Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 89 (6.11.1936)
- Date
- 1936-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2654005--29784-2691328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Dijon 1× ep/1044434
OCR text
Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 89, 6. XL 1936 Wiener Kultuswahlen am 8. November Der Wahlkampf aal dam Höhepunkt Von unserem Berichterstatter J. R,, Wien, 5. November Die Wiener Wahlen am k o m!11 1׳ ntl e n Sonntag verdienen zweifellos über ihre lokale Bedeutung hinaus größtes Interease. Wohl handelt es sich hier um eine Angelegenheit, die in erster Linie nur die Wiener Judenschaft angeht, aber die Abhaltung der Wahl kann als Ausdruck einer korrekten und objektiven Einstellung der österreichischen Staatsführung in der Behandlung rein jüdischer Belange vermerkt werden, mag ntan heute im allgemein-jüdischen Interesse auch die Nichtabhaltung von innerjüdtsclieti Wahlen mit ihren! unvermeidlichen Kampf für wünschenswerter gehalten haben, Darüber hinaus aber verdienen die diesjährigen Wiener Kultuswählen vom zionistischen Blickpunkt aus das besondere Interesse, da deren Ausgang das Schicksal einer sehr bedeutatmen zionistischen Position von wahrhaft historischer Bedeutung bestimmen wird. Die Wiener Kultiwgciiieinde, die zweitgrößte jüdische Oemeinde Europas und die drittgrößte der Weit, unter Zionistischer Führung, zeigt, wie kam« eine andere Erscheinung im rein jüdischen Lebeiisraume, so deutlich die konsequente Veränderung des innerjüdischen Lehens. Als am •i. Dezember 1932 auf de!! Oiehein des Daches des altehrwürdigeti Hauses der S e i t e!1 $ t e t t e n g a s s e von einem begeisterten Jungen die blauwfilie Fahne gehißt wurde, war es wirklich so etwas wie die Eroberung eiin r alten, schwer tuiil.änipfteti nationalen Festung, Heute kam! die zionistische Majorität bereits auf eine v; e ז j a 11 r i g c p r;1 k t i s c h e A r heit hinweisen, diu um so gewichtiger, um so großer eiti/uschiitzcn ist, als «:1• ohne Mitarbeit ■ - /um:n1U׳-t im letzten Jahre — der Mimiuni.t j;do-;cl wind,, ißv /!, .:!!׳.!ai haben imtcr den Schwer-!eu tii.iti r',< ’U;1!!o!gu!igi!1 die Veru alt 1!:1 g der Judisc 11 ea denn; 10it111 ־h 1!1!!m!!u!1, haben 1!0 101 ז Budget in Ordnung gi In .1, nt, I ien/.te I! uhe! er jalii r .!b n deckt, der Gemeinde 11 e u c! 1 11 a 11 / i e I I e 1. i!1 ti 3 ii m e 1־11! ׳1 11 ן n im In- und auch 11!! Au-Iaude •- insbesondere iur die;üblerordentlich au.-gt baute 1 utigkiit der s.oziaU'1! Für* וי ge — er- SCh in 5 -1־1 ׳, Gewiß, -he haben aurii iwliler gcmaHit -- mehr in regieinabigcr als in -ailinbier lle/uiiung - i\liier׳, die jedem Mcinchinu erk aithabcn 11111-0.:!!. Aller die Geimhiidc ist gewacl1s.ru, 1111 e In-lilu'iuiien >!mt au-gduut wo:den, ihr Ansehen ist bei den!,ielitg.idiseuL-!! lichonleii ge -liegen — bedeutende h’epr n-t iit.mtcii der juiii-cln:!! (nmeirii w 11 n len in die hoch-lui K׳upe1׳.cn;11n:1 von Maat und Stadl heniici! - , sie haben!111 < icgeiitc 11 -״ - und dies konnte von / ן o 11 1 - t i - scher Seite .11- Vorwurf erhoben wo den ■■׳• keinerlei ausgesprochen ״/ioriisti -ehe׳‘ Prc1gram111|>u1ikte \ er wn i,lieht, vielmehr die jüdische Unmiiid׳.׳ als J 11 11 en naeii bc-tem Wissen und Gewissen vorhildiidi geleitet. L.« iva; 1 daher der lenseste Anspruch, eien eine Majorität von einer Minderheit verlangen darf, daß diese alle Gebiete und Leistungen wenn auch kritisch beurteilen und sich mit ihnen beschäftigen darf. Leider ist in keinem Kultuswalilhampf so wenig gerade von all den Dingen geschrieben und geredet worden, wie in diesem. Und das ist eine der liitter-ten Feststellungen für die Zionisten. Demi nun müssen gezwungenermaßen auch sie sich auf ein Geleise begeben, das ihnen von den Gegnern aufoktioyicrt wird. Das ist mit eine der Ursachen dieses über alle Maßen entfesselten leidenschaftlichen Wahlkampfes. Denn dort׳ wo sachliche Fehde fehlt, dort muß sich die persönliche «instellen. Und das geschah in die .וסי schweren Wochen in einer durch nichts zu reclitfertige.iden Weise. So weit darf keine innerjüdische Auseinandersetzung gehen, daß sie jeden Damm der Rücksichtnahme auf den Huf und den Namen des Juden in der niehtjudisiTicii l'mgelmrijg bricht. 1 kalte haben die Juden dieser Stadt die Mogh.hkcit wirklicher toleranter Autonomie, die von diesen! üe-ichtspunkt aus nicht genug unter־ strichen werden kann; sie nutzen sie in positive u Belangen hei ihrer Verwaltung der Gemeinde. Die Kampimethoden der Wahlen aber bieten jenen Kreisen, denen viel geringere Kiahte ihr Juden, als cs die Autonomie der Gemcinde ist, ein Don!!111 Auge sind, Inliiges Angiifisfekl. Und da» ist das l>« ■,rli.imendc die-es Kamplos, dc--n1 Ausgang ein Votum bring!.11־ sollte, «Jas die Möglichkeiten solcher i 11 n e r 1 u d; - c 11 e 11 A 11 s vi!1 ,1 11 d c r s c t zungen, snbhir Kampfnu 'diodeii ans «lein Bereich des jüdischen Lehen' in Zukunft 11 ו s s e h I i e II t Die Bewertung des Alten Testaments In Nr. 87 der ״J. R.“ vom 30. Oktober gaben wir unter dieser Uebcrschrift eine Zuschrift an den ״Westdeutschen Beobachter“ wieder, in der auf die Widerspruche zwischen dem Stoff des christlichen Religionsunterrichts und den 111*ut 1• gen politischen Ansichten liiiigewiesen wurde. Am 1. November veröffentlicht nun der ״W. B.“ einige Aeußeritngcn von Eltern zu diesem Thema. 13a diese Zuschriften ein Bild von der v e ränderte n I I a 111! n g ttrt s e r e r Umwelt zum Alten Testament, unserer Bibel, geben, sind sie für uns Juden von großem Interesse. In einer der Zuschriften heißt es z. B.: ״Kittei!; »•»re es, wenn das Alte Testament mit seiner gnnz.cn Jude»nerhenii■ Innig »ufoit aus jedem ITnlerricht vcrschwiimle. Mcinein Kirnte habe ich schon vor längerer Zeit veitxiile״, an Suuidru tcbzuiH-hnicn, in denen über die Juden «in!c:lichtet wird, wie es da» Alte Teafament vorscliniht. Statt desien soll man die Kinder so friiti wie möglich mit «!ein grollten Feind der Mt-n-elihclt, mit den» Juden und all feinen Sehli! I1«׳n und Tücken, bekannt macken.*‘ Ein anderer Vater schreibt: ״... Dir Forderung aller wiiklich d('Ut-t110־m|>fin«len«l<‘r Ehern muß eine den! *die Schule ohne koufrisionclle lteigabc sein. Man bekiimjitt nicht «len (Hauben an Hott, an den Schöpfer aller Ginge, «r!u man das Alle Te-iamcnl, «iieve Sammlung jiiilüchrr Schmutzereien, und die 'lhcidogrii aus dem Schulunterricht entfernt.“ Ein Pfarrer äußert sich ztrr Frage der ״Zehn Gebote‘‘ und erklärt, er habe seine״ Jungen gesagt, daß es sich ja nicht um Moses handelt, sondern 11!11 göttliche Lebensgesetz c, die jede 111 Volk durch einen Mann des Volkes gegeben werden müssen. Daß die 10 Gebote eine auch heute geltende Sittenlehre sind, habt* er folgendermaßen begründet: ..11!1 lobe ihnen gesagt, da" wir in der SvOcnizcit rin -!!־-rlx'nde. Volk waren, in den! man Vater um! Mmeer!lieht mehr ehrte, und da!') Adolf ilitlcr für uns wieder «ins!י m׳fnndcn hol: ,Du .-<>■'»: de! cn Vater und deine Mutter ehren, auf «Iah du, de 111hon V׳!k. lange lebc-t ii! dem Lande. <!,!- dir der tle!r. dein f L »t I gibt.‘ 1 in! dah imiti in der Sydemzeh nieh! mehr die K!aÜ hatte, cirkn M'ii'hr zu ri.diten, wi'il «In» LHk־ii 11*"! ',’ulk -g1״v''<rn ת ich» mehr hehig war. und da!' wir h11*־!e wieder «las (’׳e-etz I».««rt-ח r ,Du cdL! nab töten‘ und ,Wer Men»> henblnt «■ergießt, de. S i1 11 ׳ «;oll «vielter ׳,ogo,,cn wo-den‘. D.1S nun w|:-der Khe und Fa'nili«׳ heilig ”«!iahen wculen muß um des f.rhen-willens 111*1 Volkes, lad'• nun 11 i! Ul mehr Fi h a‘ eigeiauni Dieli-Inlit i-t, wie der Maivbmu« leinte, ■omdeni, »lalS das Ziel ist: je« ler Volk -genösse soll .;ein Eigentum haben, w. >möglieh an duitsMetn Roden, und das -oll <*(--<'1,111 rt wetd«*n durrli das (׳(!a«t: ,!)י.! ,<dbt mäht, stehlen!‘ DM* in «ler vergangenen Zeit die Ehre des Volk soenn .«en «:;ebne hewote! wuitie und «laß sie nun wieder ab ein luMbaie» Cut ge-rhiiuf •wiid «hirdi d.os (iehot: .1)11 aolbi ni-lit ful-eh Zeugnis reden wein' ■kitten Ni.l,-tcn.‘ l>,׳ß wir endlich heute wieder Erbgut umt Ktldwfe haben, die der amlon* amh näht auf sonst erlaubte Weise an sieh tu billigen suclien «ia! f und die er deshalb nirht einmal begehren »oll. Und das alles aut d«-r Grundlage der Ehrfurcht vor dem AlI!n;iel1ti!:on, von dem die er-t« n Gelsöle handeln, vor dem sieh au. h innrr Dilner immer « Liter iH-ngr. Das sind ewige T.cbcnsgesctzc der Volker. Weil die Jüdin diesen heiligen (lot teswillen verdrehten und mißachteten, sind sic ein verflucht es Volk geworden.“ Der ״Westd. Beob.“ bemerkt dazu: ״Die zahlreichen Zu- Schriften beweisen die Dringlichkeit dieses Problems, das bald einer Lösung zugeführt werden muß.“ Ehrung eine» Jüdischen Gelehrten. Zu Ehren des in Prag weilenden hervorragenden französischen Slawisten Professor Louis Eisen mann veranstaltete der tsclietliosfovvakische Unterrichtsminister Dr, Emil Franke einen Empfang, an dem Außenminister Dr. Krofta, der französische Gesandte in Prag de Lacroix, der Chef der französischen Militärmisslon General Faucher, Sektion sc lief Dr. Spisek, der Rektor der Karls-Universität Dr, K. Wei־״m*r, der!>ekan der philosophisehen Fakultät Prof. Salac, Prof. für. Susta, der!Direktor des französischen Instituts in Prag Dr. Fichelle ti. a. teilnahmen. — Prof. Louis Fisemnatm, der Jude ist, wurde 1809 in Hagenau geboren. 10()j wurde er Professor;111 der Universität Dijon, 1911 Professor in Paris. Fr liest über slawische Kulturgeschichte und Zivilisation und hat grundlegende Werke über Slawistik geschrieben. Prof.!:i-Liimann ist Generalsekretär des Instituts für slawische Wisscnsiluften und Mitherausgeber der Zeitschriften ״Le Monde slave“ und ״La Revue lustorique“. An jüdische Kunstfreunde! Der letzte Wunsch des verstorbenen Schöpfers von Tel- Awiw, M.e i r Diz.eitgoff, galt dem von ihm geschaffenen Jüdischen Museum. Er erkannte den Wert einer schönen, reichhaltigen Kunstsammlung für eine jüdische Bevölkerung, deren Alltag aus harter Arbeit und zähem Kampf besteht. Die Juden 111 I re? Israel sollten eine Kunslstätte erhalten, die ihrem kulturellen Niveau entsprechen und der Erziehung ihrer lugend dienert soll. Mit der ihm eigenen Energie und Opferbereit schuft hat Dizcngoff die schon sehr respektablen Anfänge eines Mu- VV •a4 6 ׳* I Kranken-Versicherung I Zuv^rldwige Bfrafung ״ Berlin-V!fm«rtdorf Bf&rtd#rtburgiKh<jSrr,22«-J2 74^3 M.d i.O scums g-rschaffcn. Zu Lebzeiten hat er dem Museum sein Haus beschenkt. In seinem Testament!unterließ er dem Museum sein Vermögen und einen Aufruf an die Juden, sein Werk zu vollenden. In dem Bestreben, das Andenken dieses um sein Volk hochverdienten Mannes in einer ihm gemäßen Art zu ehren, ruft die Beili'ter Zionistische Vereinigung alle Juden und besonders die Kunstsammler unter ihnen auf, sich an einer S-a tu 11111!״ g von Ktmstgegenständen für das T c 1 - A \v i w e r Musen m zu beteiligen. Spendet Gemälde, Radierungen, Holz- und Linoleumschnitte, Plastiken, Medaillen, Münzen, kiinstgcschichtliclic Bücher mul Mappen. Trennt euch von einem kleinen Teil eures Besitzes, damit die erste jüdische Stadt eine des jüdisehen Volkes würdige Kunstslätte erhält. Spendentingchole schriftlich oder telephonisch an das Sehretnrint, Berlin W 15, Mcinclteslr. 10, Bismarck 9031, Apparat m, erbeten. Berliner Zionistische Vereinigung 111!1H!MM!111Nl!11!m11!!11m!1m1111111M1M111!m11111i1111!11n11111111111M!11Mm111111111m1111111M111111n11!1!1111111111111111nm11Ml111y Wieder Toiirisien-Visen Entsprechend der in unserer letzten Nummer wiedergegebenen Jerusalemer ״Palcor“-Meldung teilt nun auch das Berliner britische Konsulat (Paßstelle) mit, daß in Zukunft wieder in der bisherigen Weise Visen für T o u - ri sten, die nach Palästina reisen wollen, erteilt werden. Die Anordnung, durch die Touristenvisen gesperrt worden sind, ist außer Kraft gesetzt worden. Vergehen gegen die Nürnberger Gesetze. Die Stuttgarter Große Strafkammer verurteilte einen jüdischen Arzt aus Bayrcutli wegen zweier Verbrechen gegen das Blutschutzgesetz und wegen öffentlichen Aergcrnisses zu zwei Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und Berufsuntersagung für die gleiche Zeitdauer. Der Staatsanwalt hatte 6>/3 Jahre Zuchthaus beantragt. — Die Dortmunder Strafkammer verurteilte It. ״Finnuucn/eichen“, Stuttgart, einen 5Sjahrigeu Juden und dessen 31jahrigen Sohn zu je einem Jahr und drei Monaten Gefängnis, weil sich die beiden an einem bei ihnen beschäftigten Hausmädchen vergangen haben. Das Urteil fiel mir deshalb so milde aus, weil sich die zur Anklage stehenden Fälle vor dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze ereignet haben. — Wie das ״Frankfurter Volksbinft‘* mitteilt, hatten sich vor dem Schöffengericht Trier fünt jüdische Personen, davon einer 60, vier über 70 Jahre all, wegen Vergehens gegen das Gesetz zum Schutze ckdeutschen Blutes zu verantworten. Sie haften von Ende vorigeu Jahres bis Juni dieses Jahres eine 38jäl1rige Frau und deren 11 jährige Tochter mit Hausarbeiten beschäfligt. Sie erklärten alle, ihnen seien die diesbe/iigliehen gesetzlichen Bestimmungen nicht bekannt gewesen. Der 60jährige Angeklagte erhielt eine Gefängnisstrafe vor« sechs Wochen. Bei den übrigen Angeklagten sah das Gericht im Hinblick auf ihr Alter van einer Freiheitsstrafe ab und verurteilte sie zu Geldstrafen von je 200 M. — Ein 70jäl1rig1־r Jude ans Kottlnis wurde laut ״Förster Tagcbl.“ vom Schöffengerieht Kottlnis zu einem Monat Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe, ersatzweise weiteren 100 Tagen Gefängnis verurteilt, weil er ein junges deutscliblüliges Mädchen in seinem Haushalt beschäftigt hatte. Vor Gericht erklärte er, geglaubt zu haben, daß das Gesetz auf ihn als alten Mann keine* Anwendung finden würde. Noch luimphu Schüiarwor, verzweifelt, aller sclmn hoffnungslos, und das eisige Wasser stieg. Nur! reirhte die »chnrfu Kühe Sender Inzum Gürte], nun zum Ellbogen. Nur! bis zum Halse. Nun zerrte es ihn hinunter. Zieht und zieht.. .. ״Hilfe I“ schrie er, gurgelnd, er erkannte die eigene Stimme nicht. Aber!1,1 war niemand, der half Der schmale Damm zwischen den Wassern war leer. Kumt■ Seele weit und breit. Es war kein Markttag, und es war auch run h zu früh, als daß Leute unterwegs gewesen lehren. Es war die stillste Stelle zivin heil S« likhnv und dem Untersfmrg. Nur ( ha je Sarah stand da und hörte Senders Hilfe- »ehret, und sie nntsvortete mit schallendem Gelächter: ,,Wollte ni«ht, und glitscht’ und fiel, Hier, nu, hier! Sender und Schmarwoz sind hin ... Hin..." * Ftanac-li hörte Sender nichts mehr, weil seine Ohren voll mit ach ■nutz! gern Wasser waren. Er sah nur noch seiner! graugelben Bart vor sich von der Brust otifschwintmend, wie er sich Bach wie ein Busch Seegras unter seiner Nase ausbreitete Und unter sich fühlte er, wie sieh eine Masse lebendigen Fleisches herumwnrf wie gebundene Schweine in einem Sack. Ich ertrinke, dachte Sender deutlich, und sein Bewußtsein flackert« wie eine erlöschende Kerze in ihm. Er versuchte noch ein letztes Mal nn den Zügeln zu rücken, die jetzt unter Wasser waren. Er wickelte sie um seine zusammenßekratupften Fäuste und setzte »eine letzte Kraft an den Versuch, Sehmarwoz hochzureißen. Die Ohren des Hengste« erschienen noch einen Augenblick über Wasser und versanken wieder... Aber mit dieser verzweifelten An- *trengung des Oberkörpers kanten die rasenden Schmerzen in Sender# Leib wieder. Er fühlte, wie er innerlich zerriß. Es war, als würde er mit einem schartigen Messer aufgetrennt — der Schmerz, war so durchdringend, daß er alles andere verdrängte. Die Hände sanken Ihm bleischwer herab. Ein Paar Augen starrten ihn an. Er hatte schwören mögen, es waren die Augen des Rabbi, wie er starb. Nur größer, Immer größer wurden die Augen. Und es rief Ihn, mit der heiser unheimlichen Stimm« de» Ochsenfreeche»: ״Se-endor I“ ״Rabbi!“ flehte Sender. ״Mein ganzes Leben lang hab ich schwer gearbeitet. Ich kann ja nicht mehr! Rabbi! Ra-a..Aber anstatt auszusprechcn, was er noch sagen wollte, hatte er den Mund voll Wasser und gurgelt«: Bulhulbulbii 1 . , . Sinti dessen sprach der Rubbi: ,״Sender!“ fing er an. und endete auch: Bulbulbul ... Sender fühlte sich jetzt wohl und sicher. Wovor hatte er sieh so geängsligt? Schmenilrik — Pandre — die Wölfe im Wald, CI1 «je Sarah — Meri, sein Kind — Alle spielten sie jetzt mit ihm, gurgelten neben ihm - - bulbulbul — machten Wasserblasen, und die Blasen schwammen ne י und platzten, und neue kamen und schwammen dahin... * Eine Weile danach hörte!nun ("Taije Sarah im Uiitcrsbcrg singen. Sie wiegte ihr Lumpen!>tindel und hatte «in neues Lied: Hier, nu, hier! Fiir die Molken und den Quark — Hin, nu, hin ...“ Und sie ging zwischen den Häusern herum und fuhr fort: ״Wollte nicht, und rutscht’ und fiel — Hier, nu, hier! Sender und sein Pferd sind hin, Gott soll uns behIlten!“ Neugierige Köpfe streckton sich aus den Fenstern, und die ganze Reihe fragte Sarnli: ״\\'as ist los? Welcher Sender?"?Aber Clmje Sarai! antwortete nie auf direkt« Fragen. Sie sang und Bang ihren Vers, wie ein Orakel: ״Hin der Wagen, hin das Pferd, Hin ist hin!“ Die Leute liefen zum See. BiiT, des Müllers verfressener Schwiegersohn, der üjirka gekauft hatte, lief voran. Zwanzig Meter vom Ufer sahen sie ein« graugrüne aufgeblähte Masse auf dem Wasser schwimmen. Senders Rocksehöße. ZWANZIGSTES KAPITEL / DAS URTEIL Die Leute vom Unicrsbcrg arbeiteten einen halben Tug mit Schleppnetz und Seilen und konnten den ertrunkenen Fuhrmann mit Pferd und Wagen nicht aus dem Schlammloch herausholen, in dem »io festsaften. Kein Mensch hatte geahnt, daß der friedliche seichte Soe ein »o tiefe» Loch ,80 $ahe dem Ufer batte. Sender und Min Tier waren in eine Falle (׳ernten. Erst 8m Nachmittag, als alle Fuhrleute von der Gilde und die Feuerwehrmänner mit ihrem Werkzeug aus der Stadt herauskamen, konnte man sie heben. Der Mann von der Beerdigungsbrüderschaft, ®in finsierer, feierlicher Jude, sagte: ״Die im!,eben liebreich und getreu waren, sind im Tode tingetrennt!“ Und cs war etwas Wahres daran. Denn Sender war in Leinen und Geschirr so verwickelt, daß man Mann und Pferd gemeinsam heraus• ziehen mußte. Als der Fcuerwehrschlmich die schlammige Masse ahgespült hatte, und der seltsame Fang, der nusgesehen halle wie eine Ausgrabung nu» der Zelt der Sintflut, erkennbnro Form bekam, sahen sie, daß Sender noch immer auf dem Kulscliliock snß, die Stiefel zwischen die Deichseln ge• klemmt. Der Kopf war hemngedreht, der ganze Körper wie ein Kipfel verkrümmt. Die FTmste waren geballt und hielten die Zügel fest umklammert. Und der geöffnete Mund war mit schwarzem Schlamm gefüllt. So hatte er im letzten Augenblick noch versucht, das Pferd zurückzureißen, und nicht mehr die Kraft gehabt, sich wieder nufzurichten. So war « ertrunken, und in dieser Lage war er erstarrt. ״Und so wird es sein am Tage des letzten Gerichts“, sagten die Weiher, ״wie es geschrieben steht: ,und etliche durch Teuer, und etliche durch Wasser‘,.. Der Böse selber hat dos Loch in den Seegrund für ihn gegraben. Das Ge- Witter hat es mit einer dünnen Schlamuutchicht zugodeckt, und der B0se hat das Opfer zu der Grube geführt — bat es gelockt: Komm, mein Pferdchen, komm — und trink!“ Dit> alten Cluissidim, mit denen er gebetet hatte, dachten nach, warum ein so rechtschaffener, frommer Mnnn wie Sender so gestraft worden war. Und sie kamen zu ■dem Schluß, es könnte nur deswegen sein, weil er an dem Tilge, wo der große Rabbi atarb, nach dem Sterbegebet in das Stcvbcr.inwier eingedrungon war, sich grob eingedrüngt hatte in den heiligen Tod, die entweichende Seele aufgehaltcn, den Kuß Gottes gestört hatte. Er hatte die sterbenden Augen gezwungen, »ich noch einmal zu öffnen, die schon in di« oberste Welt geschaut hatten, und zurüekzusehem auf die sündige Erde. Die Strafe dnfflr ist, daß einem die Jahre verkürzt werden. AI>«r in der Fuhrmannsgilde gab Kuschke Brand ein« andere F.rkliirung. Er behauptete, er hätte mit eigenen Ohren von seinem Vater, Joschc Kuz.iol, gehört, daß Sender und sein Vater, ZimtncI, einen «Monn umgebracht hätten, im Walde. Sie hütten in ihm einen der Räuber erkannt, der sic damals im Walde angefallen und versucht hatte, die Post 731 berauben, und sie hätten mit ihm abgerechnet, für 0|C aufgeschlitzte Kutsche und für den Tod Abrahams, <>c* Kutschers, und hütten ihn im Walde vergraben. Und Blut rächt eich! (Fortsetzung folgt)