Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 88 (3.11.1936)
- Date
- 1936-11-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 88, 3 XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU SeTfeH FRAUEN-ARBEIT Aufgaben der ״Hlstadruth Naschim Zionioth“ Von Ester Smoira Die Chronik berichtet, daß die Gründungsversammliing der palästinensischen Frauen-Organisation, Histadrut'n Naschim Iwrioth* *), — deren Teilnehmerzahl kaum 20 betrug, vor 17 Jahren ein buntes Bild geboten hat und daß in sieben Sprachen gesprochen wurde. Das ist anders geworden! Heute herrscht die hebräische Sprache in Sitzungen und Versammlungen. Aber die Organisation stellt noch immer ein buntes Bild dar. Sie vereinigt Frauen aus allen Ländern, die nach Abstammung, Muttersprache und Kultur durch eine tiefe Kluft voneinander getrennt sind. — Diese Tatsache ist kein besonderes Merkmal der Frauen-Organisation, sie ist typisch für das Land, das ein Einwanderungsland ist und jährlich große Mengen, in jeder Beziehung verschiedener Menschen, aufnehmen und absorbieren muß. Unter diesen Umständen gewinnt die Existenz einer Frauen-Organisation in Palästina, die diese verschiedenartigen Frauengruppen in sich vereinigt, einen Kontakt zwischen ihnen herstellt und sie einem gemeinsamen Ziele zuführt, eine besondere Bedeutung. Sie erhält durch die allmähliche Annäherung und Vereinheitlichung der verschiedenen Eiemente einen nationalen Aspekt und bewährt sich als staatsbildender Faktor. Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß die .Verschiedenartigkeit dieser Frauengruppen eine Mannigfaltigkeit der Anschauungen, Ansprüche, Arbeitsmethoden und des Arbeitstempos in der Organisation bewirkt, die Arbeit der organisierenden Kräfte sehr erschwert und sie ständig vor neue Probleme stellt. Wie sehen min diese verschiedenartigen Gruppen aus? — Auf der einen Seite die orientalischen Jüdinnen, die aus dem Osten in das Land einwandern. Auch hier bildet die Sprache eine Schwierigkeit in der Verständigung. Als ich einmal in Jerusalem im bucliarisclicn Viertel vor einer Frauengruppe Sprach, mußten meine Worte ins Persische übersetzt werden. Diese Frauen stehen noch auf einer tiefen Stufe der Zivilisation, und an ihnen ist noch eine große erzieherische Aufgabe zu leisten. Sie sind vorläufig mehr Objekte als Trägerinnen unserer Arbeit. Sie kommen wenig aus dem engen Kreis ihrer Familie heraus, kennen kaum das Land und haben wenig Verständnis für den modernen Zionismus und alles, was im Zusammenhänge damit im Lande geschieht. Gleichzeitig aber besitzen diese Frauen eine urwüchsige Liebe zum Land, eine starke Beziehung zur jüdischen Religion und Bibel, und eine feste Hoffnung auf den Messias und die Wiederherstellung der alten, jüdischen Pracht. Es ist schon öfter von Kennern der orientalischen Judenwelt bctont worden, wie sehr sich die Orientalin als Dienerin des Mannes fühlt. Es kam vor, daß sie uns bei unseren Besuchen an die Männer verwiesen; ihnen sollten wir die Notwendigkeit einer Frauen-Organisation Uarmacheii und das Recht der Frau auf Betätigung im öffentlichen Leben. Das Einverständnis des Mannes ist ihnen Voraussetzung zum Eintritt in die Wizo. Ein vergebliches Unterfangen! Die Eroberung der Orientalin bildet noch heute ein weites Arbeitsfeld für die Wizo. Sie kam! nur gewonnen werden, wenn es uns gef ingen wird, ihr allgemeines Kulturniveau zu heben und ihr Selbstvertrauen als Frau zu stärken. Ganz anders verhält es sich bei den in den letzten Jahren aus dein Westen eingewanderten Frauen. Sie be- Gzen^ viele Eigenschaften, die für die Frauen-Organisation nid Gemeinschaft von großem Nutzen sein könnten. Ein ge- Gsses, zum Teil hohes Kulturnivcau, sehr entwickeltes Fman-?ipationsgefühl und Gemeinschaftssinn. Nur bedeutet die Gemeinschaft in Palästina der Mehrzahl von ihnen am Anfang noch zu wenig. Sie haben zu ihr noch keine rechte Be- Ziehung, da sie ihre Sprache nicht kennen, ihrer Kultur noch ziemlich fremd gegenüberstehen. Diese geistige und seelische Haltung hemmt zunächst ihr Einleben im Lande und verhindert die Nutzbarmachung ihrer positiven Eigenschaften. Ich denke natürlich hierbei nicht an die eingewanderten alten Zionistinncn, deren allgemeine Einstellung zum Lande eine positive ist und die noch von Europa aus, das Werden und die Gestaltung Palästinas verfolgt haben. Aber auch für sie geht das Einleben nicht ohne gewisse Schwierigkeiten vor sich. Die Ueberwindung dieser Probleme zu beschleunigen und der Frau bei ihrer ersten Einordnung zu helfen, hat die palästinensische Föderation als eine wichtige Aufgabe empftmdcn und versucht, durch Schaffung von Informations- und Beratungsstellen, die dann allmählich durch die Arbeitsvcrmittlungsämter erweitert wurden, der Aufgabe gerecht zu werden. Um auch der geistigen Not zu entsprechen, hielten wir cs für richtig, besondere Klubs für die neu citnvandcrnde Frau zu gründen. Das Hauptkontingent des Einwanderer- Stroms stellten in den letzten Jahren die Juden aus Deutschfand. Daher schufen wir Klubs in deutscher Sprache. Der zahlreiche Besuch dieser Klubs rechtfertigte ihre Gründung. Wir waren uns darüber klar, daß wir damit den Frauen aus Deutschland ein besonderes Zugeständnis einräiunten, das wir noch niemals in Palästina Frauengruppen anderer Landstnannschaften gewährt haben. Dein Vorwurf, die hebräische Sprache hintanzusetzen, begegneten wir durch die Best immung, daß der Besuch eines solchen deutschsprechenden Zirkels für jede Frau längstens auf zwei Jahre limitiert sei und sie sich nachher hebräisch-sprechenden Zirkeln anschließen müsse. Wir gründeten zugleich für diese Frauen leichte, hebräische Unterhaltungskur.se, da wir ihnen Gelegenheit geben wollen, neben privatem Unterricht sich im Sprechen zu üben. Die dargelegten Maßnahmen sollten das Emleben der Einwanderer beschleunigen. Dieser Prozeß ging lim so schneller vor sich, wenn eine zionistische Einstei* Ui n g vorausgesetzt werden durfte. Die Mehrzahl der ein- "׳ändernden Frauen besitzen diese Einstellung nicht. Sie kamen hierher in der gleichen Haltung, in der man in ein anderes Einw'auderungsland geht, ohne die speziellen Beweggründe unseres Aufbaus zu kennen und zu verstehen. Somit tritt vor den Jischuw und die palästinensische Frauen-Föderation die Notwendigkeit, Menschen in Palästina zu Zio* nisten zu erziehen, weil sie andernfalls stets ein fremdes Element innerhalb des Jischuw bleiben werden. Die Wizo- ■ rauen im Galuth müssen verstehen, daß uns hierdurch eine Aufgabe erwachsen ist, die eigentlich unter normalen Verhaltnissen im Galuth hätte erfüllt werden müssen und, daß sic uns bei der Bewältigung dieser Aufgabe, die einen Ausbau unserer Organisation notwendig macht/unbedingt hilfreich zur ->eite stehen müssen. _ Neben beiden Typen der einwandernden Frau — der Orientalin und der Westjüdin, — bilden die Frauen des *) Die ״Histadruth Naschim Iwrioth“ war die erste iüdische Frauen-Organisation in Palästina und hat nach der Vereinigung mit der Wizo im Jahre 1931 den Namen ״Hista- *ו»"־ Naschim Zionioth, palästinensische Föderation der "uo“ angenommen. Jischuw die tragenden Kräfte unserer Bewegung. Dieser Jischuw stellt ein Gebilde dar, das sich im Laufe der Jahre im Schmelztiegel Palästina aus den verschiedenen Typen herauskristallisiert hat. Der Jischuw ist bereits im Lande verwurzelt. Trotz der Vcrschiedcnartigkeiten, die seinen einzelnen Gruppen anhaften und die aus den Ursprungsländern zu erklären sind, hat er ein einheitliches Gepräge bekommen. Diese Tatsache ist auch kennzeichnend für die tragende Schicht unserer Organisation und zu verstehen aus der Summe der Erfahrungen und der Gemeinsamkeit der Arbeit. Die Aufgaben, die sich die Wizo als ihr spezielles Arbeitsgebiet gesichert hat, ist ganz auf die praktische Aufbauarbeit gerichfet. In Uebcrcinstiintnung mit dem allgemeinen Wizoprogramin hat auch ihre palästinensische Föderation das Gebiet der konstruktiven Kinderfürsorge und der kulturellen, beruflichen Vorbereitung der Frau für das Leben im Lande übernommen. Innerhalb dieses gemeinsamen Programms hat aber die palästinensische Föderation ihr eigene* Wirkungsfcld: sie hat auf den beiden Arbeitsgebieten ein weites Netz eigener Institutionen geschaffen, für deren Erhaltung sie allein aufkommen muß. Sie trägt hierbei die Verantwortung für ein Budget in Höhe von LC 14 000. Neben der Kinderfürsorge und Ausbildungsarbeit für die Frau erzieht die Wizo ihre Mitglieder zur Betätigung auf allen anderen öffentlichen und nationalen Gebieten. Ich denke dabei an die Sozialarbeit der Gemeinden, an die Tozereth Haarcz-Bcwegung, die von den Frauen getragen werden und ohne ihre Mitwirkung undenkbar sind. Ich möchte nicht unerwähnt lassen die Bemühungen unserer Frauen um die Durchführung des Prinzips der jüdischen Arbeit und verweise noch auf die aktive Mitwirkung unserer Mitglieder bei der Werbung für die nationalen Fonds. Auf die Tat- Sache der Beteiligung der Frau beim Kampf um die hebräische Sprache als nationales Gut ist schon vorstehend verwiesen worden. Ztisamrncnlassend gesagt, ist unser weiteres Ziel der straff organisierte nationale Frauendienst, der überall eingesetzt werden soll, wo das Interesse der Gemeinschaft cs erfordert. Damit ist erwiesen, daß die Föderation sich nicht nur für einen Zweckverband hält, der bestimmte übernommene Aufgaben zu erfüllen hat, sondern sich als eine nationale Frauen- Gottesdienst im Dorf Thorarollen aus Deutschland In Herzliah, das eine der größten Moschawoth fm Hascharon ist und etwa 6000 Einwohner zählt, erhebt sich ein kleines, hölzernes Gotteshaus, in welchem nach polnischem Ritus gebetet und in jiddisch gepredigt wird. Da dieses Gotteshaus bei dem schnellen Wachstum der Kolonie am Schabbat nicht mehr die Zahl der Besucher faßt, so haben sich Einwanderer aus allen Teilen Deutschlands, denen sich bald eine ganze Anzahl Polen und Tschechen anschlossen, zu einem ״Achduth“ zusammengetan und halten an jedem Schabbat im Dreyfusschen Hause Gottesdienst ab. Grolle Freude herrschte, als am Schawuoth neben dem einzigen Sefer Thora, das von Dr. Weinschenk, früher Nürnberg, zur Verfügung gestellt war, ein zweites, besonders schönes von der Gemeinde Berlin aus dem Bestände der Synagoge Münchener Straße als Geschenk überbracht wurde, zu dem sich kurz vor den hohen Feiertagen ein drittes Sefer, Geschenk der Gemeinde Nürnberg, gesellte. Der! Bemühungen des ersten Vorsitzenden, Herrn Martin Jaffe, früher Berlin, war es gelungen, das Kino in Herzliah an den hohen Feiertagen für den Gottesdienst zu mieten. Einfach und doch feierlich ausgestattet bot es den würdigen Rahmen und war besucht von über 300 Betern. Mussaf am Rasch Haschanah und Jom Kippur, sowie Kol Nidrc betete ein junger Arbeiter, Herr Fleischer, der auch am Schabbat vorbetet und an Wochentagen mit der Turija im Pardeß arbeitet. Während dieser Oberschlesier die Lewa!!- dowskischen Melodien zu Ehren brachte, haben auch die Süddeutschen ihre gewohnten heimatlichen Nigonim nicht zu entbehren brauchen, da Herr Mcver aus Frankfurt a. M. Schacharith und Ncila betete. Die Thora wurde, wie an jedem Schabbat, von Herrn Simon Meyer, früher Repräsentant und Lehrer in Köln a. Rh., vorgelesen, während Dr. Horwitz ans Lübeck Scliofer blies. Eine Dame, welche seit vielen Jahren im Heiligen Lande und über ein Jahrzehnt in Herzliah wohnt, hat dem Achduth für der! Bau eines Gotteshauses einen Migrasch gestiftet, und auch einige namhafte Spenden sind bereits eingegangen, so daß bald mit dem Bau eines eigenen Gotteshauses begonnen werden kann. Am Simchat-Thora kam auch die Jugend zu ihrem Recht; die Kinder wurden mit Süßigkeiten reich beschenk(, machten mit ihren Fahnen fröhlich den Umzug mit und tanzten Horrah. _ Ma x J aff e, Herzliah Der Geldumlauf in Palästina betrugim Monat Jul! 6,066.134 Pfund, und zwar 5,494.734 Pfund in Banknoten und 501.400 Pfund in Hartgeld. ״Stimme der Wahrheit“ Das nebenstehende Bild zeigt das Titelbild einer soeben unter dem Namen ״Die Stimme der )Vahr■ heit“ zum ersten Male erschienenen jüdischen Zeitung in arabischer Sprache. Sie wird von einem cler Zeitschrift ״Bamiphne" naheslehcnden Kreis herausgegeben und wendet sich hauptsächlich an die arabisehen Arbeiter. iE— j/ Jf %jr+• -«8■• «׳»zY1 }* U iM J1 £.»-*• -A► Foto! R, Weiß.mltm, Tel*Awsw bewegung betrachtet, die als Teil der Gesamtbeweginig am Endziel mitwirkt, ln der Verfolgung dieses Zieles müssen wir jede Frau in Palästina werben und organisieren, um sie an den riclitiüber. Diese Gleichgültigkeit iäßt sich teilweise erklären aus den schwierigen Lehensverhältnissen, denen die meisten Frauen hier unterliegen, üefter aber zeugt sic vom Mangel an Gemeinschaftssinn und ist ein Ausfluß seelischer Trägheit. Das Gelingen der Aufgaben, die unsere Organisation sich als Ziel gesetzt hat, hängt von der Ueberwindung der scelisehen Trägheit ab. Wir müssen daher den üemeinschaftssinn der Frau stärken und ihr klar machen, daß sie sich nicht mit der Betätigung im engen häuslichen Kreis begnügen darf, sondern darüber hinaus sieh in den Dienst der Gemeinschaft stellen muß. - 111 weiter Perspektive gesehen, wird das Wold des Einzelne!! iin Lande nur von Bestand sein, wenn die Interesse!! der Gemeinschaft gesichert und das Jüdische Nationalhcim gewährleistet ist. Wenn wir den Aufgabe!]- und Probleinkreis der palästinensischen Wizo mit denen der Cialuthföderation vergleichen, so kann man zusammenfassend folgendes sagen: Die organisatorischc Aufgabe der palästinensischen Föderation erfährt dadurch besondere Schwierigkeiten, daß sie es nicht, wie sonst überall, mit einem homogenen Gebilde zu tun hat. Als weitere Komplikation kommt das Sprachenproblem hinzu. Die Aufgabe der Erziehung der Frau zum Zionismus und der Vermittlung von Kenntnissen ist allen Föderationen gcmeinsam. Während es sich aber in der Galuth vor allein um die abstrakte zionistische Erkenntnis handelt, tritt in Palästina die Notwendigkeit dazu, die richtige Betätigung des Zionismus zu lehren, der sieh im täglichen Leben auswirken muß. Auch die Mühe des üeldaufbringens teilen wir mit allen anderen Föderationen. Die palästinensische Föderation trägt die Verantwortung für das Gesamtbmlget ihrer Arbeit und hat sich darüber hinaus noch zu einem, wenn auch bescheidenen Kontingent, für die Weltwizo v er pflichtet. Die Vorzüge der palästinensischen Föderation gegenüber den anderen liegen in zwei Momenten: in der Sichtbarkeit ihrer Institutionen für ihre Mitglieder, was propagandistisch von großem Wert ist, und in dem engeren Kontakt, der zwischen der schaffenden Frau und dem von ihr geschaffenen Werk liegt. l>ie Fruchte ihrer Arbeit lebendig vor sich zu sehen und das Einreihern ihrer Werke in den Gesamtaufbau mitzuerlebe!!, gewahrt ihr eine Schaffensfreude und ein Glucksgefühl, wie sie nur im Lande des nationalen Aufbaus empfanden werden können. Zeit lassen! Von Robert David, Tcl-Awiw Es sind an dieser und auch an anderen Stellen so viele wertvolle ökonomische Ratschläge für den nach Palästina Auswandernden gegeben worden, daß cs überflüssig erscheinen mag, wieder zu demselben Thema zu sprechen. Beobachtungcn hier im Lande zeigen aber, daß inan immer von neuem wieder mit Rat nützen kann. Deshalb mag es mir erlaubt sein, solche Beobachtungen demjenigen Kreis von Menschen nutzbar zu machen, dessen Art ich aus früherer Erfahrung als Bankier kenne: sclbständigen Kaufleufen, Aerzten, Anwälten; ״Kapitalisten“, aber solcheii, deren Kapital heute nicht mehr groß genug ist, um von dessen Zinsen zu leben. Ich bezweifle, daß in Deutschland Acrzfc oder Anwälte auf den Gedanken gekommen wären, von heut auf morgen ״Kaufmann zu werden“, d. 11. selbständig ein kaufmännisches Unternehmen, und sei es selbst ״nur“ ein Lebcnsmittelgeschaff, zu leiten. ״Kaufmann“ will gelernt sein. Und wenn man cs in Europa gelernt hat, dann muß man cs im Orient zum zweiten Male lernen. Der banale Satz ״hier ist alles anders“ kann nicht oft und nachdrücklich genug wiederholt werden. Der üblichste Ausweg, daß der Kapitalist sich einen Fachmann als Sozius nimmt, führt erfahrungsgemäß in 90 0״ der Fälle zum Verlust des Kapitals. Folgendes sind die zwei typischen Gründe dafür: Der ״Fachmann" war gar kein Fachmann oiier: eine Entwichlung nach dein bekannten Satz ״nach einem Jahr hat der Kapitalist zwar die Erfahrung, aber auch kein Kapital mehr“. Hierbei braucht es der Fachmann nicht geradezu darauf abgesehen zu haben, die Unerfahrenheit des Kapitalisten auszunutzen •— obwohl auch solche 1 alle zahlreich sind. Man darf nie vergessen, daß wir hier zwar durch das jüdische Ideal geeint sind, daß aber materiell der Kon* kurrenz kanipf zwischen durchaus nicht homogenen Kapitalisten verschiedener Herkunftsländer und in einem ״Koloniailand“ ungleich scharfer ist als in der Glacehandschuh- Atmosphäre des alten Erdteils. Diese Warnung, die ich an die Adresse von Aerzten und Anwälten richte, gilt fast genau so für die curojaäisch gelernten K a 11 f I c 111 0. Ü11U nun komme ich zu einem positiven Rat, Palästina ist auch für denjenigen Kapitalisten, der seinen Lehensunterhalt in der Stadt erarbeiten muß, immer noch, ein aussichtsreiches Atiswnndeningsland, sofern man hereit ist, in der durch die I lohe des Kapitalbesitzcs bestimmten Stufenleiter auf die dem eigenen Kapital entsprechende Stufe hinunterzusteigen und sofern mar. sich Zeit läßt, Land und Leute kenneu/uierneri, bevor mau etwas unternimmt. Wie lange man sich dazu Zeit lassen muß, hängt davon ah, wieviel oder wiewenig es der Einzelne versteht, die Augen aufzumachen, was man auch ״Glück haben“ oder ״Zufall“ neunen mag. Man wende nicht ein, daß ein Familienvater mit JC 1090 Kapital cs sich nicht leisten dürfe, ein Jahr lang ״spazieren zu gehen“. Wenn er zweckmäßig־ spazieren geht, wird er dann mit Sl 700 sich eine neue Existenz aufzubauen verstehen, während er sonst in diesem Zeitpunkt vielleicht schon seine ganzen £ 1000 verloren hat. Zu den Motiven dieses Rates gehört auch, daß man erst allmählich die Akklimatisations-Schwierigkeiten merkt, die oft schon der! ersten Aul bau einer neuen Tätigkeit nachhaltig stören. Nicht nur deshalb gilt meine Warnung vor Uebcreifcr auch für junge Menschen, die einen guten Teil etwaiger Ersparnisse getrost darauf verwenden sollten, die Verhältnisse des Landes keiinenzulerncn. Dann besteht auch •— diese reservatio mentalis soll nicht verheimlicht werden — die Chance, daß sie sich für Siedlung aut dem Lande entscheiden; ebenso wie Erwachsene sich nicht für die Stadt entschließen sollten, che sie nicht eine der bestehenden dörfischen Mittelstands-Siedlungen geprüft haben. Also: dem verständlichen Gefühl, sofort etwas unternehmen zu müssen, nicht nachgcbcn, sondern erst einmal die völlig neuen wirtschaftlichen Verhältnisse kennenlernen! _ Der Ausbau der in Palästina bestehenden Brauerei, der P a 1 e s t i!1 e B r c w c r y Ltd. in R i s c h o n I e Zion, hat zu einer Senkung der Bier-Einfuhr geführt. Die Bier- Einfuhr in Flaschen ist in den ersten vier Monaten d, J. auf 377 765 Liter für 10 102 Pfund gegenüber 383 677 Liter für 14 995 Pfund in der gleichen Zeit des Vorjahres, die Bier-Einfuhr in Fässern auf 124.260 t für 2407 Pfund gegenüber 321 187 t für 6754 Pfund gesunken. (Schluß des Palästina-Teils) < ' * ‘ j 1׳ ׳ » I I i Iftft