Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-10-30 · Heft 87 (30.10.1936) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 87 (30.10.1936)
Date
1936-10-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2654003--29742-2691284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 87, 30. X. 1936 Wie gestalte ich den Schahbat? * . Diese Rubri/1 mußte aus technischen Gründen am letzten Dienstag aus fallen und wird hier nachgetragen. Med. Für Schabbat, 31. Oktober Wochenabschnitt ״Wajera“ (I. ß. M. Kap. IS -23) I. Wir werden in unserem Wochenabsehnift von der Unterredung Gottes mit Abraham über das Schicksal der Stadt Sodom lesen (Kap. 18, lb—!9) und dabei die Worte Abrahams finden: .,Sollte der Richter der ganzen Welt kein Recht üben?“ (iemiili unserer Absicht einige Auszüge aus dem Oebiete des jüdischen Hechts darzustellen, beginnen wir — in loser Anlehnung an die obigen Worte unserer Sidra — mit der Wiedergabe einiger Stellen, die das Wesen und die Aufgabe des jüdischen Richters charakterisiere״. Sie sind denr Hauptwerk des Rambam, Mischnc Thora, entnommen und stehen dort im ״Huch von den Richtern“, in! Kapitel ״Vorschriften über des Svnhedrion“. Von den Richtern Man setzt in das Svnhedrion — sei es ein großes oder ein kleines — nur Weise und Verständige ein, die sich auszeichnen durch Kenntnis der Thora und Männer mit großem Verstand sind. Sie sollen auch etwas von den anderen Weisheiten kennen, 1׳. B. Medizin, Rechnen, Astronomie, Astrologie und die Wege der Wol kendeuter, der Wahrsager und Zauberer mul die Nieht igkeiten des Götzenebenstes u. dgl., damit sie sie beurteilen können. Man darf 11! das Suihedrion nullt besonders alte Männer und keine Kastraten ei!!setzen, weil diese zur Grausam keit neigen; und at11.it keinen, der keine Kinder hat, denn er soll havmher/ig sein. Den König in Israel darf man nicht in das Svnhedrion setzen, weil man gegen ihn nieht streiten und ihm nicht widersprechen darf. Aber man darf den Hohepriester einsetzen, wenn er an V\ eisheit dem entspricht. So wie das Gericht rein sein mul) im Sinne des Rechts, soll es frei sein von Fehlern des Körpers. Man soll sich bemühen und prüfen und suchen, dal) sie alle Mariner ton Frfahruttg sind, von hohem Wuchs, von gutem Aussehen. Sie sollen das Zauberwesen verstehen. Und sie sollen die!neusten Sprachen kennen, damit das Svnhedrion nichts aus dem Munde ries F’eberset/ers hören muß. II. Wir empfehlen Fortgeschrittenen, sich nach der Lek- Ihre der Fr/ahhmg von der Bindung isaks über den Sinn der Prüfungen zu unterhalten, von denen die Thora neben unserem Falle öfter erzählt. Maiinonides widmet dieser Frage ein interessantes Kapitel in seinem Buch ״More Newuchim“, Buch III, Kap. dl. Man vergleiche damit die Ansicht des Ran!hau in seinem Kommentar zu Kap. 22, I, der vielen Chumasch-Ausgaben heiged ruckt ist. I. E. Die Entwicklung der Halacha Am letzten One״ Schabbat haben wir uns bereits über das Wesen der Halacha und ihre Abgrenzung von der Aggada unterhalten. Wir werden heute das Gespräch fortsetzen und die Entwäcklungslinien der Halacha von der Zeit ihrer rnutinaßlifhen Entstehung, über die durch die- Jahrhunderte miindlieh überlieferten Traditionen, bis zu ihrer endgültigen Sartttn- Jung und schriftlichen Fixierung in der Mischna verfolgen. Wir wissen, daß die in der Heiligen Schrift sehr knapp, oft ganz allgemein gefällten Gesetze einer detaillierten Erläutcrung bedurften, daß manche Normen den Zeit- Verhältnissen angepnßt werden mußten und daß wiederum verschiedene Sitten und Bräuche, die das Volk lange Zeit geübt hat, durch Ableitungen aus der Bibel bestätigt und sankfirmiert werden mußten. Wiederum mußten manche Gesetze mit der bestehenden Praxis und den Voiksbräuehcn in Einklang gebracht werde״. Das alles setzte eine sehr intensive Forschungstätigkeit und Interpretation des Gesetzes und die Festsetzung der verpflichtenden Vorschriften in allen inbgliehen Lehem-Iagcn und F'm-.tänden voraus. Wir wi-'cn, daß schon in einer sehr frühen Zeit, sicherlieh nicht viel '■[!ater als nach der Rückkehr aus dem Babv- Ionischen Fxil die eingehende Frläutmirsg und Weiterbildung des Gesetzes begann. Das geschah zunächst in der Form der mundliebcn t 'eberindenitig, indem ein l ielehrtengeschlecht dem anderen die Resultate seiner Forschung weitergab. Mit der Zeit bildet(' -ich neben der geheiligten schriftlichen Lehre, der ״Tora sche-biktaw“, die mündliche Lehre, die sogenannt» ״Tora schc-bai-peli“ heraus. Im Gegensatz zur ersteren durfte die zweite nicht aufgezeichnet werden. Der talmudischen Tradition galt cs als feststehend, daß verschiedene ״Takkanot“ Verordnungen und Rechtsinstitutionei!) Mosche, Jehoschua, )avid, Schelomo mündlich weitergegeben hat. Auch sonst galten die meisten altertümlichen Halachot, deren Grund und Entstehung nicht mehr bekannt waren, als ״Mosche von Gott am Sinai gegebene Satzung“ (הלכה למשה מסיני». Es wäre gut, hier die einzelner« Stellen der Mischna heranzuziehen. So z. B. heißt es Reali '2,6: ... ״Es sagte Nactium der Schreiber, es ist mir überliefert von R. Meascha, der es empfangen hat von seinem Vater, der es wieder von den Paaren (Suggot), die wiederum von den Propheten empfangen haben: Eine Halacha des Mosche vorn Sinai her“... Aehnlich die Mischna Edujoth 8,7 und Jadairn 4,3. Der Talmud selbst unterscheidet noch zwischen solchen Vorschriften und Gesetzen, die sowohl ihre Anlehnung wie Ableitung in der Thora finden als die ״deorajta“ lind im (!egensatz. hierzu die späteren Verordnungen der Weisen als die ״derabbanan“. — Nach der Tradition begann die Ausdeutung der geschriebenen Thora und die Festsetzung von Gesetzen durch die ״Männer der großen Synode“ (אנשי כנסת הגדילה)• Die älteste Halacha wird zumeist auf die sogenannten Gelehrtenpaarc (Suggot) zuriickgefiihrt, denen der engste Kontakt bzw. die Fortsetzung der alten Institution der großen Synode zugeschrieben wird. Eine rekonstruierte lückenlose Traditionskette von Moses, über die Aeltestcn (זקנים), die Propheten bis auf die späteren Gelehrten versuchen die ״Sprüche der Väter“ in Kap. 1 zu gehen. Wir werden dieses Kapitel lesen und in der Unterhaltung das geschichtliche von dem traditionellen Moment scheiden. Einer der ältesten Halachisten und Fortsetzer der ״Suggot“ war Hillel (הזקן), der Alte), auch ״der Babylonier“ genannt, der als der Begründer von neuen Methoden für die Ermitthmg der Halacha gilt. Bekannt ist auch sein Zeitgenosse und Gegner in der Halacha Schammai und die auf Grund der bestehenden Meinungsverschiedenheiten in der Auslegung und Anwendung des Gesetzes entstandenen zwei berühmten Oelehrtcnschulen der Hilleliten, ״Betli Hillel“ und ״Sehammniten“ (Bett! Schammai). Während Hillel und nach ihm seine Schule bei der Anwendung der Halacha mehr den Lebensnotwendigkeiten Rechnung trug, neigte die Schule Schanimais mehr den Erschwerungen zu. — In diesem Zusammenhang werden wir uns über die leuchtende Gestalt dieses großen und edlen Meisters Hillel, um dessen Person die spätere Zeit einen wahren Legendenkranz gebildet hat, unterhalten. Wir wissen, daß er zur Zeit Herodes I. und nach ihm in Jerusalem gewirkt hat und daß ihm besonders seine Geduld und Menschenfreundlichkeit nachgeriihmt wurde. Der französische Gekehrte Renan nennt ihn den Lehrer Jesu. — Anschließend daran sollte man manche Berührungspunkte der Lehren Hillels, wie sie uns im talmudischen Schrifttum überliefert werde״ ,״,;* itenen Jesu eingehend besprechen. M. Ausbildung für den Religionsunterricht. Der Preußische Landesverband beabsichtigt, erneut einen Kursus zur Er- 1 a 11 g u n g der Befähigung, jüdischen R e I i g i 0 1« s - unterricht zu erteilen, für Studienräte (-innen), Studienassessoren (-innen), Studienreferendare (-innen) sowie sonstige Lehrkräfte, die mindestens eine Staatsprüfung abgelegt haben, cinzurichten.!Der Kursus ist auf 2 Jahre berechnet. Nach erfolgreichem Besuch können sich die Teilnehmer einer Abschlußprüfung unterziehen, nach deren Bestehen ihnen die Befähigung zur Erteilung von Religionsunterricht an Volks- und Religionsschtiien zuerkannt wird. Der Unterricht soll an 2 Nachmittagen der Woche mit je 2 Doppelstunden stattfinden. Unterrichtsfächer: Religionsichre. Hebräisch, biblische und jüdische Geschichte, Palästinakunde. — Anmeldungen nebst Angaben über religionswissenscliaft’iche Vorkenntnisse sowie Nachweis der pädagogischen Vorbildung bis zum 15. November beim Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Beiiin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158. ימאמ,* לחניכה Sammlung von Stoffen zur Veranstaltung von Charuikkah-Auffiilmmgen in Schulen und Jugendbünden, in hebräischer Sprache, heratisgegeben vom Tarbuth-Dezeraat der ZVfD. (Redaktion Dr. Kaie ko). Aus dem Inhalt: Lebende Bilder (״Neroth Chanukah“, ״C.hanukiah“, ״Chanah w'schiw’ath Baneha“), ״Orcach hiiti-zafui“ (Aufführung für die Kleinen), ״Mered Hamakabim“ (Einakter), ״Maoth sc hei Chanukah“ (3 Bilder nach Scholem Alejchem), Gedichte von Tscheuiiehowski, Bas, Karfiwner. Das Heft enthält auch eine Notenbeilagc. Preis (einschl. Porto) RM. 0.40, bei Abnahme von mehr als 5 Exemplaren RM. 0.30. Erhältlich im Tarbuth• Dezernat der ZVfD., Berlin W15, Mciuekestr. 10. Juden und Jüdisches im Rundfunk Freitag, 30. Oktober: Paris (1648), 11.45: Schma Israel von Rabb. Henri Clum1|>״״T1e; 12.45: Jiidhehe .Sendung; 13.30: La Perl v״n Faul Dukus; 18.30: MemlcR-olui: Schot (Rehe Symphonie. —- Hn).-cl (484), 18.50: Huh(rnuu1;■pick Kol mtiiei. — llilversuml (1875), 19: Rubinslein: Melodie. — Wien (506), 19.25: U. a. Mcmlcbsuhn. — Hitver-um 11 (302). 20: LJ. a. Mendelssohn: Arie au■; ״Paulus‘-. — Reval (410), 20.35: Mendelssohn: halienix'lie Simonie. Sonnabend, 31. Oktober: Straßhur11.45 ,(349) ״: U. a. Mcverbeer, aus: ״Die Aii ikaiierin‘'. — Hiii.-eL fr.in/.. (484), 18.15: Mendelssolin: Trio (.'•Moll. — London (342). 20.30: U. a. Rubinstein und Mo-zkow-ki. — Budapest I (550), 22.40: U. a. Mendelssohn: Reiornralions-Sinh sine. Sonntag, 1. November: Wien (507). 11.45: U. a. Ilebriden-Üuverture von M1׳i1(teks(11m. — W.iiM'hau (1339), 12: 1'. a. aus ״Iiugcnot- H'n‘1, von Meverberr. ■״׳■״■ Monte ( Vm1־i (257), 12.40: Ouvertüre zu ,.P.mUu“, v״n MendeL-oh״,״,!! _ .״ei (484). 13: U. a. Meyerbeer, kiiLiii-U'iii, — Kadi״ l’.uis (1648), 13.15' Aus ..Der Prophet“, von Meveiheer; 14: a. Mendel,״ ihn. — Strußburg (349), 14.15: L. a. Oilenluelii.ina. — Pro״ :14.30 ,(470) ״llntimamis Frzahlungt׳:,‘•, von ( )!:״:!>,trh. — War i li.iii (1339), 17: U. a. Mahler, Adagietto. — Sotiens (443). 18: Werke von Mendelssohn. —. — Paris (432). 21.30: ()per von Daiins Milhaud. — Warschau (1339), 21.45: ('. a. (Vunnuovo-Tedesco. — Wien (507), 23.10: Sdiallpluticn. tu. :1. Artur Schnabel. Montag, 2. November: Str.ililmrg (349), 12.45: SchallplaUcn: Alexander kipnis siugi. — Wien (507). 16.05: Gustav Mahler, Kinder- Toleiilteder. •— Lyon (463), 17: U. a. Milhaud. — Wien (507), 19.15: Scliallpi.-iftrii: Selina Kmz, Jn-cpli Schwarz. —~• Paris (432), 20.35: F. a. Ainionie a. d. lud. Sinfonie, von Mendelssohn. —י Ihü-wl (484), 21.55: Schallplatte::: Ignaz Pricdmann spielt MendcL-ohn: Lieder ohne Worte. Dr. Hans Nathan, musikalischer Mitarbeiter der ״Jüdischcn Rundschau“, begibt sich in den nächsten Tagen nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir wünschen Herrn Dr. Nathan, dessen Sachkunde und Fähigkeit insbesondere auf dem Gebiete der jüdischen Musikwissenschaft unsere Leser aus zahlreichen Beiträgen kennen, daß er auch in dem Lande seines künftigen Aufenthaltes Gelegen* heit zu fruchtbarer Betätigung und zur Förderung der jüdischcn Musikbestrebungen finden möge. Bialik-Briefe werden gesammelt. Wir erhalten von der Witwe Bialiks und seinem Mitarbeiter J. H. Rawnitzki eine Mitteilung, daß sie beabsichtigen, Briefe Bialiks an Schriftsteller, an seine Freunde oder an andere Adressaten zu sammeln und herauszugeben. Damm werden alle jene Personen, in deren Hände sich Bride Bialiks befinden, gebeten, diese an die Adresse von J. H. Rawnitzki, Tel- Awiw, Achad-Haamstr. SO, ein/.ustndcn. Es wird versichert, daß die Briefe nach Abschriftnahnie zuriickgeschickt werden, sofern die Besitzer nicht den Wunsch haben, sie dem Bialik- Museum zu stiften. Private Dinge, die sich zur Vcröffentlichung nicht eignen, werden nicht veröffentlicht werden, Die jüdischen Zeitungen werden um Nachdruck dieser Mitteilung ersucht. Die englische Zionistische Vereinigung gibt eine kleine Broschüre von Israel Cohen heraus, ,die betitelt ist ״Points about Palestinc“ (Preis 1 penny). In dieser Flugschrift werden in 16 Paragraphen einige der in England üblichen Einwendungen gegen den Zionismus behandelt und widerlegt. In der Polemik, die sich jetzt in Fängland über alle Zeitungen erstreckt,■ dürfte diese Broschüre gute Dienste leisten. — Zu gleicher Zeit erscheint auch die dritte Auflage der Broschüre desselben Autors ״The Progress of Zionism“. Hier wird aut 36 Seiten die Entwicklung des Zionismus von frühester Zeit, der Aufbau des Nationallleims in Palästina selbst und die sich heute ergebenden politischen und ökonomischen Probleme in vorbildlicher Knappheit behandelt. Hechaluz in Holland. In dem Aufsatz ״Juden in Holland“ in Nr. 83 wurde mitgeteilt, daß die holländischen Chaluziin in der Chevvrat-Olim und die: Chaluzim aus Deutschland im Hechaluz organisiert seien. Hierzu teilt uns der Hechaluz in Holland mit, daß der dortige Hechaluz etwa 200 Mitglieder hat, davon 35 holländische Chawerim und der Rest aus Deutschland und Polen. Die Chcwrat-Olim mit etwa 60 Mitgliedern besteht bis auf wenige Ausnahmen aus holländischen Chawerim. Wie uns mitgeteilt wird, war Herr A. H. Unger an der Gestaltung des Makkabifilms mitbeteiligt. Lud daran! jjiiif׳!’andre hinaus, ganz voll mit kaltem Sodawasser c>he:...:1f auf dem heißen Schabbc-sossen, und die Bude zitterte wieder unter seinem Tritt und schwankte zurück, nachdem er auf die Straße getreten war. Als ob sie sich Verheugen wollte und ihn mit einem hölzernen ״Gut Schtibbes“ hi nun.-,heg leiten. Pantire bewegte -::11 in der Richtung auf den Wald zu, wo nie andern l'mrsilieii schon auf ihn warteten, und er zuckte die Achseln, als ob er sagen wollte: ״Na — schlecht bab ioh’s getroffen!“ Während er ging, fing das Selterwasser in ihm an warm zu werden. Die Kohlensäure stieg ihm in die Nase. Also drehte er sieh nach der Bude um und rief: ״Wowko!“ W owko steckte sein schlaues, geschorenes Köpfchen aus der Tür. ״Is gut, Wowkoi“ sagte Pamirs•, jm Ton eines Mannes, der bereit ist, cinzulenkcn. ,,Dein Wasser da! Nicht schlecht! Hörst du? Nicht so schlecht!“ Pandre ging ein paar Schritte weiter, und war noch nicht bis zu der alten Scheune gekommen, die am Waldrand stand, da fing das Sodawasser ir» seinem Bauch an zu rumpeln. Das freute ihn. Es tat ihm leid, daß er Wowko unrecht getan hatte. Sein Gerechtigkeitssinn ließ ihm keine Ruhe. Also drehte er sich wieder um und schrie: ״Wowko!“ Wowkos Kö! fchc-n lugte wieder aus der Türspalte. ״Dein Sodawasser — Wowkoi — Großartig! Richtig anständiges Zeug!“ Wowko 7.0 ■ si!1 zurück, geschmeichelt von dem zweiten Lob, und Pandre ging wieder ein paar Schritte weiter. Da fing die Köhler, :'iure nn richtig auf/.urüumen. Es blies in ihm, es spielte alle Stückchen, der grüne Wald stöhnte und die kleinen Kiefern erschraken. Und Pandre fühlte die Erleichterung des Rfllpsens und die Erinnerung an sein gutes Essen. Dankbar also drehte er sich zum dritten Male um und brüllte: ״Wowko!“ Wowkos Kopf erschien wieder in der Tür. ״Oi, Wowko! Großartig! — Ein Kerl bist du, Wowko! - Tz, Tz!“- Diese Szene sah die Bude beinahe jeden Schabbat im vorigen Jahr, als Pandre noch Junggeselle war, als er noch nicht an Senders Pferde gewöhnt war und »ich noch vor Mcri fürchtete. Nun, im frühen Frühjahr, war es noch nicht die Zeit für Sodawasser. Die Bauern, die die Straße herunterkainen, waren noch nicht durstig. Die Fuhrleute, Arbeiter und Gehilfen gingen noch nieht im Franzowskower Wald spazieren. Aber die Bude am Untersberg hatte schon angefangen, aus dem Winterschlaf zu erwachen. Die eisernen Rjogel wagen schon zurückgesclioben, die hölzerne Tür -war offen, Wowkos Vater und Mutter fegten die Spinnweben aus und warfen tote Fledermäuse heraus, die erfroren waren. Die Bude stand offen, gähnte, wartete auf Besucher. Würde wohl Pandre diesen Sommer wiederkommen und Sodawasser trinken? Vor ein paar Monaten hatte ihn die Bude vorübergehen sehen, zwischen zwei Polizisten mit bloßen Säbeln. Seitdem war er nicht wiedergekommen. ACHTZEHNTES KAPITEL UN! 1EILVOLI.E BEGEGNUNG Früh am Morgen, nachdem er rasch gebetet halte und noch vor dem Frühstück, fing Sender an, für den Weg nach dem Untersberg zu rüsten. Bär Z ״ vv e I, der Schwiegersohn des Müllers, hatte Djirka gekauft, und er wollte sie ihm bringen. Sender schämte sieh dafür, wie ein Vater, der verarmt ist und seine Tochter als Dienstmädchen in ein fremdes Haus führt. Es war schrecklich für ihn, ein treues, williges Tier zu verkaufen, und schlimm, als Fuhrmann auf seine alten Tage mit nur einem Pferd zurflckzublciben. Ohne Sdunendrik, nun mich noch ohne Djirka. Deshalb beeilte er sich auch so sehr. Es sollte alles erledigt sein, solange die Stadt noch schlief, solange die Läden noch geschlossen waren. Er wollte keinen von der Gilde treffen. Nur Gott und dar, Morgenlicht sollten seinen Kummer sehen. Er nahm den leichten Wagen und spannte Schmarwoz ein seinen starken, braunvveißen Schecken. Er wollte Djirka hinten an den Wagen binden und nachlaufen lassen. Der Handel am Untersberg würde dann rascher gehen; er brauchte bloß den Strick zu lösen, das Geld in die Tasche zu stecken, und fort mit ihr, aus den Augen, in eines andern Stall! Es war närrisch, sich um eine Stute zu grämen, Pandre war wichtiger! Die Vorbereitungen für den Prozeß zogen sich zu lange hin. Der neue Stadlhauptmann mit dem aufgezwirbelten Schnurrbart hatte sie verschleppt. Er trieb immer neue Zeugen für die Anklage auf, bedrohte die Zeugen auf Pandres Seite, und verbreitete unter ihnen eine Atmosphäre von Furcht Keiner wagte, etwas zu tun. Und die ganze Geschichte war altbacken geworden. Zu alt jedenfalls, um frisches Geld hineinzustecken. Eines Tages sah Sender, daß er ganz allein stand, mit seiner Stute, gegen eine ganze Stadt voll lc ,(herziger Leut«; sogar seine eigene Frau und Tochter iie" -1 nicht nach, ihn zu drängen: ״Verkauf die Stute! Verkauf Djirka!“ Er konnte dun schlimmen Tag nicht mehr aufschieben und sagen, daß er bis zur Sommermesse warten wollte, una besser zu verkaufen. Denn seine Frau war auf dem Markt gewesen und hatte einen Käufer gefunden: den Schwiegersohn des Müllers vom Untersberg. Bei ihm würde es Djirka gut haben, behauptet« Senders Frau. Sie würde in der Mühle versorgt sein. Viel Hafer kriegen. Der Müller stand sich gut mit den Bauern. Und das gute klare Wasser lag nahe, der Fluß, für Tränke und Schwemme, und viel gute Weide gab es rundherum. Djirka würde es an nichts fehlen. Was sagst du? Sie werden sie schwere Kornsäeke tragen lassen? Nun, was sonst? Glaubst du, sie werden sie müßig im Stall stehen und fressen lassen wie du? * Während Sender Djirka hinter den Wagen band, um si« beim Müller abzuliefern, fing ein kühler Morgenwind über den See her zu blasen an. Djirka fing nach ihrer Gewohnheit an zu zittern, um Sender zu zeigen, daß sie fror und zugedeckt werden wollte. Sender machte sich nichts wissen. Und er brummte unterm Bart: ״Bär wird dich jetzt zudecken, der neue Herr! Wad dir einen Pelzmantel kaufen! Wärst den Sender vergessen!“ Sender hatte File. Er nahm sich nicht einmal Zeit, ein Glas Tee zu tränken, und fütterte die Pferde nicht, ehe er wegfuhr. Schmarwoz sollte sein Futter bekommen, wenn er zurückkam. Und Djirka ■würde der neue Herr füttern! Bär, der Schwiegersohn des Müllers! Er würde ihr Zucker und Milch geben! Sender dachte, wenn er so früh fortfuhr, würde er niemand Bekannten treffen. Aber als er an die Stadtgrenze kam, kam ihm Meier der Knoten entgegen, sein ungeschmierier Karren quietschte. Meier, mit den matten Augen, der seinen Schmendrik gekauft hatte, für sieben Rubel. Die Räder kreischten herzzerreißend. Meier fand es verschwenderisch, Geld für Wagenschmiere auszugeben. Seine Pferde waren immer so arme Luder, daß keine Gefahr bestand, sie möchten so rasch gehen, daß die Achsen heißliefen. Und wenn — dann gab cs immer noch Schlamm auf der Straße, und einen Wassertrog in jeder Gasse — dann konnte man einen Fetzen naß machen und löschen. Sender erkannte Meier den Knoten von weitem, aber e» war zu spät, ihm auszuweichen. Sie waren schon auf dem schmalen Weg zwischen dem Dnjepr und dem See. Meier des Knoten Karren war voller Späne, halber Ziegeln, Baumrinde, leeren Tonnen, Hadern und Knochen. Dem Abhub, den die Leute herumliegen lassen, und keiner aufklaubt, als ein Meier d*a Knoten. Aber der lebte davon. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.