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Jüdische Rundschau · 1936-10-30 · Heft 87 (30.10.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 87 (30.10.1936)
Date
1936-10-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 87, 30. X. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Das moderne Iran Von Dr. Walter Fischei, Jerusalem Beobachtungen auf einer Reise Dieser Artikel stellt, die deutsche Wiedergabe eines hebräischen Vortrags dar, den Dr. Walter Fischei, Jerusalem, nach der Rückkehr von seiner 2. Forschungsreise nach Mittelasien (Sommer 1936) im palästinensischen Radio gehalten hat. (Red.) Wer im Jahre 1936 vom Westen, von Jerusalem über Damaskus-Bagdad kommend, aus der Ebene des Tigris herauffährt zu dem erhabenen Hochplateau Irans längs jener historischen Heeresstraße, die schon unter den Schritten der Legionen eines Cyrtis, eines Darius und Alexanders gezittert hat, an den ältesten historischen Monumenten iranischer Kulfür, an den Felsrelicfs von Taqibustan und Besistun vorbei, wer jenes gewaltige Land Iran von der irakischen Grenze durch die Pässe des Zagros über Hamadan, Teheran bis nach Meshhed an der afglianisehen Grenze forschend und betrachtend durchquert, dem offenbart sich ein überraschendes Geschehen: der fühlt an einer merkwürdigen Dynamik des Lebens, daß in dieses orientalische Land ein neuer Geist cingezogen ist. Jenes Volk der Perser, das in den letzten Jahrhunderten durch die Schwäche seiner Herrscher und den Fanatismus seiner Geistlichkeit in das Dunkel der Geschichte zuriickgefallcn und zu einem der rückständigsten und intolerantesten Länder geworden war, bcginnt unter der Führung von Riza Schah P e 111 e v i wieder ein aktiver Faktor im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben Asiens zu werden. Außer der Türkei befindet sich wohl kein Land im Orient mitten in einem so gewaltigen Umbau und Erneuerungsprozeß wie Iran. Was sich in Iran eben vollzieht, ist nichts Geringeres als der Ucbergang aus einem kirchlich-gebundenen mittelalterlichen Staat zu einem weitlieh säkularisierten nationalen Staat. Der heutige Herrscher Die goldene Kappel des Heiligtums von Meschhcd Irans, dessen romantischer Aufstieg vom einfachen Soldaten zum Alleinherrscher Persiens eines der interessantesten Kapitel moderner Oricntgeschichte darstellt — geht mit aller Energie daran, durch Anpassung des Staatslebens an die europäischen Lebensformen des 20. Jahrhunderts, durch Ucber- Windung des klerikal-islamischen Einflusses und durch Erfüllung des Volkslebens mit den Werten der alten iranischen Kultur, irau zu einem politisch und wirtschaftlich unabhängigen Staat zu gestalten, damit noch einmal die Sonne Irans über Asien leuchten möge. Gleich einem Peter dem Großen verstellt cs der Schah alles, was Europa an Fortschritt und Errungenschäften aut dem Gebiete der Technik und Zivilisation bieten kann, in sein Land zu ziehen und cs ihm dienstbar zu machen. Zivilisatorische Errungenschaften Wer nach Teheran kommt, ist überrascht zu sehen, mit welchem Tempo und in welchem Umfang dort gebaut wird, wie Oper, Museum, Universität, Krankenhäuser und Radio- Station, Nationalbank, Regierungspalästo und andere prunkvolle Gebäude entstehen, wie die Industrialisierung der Wirtschalt fortschreitet, Fabriken für Reis, Zucker, Baumwolle, Konserven entstellen, wie die Wege sich verbessern, Staudämme, Brücken, Hafen am Kaspischen See und am Persischen Golf angelegt werden, wie erfolgreich die Ansicdlung der Nomadenstämmc sich vollzieht, wodurch die letzten Herde der Unruhe und Unsicherheit mit den Waffen der modernen Zivilisation vernichtet werden, mit welchem Eifer eine eigene iranische Fluglinie vorbereitet wird und mit welchem Interesse vor allem der Bau der transiranischen Eisenbahn verfolgt wird, die den Norden des Landes mit den Häfen und Zugangsstraßen des Südens verbinden soll — wohl eines der größten politischen und technischen Ereignisse des Asiens unserer Tage — das ungeahnte wirtschaftliche Möglichkeiten zur Folge haben wird —, kurz eine ungeheure Dynamik, ein pulsierendes unorientalisches Leben auf dem Gebiete von Wirtschaft und Politik, das den Palästinenser stark an Tel- Awiw und die neuen Siedlungen erinnert. Es wäre aber falsch und nur oberflächliche Betrachtungsweise, wollte man glauben, daß sich in diesem Europäisiertingsprozeß von Staat und Wirtschaft das Iranische Erncucrungsstrcbcn erschöpfen würde. Europa ist nur Mittel, Instrument zur Schaffung «ines nationalen Staates; der geistige Gehalt, der kulturelle Inhalt wird jedoch ganz, anderen Kräften entlehnt. Erfahrungen während zweier Forschungsreisen nach Persien im Winter 1930 und im Frühjahr 1936, Begegnungen und Unterhaltungen mit der! führenden Schichten des neuen Iran lassen erkennen, daß hinter diesem äußerlichen Assimilations- Prozeß an Europa noch ganz andere Tendenzen verborgen sind, die erst das eigentliche, tiefere Wesen der iranischen Renaissancebewegung verstehen lassen, Es tritt nämlich neben die Europäisicrung noch die Tendenz der Säkularisierung und der Iranisierung hinzu. Säkularisierung des Lebens Die Tendenz der Säkularisierung, die Befreiung des Individuums und des Staates von den Fesseln einer übermächtig gewordenen islamischen Kirche und Geistlichkeit findet ihren sichtbarsten und deutlichsten Ausdruck in der neuen Stellung, die dem Nieht-Moliammcdaner in dem modernen Iran (Christ, Jude, Zoroastcr usvv.) angewiesen ist. In Iran, einem 99 ('o islamischen Land, in •dem seit Beginn des 16. Jahrhunderts der schiitische und nicht der sunnitische Islam als Staatsreligion herrscht, hat die Geistlichkeit die Vorstellung von der rituellen Unreinheit des Ungläubigen zur Grundlage ihrer interkonfessionellen Politik gemacht. Diese Vorstellung, die im ursprünglichen Islam gar nicht verankert ist, wonach selbst die Berührung eines Gläubigen durch einen Ungläubigen unrein macht, war die Quelle all der Leiden und Verfolgungen, denen die persischen Juden und Christen im Verlauf der Jahrhunderte ausgesetzt waren. Sie bedingte nicht nur, daß sich z. B. der Jude von den Gläubigen unterscheiden mußte durch besondere Kleidung, Kopfbedeckung, besondere Haltung, besonder« Höhe der Häuser usw., dies ging soweit, daß der Ungläubige während des Regens nicht einmal auf die Straße gehen durfte, weil der Regen möglicherweise seine Unreinheit auf den Gläubigen übertragen konnte. Diese merkwürdige Vorstellung ist heute abgeschafft und gehört bereits der Geschichte an, und zwar geschah dies durch eine an sich äußerliche Reform: durch die Einführung einer für alle Perser, Juden, Christen, Zoroastcr und Moslems einheitlichen Kopfbedeckung. Damit wurde der Gegensatz von Gläubigen und Ungläubigen, von Geistlichkeit und Laien äußerlich überbrückt. Diese Reform von Schah Riza aus dem Jahre 1928, die vielleicht dem Europäer lächerlich und unwichtig erscheinen mag, hat zur Ueberwindung der religiösen und rassischen Gegensätze und zur Hebung des Nationalbewußtscins und des Zusammengehörigkeitsgefühles aller Bewohner mehr als jede andere Reform beigetragen. Waren es doch gerade die verschiedenen Trachten, Hüte, Farben der Turkmenen, der Luren, der Kurden, der Bachtiaren und wie die einzelnen Stämme alle heißen mögen, und die ״Judentracht“ im Gegensatz zu der der Gläubigen, die ein nationales Einheitsbewußtsein der 15 Millionen Bevölkerung Irans immer wieder verhinderte. Der einheitliche Hut ist das äußere Zeichen der Säkularisierung und zugleich der Emanzipation der iranischen Juden. Es wäre heute unmöglich, was mir noch vor sechs Jahren auf meinem Weg nach Isfahan in der persischen Stadt Kum passierte, daß man mir für ein Glas Tee den hohen Gegenwert von einem Schilling abverlangfe, weil ich nämlich nicht nur den Tee, sondern auch das Glas zu bezahlen hatte, das durch mich, den Ungläubigen, rituell verunreinigt und damit der Benutzung des Gläubigen entzogen worden war. Religiöser Fanatismus — vor dem Regime des neuen Schah weit verbreitet — ist die seltenste Erscheinung im heutigen Iran geworden. Wie weit die Säkularisierung des öffentlichen Lebens bereits vorgeschritten ist, zeigt sich auch darin, daß in dem Paß eines Persers die religiöse Zugehörigkeit überhaupt nicht mehr registriert wird und jeder, ob Moslem, Jude, Christ oder Zoroastcr, nur ״Iranischer Staatsbürger“ ist. Die Liquidation der Herrschaft des Klerus zeigt auch folgender Umstand: Während noch vor sechs Jahren das Betreten einer Moschee in Persien für mich mit Lebensgefahr verbunden gewesen wäre, war es mir im Jahre 1936 möglich, mit Erlaubnis der Behörden sogar das größte Heiligtum des schiitischen Persiens, die Moschee in Meschhed, das Mekka der Perser, an der afghanischen Grenze, zu besichligen, die offiziell von einem Juden wohl noch nie betreten worden war. Ich konnte die großartigen Bauten, die herrliehen Schätze der Moscheebibliothek bewundern und sogar in den heiligen Koranexemplaren mit den Händen eines Ungläubigen blättern und dem Gebet der Gläubigen am Grabe Husseins beiwohnen. Der Bibliothekar dieses Heiligtums übergab mir sogar die Handschriftenkataloge der Mönche als Geschenke für die Hebräische Nationalbibliothek in Jerusalem. Emanzipation der 11״ Die Säkularisierungsrefornien des neuen Regimes erstrecken sich aber nicht nur auf die Männerwelt, die bisher allein das öffentliche Leben bestimmte; auch die persische Frau wurde von den Fesseln einer jahrhundertelangen Tradition befreit durch die A u f h ebung des Schlei e r s. Man muß wissen, was eine unvcrschleiertc Frau in den Straßen einer persischen Stadt früher bedeutet hätte, um zu würdigen, wenn es heute von Staats wegen verboten ist, verschleiert über die Straße zu gehen. Es zeugt von großer politischer Klugheit, daß Schah Riza, der die Entschleierung der Frau schon im Jahre 1930 plante, im Hinblick auf die damaligen Ereignisse in Afghanistan seine Reform vertagte und das Verbot des Schleiers erst im Jahre 1935 verordnete. Der Bruch mit der islamischen Tradition kommt in dieser Reform zu einem geradezu epochalen Ausdruck. Die Hälfte der Bevölkerung beginnt nunmehr am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, und in der persischen Frauenbewegung, in den Studentinnen usw. zeigen sich schon die positiven Früchte dieser neuen Wandlung. Schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Fragen ergeben sich naturgemäß aus dieser Befreiung der Frau von jahr* hundertelangen Gewohnheiten. Daß Schneiderinnen, Modisfinnen, Kosmetikerinnen, Photographen jetzt eine große Hausse in Iran erleben, versteht sich bei Frauen, die sich erst eben anschicken, sich an den äußeren Lebensstil Das angebliche Grab von Mordechai und Ester in Hamadan Im Feuer »ER, vom Sinai kam er heran ... Hauer des Gesetzes Ihm zur Rechten“ (5. 5. M. 33,2): Rabbi Jochanan sagte: Jeder der darangeht, sich mit der Thora zu beschäftigen, der sehe sich an, als stünde er im Feuer. Pesikta de R. Kahana 200 a Uehers. v. N. N. Glatze* Europas zu assimilieren. Aber die veränderte Stellung der Frau blieb nicht nur am Aeußcrüchen haften, es trat^ eine! grundsätzliche Aenderung des E h e - und Familienrechts hinzu. So wurde erst kürzlich das Heiratsalter aui 16 Jahre erhöht lind die bisher üblichen Kinderchen von 12 und 13 Jahren wurden verboten. Eheschließungen müssen 111mmehr registriert werden, auch die Scheidung wird erschwert und die Institution der Zcitehc abgeschafft, auch die Poly« gamic ungern gesellen, und sie darf nur im Einverständnis mit der ersten l'rau erfolgen. In allem offenbart sich der Bruch mit der mittelalterlichen Lebensform und der Wunsch zu einer normalen modernen europäischen Lebensgestaltung aut allen Gebieten des Staates und der Gesellschaft. Erziehungsaufgaben Es ist klar, daß die Schaffung eines nationalen säkularisierten Iran in erster Linie eine Lrziehungsaufgab« von eminentem Ausmaß ist. Und in •der Tat richten sieh alle Bemühungen der intellektuellen!1111 rer Irans, mit dem Minister für Erziehung, H c k 111 a I, und dem Dekan der Teheraner Universität, S a d i q, und seinem Professorenstab an der Spitze, darauf, ein neues Geschlecht im Geiste des erneuerten Reiches heran/ubiklen. I):1(5 unter Ri/a Schah das Erziehungswesen in Stadt und Land einen solch gewaltigen Aufschwung nehmen konnte, ist typisch. Die Zahl der Scliulen und Schüler hat sich gewaltig vergrößert. Während meines Besuches von Schulen und der Universität war ich Zeuge jenes fieberhaften Eifers und Frustes, mit dein von Jungen und Mädchen gelernt wird. Worin bestellt das B i 1 d u 11 g s i 11 e a 1 der neuen Renaissancebcwegung? Die Antwort darauf führt uns zu der dritten Tendenz des neuen Werdens, zur Iranisierung, die neben Europäisicrung und Säkularisierung tritt. Iranisierung Die heutige Welt Irans baut nicht mehr auf arabischislamischem Grunde auf und weiter, sondern hat zur Grundläge die alte v o r i 8 1 a m i s c 1! c iranische Vergangenheit. Man empfindet in weiten Kreisen die 1300 Jahre islamischer Herrschaft nur als eine Episode, manche sogar als ein Unglück, und da die arabische Herrschaft über Persien weder die persische Sprache noch die national-iranischen Traditionen zerstören konnte, knüpfen der Schah und seine Mitarbeiter bewußt an die alte Pehlcvi-Kultur an in dem Bestreben, der jungen Generation ein neues Lebens- und Bildungsideal zu vermitteln. Während die F o r m des neuert Nationalismus Europa entlehnt ist, entstammt der geistige kulturelle Gehalt dem eigenen Roden. Nur so hofft die Nation zur Erkenntnis ihrer selbst kommen und sich wieder schöpferisch auswirken zu können. _ Das ״Zurück zur iranisehen Vergangenheit“, zur Pchlevi-Kultur, äußert sieb in vielfältigster Weise. Schon der Name der Dynastie, die mit Schah Riza beginnt, nämlich ״Pchlevi“, zeigt die Richtung der Rcnaissanccbcwcgung. Die Aenderung des Namens des Landes von ״Persien“ in ״Iran“ ist Ausdruck derselben Firdusi-Monument in Meschhed (״Schuschan habira") Foto,: Dr. W. }׳,«ehe! ,4נ ÖS£.<& ■w'״ Ideologie. Und ebenso typisch und symbolhaft ist cs, daß Firdusi, der große Verkünder tim! Sammler der alten iranischen Tradition, Vorbild und Held der neuen geistigen Bewegung ist, dem zu Ehren Schah Ri/a ein Denkmal setzte und eine große Feier von internationalem Rang arrangierte. Die Iranisierung äußert sich in den iranischen Zeitangaben, in der Namensgebung der Kinder, die man nicht mehr mit den alten mohammedanischen Namen wie Mohammed, Ali, Hussein — benennt, sondern mit Rustum, Eeridum mul mit Namen anderer Helden der iranischen Vergangenheit, und vor allem in der Behandlung der persischen Sprache. Eine Sprachakadcmic wurde ins Leben gerufen, die di« Aufgabe hat, die iranische Sprache von allen fremden Einflüssen zu reinigen, vor allem die arabischen Fremdwortc zu clcminicrcn. Und noch ist nicht entschieden, ob die arabische Schrift, mit der bisher das Persische geschrieben wurde, nicht doch eines Tages, wie in der Türkei, einem anderen Alphabet — dem lateinischen — weichen wird. Wie das Gesicht Irans nach Jahrzehnten ausschen wird, kann keiner ahnen. Fs ist noch alles zu stark im Werden und im Wachsen; daß aber vom Gesichtspunkt des Kulturfort״ Schrittes und der Menschheitsentwicklung der von Schah Riz.a eingeleitetcn Bewegung eine erfolgreiche Vollendung zu wiinsehen ist, unterliegt keinem Zweifel. Wer weiß, ob Persien, das der Welt Staatsmänner von! Format eines Cyrus und Darius, Religionsstifter wie Zoro« aster, Dichter und Kiindcr wie Firdusi, Hafis, Omar Chajjam u. a. geschenkt hat, wer weiß, ob nicht dieses Iran noch einmal auf der Bühne des geistigen Geschehens ein großes schöpferisches Wort zu sagen haben und eine welthistorische Rolle zu spielen berufen sein wird? Uebcr die Stellung der Juden in diesem Prozeß der Er« neuerung soll gesondert berichtet werden. In ganz Amerika ist in der Zeit vom 10. bis 16. Oktober eine von dem ״National Council for Jevvish Education“ organisierte ״Woche der jüdischen Erziehung“ abgehalten worden, Obvrrabbiner von Teheran

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