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Jüdische Rundschau · 1936-10-30 · Heft 87 (30.10.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 87 (30.10.1936)
Date
1936-10-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 87, 30- X. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 ״Die Schrift und ihre Verdeutschung“ Martin Buber und Franz Rosenzweig: Die Schrift und ihre Verdeutschung. Iin Schoeken-Verlag. Berlin 1936. Es ist ein hübscher literarischer Brauch, eine gewisse Zeit nach dem Debüt eines großen Autors auch einmal all seine Kritiker von einst in Reih und Glied antreten zu lassen. Da liegt dann so ein Buch über den großen X. ״im Lichte seiner Zeitgenossen“, und der nun längst besserwissende L eser freut sich, wenn er etwa Hebbel einen Stifter verkennen oder den Zopfprediger Schulz gar ein Opus ״Der entlarvte Moses Mendelssohn“ verfassen, aber Kant selbst und Mirabcau dem Entlarvten die feinsten Komplimente machen sieht; der Spaß ist fast so groß wie bei der Operette, wenn die reizende Prinzessin nicht weiß, daß der junge Liebhaber ein Prinz inkognito ist, der Zuschauer im Parkett aber ganz genau informiert ist. Aber ist der Zuschauer, wenn er Bubers und Rosen- Zweigs Erwiderungen an die Kritiker ihrer Bibelverdcutschling liest, auch so genau informiert? Wenn er nicht böswillig ist, sicherlich, aber ... es ist nicht viel mehr als zehn Jahre her, seitdem die Kritiker zu kritisieren haben, und so rasch wird ein Werk und das Besserwissen nicht Gemeingut. Und überhaupt sind die literarischen Verhältnisse rings um diese Sache schwierig, mißlich, unerquicklich, die Angriffe gegen und die Fürsprache für das Werk erfolgen nicht groß und wesentlich, sondern kleinlich, vielfach borniert, soweit sie präzisiert sind, und dumpf, nnpräzis, neblig allgemein, soweit sie aufs große Ganze gehen sollen, ln dem Sammelband ״Die Schrift und ihre Verdeutschung•‘ von Buber und Rosenzweig wird auf die Einwände nur geantwortet, soweit sie präzisiert sind, die Polemik wird also in allen Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten durch Reinigung fruchtbar; der eigentliche Gehalt der Anthologie, ihr umfangreichster wie ihr wichtigsfer Teil, ist unpolemisch, positiv, arbeitet die Generallinie nicht mir dieser Verdeutschung, ihres Systems und ihrer Geschichte heraus, sondern gibt darüber hinaus noch bibeldeutende, zeitklärende, sprachphilosophische Aufschlüsse. Um dafür reinen Tisch zu machen, wollen wir die Polent i k c n zuerst besprechen. Die Kritiken der Verdeutschung sind selbst nicht in diesem Band nachgedruckt, aber teils zitiert, teils aus den Antworten der Uebersctzer zu rekonstruieren. Ein nichtjüdischcr Autor kennzeichnet die Diktion der Verdeutschung als undeutsch, jüdisch, ״Halbjargon“, Buber beweist Wort fiir Wort und Wendung für Wendung nach Grimm u. a. das Deutschtum seines Ausdrucks, von der Treue gegen das hebräische Original ganz zu schweigen. Einem andern Kritiker, der nicht hebräisch kann, wird, was vielen zu sagen ist, obwohl es ja selbstverständlich sein müßte, vorgehalten, die Uebersetz.ungsrichtigkeit müßte wohl hier ebenso loyal vorausgesetzt werden, wie es etwa der Shakespcare-Uebersctzuiig Gtmdolfs gegenüber geschieht; zu urteilen sei dann der nur deutsch Lesende durchaus berechtigt, denn diese Verdeutschung ״ist ein deutsches Sprachwerk und kann recht wohl als ein solches fiir sich betrachtet werden, ja es ist daran für einen, der von Luther und von Jacob Grimm herkommt, mancherlei zu sehen, was die Nur-Hebräer nicht zu sehen bekommen“. Vom ״Form Wollen“, von Stilisieren — das ist ein häufiger Vorwurf von jener ungrciftiaren Gattung der dumpfen, unpräzisen, unartikulierten Widerstände — könne nachweislich keine Rede sein, der ״Stil“ der Verdeutschung komme ״•Stück für Stück aus der Bemühung um ge-!laueste Widergabc dessen, was dastellt, also aus der Schrift selber....“ Gegen den Einwand eines freidenkerischen Kritikers, die Bibel sei ״in unserer Zeit“ stumm, heißt die ebenso apodiktische. Antwort: ״Die Zeit ist passiv, das Wort aktiv“, und den Beispielen des Kritikers fiir seine aus jener Stummheit gewonnene These, eine neue Bibelverdeutscluing sei unnötig lind diese archaisiere, wagnerisiere und ähnliches, wird eine ebenso schart sachliche wie spöttische Abfuhr erteilt. Somit ist die Stellung Buber-Rosenzweigs in der deut- Sehen Sprachwclt bestimmt. Von grundsätzlicher Bedeutung ist Rosenzweigs Stellungnahme zur Bibelkritik, zur Frage der Einheit der Bibel, die er selbst eine Auseinandersetzung mit Orthodoxie iiikI Liberalismus nennt, Die Glaubensgrundlage der Richtung S. R. Hirschs und Breuers verstehe er nicht, der Glauben an die Heiligkeit und den Offenbariir.gscharakter der Thora bringe ihn und Buber nicht zu Schlüssen über den literarischen Entstehungsprozeß und den philologischen Wert des überkommenen Textes. Auch für sie ist die Thora das Werk eines Geistes, den sie ״unter uns“ nicht Mose, sondern •‘״R“ nennen, wie die kritische Wissenschalt, die dies R als Sigel für den abschließenden Redaktor verwendet; aber ״wir ergänzen dieses R nicht zu Redaktor, sondern zu Rabbenn“. Aus solcher Voraussetzung der Einheit der Bibel folge fiir die Uebersctzer die Notwendigkeit der Wörtlichkeit der Terminologie. Daß diese Ucbersctzung für ״künstlerisch“ gelte, sei ein Mißurteil: ״Nicht um Schönheit geht es, sondern um Treue.“ Im übrigen handle cs sich um keinen Widerstreit von ״Religion“ und Wissenschaft, nicht Glauben stehe gegen Wissen, sondern gläubiges Wissen gegen ungläubiges, wobei das Wort ״gläubig“ keine dogmatisch registrierte Ein- Stellung, sondern ein eien ganzen Menschen umfassendes Gehaltenscin bezeichne. Somit ist Buber-Rosenzweigs Stellung in der jüdisch ״religiösen“ Welt bestimmt. Das Verhältnis zur rnodernen Wissenschaft wird nicht gesondert behandelt, aber immer wieder bestimmt. Ihre Kenntnis ist selbstverständlich, und eben darum ist der Abstand von ihr offenbar. Wenn Buber und Rosenzweig schon in früheren Schriften gesondert deutlicher als andere jüdische Autoren die Loslösung von *len Prinzipien des 19. Jahrhunderts lind also vornehmlich von der alleinseligmach enden Wissenschaft gefordert und vollzogen haben, so tun sie es hier um so schroffer. Bei aller Aiifnahmewilligkeit wirklicher wissenschaftlicher Errungenschaften im Einzelncn stellt hinter dem Ganzen ihr tiefes und eben wissenschaftlich fundiertes Mißtrauen gegen das notwendig Hypothetische aller Wissenschaft. Aber auch davon abgesehen ist bei Buber-Rosenzweigs Ansprüchen von der modernen Bibel- Wissenschaft oder Schriftforsclning nicht viel zu profitieren, und ihr Beträchtliches Ueberselzungswerk, das von Kautzsch und seinen gelehrten Mitarbeitern, wird von Rosenzweig einer nicht bloß stilistisch, sondern auch philologisch vernichtenden Kritik unterzogen. Das Mißtrau«! und die Kritik sind also nicht die Resultate einer erworbenen Wissenschaftsfeindlichkeit, sondern gründlicherer Wissenschaftlichkeit, die allerdings von vornherein darauf verzichtet hat, der Wissenschaft um ihrer selbst willen zu dienen, sondern sie als ein Mittel benutzt. Und auch die rationalistischsten Beurteiler, die etwa Buber-Rosenzweigs Glaubcnsgrundlagen verfemen und die Verdeutschung aus Gesell rnacksgründen abtun, werden gegen den hohen Wissenschaftswert, die Neuheit der Thesen und die Exaktheit ihrer Durchführung in Rosenzweigs Auf- «ätzen ״Der Ewige“ und ״Das Formgeheimnis der biblischen Erzählungen“ und Bubers ״Leilwortstil in der Erziihlung des Pentateuchs“, ״IJeber die Wortwahl in einer Verdeutschung der Schritt“ und ״Die Sprach« der Botschaft״ nichts einzu- "enden haben, oder sie nchnen ihre eigen« Sache nicht ernst. Diese vielschichtige Sammlung von Acußcrungen der beiden Uebersctzer über ihre Arbeit enthält natürlich, wenn• SWch nur wie nebenher, auch die Geschichte, die Memoiren des Werkes, mit gutem Recht, denn auch alles Persönliche und Private daran ist schön, efirenvoll und ganz eigentlich ergreifend. Schon lange vorher hatte Buber mit Moritz Heimann, Efraim Frisch und einem Verlag etwas Actuiliches geplant, der Krieg vereitelte es. Aber erst im Jahrzehnt danach, bekennt Buber, lernte er ״unmittelbar verstehen, was das für ein Buch ist“, und warum es, ״das" Buch, erneut sein will. Dann schrieb ihm ein junger deutscher Verleger, dem wir also wahrhaft dafür uns verpflichtet fühlen dürfen, er wolle seinen Verlag mit einem Alten Testament eröffnen, wenn Buber es übersetzen oder edieren wolle. Worauf Buber Rosen zweig die Mitarbeit anbot und sie zur Bedingung machte. Wie Rosenzweig zu dieser Sache kam, das ist nicht minder exemplarisch. Er hatte Jeluida Halevvi übersetzt und war dabei, in seiner immer aufs Ganze gehenden Weise auf das Problem des Uebersetzens überhaupt, der Sprache, der Ausdrückbarkeit des Letztgültigen, also immer heftiger auf die Uebersctzer par exellence, vor allen Luther, und auf die Uebersetzbarkeit des Buches par exellence, der Bibel, gekommen. (Man lese diese Aufsätze zur Schrift- Verdeutschung nicht, ohne auch Rosenzweigs Nachwort zum Jehuda Maiewi noch einmal vorzunehmen./ Aber als das Angebot des Verlegers kam, war Rosenzweig längst Unheilbar krank lind aufs Ende gefaßt, während diese Arbeit lange Jahre erfordern mußte. (Daher die von Roscnzweig stammende Wendung auf dem Titelblatt: ״zu verdeutschen unternommen.“) Er konnte nicht mehr sprechen, ver- Türkischl ständigte sich mit Hilfe einer mühseligen Apparatur und ״sagte": Wir wollen mal einen Versuch machen. Der erste Versuch war, Luther zu revidieren, wobei sich so vieles als nach heutigen! und nach dieser beiden Revisoren Sprachwissen und Sprachbewußtscin änderungsbedürftig erwies, daß von Revision keine Rede mehr sein konnte. Nun entwarf Buber eine eigene Verdeutschung des ersten Kapitels der Genesis, Rosenzweig bemerkte seine Beanstandungen, Hinweise, Aenderungsvorschläge, Buber übernahm davon, was ihm unmittelbar einleuchtele, über den Rest wurde korrespondierl, und nach der Reinschrift wurde dies Verfahren wiederholt, bis nach der dritten Korrektur Imprimatur erteilt wurde. Dies war der äußere Gang der Handlung. (Da nun immer wieder über die Schwierigkeit, diese Verdeutschung zu ״lesen“, geklagt wird, ist hier einiges über die Verteilung der Rollen in dieser Hinsicht festzuhalten. In diesem Sammclbuch wie auch sonst überall, wo es sich um Prosa, Aufsätze, Briefe handelt, liest sich, primitiv gesagt, der Fremdwörter, alltäglich sinnfällige Vergleiche und selbst Vulgärwörter drastisch verwendende Roscnzweig leichter als der Fremd- Wörter tunlichst meidende, unalltäglich, verhaltener schreibende Buber. Aber sonst ist es umgekehrt, das von Buber allein übertragene Buch der Psalmen ist (auch das Verhältnis der ״Schlichtheit“ zwischen beiden Urtexten tnitgcrechnet) leichter iesbar als der von Rosenzweig allein übersetzte Jehuda Halewi. Was die Schwierigkeit des ,,Bibeldeutsch“ betrifft, erklärt Rosenzweig: ״Da bin ich ,derjenige‘. Buber führt täglich schriftlich und einmal wöchentlich mündlich gegen mich mit Leidenschaft und Spott die Sache des armen Lesers.“ — Das aber nur nebenbei, denn der ״arme“ l.eser kommt ja ohnehin nicht in Betracht.) Was den inneren Gang der Handlung betrifft, so ist dessen Geschichte nur dem fertigen Werk zu entnehmen. Sicher ist, daß die entscheidenden Ergebnisse beider! erst aus der Arbeit gekommen sind, und nicht aus dem LJebersetzungswerk. Aus den hier gesammelten Aufsätzen Ist herattszulescrr, ״wie wir selbst jeweils von diesen höchst unerwarteten Ergebnissen betroffen worden sind, das heißt, wie die Form, Mal um Mal, uns nicht Absicht, sondern Schicksal war“. Soviel von der subjektiven Geschichte der Uebersetzimg. Die objektive Geschichte der Verdeutschung fängt mit Luther an und ist, möglichst wieder nach einem Rückgriff auf das Nachwort zum Jehuda Halewi, in Rosenzweigs prachtvollem Aufsatz ״Die Schrift und Luther“ zu lesen. (Was Luther für Buber bedeutet, wieweit er ihm überhaupt Erlebnis, Erschütterung wurde, ist hier nicht feststenbar; hei Rosenzweig dagegen ist es wichtig, entscheidend, ihm ist Luther manchmal geradezu der personifizierte deutsche Sprachgeist, sein Weg bis zur Bihelverdeiitschung ist eine einzige leidenschaftlich große Auseinandersetzung mit Luther, ein Sichlosringen von Luther oder doch seinem Sprachgeist Luther, von dem er aber nicht freikommt, den man ״überspringen“ muß und den er zu Zeiten solcher Erkenntnis schon übersprungen oder überwunden hatte...) In jenem Nachwort ist ein ausführlicher Exkurs über Luther, der den Mut hatte, ״die schon damals für das gebildete deutsche Sprachbewußtsein kyklopisrhe Satzbauart des Hebräischen ins Deutsche einzuführen“, der Überset zerr durfte, weil c׳r für diesen ״sprachliehen Eroberungszug“ den Mut und die Umsicht hatte, der übersetzen mußte, weil das deutsche Volk jetzt diesen Zuström fremden Sprachgeistes brauchte; das religiöse Genie wird erst, wenn noch eine weltliche Seite dazu kommt, zur weltgeschichtlichen Person vollendet, und Luthers andere, weltliche Seite war der Uebersctzer. In ״Die Schrift und Luther“ wird auch dies alles vveitergeführt, moduliert, motiviert, ln einem gewissen Sinn könne jedes grofle Werk einer Sprache in eine andere nur einmal übersetzt werden. Zuerst gebe es nur anspruchslose Interlinearübersetzungen und freie Bearbeitungen, also Umschreibungen, und später erst, in einer ganz bestimmten historischen Situation, ist das Volk reit für die ״Heilige Hochzeit“, für die Aufnahme ״d er“ Ucbersctzung, lind das Buch, das aus der fremden Sprache komm*, ist fortan ein eigenes. ״Dieser ungeheure Schritt in der Einigung des Babels der Völker wird nicht dem einzelnen Uebersctzer verdankt, sondern ist eine Frucht, die das Volksleben unter der Konstellation einer ganz einmaligen Gesell ieht«stunde gereift hat. So kann er nicht wiederholt werden.‘׳ So kann er nickt —- wir überfliegen noch einmal die Attribute, die Rosenzweig Luther, also dem Sprachgeist und seiner, Rosenzweigs eigener Uebersetzungsaufgabe, _ bevor sic gestellt war, gegönnt und, nachdem er sic mitangenommen hatte, noch gesteigert hat: kvklopisch, Eroberungszug, weltgeschichtliche Situation, Einigung der Völker, nationale Notwendigkeit und Einmaligkeit — und wir vergleichen damit die historische und nationale und sprachliche Situation, in welcher und trotz welcher diese Bibelverdeutschung entstehen sollte: konnte man sich’־ schwerer machen? Luther wollte ״der hebräischen Sprache Raum lassen, wo sie es besser macht“, und wo an den ״Worten etwas gelegen ist“, d. h. Luthers Glaube war der Maßstab dafür, wo das Urwört, in wörtlicher, hebraisierter Weise transponiert, und wo der deutsche Leser ״in Ruhe gelassen“ wurde; die deutsche Sprache jetzt ist anders, breiter, voll weiterer Möglichkeiteii als vor 40t) Jahren, und für die Glaubensgrundlage der jüdischen Uebcrsetzer ist an jedem einzelnen Wort etwas, nämlich alles, gelegen. Unser Glauben heute ist nicht einheilig und alles umfassend, sondern ״Bereitschaft zum Glauben und Unglauben“, ja überhaupt nur Bereitschaft, also muH die Ehrfurcht vor daa Wort der Schrift heute bis an alle Grenzen der Sprache gehen und auch das Uebersetzen erneuern, Was an Erneuerungen vorliegt, also die im einzelnen berichtigte Lutherbibel und die Kautzsch-Bibel, ist als Ganzes weder dem Original noch dem Stande unserer Wissenschaft noch der Sprachmöglichkeit gerecht. Also erneuern, von vom anfangen. Aber wie? Wie kann das angefangen werden, fragt sich Buber immer wieder in seinen Beiträgen zur Sache, da ״der Mensch von heute“ nicht der Mensch für die Bibel ist? Religion ist heute ja ״eine Sache des abgelösten Geistes, eine seiner Abteilungen‘•, ״die limerbindlichkcit des Geistes ist die Signatur unserer Zeit“, die Glaubenssicherheit ist dem heutigen Menschen nicht zugänglich und kann ihm nicht zugänglieh gemacht werden, aber worum geht es denn, um ״Rückkehr zur Bibel“? Nein, ״cs gilt die Wiederaufnahme bibelechten Einheitslebens 1t! i t unserem ganzen zeitverflochtenen Wesen“. Die Bibel ist, wie Buber ausführlich, nicht ״ethisch“ predigend, sondern konkret beweisend dartut, ״durch die Sprache der Botschaft geprägt und gefügt“. Nämlich die Bibel als das eigentliche Original, die allerdings mit der Pseudobibel, nämlich der Bibel, wie sie beute gebraucht wird, der geläufigen Bibel, nichts als die Buchstaben gemein hat. Ja, nicht nur die Uebcrset/iingen haben ihre Unmittelbarkeit verloren, sondern selbst das Original ist wie eine ״lieber- Setzung in die vc-rschliffene Begriffssprache“ geworden, ein ״Gemisch von erkemitnislosem Respekt und anschauungsloser Familiarität“. Also wäre es hoffnungslos, sie noch einmal übertragen zu wollen, — wenn sie schon einmal ״strengerweise“ übertragen worden wäre. Aller das war noch nie der Fall, beweist Buber und erklärt die Grundzüge und Grenzen seiner und Rosenzweigs Verdeutschung: Es wird auf die sinnliche G r!1 11 d b e d e u t 1! n g des einzelnen Wortes /uriiekgegangen; die Synonyma werden aiiseinaiulergchaitcn; Inhalt und Form sind unablösbar, also wird die hebräische läirin des Wortgefüges eingedeutscht, soweit es die Grenzen der deutschen Sprache, ״die Grenzen, nicht die Gewohnheiten“, gewähren, also nicht durchweg dem hebräischen Satzbau nachgesetzt, sondern ihm entsprechend; lautliche Eigentümlichkeiten des hebräischen Textes wie Alliterationen und Assonanzen werden auch im Deutschen berücksichtigt; biblische Eigennamen werden hebräisch, nicht präzisiert oder latinisiert ivu'dergcgeben, geographische aber zum Teil deutsch, so Aegypten, nicht Mi/rajim; das Bibelwort wird als gesprochenes, lautbares Wort genommen, also in rhythmischer, kolomelrisdier Folge, nicht versmäliig, sondern sinnzcilenmäßig aufgc/eiclinet; der niassoretische Text gilt unbedingt. Das sind einige von den ״Regeln“ der liebersetzer; man lese die Aufsätze ״Die Einheit der Bibel“, ״Die Sprache der Botschaft", ,,lieber die Wortwahl in einer Verdeutsehtmg der Schrift“, ״Zur Verdeutschung der Preisungen“, ״Leitwortstil in der Erzählung des Pentateuchs“, ״Das Formgeheinmis der biblischen Erzählungen“ und ״Das Lcitwort und der Formtypus der Rede“, ־ - und man wird erkennen, daß solche Regeln, obwohl sie bisher nie angewendet wurden, sich aus der Erkenntnis des hebräischen Textes zwangsläufig ergeben haben und daß so und nicht anders übersetzt werden mußte und muß. Alles hier Angedeutete ist mir Andeutung, selbst eine Inhaltsangabe dieses Buckes über die Schrift und ihre Verdcutschung müßte viel ausführlicher sein. Man lese es also selbst. Wer an die Buber-Bibel heran will und glaubte, Widerstände zu finden, ist es sich gewiß schuldig. Wer das schönste Denkmal für Rosenzweig finden will, lese über ihn und von ihm auch liier, wo außer den herrlich geschriebenen Aufsätzen auch zwei Kabinettstücke stehen, eins über unmittelbare Einwirkung der hebräischen Bibel auf Goethes Sprache*), eins über die einzige Prägung, die von Mendelssohns Uebersetzimg leben blieb: ״Der Ewige“. Buber hat mit seinen Arbeiten und der Herausgabe des Ganzen der Bibclverdcutscliting und also aller ernsthaften Leserschaft einen unüberschätzbareri Dienst geleistet. Leo Hirsch Zur Reform des hebräischen Unterrichts Anläßlich einer Buchbesprechung Vor einigen Tagen wurde ich auf die ״I lebräLehen Rede- Wendungen für den Unterricht•■ von M. Abraham, Berlin (Verlag M. Lehrberger 11. Co., Frankfurt a. Main, 1036) aufmerksam gemacht. Ich vermutete ein Hilfsbnch, wie es deren viele (ür den Lehrer der modernen Fremdsprachen gibt. Das von vielen Lehrern begehrte Buch besteht jedoch nur :ms 21 Seiten. Der eigentliche Text beginnt erst mit Seite 7, so daß die ,,Redewendungen“ IS Seiten umfassen. Welche Ansprüche sind nun au ein Hilfsbuch zu stellen, das den Lehrer anregen soll, sieh ״der hebräischen Sprache als Mittel der Belehrung und Verständigung in Freiheit, Oeläufigkeit und Richtigkeit zu bedienen‘•? (Abraham) Um diese Frage zu beantworten, ziehe man ein Hilfsbuch für die neueren Sprachen zum Vergleich heran, wie z. B. das viel benutzte ״Schmidt-Smith, Englische Unterrichtssprache". Schon rein äußerlich fällt cs angenclun auf. daß das englische Buch 67 Seiten umfaßt, nur in englKelicr Sprache abgefaßt kt, während das von Abraham eine hebräische Ueberset/ung der danebenstehenden deutschen Redewendungen gibt, ״deren hebräische Fassung im wesentlichen durch die Mitarbeit des Lehrers und hebräischen Schriftstellers M. Mohr, Berlin, zustande gekommen ist“. Das englische Hilfsbucli vermittelt (ebenso wie das entsprechende französische) dem Lehrer eine Fülle idiomatischen Sprachstoffs, wie ihn die Lehrbücher gar nicht oder nur in geringem Umfange enthalten, und der in den Lehrstufen aller Klassenstufen als Sprechmaterial Verwendung finden kann. Von einem solchen Lehrziel, das sich auch Abraham seiner Einleitung nach zu stellen scheint, kann bei dein geringen Umfang seines Heftchens und der Dürftigkeit des gebotenen Materials keine Rede sein. Vergleicht man die Paragraphen beider Hilfshücher, so fällt unter anderem auf, daß das wichtigstc Kapitel zur Erlernung einer Sprache, nämlich die schriftlichen Arbeiten, die Besprechung von Haus- und Klassenarbeiten bei ,Abraham, im Gegensatz zum englischen Buch, gänzlich fehlt. Abraham ist zwar der Meinung, daß das Hebräische die Landessprache ״der künftigen Heimat für einen wesentlichen Teil unserer Jugend“ sein wird, glaubt aber, daß eine Sprache ohne schriftliche Uebungcn erlernt werden kann. Diese Dinge sind keine technischen Einzelheiten, sondern zeigen den diametralen Gegensatz der beiden liier zitierten Bücher. Dfe ״englische Unterrichtssprache“ ist aus dem Unterricht und für den Unterricht entstanden, der den amtliehen Lehrplänen gemäß die mündliche und schriftliche Beherrschung der Fremdsprache erreichen will. Was bezweckt aber das Heftchen von Abraham? Um sich darüber klar zu *) Hier erwähnt Roscnzweig den Einfluß, den, laut ״Dichtung und Wahrheit“, Viertes Buch, Goethes hebräische Shidien ״offenbar“ gehabt haben. Diese Bemerkung ist durch ein Zitat aus dem Zwölften Buch (Ausg. letzter Hand), 26. Band, S. 100) sehr glücklich zu ergänzen: ״Was den Hauplsinn betraf, hielt ich mich an Luthers Ausdruck, im einzelnen ging ich wohl zur Schmidtischen wörtlichen Ucber- Setzung und suchte mein weniges Hebräisch dabei so gut als möglich zu benutzen,“ *

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