Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 88 (3.11.1936)
- Date
- 1936-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit® 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 3. XI. 1936 Thomas Manns dritter Band ״Joseph in Aegypten“ (Bermann'Fischer Verlag, Wien) Thomas Mann, der Bcschrciber der Joscph-Ueberlieferurtg, läßt sich und seiner Besclireibun״ Zeit und Kaum. Er nennt selbst sein Joseph-Werk des öfteren eine ״Unternehmung". Es ist eine, die sieh durch Raunt and Zeit erstreckt wie durch «iti Leben, nicht nur ein gedichtetes, sondern auch ein dichlendest. Der ״Unternehmer־‘ sei hst nämlich sieht sielt in die Kreise ries Jo-!׳p!1־l)aseins liineingLv.ogon, und es echört nicht zu den geringsten Vorzügen des Romans, daß des Dichters eigenes Dasein sich in ein ״Dortscin" verwandelt, in eine mythische Entrückung des Schreibenden aus dem Heute in das Emst, so daß (und, um ein Sinnspiel des Romans zu gebrauchen, auf da II) Zeitliches und Räumliches, also jede Distanz zw Rehen Künstler und Kunstw erk aufgehoben ■erscheint. Es vollzieht sich - mit anderen Worten gesagt — eine weitgehende und wichtige Identifizi e r 11 n g zwischen Gestalter und Gestalt. Und darin hinwiederum gibt sich die eigentliche und höchst eigenwillige Frömmigkeit kund, mit der sich der Dichter an -eitle ״Unternehmung" hingibt. Diese Hingabe hat ihre besonderen (noch zu erwähnenden) intellek- <Ueilet! Bedingungen, aber jenseits von diesen, die dynamischer Art sind, steht eine seelische Unbedingtheit, eben jene bis zur Identifizierung reichende Hingabe. Man erinnere sich: der erste Band heißt .,Die Geschichten Jaakobs״, worin das Werden einer Sippe lind ihres (iottesbegriffes sich darstellt; der zweite heißt: ״Der junge J o s c p 11", wo! in aus gewordener Gottheit lind Sippe beide geworden aus Ahnung uml Erkenntnis, aus Ruck- und Vo!w.irU-chuiK 11 und lielicmukiinft das gesegnete Mi nschenbikl jowpli, ein Abu־- und Ucherbikl, anfw.H h:b. Dieser zv.e'te Land schließt mit dem Verkauf Josephs d11M.11 dir Urinier und -.,.■::irr Wcgl uhruiig durch die ismuehti־..ln!1 Kaullente iiw 1 and Mi/iaiin. Auf dem Wir; d.ilun ti 1'ttVil wir deminu 11 Joseph zu Beginn des ,!!;*teil Hautics, dem, wie hier gleich ge-ae.t sei, 1101/11 ein Virile־׳ folgen wird mit dem '1 itci. ״J״'-c|1!!, der Elm,ihrer". Dies laßt 11 ich.t erraten, daß der heute vorlii gemie dritte Band abs■. iilu ßl!111; Josephs Stur/ ns t ietamguis. Bis es aber soweit sein wird, 1-4 auch 11 er Raum und die Zeit für den I es er 111 betrat litik in 11! Einfang ik ■gi legt: liainlicl) durch 71g 111 Itlidgrob oder initteikSeii! liedruakle Selten. Dieses Buch hinter 02!1 /!; In mgen, bedeutet .!!.סי aueii 1111־ den Leser eine . . . Unt! iiiUmumg. Da sic aber, wie wir ans Erfahrung f1-4stel!e11 können, Von he- und eutnickciider Art ist, wünschen und hotten wir, daß suu ihr viele widmen mochten. Für sie und um!1111־' Anzahl nach unseren .-־.!!wachen Kräften zu vermehren, wollen wir ein paar landrucke lind Früchte ei er tigern־!! Lektüre hier auf/.cicmieii, ohne aber damit die Uehci hehl ich Reit zu verbinden, als ob wir nach der ersten Lesung; bereits Be- und Entschlüsse über die Be- Wertung des Buches von uns geben durften oder konnten. Dazu fehlt es dem wenn auch von langer 1 fand einigermaßen vorbereiteten Leser und Betrachter an der genügenden Herr- Schaft über das Material, das der Dichter — liier nicht nur *in Könner, sondern auch ein Kenner — auf, nochmals gesagt, 732 Seiten ausbreitet. Die stoffliche Besonderheit dieses dritten Bandes gegenüber den beiden vorangehenden beruht nämlich darin, daß der Lebenslauf Josephs nun aus den geistlich schöpferischen Bezirken seiner kanaamtischen Sippe in eine historische Welt von Göttern und Menschen, von schon gehärteten Mythen und befestigter Macht imtritf, in die ägyptische Welt, die bereits in ihrer Chronologie erfaßbar und in ihrem Kulturewicht abwägbar ist. Joseph tritt aus dem Bezirk der Ahnung es Göttlichen in eine Welt der Vergottung und Vergötzung «in. Er wird ״historisch“. Das ist im Gesamtplan des Dichters keine Kleinigkeit. Land so faßt Thomas Mann es auch auf und •erfüllt das ägyptische Land mit einem ungeheuerlichen Reichtum an bauendem uml gebautem Wesen, an unzähligen und doch gezahlten (iottei 11, die sich vom Tierreich bis ans Himmelreich hm, nämlich zu den Sonne-, Mond- und Sterne- ](Ulfen und natiuiii 11 auch bis in die Unterwelt erstrecken. (iesteilen wir es: es i-t nicht immer leicht, den Schildertingen >1! s-cn, worin das Aegvptcrtunr wurzelt, und dessen, •das es königlich oder .!.׳/dt!ich krönt, zu folgen. Ls entsteht heim l esen so'chcr!binnen des Buches mehr Heimweh nach der Aegv i'itiiiogie ais Vertrautheit mit ihr. Wir befinden 1111-., zumal wir Juden, wirklich und wahrhaftig im Land der Fremdlinge, in der Fremde lies Geistes und der Seele. Man ertappt suh neo.uhiiud darauf, wie man der, Deiimpoiieu iles Dulders, bei all seiner großen und schonen Gewalt über d,!s Wort, ängstlich n.'ic I ikiich -talm rt, nachschleicht und;1:11;,stolpert, leid so bedeut!.1111־ und bedeutend ist boweilen das ..I )ort-oin“, die Entrückung und die ״Ver-;igvptyiug׳ d-. - I )Ich!■ rs, daß man das Freindonnidc seiner Erzählung fast ai- In m!!sprachig empfindet. Die-e- Buch also — ein Ave tnr den kitiinigeii Leser . kann man nicht verschlingen, sondern man muß, im Gegen! 1 il, auf der Hut sein, daß man \<>n!l!!!1 nicht verschlungen wird. Dies aber bedeutet vn derimi. daß ,1111!!־ dort, wo da- .'igvptisclie Gölleruml Men-ehi mimiki i in das Konzept des Dichters hineinschatti t, dit -1־r int Beil/ seiner map, iw her! Herrschaft über den f eser bieiiit. semr Sprache, wie altvaterisch sie auch oft die Worte zu wahli :1 lieht, leuchtet nicht nur — sie blitzt auch. Sie fugt d-e Idenmiüe eines p-.vcheUgisicrendcn Vortrags unversehens ins Elementare. Sie holt 7. B. seien iss 11 n ge brauch lkho, seien es sc'ion abgebrauchte Worte aus dem Hintergrund und stellt sie so vorne hin. daß sie im einen Fall wie veitraut, im andern wie neu wirken. In dieser scheinbar so geruhigen Art des Wortefindens und Wortesetzcns ist viel ״schöpferische Unruhe", und diese eben ist es, die fortreißt — sowohl den wenn auch noch so breiten Fluß der Erzählung wie auch de!! . , . Leser. Beide haben keine Gclegenheit und keine Ziit, müde zu sein! Aber Aegvptcu hin, Aegypten her — Joseph, der kanaanitische Knabe und, wie ihn der Dich (er gerne nennt, ״Kaufünß“, sieht in der Mitte. Daß er es bleibt, bei so dichter und so üppig gedichteter Umwelt, ist geradezu ein Natur- oder, wenn man lieber will, Kuustgesdz der Erzählung. Ob der Nil das Land überschwemmt oder wieder in sein Bett zurücksinkt, ob der aite Gott Atum-Re sich an dem neuen Animi wundstoßt, ob, Pharao, der (iroßkönig, zugleich Gottescnkel und Gottesalme, ausfährt in seiner Pracht, ob Kähne zwischen Mempi (Memphis) und Wese (Theben) den Fluß auf und ab fahren, alles bezieht sich, in wenn auch noch so langer Leitung und Führung, auf den Einen: Joseph, der sich in Aegypten mit seinem 'Totennamen Usarsipli nennt oder von den Fremdlingen, unter denen er selbst einer ist, Nefernefert genannt wird. Sein Frenutlingtum aber ist es, das wie eine leuchtende Wolke über ihm steht — lcuclitend, weil über ihr hinwiederum das Erbe des Vaters und der Väter wegweisend leuchtet: der Bund mit dein Ewigen, der das Ueberpersönliclie und Uebersacliliche ist. Wieviel über Götter und Kulte gcgrübelt und geredet wird, ägyptisch und sogar oft genug ägvptologisch, Joseph und sein ״Herr“ stehen daneben und darüber, tempelhaft abgegrenzt und erhoben. Aus dieser (andern) Ebene, die bis zu uns reicht und zurück bis zum WcltenlK'ginn, fließt Eicht auf Joseph und umreißt seine Gestatt. Sie stellt im geistigen, geistlichen Abenteuer, Das ent* rückt sie ins Ungernessene. Joseph bleibt auf jeder Seite der ״Held״, dem schon hier, wo er ein Sklave und, rasch befördert, ein Jüngling von Werksinn Ist, soviel Weg unter die Füße gegeben ist, daß dereinst ein ganzes Volk darauf wird hinsdrreiteii können — zu Ziel und Mission. Groß und großartig ist es, wie Thomas Mann die Josephsgestatt in die Welt liineimnischt und sie doch unvermischt hält. Hier ist der (artistische) Punkt und Scheitel, wo das Mythologische und Psychologische der ״Unternehmung“ ineinander ein- und aufgelri. Hier erweist sich das Wertbeständige der Erzählung vor der Wertsetzung des Altem Testaments. Die zu fürchtende und furchtbare rationalistische Kluft schließt sich, richtiger: sie öffnet sich erst gar nicht, sie ist nicht! Wir — die Leser — stellen auf einer Brücke, die von heute durch die Josephzeit und Josephgestalt hindurchgeht in alle Tiefe und Weife der Gezeiten. Welche Alt-Kulturen neben und nach der jüdischen an dem Josephmytlius noch teilliaben, auch unsere tritt hinzu — über Raum!ind Zeit hinweg. Dies ist sogar, wenn das Wort erlaubt ist, das Programm der Dichtung oder ihre Essenz und Quintessenz: Joseph — eine Gestalt von gestern und morgen, von vorgestern und übermorgen sogar. Der Dichter überliefert Uebcrliefertes. Pas ist der homerische, aber wir sagen hier anders und besser: der biblische Duktus dieses heutigen, weit ausholenden und breit einholenden Buches. Es winde uns zu weit führen, wenn wir uns auf die Spuren des Dichters begeben wollten, auf denen er, jenseits des jüdischen Rahmens und auch des ägyptischen Schauplaizes, den für seine Erzählung besonderen Schritt und Tritt seines Josephs gefunden hat. Er macht zwar gelegentliche Andeutungen darüber, aber sie sind!lieht und wollen nicht erschöpfend sein. Irren wir nicht, so hat er sich der aggadisehen Quellen wenig oder gar nicht bedient, die freilich reicher für den letzten Band fließen werden als für diesen!. Aber um so mehr isf es ihm gelungen, die Epigraminatik der mosaischen Schrift auszuführen, d. h. ins ausführliche zu deuten, wie es unserer Epik entspricht und insbesondere dem epischen Stil, den er, Thomas Mann, sich erwählt und erarbeitet hat. Dieser Stil mir!, der ja nichts anderes ist als der Ausdruck inneren Vermögens, triumphiert durch die Wiedergabe, durch die Wiedererstellung dessen, was im engeren Sinn die ״Fabel“ dieses Bandes ist. Reportiert ist sie rasch, jedes Kind kennt sie: Joseph wird von den!«maelitern an Potipliar, den Höfling Pharaos, verkauft, steigt hier zu Erfolg und Ansehen auf, wird aber das Opfer von Potiphars Weib, die seiner Keuschheit zu nahe tritt, ihn, da er sich ihr verweigert, vor ihrem Eheherrn des Gegenteils bezichtigt und ihn so ins Gefängnis bringt. Per Inhalt dieses einen nüchternen Satz.es füllt in der mosaischen Schrift etwa zwei Dutzend Strophen, und vorwiegend aus ihnen liebt Thomas Mann — Aegypten Theater in Wien Von unserem Berichterstatter J. R. Wien, Ende Oktober Die kürzlich erfolgte Wiedereröffnung der ״Kammerspiele“ in der Rotenhirmstraße als ״K a n! m e r s p i e 1 e des Theaters in der Josefstadt“ (Max Reinhardts Theater) .brachte mit der Wiener Uraufführung des englischen Kriminalstückcs ״Liebe eines Fremden“ vor! Frank Vosper dem Hauptdarsteller Ernst Deutsch einen atißergewöhnliehen Erfolg. Deutsch gibt i!1 dem Stück einen modernen Blauhart, der sein Opfer alle Schrecknisse des Frauenmörders auskoslen läßt; von Akt zu Akt, ja von Szene zu Szene, ganz besonders aber in den letzten zwei Bildern, da es zur Explosion des ganzen Dramas drängt, hält Deutsch durch sein verhaltenes, allmählich sich steigerndes und unerhört packendes Spiel das Publikum in größter Spannung. Neben Deutsch brillieren die alte Tante Frieda Richard 5, das junge Mädchen Kitty Stengels, der unglückliche verlassene Bräutigam Hanns Thimigs, Das Stück, dem Hofrat Heine seine gediegene Regie-Hand leiht, bringt allabendlich ein airsverkauftes Haus. Als Eröffnungsvorstellung der 0״ es t e r r e i c h i s c h e n Volksbühne“, die das literarische Studio des ״Deutschen Volksfheatcrs“ bildet, gelangt jetzt Felix Saltens historisches Stück ״K a i s er t oe 111 e r“, das das Leben und Schicksal von Marie Louise, der Tochter Kaiser Franz.’, der spateren Gattin Napoleons, dramatisch gestaltet, zur LJ r - .1 u f f ii h r 11 n g. Salten will mit seiner ״Kaisertochter“ ,.den Kampf einer Frau um ihre Liebe dramatisch darstellen״ — wie er dies in einem Interview bemerkte; allein über das schicksalhafte und dunkle Lehen der Marie Louise, die ans Staatsraison die Gattin des großen Korsen wird, leuchtet das ganze weltpolitische Drama jener Tage des Wiener Kongrosses auf, da Metternich die erste Geige im europäischen 1 lerrsclur-Konzert spielte. Das Repertoire-Programm der ״Kamrnerspiele des Theaters in der josefstadt“ hatte die Uraufführung von Schn i t z- 1 e r s ״Fräulein Eis e“ in der dramatisierten Bearbeitung durch Dr. Ernst Lothar, den Direktor des Josefstädter Theaters, als Dezember-Novität vorgesehen. Nun erfährt man, daß diese Uraufführung nicht in der Filiaibiilmc, sondern im ״Theater der Josefstadt“ selbst noch in dieser Spielzeit vor sich gehen wird. Die männliche Hauptrolle wird von Albert Rassermann, die Rolle des Fräulein Flse von Rose Sfradner verkörpert werden. Das Sehnitz.lerische Stück soll in der Bearbeitung Lothars auch in Paris und Budapest aufgeführt werden. Gleichzeitig hört man, daß Elisabeth Berg 11 er, die bekanntlich als erste ״Fräulein Else“ im F i 1 m (mit Stcinriick als Vater) spielte, die Absicht hat, die gleiche Rolle in einer englischen dramatischen Bearbeitung demnächst auf der englischen Bühne zt» verkörpern. In dieser Rolle soll die Bergrier dann auch in New York atiftreteu. Die unter der Direktion Dr. Rudolf Beer, des früheren Direktors des Deut sehen Volkstheaters, stellende ״Scala“ hat nach verschiedenen Experimenten zum ernsten Schauspiel zurückgefunden, das dem in literarischen Bezirken beheimatden Dr. Beer sichtlich viel nähmteht. Das kam denn auch in zwei höchst interessanten Aufführungen der beiden Stücke, ״Das letzte Signal“ und ״Neun Offiziere“ von Georg Fraser, zum Ausdruck. Im ersten Stück ״Das letzte Signal“, das uns in die Zeit der Burenkriege versetzt, um so an ein zeitnaheres Thema vom Schicksal der Grenzbewohner zu erinnem, aber noch mehr in seinen ״Nenn Offizieren“ (dieses Stück gelangt unter der Regie Arthur Hellmers als Ensemble-Gastspiel des Theaters an der Wien an der ,,Scala“ zur Aufführung), dis das Schicksal des diplomatischen Korps während des Boxer-Aufstandes in Peking um die Jahrhundertwende behandelt, präsentiert sielt Fraser als ein Bühnenautor von verblüffendster Wirksamkeit, als ein Szcnengesfalter, von hinreißender Plastik. Gespielt wird in beiden Stücken ganz ausgezeichnet. Zu erwähnen ist noch, daß in den ״Neun Offizieren“ der bekannte jüdische Schauspieler Jakob Feld- Hammer (der einst auch als Direktor des Deutschen Volkstheaters in Wien tätig war) nach längerer Zeit wieder auf einer Wiener Bühne in einer tragenden Rolle zu sehen ist. beiseite! — den Stoff zu einem so umfänglichen Roman her• aus, der von Menschlichem, Unmenschlichem und lieber• menschlichem randvoll ist. Das Legitime dabei ist, daß es sich wirklich um ein Herausheben und nicht etwa, was das Gegenteil davon wäre, um ein Etnfüllen handelt. Der biblische Text und überhaupt die Ueberlicfcrung werden noch einmal fruchtbar gemacht, sozusagen aus ihrem Urzustand heraus, aus der Tiefe des Erdreichs heraus, in dem sie verwurzelt sind. Es wird ihnen nichts aufgepfropft, nichts Verzweigtes und Verästeltes zugemutet, dessen sie nicht vermöge ihrer vegetativen Herkunft und Kraft fähig wären. Das Mythische der Uebcrlicfcrimg wird unter eine neue Sonne gestellt, vor deren befruchtender Wärme es sich mit neuer Fruchtbarkeit entfaltet. Es versteht sich von selbst, daß die neuen Früchte, bei aller Wahrung ihrer mythischen Säfte, psychologisch indiziert sind — psychologisch’überhaucht und gefärbt. Aber es ist Hauch und Farbe aus mythischer Konstitution. Das alte, uralte Erwachen wird nochmals geweckt, und siehe, es vollzieht sich unter Erneuerung der alten־ Träume, die nun, im Zustand heutiger Wachheit, ihre Vielschichtigkeit, Vieldeirtigkeit, Vielsinnigkeit aus sich hernussteüen. Ihr Figürliches drückt, preßt sich in Figuren aus, ihr Mcnsclihcitlichcs in Menschliches. So entstehen Typen und Profile von fast erschreckender Deutlichkeit des Ausdrucks. Wir widerstehen hier mit guter Absicht der Versuchung, an der oder jener Figur nachzuweisen, wie der umsichtige Zauberer Thomas Mann Altes neu gemacht und Neues in die Ohrt des Alten getaucht hat. Denn wir wollen der Lektüre nicht die Geheimnisse vorwegnehmen, durch die sich die biblische Mythe iiochmals verstoftlicht, nochmals aus Same und Blüte neu fruchtet. Nur dies sei gesagt, daß der Dichter in diesem Band eine Reihe von Figirren und Situationen geschaffen hat, die ausschließlich durch ihre pralle Lebendigkeit ins Uebcrlcbcnsgroße emporwachsen. Die alleiköstlichsten unter diesen!Überlebensgroßen sind ironischerweise zwei . . . Zwerge. Wie Potipliar und sein Weib neu aiigeschaut und neu erfüllt sind, so daß das Erotische der Ueberliefermig eine neue Richtung und Weihe bekommt, die aber im Uralten tief begründet liegen, das soll aus dem Buch seihst ersehen werden. Thomas Mann, immer wieder eingedenk, daß er der späte Ueberlicferer frühen Ueberliefenrngsgutcs ist, sagt einmal, daß ״wir“, nämlich er, aus Josephs Geschichte und Leben ein ״Tempeltheater‘• zu machen im Begriffe sei. Ohne dieses Wort sehr glücklich zu finden, darf man seinen Sinn darin erkennen, daß die Erzählung in der Tat sicli zu einem Mirakel- und Mysterienspiel ausrundet, das sich, sozusagen, auf den zeitliehen Vorstufen des künftigen Tempels entwickelt und vom Heidnisch-Götzendienerischem her seine bunte und überbunte, seine laute und überlaute Theatralik empfängt. Immer aber bleibt sichtbar: der mächtige Prospekt und das gewaltige Tor im I liittergrinid, die, genau wie in den alten Mysterien, die irdische Welt und das irdische Getriebe abscheiden vom gotthcli-himmlischen Bereich und auch zu ihm, dem erwünschten, erahnten und erhofften, hinüberkitai. Anders gesagt: hinter diesen! ״Tempeltheater“ steht Gort und Geist-Gott und Geist der jüdischen Welt! Hermann Sinsheimer Prager Brief z. r. Prag, 26. Oklober Berufsumschichtung und Jung-Wizo Das tschechoslowakische Judentum besitzt in Prag in dem unter der Leitung von Willy Schönfeld, einem bekannten Graphologen, stehenden Eigrnmgspriiftingsinstitut eine Einriciitung besonders produktiver Art. Die Hauptaufgabe dieser Beratungsstelle ist die Umschichtung und die Abstellung (kr Binnenwanderung, die immer noch aus der Slowakei und Karpathonrßland sich in starkem Strom nach den historischen Ländern ergießt. Einem Bericht, den Scliönfcld gegeben hat, ist zu entnehmen, daß die Ideale der jungen jüdischen Generation in der Tschechoslowakei sieh genau so geändert haben wie in anderen Ländern, daß allein 40 <״׳ aller Knaben technische Berufe bevorzugen ^md nur 13 י. י für kaufmännische Dinge Interesse zeigen. Auffallend ist die Wandlung in der Muttersprache, Während früher das Verhältnis tschechisch sprechender zu deutschsprachigen Kindern die Zahl 68:32 zeigte, ist das Verhältnis heute 87 :13. Unter dem Vorsitz von Frau Fini Brada, der umsichtigen Landesleiterin der Jung-Wizo, deren Rundcsleitimg sich irr Wien befindet, fand in!,rag die diesjährige Lührertagung statt. Nachdem Frau Polak eine Uehersiclit über die Gesamtieistung der Jung-Wizo in Mittel- und Osteuropa gegeben hatte, schilderte Frau Brada das Wirken in der TSR. Die Jung-Wizo besitzt hier 24 Ortsgruppen, die seit vorigem Jahr fl il ir 11 f» r? Buchhandlung Martin Salomon kyuylic I * B«rMn NO o, 7s r T.Öphoni E 3 Z635 über eine eigene in tschechischer Sprache geschriebene Zeiischritt verfügen, als Ergänzung zu der von der Wiener Bundesleitung herausgegebenen Jung-Wizo-Zeitung. Auch der Versuch einer Sommerschule wurde gemacht. Jüdische Kunst In der Deutschen Sendung des Prager Rundfunks gelangte!1 in diesen Tagen vier Lieder für Sopran und Streich- Orchester zur Uraufführung, die der Karlsbader Walter Kaufmann vertont hat. Kaufmann ist vor einiger Zeit nach Indien ausgewandert und hat dort ein Streichorchester gegründet. Er hat diese vier Kompositionen auf Texte des Prager Lyrikers Heinz Politzer komponiert. Zwei der Texte batten palästinensische Themen (״Jerusalem“ und ״An der Klageinaucr“). Der starke Stininumgsgchalt der Dichtung fand in Kaufmanns Kompositionen eine eindrucksvolle Vertonung. Einige Tage vorher ging das Hörspiel ״Moni und die Herbstliehen“ von Manfred Georg in der Vertonung von H. W, Süßkind unter der Regie Heinrich Fischers in Szene. In den Prager Konzertsälen gab es in diesen Wochen zwei Sensationen: den jungen Nathan Müstein, der Bach, Beethoven und das bekannte Wicniawski-Konzert besonders herrlich vortrug, und Josef Szigety, der ebenfalls mit einem klassisehen Programm stürmisch gefeiert wurde. Auf der tschechischen wie der deutschen Biilme hat gegenwärtig das Stück eines jüdischen Autors besonderen Erfolg: die ״Reitcrpatrouillc“ FrantiSek Langcrs, Langer, der den Sibirienzug der_ tschechoslowakischen Legionäre mitgemacht hat, schildert hier den Zusammenstoß einer tschechisehen Patrouille mit roten Partisanen. Die Patrouille wird eingekreist in einer Blockhütte und fällt Mann für Mann, bis Ersatz, den letzten vor dem sicheren Tode rettet. Das sch!־ menschliche, in der Typencharakterisierung glänzende und ohne Hurra-Patriotismus, aber aus einem tiefen Empfinden für den Sinn des innerlich Nationalen heraus geschriebene Drama wurde letzthin am Geburtstag des Präsidenten fast auf allen Bühnen als Musterbeispiel eines vaterländischen Stuckes im besten Sinne gespielt. Im Deutschen Theater kam es unter der Regie von Arnold Mark heraus und fand eine besonders glänzende Darstellung. ״Rcitcrpatrouillc“ ist auch verfilmt worden. Hier spielte aie interessante Rolle des Partisanenführers der früher an der Berliner Volksbühne tätige Ferdinand Hart, der ganz, und mit nachhaltigem Erfok zur tschechischen Bühne übergegangen ist.