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Jüdische Rundschau · 1936-11-06 · Heft 89 (6.11.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 89 (6.11.1936)
Date
1936-11-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8? 6. Xt. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 ״Schabbatai ZVi” im Kulturbund Um die Mitte des 17. Jahrhunderts sind in der Ukraine, in Podoiien und Wolhynien Hunderttausende von Juden ermordet worden; es ist der schwerste Blutverlust, den das jüdische Volk seit dem Freiheitskampf des Bar Kochba erlitten hat, in dem immerhin Krieger gegen Krieger standen. Ware Schabbatai Z’wi in diesem osteuropäischen Gebiet zur Welt gekommen, das hundert Jahre später einen Bal-schem hervorbrachte, so hätte es der Dichter mit seiner Figur leichter gehabt. So hatte der Dramatiker uns überzeugen können, wie aus tiefster Not und Verzweiflung e ne Erneuerung der messianischen Sehnsucht, eine ekstatische Hoffnung auf baldige Erfüllung auftauchen konnte, auftauchen muhte. Denn wenn auch die Geschichte sich mit Halbheiten und Unzulänglichkeiten, mit Zusammcnhanglosigkeiten und Zufallsspielen hegni'1gen kann, in der Dichtung kommt <s auf ein Müssen au, auf die Selbstgestaltung der inncren Notwendigkeit. Die Figur des Schabbatai Z’wi stammt nicht aus solchem F.rlebnis, Hans Z’wiJ Karl und Rosenberg Alfred (Schabbatai Berliner (Sultan) Foto : Abr*ham das vielleicht der rettenden Ekstase bedarf, um überhaupt ein Weiterlcbcn zu ermöglichen, sondern aus der Kabbala, dem mystischen Unterstrom des jüdischen Geisteslebens, das hier einmal einen Verwirklichungstrieb hervorbrachte. Die Kabbala wurde, wie Kastein sagt, ein Ventil für das verwaiste Weltgefühl des Juden. Der Prolog zu diesem Stück, das sein Dichter Nathan Bistritzky ״historisches Schauspiel“ nennt, spielt in der Synagoge zu Smyrna, aber es hätte auch irgendeine andere Stadt iin Türkischen Reich des 17. Jahrhunderts sein können, das damals nicht ohne religiöse Duldung viele solcher internationalen Handelsplätze um das Mittelmeer unterhielt. Dieser Schabbatai Z’wi, wie ihn auch die Geschichte überliefert, ersteht vor unseren Augen als «in Asket und Mystiker, als ein Gottsucher und Gottrufer, der es in seiner Verzückung und zum Entsetzen seiner Jünger wagt, den Namen des Allerheiligsten auszusprechen. Das Ende der Welt ist also gekommen oder der Anfang der Erlösung, denn der verbotene Name konnte nur von einem Messias ausgesprochen werden. Einen Augenblick vorher war Schabbatai Z’wi noch ein Mensch der Bücher, der Wissenschaft, ein Jüngling, der schon mit achtzehn Jahren als Chacham galt und dem sich seine Kameraden als ihrem geistigen und geistlichen Führer unterwarfen. Das eigentliche Drama setzt wiederum achtzehn Jahre water ein, und die folgenden Akte können nur Stufen!nies allmählichen Abstiegs bis zu deru unheroischen und last skurrilen Uebertritt zum Islam in der türkischen G«- fangenschaft bedeuten. Das arme Volk jubelt dem Propheten begeistert zu, die Rabbincn sprechen den Bann über ihn aus, während höhergestclltc und politisch vordenkende Leute ihm seine Rolle als Messias mit der nötigen Inszenierung, mit gefälschten Schriften zu erhalten suchen. So wird die Idee der Erlösung verweltlicht. Schabbatai Z’wi wird ein ״König“ der Juden, ganz von dieser Welt, und er teilt an seine Anbänger wiederum Königreiche aus, auch wenn er in der zunächst recht bequemen oder schonenden türkischen Gcfangenschaft sitzt. Aber auch sie wird ihm wie alles zur Glorie, und das Wunder, das ihm Salomos Szepter wieder in die Hand spielen wird, soll sich jeden nächsten Augenblick vollziehen. Die einen erwarten es in gläubiger Erregung, die anderen fordern es als Beweis der Sendung, und der Prophet oder Messias muß es schließlich selbst von sich fordern. Das geht auf wechselnden Schauplätzen zwischen Smyrna, Kairo, Lemberg, Abydos, Konstantinop«!, ohne daß diese \erschicdenen Szenerien etwas anderes als einen ziemlich allgemeinen Orient zusammensetzen. Das vertraucnswürdigste Bild ist das von Lemberg, das nur einen fernen Reflex von dem sagenhaften Manne iinOsten empfängt, und wo die Juden nicht viel anders als heute aussehen und auftreten. Der Dichter ist eben in dieser Gegend geboren und die Ansichten von der Küste des Mittel tu eers sind vveniget durch ihn beglaubigt als durch den Bühnenbildner Co 11 de 11, der sic repräsentativ, etwas opernhaft anlegtc; aber anderes ließ sich hier wohl nicht tun.. Man muti sich also in dieser Einrahmung um so fester an die Figur des Schabbatai Z’wi halten, die allerdings in der drainatisehen Dichtung ebenso unsicher ist wie in der überlieferten Geschichte, Bleibt er echt nach dem ersten eksiatisclien Ausbruch und wie weit oder wie tief kann er noch an sicli glauben? In der Geschichte war es wohl so, daß die magische Wirkung, die von ihm ausging —• er war auch ein sehr schöner Mann —, wiederum auf ihn zurückwirkte, daß er immer weiter ging in seinen Prophezeiungen und Verspreeluingen, weil er nicht mehr zurückkonnte. Und im Drama ist es kaum anders. Aber den letzten Grund sehen wir nicht, wo der Schwärmer und der Cliarlatan sich einmal die Wahrheit sagen müßten. Die höchst verantwortungsvolle Rolle spiett Hans Karl Rosenberg, «in sehr gut aussehender junger Schauspieler und offenbar von einem Talent, das inan sich für einen Hamlet oder Richard II. wohl verwendet denken könnte. Aber wenn man ihn fragte, was für ein Kerl Schabbatai Z’wi so im Innersten sei, würde er wohl die Antwort schuldig bleiben. Der Schauspieler weiß es nicht, wie cs der Dichter auch nicht zu wissen scheint, und der Regisseur, in diesen! Fall Otto Bernstein, scheint für die beiden auch keine Entscheidung getroffen zu haben. Dieser Mange! eines Kontrapunkts im Charakter kommt wohl daher, daß der Dichter Bistritzky Cina Friedman (Sara) Foto: Anrti Kühn Georg Jacobsohn (Nathan), Sigmund Nunberg (Raphael) Alfred Lichlenstein (Abraham Jachini) Fat»: abraham sich zu eng an die Geschichte und ihre einzelnen Stadien gehalten hat. So wurde das Stück, 11111 stelicngebliebcncn Frage- Zeichen, mehr eine dialogisierte Biographie, die aber schon als solche, als ein sensationelles Stück jüdischen Inhalts auf exotischem Schauplatz das Publikum lebhaft interessierte. Szene in Lemberg. Siegfried l'ritis (Patt), Fritz Ritter (Ssän« der), Lillp Kann (Süsse!) Foto: P«ol Iltmaaaa Daß aber beglaubigte Geschichte auf der Bühne nach einer Vereinfachung und selbst nach einer Korrektur verlangt, bewiesen besonders die beiden let/teu Akte im türkischen Gefängnis und im Serail des Sultans. Der mit dem Tode hedrohte ״Messias'‘ und ״König der Juden“ zieht den lebensrettenden Uebertritt nun Islam vor. Wir wissen aus der Ueberliefcrung, daß auch der aus Lemberg zur V icderlegung des Schabbatai Z’wi entsandte Reh N'echemja Koken, sich den Turban aufgesetzt, daß er seinen Gegner heim Sultan wegen Hochverrat ange/eigi hat. Aber der Hol! Kolicn, wie ihn Fritz Wisten prachtvoll angelegt hatte, dieser vollblütige und vollgeistige• Jude, hafte das eine umi das andere nie getan. Achnlich ging es mit Sara, der historisch verbürgten Braut des Messias, der sich übrigens aus 1 rauen nicht viel gemacht hat. Oina Friedman n, die viel mehr als schön sein kann, wurde von seinem Nimbus zu einer brennenden Ekstase entzündet, um dann etwas zwecklos und unverbraucht bei Seite stellen zu müssen. Auch die anderen Anhänger des Messias verbrauchen sich nicht reckt. Auf der Bühne muß jede wichtigere Figur ein Schicksal haben, das sich in das Ganze hinein verwebt. Doeli auf den Brettern standen darstellerisch viele gute Figuren; ich nenne Sigmund Nunberg, Alfred Lichtenstein, Fritz Lion, Ben Spanier, Marlin Brandt, Willy Prager; nur der Volkshäufen, den Herbert Grün bäum mit einem oppositionellen Temperament aufrührte, hätte von der Regie etwas stattlieber und drohender gemacht werden können. Wie kommen diese. Juden übrigens in den Palast des Sultans hinein, wenn der ihren Messias oder Könige sehen und verhören will? Eine Szene, die icli sonst dein Dichter Bistritzky besonders gutsclireiben muß, die ihm mit einer hübschen Freiheit sogar zum. Humor gelang, wahrscheinlich, weil ihn eine genauere historische Vorlage dabei nicht hemmte. Alfred Berliner als Sultan sah aus und hielt sich wie in einer Operette oder wenigstens wie in einer komischen Oper; aber er war witzig und unterhaltend. Wer die Krone auf dem Kopt und das Szepter in der Hand hat, der ist eingesetzt. Das gilt für einen Sultan und kann auch für einen Messias gelten, wenigstens für einen, der wie Schabbatai Z’wi geworden ist und vielleicht werden 11111 lite. Das Publikum, das, wie gesagt, der reichen Handlung mit großem Interesse gcfolgt war, zeigte sich auch mit diesem epigrammatischen Ab- Schluß wohl zufrieden. Arthur Floesser SALMAN SCHNEUR Autorisierte Deberselzung von Grete Fischer 25. Fortsetzung Nachdruck vrrbolen Entsetzen ergriff Sender. Wo war Chaje Sarah auf einmal bergekommen? War sie nusgekrochen aus dem S.’.iilf am Seeufer? Oder kam sie hinter der Mühle hervor, wo sie rait dem Auswurf genächtigt hatte? Ihre bloßfaßigen Tritte machten keinen Laut auf dem weichen Grund. Wie eine Katze. Woher hätte er sie hören sollen? Vielleicht hatte sie sich, ungesehen hinter dem hohen Sitz, hinten an den Wagen gehängt, wie es die Schul- Iniben machen, war die ganze Zeit mit gefahren und nur jetzt ®“en abgesprungen! Wahrscheinlich war es so. Sie mußte ®«!gesprungen sein, kurz, nachdem er vom Untersberg 8bgefahren war. Nicht umsonst haue er die ganze Zeit hinter seinem Rücken einen Atem gehört. Der kalte Schweiß brach Sender aus. Wie immer sic *«ch hergekommen sein mochte — sic!!rächte ihm nichts Gutes! Sie war zu ihm gekommen an «lern Tage, wo Pandre verhaftet worden war, und nn dem Tage, an dem der alte Rabbi starb. Sender war schon erschreckt durch die Begegnung mit o?em knoten und Sehmendrik, von dem seltsamen ochrei im Schilf, wie die Stimme des sterbenden Rabbi — von den Schatten und Geräuschen, die von früh an auf ihn losgeschwommen waren, auf dein verhexten Landstreifen *wischen den Wassern. Und der Chnje Snrah Auftauchen erschütterte ihn. Unwillkürlich zog er an den Leinen, מווו der Wahnsinnigen auszuweichen. . ״er unterwaschene Erdstreifen war 7,u schmal geworden pT die plötzliche Wendung. Schmarwoz rutschte mit einem r «ß aus und folgte bald mit dem zweiten, um das Gleichgewicht zu halten — und sah vor seinen Augen den friedlich *«»sehenden, flachen See. Schmarwoz wieherte vor Vergnüge* und streckt* den n,lg lanR zur offenen Tränke. Der Herr hatte ihm diesen Morgen weder Futter noch Trunk gegeben. Schon einmal, auf dem Herwege, hatte er aus dem See trinken wollen, und der Herr hatte es nicht erlaubt. Nun legte er den ungewollten Ruck nn den Zügeln so aus, daß er seinen Trunk jetzt haben dürfte. Also ging er in den See hinein, und Sender verlor die Oberhand. F.r fühlte, wie er niederglitt, und sah nur noch das große Hinterteil des Pferdes vor sich. ״Du bist besoffen! Du bist verrückt!“ murmelte er vor sich hin, und er fing an, an den Zügeln zu ziehen. Aller der Branntweindunst machte seine geübte Hand unsicher. Sc 11 marwoz watete eigenwillig weiter, strebte ins Wasser hinein, mit geblähten Nüstern und nach hinten gelegten Ohren. Sender legte sieh hastig in die Zügel. Und plötzlich kam der Schmerz in seinen Eingeweide,! wieder. Er krümmte sich vor Qual. Senders Herz zappelte, er erkannte die Gefahr. Er hatte die Pferde niemals an diesem breiten Ende des Sees saufen lassen, immer nur an den flachen, sandigen Stellen. Aber der Schreck und der Schmerz versteinerten ihn. Das Pferd schlappte gierig, mit mehr Durst als Verstand. Und er saß auf dem Bock und fühlte seine Ohnmacht.. .־ ״Komm, Schmarwoz, komm!“ bat er. ״Ich bin zu schwach, dich zurückzuliringcn.“ Und wie er da saß und überlegte, wie er Schmarwoz und sich gesund auf den Weg zurückhringen sollte, stieg plötzlich Chaje Snrah neben ihm auf, mit irrsinnigem Kichern. Sender lichte vor Grauen. Die Arme sanken ihm herab wie gelähmt, er drehte den Kopf und schrie: ״Weg! Weg, weg mit dir, du verrücktes Weihsstück!“ Chaje Sarah schien nur gewartet zu haben, sie fing gleich an: ״Für die Molken und den Quark, Hier, nu, hier...“ Schmarwoz benutzte die Minute von Senders Abgelenktheit und tat noch ein paar Schritte tiefer ins Wasser. Plcitzlieh tat der Wagen einen kleinen Sprung, daß Sender fast vom Bock auf den Rücken des Pferdes geschleudert wurde. Er hielt sich am abgeriebenen Eisen des Sitzes fest. Und dann sah er plötzlich Schmarwoz’ Vorderteil im Wasser versinken. Das Wasser seufzte — Bu-hu, wie der Schrei des Ochscnfrosches vor einer Stunde klang es, der ihn an den Rabbi gemahnt hatte. Und neben ihm sang Chaie Sarah: ״Wollte nicht und hali’s geschn, liier, nu, hier •— Sender, Pferd und Wagen hin, Hin, na, hin!“ Jetzt erst merkte Schmarwoz., daß er zu weit gegangen war. Der Herr war wohl gerecht gewesen, als er ihn zurückgehalten hatte. Er stieß den Kopf aufwärts, holte Luft und schlug mit den Hinterbeinen aus, um zurück/uschwimnien. Er wollte den Boden unter seinen Fußen füllten, aber in dem weichen Lehm war kein Halt. Unter seinen Hufen gab der schlammige Seegrund nach. Das ganze Gewicht des Wagens und von Senders ,schwerem Körper druckte unbarmherig auf seine Riemen. Der Nacken wollt«; dun brechen unter der Last. Er konnte den Kopf nicht länger über Wasser halten, er mußte ihn sinken lassen, und eins Wasser lief in scino Ohren. Noch einmal hol) er die Nüstern aus dem Wasser, um Luft zu holen, und wieherte verzweifelt: ״Hilfe, Herr! Ich ersaufe...!“ Sender brach der kalte Schweiß am ganzen Leibe aus. Todesangst befiel ihn, wie damals, als die \N ölfe ihn und Pandre üherfnllcn hatten. Der Rausch von den vier Gläsern Branntwein, die er getrunken hatte, verflog aus seinem Hirn. Und auch die Angst vor Chaje Sarah schwand — keine Zeit für solche Gedanken! Die grobe Todesangst des Tieres hatte alle seine anderen Acngste verjagt. Mensch und Pferd vereinigten ihre Kräfte, sich von dem schlüpfrigen, tückisehen, schleimigen, ziehenden Abgrund loszumachen, Schmorwoz versuchte, mit den Hinterbeinen ouszusehlngen, und Sender zog gleichzeitig scharf an den Zügeln und legte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die andere Seite, um es Schmarwoz leichter zu machen, Aber anstatt Halt zu finden, wurde das Wägelchen vom Wasser mit einem Schwung vorwiirts getrieben und schwamm,!eicht und unbeholfen wie ein Stück Kork. Und Schmarwoz. hatte nun nicht einmal mehr den schlammigen, nachgiebigen Grund unter den Füßen. Durch sein verzweifeltes Strampeln trieb er noch weiter ab, den Wagen und Sender mit sieh schleppend. Nun sank er, ganz vom Wasser bedeckt, aber w«rf noch immer den Kopf auf und ab, als ob er sagen wollt«: ״Nein! Nein! Nein!“ Die tiefe Grube an dieser Stelle, die nach der Ueberschwetnumng geblieben war und jetzt ihr Maul geöffnet hatte, verschlang ,sie. Sender spürte deutlich Schmarwoz’ irrsinniger! Kumpf. Die Hinterhufe trommelten wild gegen den Silz unter ihm. Zugleich fühlte er seine Knie kalt werden. Er schaute an sich herab und sah, daß das Wasser den Wagen schon ganz füllte. Der Sitz war nicht mehr fest, nur die Schöße .seines Fuhrmannsrockes hatten sich aufgebläht und hielten ihn etwas im Gleichgewicht.

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