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Jüdische Rundschau · 1936-11-06 · Heft 89 (6.11.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 89 (6.11.1936)
Date
1936-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 89 6 XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAB Seife 3 Juden in Holland / Eine Artikelserie Mit dieser Veröffentlichung setzen wir die in Nr. 67, 76, 78!79 und 83 der Jüdischen Rundschau begonnene Serie fort V. Das jüdische Amsterdam Unter den großen Städten der Welt, deren Namen bei den Juden einen besonderen Klang haben, nimmt Amsterdam einen hervorragenden Platz ein. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ist verhältnismäßig groß und sie bewohnen mit Vorliebe bestimmte Stadtviertel, deren Bild sie einen gewissen Charakter verleihen. Das ״Ghetto“ Das gilt vor allem für das alte Juden viertel um den Waterloo-Plein, den Jonas Daniel Meijer-Plein und die Jodenbrec-Straat herum, das man vielfach das ״Ghetto1' nennt. Zu recht, wenn man — mit dem holländischen Schriftsteiler Siegfried van Praag in seinem überaus interessanten Buch ״Het Ghetto“ — als ״Ghetto“ das Stadtviertel bezeichnet, in dem artne Juden oder die, deren Umgangs- Kinder aus dem Amsterdamer Ghetto Foto: I•. EU••, Den Bug formen proletarisch sind und die profane westeuropäische Kulturwerte nicht kennen, ungezwungen beisammen leben, denn die Bevölkerung des alten Amsterdamer Judcnvicrtels besteht überwiegend aus Arbeitern und kleinen Händlern mit proletarischer Lebenshaltung, die dem Leben dieses Stadtviertels ihr Gepräge geben. Zu u n r e c h t, wenn man das Moment eines Zwangs von außen oder aber eines ausgeprägten Willens zur Absonderung von der Außenwelt als wesentlich für ein ״Ghetto“ ansieht. Denn ein Zwang zur abgesonderten geschlossenen Siedlung ist in dem freien Amsterdam nie auf die Juden ausgeiibt worden. Die zuwandernden Juden haben sich damals in jenen Teilen der Stadt niedergelassen, die an den damaligen Stadtkern angren/ten, und dadurch eine geschlossene Siedlung gebildet. Ahe!׳ mit dem Wachstum der Stadt und der jiidi$chen Bevölkerung begannen mehr und mehr Juden in die angrenzenden Stadtviertel zu ziehen, anfangs vielfach in östlieber Richtung, später vorwiegend in die südlichen Teile der Stadt. Also auch eine Tendenz der Amsterdamer Juden, sich von der übrigen Bevölkerung der Stadt getrennt zu halten, vs,(' nicht festzustellen. Synagogen Aut die große Vergangenheit der sep bardischen Gemeinde — die Gründung der 11m die Wende des 16. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal zugewanderten Juden, die am eigentlichen Beginn der Geschichte der luden in Holland steht (vgl. den Artikel in Nr. 67 der ״J. R.“) — weist noch manches in Amsterdam. Vor allem die berühmte Portugiesische Synagoge an der Rapenburger Straat aus dem Jahre 1675, die in ihrer monumentalen Raumgestaltung im Lichte der zahllosen Kerzen bei jedem Besucher einen unvergeßlichen Eindruck hinterläßt. Auch der alte portugiesische Friedhot Ouderkcrk legt Zeugnis ab von der Bedeutung der portugiesischen Gemeinde. Namen wie Palache, Mendez da Costa, Teixeira de Mattos, Pereira, Bclinfante, Bueno de Mcsquita, Franco Mcndcz weisen zum Teil noch heute auf die Herkunft von der iberischen Halbinsel. (Bilder Amsterdamer Synagogen mußten aus Raummangel für nächste Nummer zurücfcgcstellt werden. — Red.) Heute wird das Bild des jüdischen Amsterdam von den Nachkommen der seit den Tagen des Dreißigjährigen Krieges aus Deutschland, Polen und Litauen Eingewanderten beherrscht. Auch deren Große Synagoge bestellt schon seit (lein Jahre 1071. Gerade in dieser! Tagen wurde L. H. Sarlouis zum Nachfolger des verstorbenen, allgemein verehrten Oberrabbiners A. S. Onderwijzer gewählt. Ihm wird damit die wichtige Aufgabe der Leitung der ״Hochdeutschen“ Gemeinde von Amsterdam übertragen. Ueber das jüdische Leben im allgemeinen, so wie es auch und vor allem in Amsterdam zu beobachten ist, ist bereits in den vorangehenden Artikeln das Wichtigste gesagt. Hier sei noch aut zwei für Amsterdem typische Erscheinung«- tormen näher hingewiesen, die auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege und des wirtschaftlich-sozialen Lebens liegen. &• Joodsche Invalide Kommt man zum Weesper-Plein, so sieht man an der Ecke gegenüber der Diamantbörse einen großen Bau entstehen: den Erweiterungsbau des ״Joodsche Invalide“. Die Dos Modell des geplanten Neubaues für das lleirn ״De Jood• *ehe Invalide", Foto: X V. Veroeaigde Fotoburoou», Antiterdim * KlUl 1 י׳“ Vereinigung ״De Joodsche Invalide“ ist vor 25 Jahren entstanden aus dem Bestreben, die armen gebrechlichen Juden, die bis dahin im Städtischen Armenhaus ein sehr urierfreuliches und tmjüdisclies Leben führen mußten, in ein heimisches jüdisches Milieu zu bringen. Zugleich wollte der Kreis junger Amsterdamer Juden, die sich damals dieser sozialen Aufgabe a!!nahmen, die in dergleichen Fällen so häufige Abhängigkeif von einzelnen reichen Wohltätern vermeiden. Man ging daran, aus der Sorge für den jüdischen Invaliden eine Sache der breitesten Schichten des Volkes zu machen. Lin Mitgliedsheitrag von 13 Cents per Monat ermöglichte es auch dem kleinen Mann, seine Zedaka zu tun, und so sind damals bald Tausende von Mitgliedern gekommen. Unter der Leitung des Direktors I. Gans, der bereits bei der Errichtung mitwirkte und nicht mir wegen seiner warmen tneiischlidicn Fürsorge bei den Patienten große Sympathien genießt, sondern auch durch seine ideenreiche Werbetätigkeit die weitesten Kreise des jüdischen und nichtjüdischen Publikums erfaßt, ist ״De Joodsche Invalide“ zu einer Einrichtung geworden, die im jüdischen Lehen Amsterdams und in der sozialen Hilfsarbeit in Holland eine hervorragende Stellung einninnnt. ln Würdigung seiner Verdienste wurde I. Clans kürzlich zum Ritter im Orden von Oranje-Nassau ernannt. Waren es im Jahre 1913 noch zwölf Patienten, so entwickelte sich der ״Joodsche invalide“ besonders in den Nachkriegsjahren rasch. Im Jahre 1025 wurde das neue Gebäude an der Nieuwe Achtergracht in Gebrauch genommen. Aber auch dort wurde bald ein Anbau erforderlich. Jetzt sind dort 200 Patienten untergebracht. Auch hier wurde der Raum bald zu eng. Denn hatte man im Beginn mir für Leute von der Straße zu sorgen, so kamen jetzt unter den veränderten allgemeinen Verhältnissen viele, denen es früher einmal gut ging. So erwarb man denn mit Hilfe eines von der Gemeindc Amsterdam gewährten, übrigens sehr bald zurückgezahlten Kredits den angrenzenden großen Koniplex und ging daran, darauf einen nach den nio■ fernsten Gesichtspunkten ausgcstattcfcii Lrweiterungshau zu errichten, zu den! der Bürgermeister de Vlugt von Amsterdam, der Ehren- Vorsitzender der Vereinigung ist, im April dieses Jahres den Grundstein legte. ״De Joodsche Invalide“ erfreut sich des Interesses der obersten Landesstellen. Die königliche• Familie hat die Einrichtung einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Minister haben sich im Radio für seine Aufgaben eingesetzt. Große Festveranstaltungen, Lotterien und großzügige Propaganda mit Unterstützung der Presse lenken die Aufmerksamkeit weitester Kreise auf diese soziale Einrichtung. Der Direktor I. Gans, die Direktrice Schwester E. Mok und ihre Mitarbeiter bemühen sich, dafür Sorge zu tragen, daß die Menschen sich heimisch fühlen und das Bewußtsein ihres Eigenwerts behalten. Dazu dient vor allem die Anregung zu nülzlicber Arbeit. Eine blinde Stenotypistin erledigf einen Teil der administrativen Korrespondenz. Ein blinder Mann webt Thoramäntel. Gebrechliche Frauen fertigen kunstgewerbliche Arbeiten an und betätigen sich bei Hauslialtimgsarhciten. Da alles Anstallsinäßige vermieden wird, fühlen die Patienten sieh dort zu Hause. So kommt dem ״Joodsche Invalide“ eine wichtige Aufgäbe im sozialen 1 lilfswerk des jüdischen Amsterdam zu, die er hoffentlich auch fernerhin mit dem gleichen Erfolge erfüllen können wird. Der neugewählte Oberrabhiner von Amsterdam: L. II. Sarlouis Foto: Wim I.oopuit, Amsterdam Die DiamantindLustrie Amsterdam ist lange Zeit hindurch das Zentrum der Diamantindustrie und des Diamanthandcls gewesen. Heute ist ihm dieser Rang von Antwerpen und deutschen Plätzen Einer der Schleifersäle in der üiamantenfabrih Asscher. streitig gemacht worden. Diese Diamantindustrie ist ein Gewerbezweig, der einen überwiegend jüdischen C 11 a r a k - ter trägt. Arbeiter, Unternehmer und Händler sind in der großen Mehrzahl Juden. Nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien entstand in den spanischen und portugiesischen Ländern ein leb- Hafter Handel in Diamanten und anderen Edelsteinen. Die Ende des 15. Jahrhunderts und später von der iberischen Halbinsel vertriebenen Juden brachten die Diamantindustric zunächst nach Antwerpen, und als auch die Scheldcstadt von den Spaniern erobert wurde, wanderten zahlreiche Juden und auch Protestanten weiter nach Holland. Unter ihnen befanden sich eine Reihe von Diamantarbeitern, deren Können die Grundlage für die Entwicklung der Diamantindustrie in Amsterdam wurde. Die Kauflcutc hatten ihre alten Geschäftsverbindungen mit Vorderindien aufrecht erhalten und bauten sie immer mehr aus. Im 18. Jahrhundert gelang es, für Amsterdam die gesamte brasilianische Ausbeute zu sichern und zusammen mit den Luxusbedürfnissen jener Zeit führte dies zu einer großen Ausdehnung von Diamanthandel und -imiustrie in der Amsteistadt. Lange Zeit hindurch zeigte dann das Diamantgcwcrbc ein wechsdvolles Schicksal, bis in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Entdeckung der reichen Diamantfelder in Südafrika zu einer neuen Blüte HOCHMUT Es sagte Raw Chisda, andere sagen, Har Ukba: Von einem Menschen, der hochmütig Ist, spridit der Heilige, gesegnet sei er: Id» und er können nicht in der Welt zusammenwohnen. Uebers. r. V. A', Glatter b. Sota S a führte. Aber bereits nach wenigen Jahren gab es eine schwere Krise. Die besonders große K<injiinkturempfimiliclikeit dieser» Luxusindustrie brachte es mit sich, daß ungünstige und günstige Jahre rasch aufeinander folgten. So wurde das Jahr 1910 ein besonders günstiges Jahr, während bereits 1913 wieder einen außerordentlichen Tiefstand zeigte. Schon bei Kriegsausbruch hat jedoch die belgische Diaiiiaiitimlustne, die durch Juden aus Usteuropa eine rasche Ausbreitung auch auf dem flat hei! Lande erfuhr, Amsterdam überflügelt, und nach dem Weltkriege schritt die Entwicklung rasch fort, (iah es im Jahre DOS in Amsterdam noch 9000 Diamantarbeiter gegenüber 1009 in Belgien, so finden wir im Jahre 1920 bereits 11000 Antwerpenvr gegenüber 11000 ״Amsterdamer Diamantarbeitern und im Jahre l'B3 hat Belgien mit schätzungsweise 25 000 Arbeitern Amsterdam mit rund 5000 weit überflügelt. Die Arbeitslosigkeit hat nufer den Diamantarbeiten! von jeher eine weit größere Rolle gespielt als in anderen (iewerbezueigen. In der Nachkriegszeit erreichte sie ihren Höhepunkt in den Jaliien 10 il mul 1932, wo von 5800 Arbeiten! durchschnittlich -17( >0 :11 beit-dos waren. Mit der sinkenden Bedciming der Amsterdamer! )iainantindusfrie ist naturgemäß auch die Zahl der Arheiler sl.ind ig zurückgegangen. Ende 1935 waren es ■1 100. In diesem Jahre ist — nicht zuletzt durch Zns.inimenw irken der Reeimmg mit dem Allgemeinen Niederländischen I )imuan!nrh<■naleuid mul der Allgemeinen Juweliersvercinigtmg in der zu diesem Zwecke errichteten N. V. Waarborg Tru-t Maat-: liappij ■ ■ die Zahl der Arbeitslosen im Rückgang begriffen. Sie betrug Ende August dieses Jahres noch 2U>1), ging aber Ins Ende Oktober aut 1782 zurück. Die jüdischen Diamantarheiier haben unter den Amster* datner Arbeitern -stets eine besondere Stellung angenommen. Sie haben sich irüh/eitig zusammen gesell losseit und sehr viel für die gegenseitige Hille bei Arbeitslosigkeit und Krankheit getan. Das Bildungswerk wurde auf breiter Grundlage aufgebaut. Die Dianiantarbeitersehaft hat in allen diesen Dingen bahnbrechend für die gesamte holländische Arbeiterschaft gewirkt. Dr. H. H e e rt j e hat jetzt in einer umfangreichen, höchst aufschltißreirhen Studie über ״Die DiamantarbcitcT von Amsterdain“ (Verlag D. B. ('.eilten, Amsterdam 1936) ihre Geschichte und sozialen Verhältnisse anschaulich dargestellt und damit einen wertvollen Beitrag zur Soziologie der luden Westeuropas geliefert. Daß jedoch noch heute das Diamantgewcrhe in Amster•. dam einen wichtigen Platz, cinniinnit, ist darauf zuruckzuftihren, daß das Amsterdamer Fabrikat von jeher den Ruf besonders hochwertiger (,)ualitat hatte, weil ein Kern von alten geschulten Facharbeitern vorhanden ist, der das Niveau dieses (iewerlnvweiges bestimmt. Große Steine, die einen besonderen Wert darMcik■!!, wie che bekannten Kohinoor, l:\ceisior und (mllinai!, wurden immer in Amsterdam bearbeitet. Dies zeigte auch wieder die Diamanienanssfellting, die kürzlich anläßlich des 25j,!l1rig111 Bestehens des Gebäudes der Börse für den Diamanteniiandel am Weespcr-Plcin veranstaltet wurde. Ls waren dort zahlreiche prächtige Erzeugnisse der I )iamantenimltidi te sowie Urkunden aus ihrer Geschichte zu sehen und das liitere-'C de־- Publikums war so groß, daß trotz Verlängerung der 1 ).nier der Ausstellung Tausende auf den Besuch dieser Ausstellung verzichten ni 11 Ilten. Bei der Eröffnung der Au-rtvllimg, die durch den Bürgermeister von Amsterdam vmgenuin 11 u11׳ wurde, wurde der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß das Amsterdamsehe Zentrum des I )ianiant ׳:ewerbes seine Berühmtheit in der Welt z.urückgewitinen in!׳ge. I ir. R!1 d o 1 f Lev v, Den Haag Im Vordergrund jüdischer Arbeiter bei der Vorbereitung zum Schlei• fett der Steine. Rechts: An den Maschinen sitzende jüdische Arbeiter FotoiEli••! Ehrung: Professor Löwis Die Jüdische Kultus ״ Sitzung des gesamten Vorstimmig die i'niemring 11׳׳ e m e i 11 d e G r a z bat eine Fest* iaiicles cinberufcn, bei der einneuen Nobelpreisträgers, Prof. Gtfo l.öwi, der seine positive und stolze bitistclhing zum Judentum bei wiederholten Anlässen kumigege-■ heu hat, zum F!1 r e 11 m i t •< g 1 i e d der ( i r a z e r J ü d i s c 11 e 11 Kult 11 s- G e » m e i!1 (I e beschlossen wurde. 1 111 Porträt Prof. Löwis wird in der Flircngalerio Grazer Juden im Sitzungs* saal der Kiiltusgeiiicimle angebracht werden. Anspra* dien hielten der Präsident der Ktilttisgeiiiciiule, Dr. Robert S o 11 11 e 11 \v a I d, sowie der Grazer Oherrabbiner, Prof. Dr. Herzoge, Eine Deputation des Kultusvor* Standes überreichte dem (ielehrten die Ehrenurkunde• Von vielen jüdischen liistitu* tionen hat Prof. Löwi Glückwünsche erhalten, so auch von der Wiener Jü- Vorstand in einem besonders warm gehaltenen Schreiben Prof, l.öwi als großen Gelehrten und österreichischen Juden beglückwünscht«. Otto Löwi fc'elo Archiv dischen Knltusgcmcinde, deren

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