist nur durch solche Taten, nur durch solche Ereignisse möglich, die die Weit aufzittern lassen würden, die jedem einfachen Menschen nicht nur unser großes Unglück der Landlosigkeit, sondern auch unsere Bereitschaft zu äußerster Kraftanstrengung klarmachen würden.“ ״Ja, aber wie denn“, frage idt, ״aut welche Weise? Wie erschüttert man die Welt? Wenn auch nicht erschüttern, so doch wenigstens zum Nachdenken bringen, zum Interessehaben und zum Mithelfer!." — Der junge Mann eröffnet mir endlich sein Geheimnis: er und seine Genossen — er hat schon eine ziemlich große Gruppe organisierter Anhänger —• haben angefangen, Gruppen von Menschen zu bilden, die an die Grenze gehen und verlangen wollen, man solle sie herauslassen und nach Palästina oder in ein anderes Land hineinlassen. Es sollen aus Dutzenden von Städten und Städtchen in Polen und anderen Ländern tausende und spater zehntausende jiidischer Emigranten an die Grenzen kommen mit dem Ruf: ״Ein Land für Juden!“ Es sollen sich an den Grenzen grolle Massen von Juden ansammeln, die erklären werden, daß .sie keine Galuth-Juden mehr bleiben wollen, daß sie bereit sind, unter allen erforderlichen Opfern ein jüdisches Heini zu bauen. An den Grenzen werden viele Unglücksfällc Vorkommen; Polizei wird schießen; es werden Opfer fallen; es wird ein großer Hunger zwischen den angesammelten Massen entstehen; Epidemien werden ausbrechen; das alles wird die Welt erschüttern müssen! Erst dieses SicIt-auf-den-Weg-machen großer Massen, dieser tatsächliche Bruch mit der Diaspora, wird allen, unseren Freunden und unseren Feinden, klarmachen, wie tief wir von dem Wunsch durchdrungen sind, ein normales Volk zu werden, wie sehr wir diesem Schatten-Leben zwischen Ländern und Völkern ein Ende machen wollen.“ Der junge Mann hat dies alles selbstverständlich nicht so glatt dargelegt, wie ich dies liier wiedergegeben habe, denn er sprach wie im Fieber. Er sprach nicht, er schrie. Aber ich versichere, daß ich seine ״neuen Wege jüdischer Erlösung“ richtig wiedergegeben habe. Damit war es aber Türkisch^ noch nicht zu Ende. Er hat noch eine ״neue Idee“. Man müsse unsere G r o li b ourgcoisic da z 11 z w i n g c n, ihre verschlossenen Taschen zu (öffnen. Unsere Großbourgeoisie sei politisch unklug und bliml, egoistisch und antinational. Sie sei doch eigentlich an dem ganzen Unglück der jüdischen Massen schuld. Sie ruft den Antisemitismus' hervor; die Reichen, nicht die Armen aus dem Judenviortel, die hungrig und nackt sind, beneidet man; nicht die jüdischen Arbeiter, nicht die Jüdischen Handwerker wirken aufreizend — die jüdische Großbourgeoisie mit ihrem Luxus leben, mit ihrem parvciiuliaft 011 Benehmen, mit ihrem Assimilations-Schleier, sie habe das ganze jüdische Volk in den Augen der Welt erniedrigt. Man müsse die reichen Juden zwingen, ihre Sünden wieder gut/umachen, indem sie ein neues Ueirn für die judisehen Massen zu bauen helfen. Die Millionen des Baron Hirsch liegen doch auch in ihren Händen, man müsse sie dazu zwin,gen, diese Millionen und ihr eigenes großes Vermögen für den Aufbau des jüdischen Landes zu verwenden. ״Zwingen! Zwingen!“ schrie der junge Mann in hochstcr Erregung, und mein ganzes Gesicht druckte nur die eine große Frage aus: Auf welche Weise? Mit welchen Mitteln können wir die jüdischen Millionäre ״zwingen“, ihre Kassen zu öffnen? Seine Antwort war sehr einfach. Fine Antwort, die vor 30 Jahren in den ersten russischen zionistisch-revolutionären Kreisen sehr populär war: nationaler Terror! Fast drei Stunden hat der blasse junge Mann auf mich eingeredet oder vielmehr eingeschrie'11 und seine ״revolutionären“ Gedanken, seine neuen Wege des Verzweifhtngskampfes, des Aufweckens der Juden, der Erschütterung der Welt und des Erschreckens der jüdischen Großbourgeoisie verkündet. Er ist von mir nicht sehr zufrieden weggegangen. Bin ich doch, leider, schon in dem Alter, da man nüchterner und scharfsichtiger geworden ist. Aber er verfolgt mich und läßt mir kerne Ruhe; des־ Schatten dieses blassen, nervösen jungen Mannes, mit seinem ״nationalen Terror“ und seinen jüdischen Massen, die sich an allen Grenzen aller Länder sammeln mit einem einzigen Schrei: ״Gebt uns einen Platz unter dem Himmel! Gebt uns ein Stück Landes! Helft uns retten vom physischen und geistigen Untergang!“ Dieser schwache Jude, der vor Müdigkeit und Ersdtöp* fung beinahe zusammenhricht, der bereit ist, sich in ein Stück Bodens festzubeißen, der ans Ende der Welt gehen Synagogen in Amsterdam Zu dem Artikel unseres holländischen Mitarbeiters Dr. Rudolf Levi in Nr, 89 der ״Jttd. Rundschau“ über das jüdische Leben in A ms!erd am bringen wir nachstehend noch einige Abbildungen der Amsterdamer Synagogen, die auch architektonisch interessant sind. Synagoge LynnaeusstraßM Synagoge Jucob-Obrecht-Straßa (Mit hesondaer Erlaubnis der Firma H, S. •Vis, Amsterdam! V'V Portugiesische Synagoge Große Neue Synagoge BO®« utusy t