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Jüdische Rundschau · 1936-10-27 · Heft 86 (27.10.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 86 (27.10.1936)
Date
1936-10-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86, 27. X. 1936 Kabbalat Schabbat Weinbergs l'rcitaKabcnd-Iiturgie Das außerordentlich Le,--einde a!1 der Aufführung der Freitagabcmlliturgie von Jacob Weinberg (New York) unter Leitung von C 11 v m j o Winawer lag in dem dem Werk innewohnenden Ftlios der künstle! ischen Anschauung, die in der Ur-iimtiiadiing überzeugen mußte. 111 ihr kommt eine starke Begabung /um Ausdruck, die ihre Einfälle aus der Vor- Stellung üppig(■!• Klangbilder zieht. Beinahe suggestiv wirkt diese Muויk selbst dann noch, wenn sie Simples, fast Seichtes zu streifen oder zuweilen von oberflächlicher Handwerklichkcit zu sein scheint. Hie Vorlage der l'reitagahendliturgie, die weitesten Spielraum und Anlaß zu weihevollem, stimmmigsgetränktem .Musizieren und Singen gibt, mußte auch Weinberg klanglich inspirieren, dieser faszinierende Reiz, der für den Künstler, als (ilied einer Gemeinschaft, darin liegt, ihre Form mul Ausdruck gewordenen Symbole mit liestalten seiner Fantasie zu schmücken, ihr•.• Inhalte zu vertiefe,1 und ihre Formen ZU steigern. Der starke Anreiz der Freitagabend i'.urgie zu kompositorischer l Ybrrt lagimg ist so zu verstehen. Ihre Vertonung läßt die Frage atdtanchen, inwic .eil die tebin briickung von Traditionell und Neu Be! editigung hat, F1 ei st lind Stirnmung der 'liturgischen Vorlage in Verbindung mit neuzeitlicher individueller Musikeninfindung. In der aufschlußreichen (nur etwas zu laugen) Vorrede zu der Liturgie gab EUeser Ehrenreich einen Auf!ili zu dieser grundsätzlichen Fragestellung, sprach von den \ erschiei leiten wegen, die jüdische K־׳m;!o■ nisten zur Rcto.ni der Syn.igogeumusik mit mehr oder weniger Erfolg besehiitte:!, entschied -ich letzten Eudes für eine Keinpromißlbsmig, über deren (ieltung die Syuagogengcmeinde selbst zu entwlieiden h Ute. Zu dui vci-chieilcii Uen Vcr-,u,-he!1, die l־>ei der Komposition von SvnagogcntiHi-ik an gestrebt wurden: Verwendung jemenitischer t H׳:-:!nge, Aiilchnmi ׳ an < icnilo ״•••heit'־■■ e timmter (jesang-, iten סחו;!•!" iier R'!;t!•). \'׳T.!rhc't׳n1g der sogenannteil ,,Steiger״!isw. 11 tt der!1 e u e v m Vi elnberg in der An- Wendung der .,rciitatoiiisehc״" doiial’.ig We.aberg ging hierbei von der!mtmii. hen l'el-.er'egiing aus, dali der Befund pentatoni-eher, a!-o >e!1r alter ITemente in den tiesäiigen zur 1 horavo,!e-uiig dem K11-nponi'ten gewi sermafien den Urs'oft der indischen Mn-ik lief»׳, n k״nn!e. Wälireiul er ,iber das stoffliche t )eilige sriiirr Liturgie mit den Bestandteilen der Ib'iu.itonik in :tivi-. 11, 1:1 ■1 ibst 11anmuiisch zusimmenknetef, vergibt in׳,!,UH d,!e l1cu,,;1t1:״ik der Akzente nur 11• e Fo'ge um I oiNtiitei! einep! 111.t:\e11 Sp! c 011 gesatige-, isg der eine solche Aniveediing ei.׳,ent 1׳!! ni ht 1 eelitfe! tigt und in diesem Moment atiilio!!, ml in וחי inighi heu Sinuc pentatonisch zu •e.׳ Nichtsdestoweui ״,er ist te-t/n-u et eit, daß die!aent.1tonis.lH־ Substanz mit dazu bedi ng, dem IV!״ k Vi'ejubc: gs e'neu besonderen komjto-itu! ischen Reiz zu!(׳;tien, Kraft und l 'rwuehsigkeit des Natiii'k.iin['!( s, sptubur in der Wunne 11ml Verhaltenheit des Pianissjin.>- u je im Ati-dmit'h aufrütuiiuk'r Steigerungen. Suchen wir in du-ein W1■ k jüdische Meiit.-iütiit, so spricht sie weniger aus den K ,!ug adteii, au T! wenn sie in Orlcnt'ilistncil schillern, weniger;י1יו Motiven, die siel! zirveileri m den kantoralen (te-aneen in he11;״de1 s starkem ,Maße überlieferten liturgischen Wendungen;111■■( h'ießeu, als vielmelir ans der starken, weit entfalteten Religiosität, die die Inbrunst der Gebete noch vertieft. Diese als jüdisch anzusprechende Religiosität gibt das Recht, die Einführung dieser Liturgie in den (joüenlien-t zu erwägen und praktisch zu versuchen. (Ihemjo W i n a w e r, der Leiter der Aufführung, ist der Interpret Weinbergs. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß Weinberg sich keinen liinge'neiuieren Betreuer seines Werks wünsche!׳, könnte, als es Winawer ist mit der (iahe, wirklich jüdische Empfindung musikalisch lebendig werden zu lassen. Der Chor war in seiner Hand ein gefügiges und williges Instrument, das mit besonderer Intensität auf ihn entging. Die Altpartie, von Paula L! n 1! b er g ־ Nalomon gesiingei), atmete tirfe (üäubigkeit, die sich in den kantoraleii Fieslingen des Baritcmi-ti-11 Julius Pcissacho witsch mit der llolieit und Winde des Vorsängers paarte. Die Orgel als unterstützendes, präludierendes Instrument behandelt Weinberg in einer Weise, di••!ן!!! von! amerikanischen (ieschniack so ahhängig zeigt, daß er auch süßlichen Klangbikitmgen Raunt gibt. Erwin Jos ין e an der Orgel konnte diesen Amerikanismen kaum steuern, da sie kompositorisch zu festgelegt sind. Diese Aufführung war -eit langem das bedeutsamste Ereignis in unscrun Mii-ikleben; -ie wird auch nicht vorübergehen können, ohne Spuren einer bcinichtemleii Z.irlriehtiing für die Reform der Svnagogciimn-ik /n hinter lassen. Dr. J ,1 k o b S c h 6 über g. 111 New Volk wurde ein Komitee fiir die Herausgabe!der jiddi-clun Ikbelnhersct/nng von Jclioasch gegründet. Briefe an die Redaktion Zur Judenfrage in England Paris, den 23. Oktober Sehr geehrte Herren! In \r. 84!!er ״JiidLrIien Rund'* hau“ wi d eine Rede des briii-t iien Ministers 1 n > k i p v'Mahnl. in de! ilu-wr linier iintJc cm gegen di,׳ vintij'i livTien Tet;׳'en׳/fn im Stellung nimmt. Sie sdtieirn einen Satz des Minbtcrs, in dem er (Um (Io!igen Fa-t l i-tn! sl;!-. Rc׳T1t abgr>t! it ten halx־. siel» gegm eine Hcvulken1ng'gn1|)j>e vi wenden, die ,,läng“! bei un* beheim a t e 1 Irlt hibe im ,.Dailv Telegraoh“ einen au-i!iIn־!!; hen He־ fi Kt i1!>er die betreuende Heile gele-en, in dem ge ade der die luden beticttende F.issns wärtlieh \1 ״ •> gegelxm wird. j>anach sehein! der Mim>tcr an Stelle der oben zitierten Woite gesigt zu haben, die Juden ge- Haifa, den 17. Oktober 1936 Sehr geehrte Redaktion! Mit!!ite1C'-;*e verfolge ich die /iw־!!: ilten an Sir. in denen man Hetia! litungen darüber an• .■stellt, warum am Jorn!Inkippu im N’aehrnittags das Ruch |ona al-, Maltir vcrlr-on wird. Die merk w urdig-ten Deutungen weiden hrrau-ge>u(d1t, Wainm da- Hn< 11 gelesen wbd, (biif!e ohne jede lloniÜetik vtdlkommen Uhu >ein, wenn man -.<־i!k־j1 MitkÜi hen < irundged.in• ken Ddi;ui'uhL Jom lauft vor m iner piujdnuisc hen Sendung davon und gibt <h!!hr die Lrklaumg (Kap. IV. V<*r> 2t. daß er es getan hatte, weil!־־r im voihintia gefurt hn! hatte, Dott weide M'inc \ nglu ksjt10׳.d1t 7. Jung nit ht w.thr werden Jas-on: ,.denn ich Muhte. d.!h Dy ein gnädiger, harmheiziger. Jangnös>cn ,.seit langen Jahren irn Lande (!;1 ,dd r e u n d s e h a i t (ho-pitnihyp•. Die«. U! kein hloher L:11!ei m läivd in de! Wertwähl, sondern rin durchaus gnintlsitzb( her. Die (iegeniiber- ,Stellung der beit len Versionen Zeigt drill Ij, 11 die Re-iondr! heil der en«dti'* hen Am’ ia-sung van der Stellung der Juden. Zur Lrluute; ung die-cr Linstel'ung diene eine Ik'iuei kung» aus dem Artikel de; ver‘* anl.d'li di des Ablebens des Mar- (giss von Holding (aus dem Dedarlitids /lieft): .,Der Marquess of Readiug sei einer der zahlr(ueltc־n Juden g we-eii, die den Dank, den .sie dem I.aude •*׳huidt!en, (!.!י ihnen Zuihn ht und Schutz war, in reichem Maße abgctiagcn haben*•. 1 i orb ach־ ungsvol; Kurt S a in u 1 e w i l z rnütiger. lieiiereirlirr Ci oft hist, der sii'h bcfimtki \vegf־n des l elu'ls“. Dal•'׳ diey s׳. ine Ansit ht ri bbg i-t. wird dnreh den Dang de!־ I'1eig!1is,e in dem IHl! ] 1 He^i.'-rn, e!).-:t"<> v\ ic dir Ta! suche, daß au 11 die schlimmsteil Sünde! aut den prophedsehen Anruf heiei! And. Buße zu tun und d.idmeh <1.0 schlimme De-elm k al!zu w enden. Diese beiden Dnjndgt h.nken. Aufruf zur l'rnktdu und Kminzt iohnung DoUes. tit's (•\s!g lit'bevoilen, si!,d so vollkommen en! ־-p• eehend dem ( k undget'unken dvs Jom 11 ahippuiin, düs man sieh wirklich nicht, zu [.־agi'ü hraut ht. wasum ge: ade die-e.s Huch an diewer Stelle verlesen vu <1. Miuc bconnder c I''e!nh( it liegt darin, daß die-c Dedanken an diesem Tage nicht bez׳ ׳igt weiden durch eine der vielen Prophetien, die zu dieser göttlichen Art. sich bejahend .stellt, sondern daß man den Propheten Jona gewählt hat. dem einzigen un Tena! h, dm־ es fertig bringt, hietgegen sieh in D> p p ב ס i - t i o u zu stellen. Was kann uns deutlicher und treffender ftahebi ingen, daß D< >11 w it klirh langmütig, gnädig und voller Liebe i־u. als die,ס-י Rede eines Ptopln ten. der l ׳oft ni ht deshalb lobt, sondern ihn an- London, den 22. Oktober 1936 Sehr geeinte Kodak don! Zu den Wo! ten der Krinnerutig au Anhur Suhnitzler. die Hen■׳( ho in zum funiteii Todestag des Dichte!:-, grxluieben hat. mag es erlaubt oün. noch ein kurze«; Won zu ssguij. Natmh'eh 'M es mi, daß ״Fräu* lein LI 0" und .,I.euin.uii Du«-!!*־ für uns. d. h. Juden und /ionisten des jahics 1936. nielit (Um \\e!t eines iiiensehliehtm VH >t!übles he-itzen. Ware dies aber das Pioblem, oder wäre dies der intendierte ,.f. urhtbare Mtuuenr* einer jeden Uterarisehen und kün>!!er i-ehen ],cist lieg iil hm h.mpt, um mit Lessing zu sprechen, dann will de dasselbe Berlin, den 22. Okt. 1930 Rehr geeln te Reduk! ton! I nter den Lrk];!?1!r!gen und Leheisetzuiigrn, die־ I. L. in Nr. 84, Seite 7. Ihres geseh. Rlattes mitteilt, muß die älte-to, die von Rakeln, dein nn'oetaugeuen und ungeitlmon Leou als י lie hrn-te e! ■-du.■inen, ja ־.!D d,e einzige, die dem X11־o!7e ״reha“ geiedc wird. Wir Haben im I )eilt -chen das /eit wo!׳! ,,sieh ergehen“ und .,für sich hin gehen“ (Doethe: ״Irh ging irn greift. Kr hätte so gern gesehen, daß seine Prophetie wahr geworden wate, er hedaueti (,.י so tief, daß dies nicht geschaht (Kap. IV, Yens 1), und weil er es so bedaite! t,!י!, er siehe! der einwamitieii ־•te und beste Zeuge, He»{־r noch als einer der vic- Jen, die Gott datiir loben. 1 It'.Tiat litung'Yojl Dr. A h r o n Bartl» ׳/. B. an 11׳ für Goethes ״Wer״ the!“ gelten. Sdiiiiizlens einmalige Leistung liegt in jener ieinnervigeu Sub־ tihud dei Beobachtung des psv* (hisehen Automatis-mus seiner Liguten, die dem Spiel von Dr• Sache und Wirkung, in das bei- .spnlovcise sein Leo Dolow>ki \ersjicn!!חס ist, erst und letzthin das f}un!itahve LIcment verleiht. Dieiuri wir eines der .,unprohlo• inatisdu n“ Stücke des I >ich»ers lierau׳־. -eine Meisternovcllc ,.Der blinde Deiohimo und sein Bru* de 1“. Wir glaul>en, daß eine Analvo• (! i ee r N ovelle unsere F(־:u Ucllung!>e.'!ä!igen wird. Mit \oi7aigl. Ibx'haehtung if in a n u c 1 Weiner Walde so für mich hin“). Dem mag in! Hebräischen das Hithpa'c! von ha!;!fh, hithhaJceh, am nätdisicn kommen. Aber der Zusatz. 1’elia zu halaeh diiickt die nicdiflc ilatidlung offenbar stiirker aus;11.-י der ilithpa'el; man winde daher heute übersrtzen: ,,Deh dvii.er Wege“ oder besser: ,.geh (h i•!(־s Weg’cs“ rxier ״geh um deinetwillen“, ״geh, — es Dt zu deinem Besten“. Hochachtung-wol! W. Kornick Nochmals ״Maftir Jona” Arthur Sdinitzler wLedt Ibha,” (1. Mos. 12, I; 22,2) ״Adieu Lucy“ Die Eröffnung der großen Pascin-Aus Stellung bei James Levy weckt die Erinnerung an einen wannen Pariscr Morgen, jetzt vor sechs Jahren. Man las im ״Midi“: Jules Pascin habe sich erhängt; in seinem Atelier auf dem Boulevard Clichy. Aber an die Wand hatte er mit dem Blut seiner gcöffneten Schlagader den letzten Gruß gemalt: ״Adieu Lucy“. Dieses ״Adieu Lucy“, als Inhalt und als Melodie, war in der Tat Melodie und Inhalt, in zwei Worte geprellt das Fazit eines in müder Resignation genialen Daseins. Pascin, der Sohn eines spanischen Juden, kam früh aus dem Orient zum Münchener Simplizissitnus: von hier nach Paris. Der Osten war und blieb allezeit in ihm: das war seine Begabung, seine Talentquelle, seine Aufnahmeliereitschaft vor der westlichen Welt. Aber er war sozusagen die andere Möglichkeit! Nicht die positive, die konservative Möglichkeit des öst'i.iien Juden, sondern die Disposition: zur jüdischen Resignation; zu einer, auch heute nicht ungefährlichen Minderwertigkeits-Bewußtheit; zu dem toteiKlen Olaubeti, daß wir letzte Menschen seien, verdämmt, ein Leben der müden Abklänge zu leben neben einer scheinbar großen und bunten und blühenden Wirklichkeit. Paseins Leben war ein einziges ״Adieu“. Ein Abschied, den der Künstler traurig lächelnd ebenso In sich trug wie der Mensch. Auf seinen Blättern, insbesondere in den zauberhaft hingekrit/eltcn afrikanischen, den tunesischen Schilderungen ist das Charakteristische die Verliebtheit in den Augenblick, ine 1 Detail. Einer Fraueiigestalt, oder einem Pferd gilt da sein* Gruß; eine ungemein zärtliche Umarmung — und immer ist’s wie ein Abschied. Wie sich Abschietlsmomcnte tief in uns festsetzen, so sind diese — auch technisch zumeist unfertig wirkenden — Szenen. Orient, Okzident; Afrika, München, Paris: nirgends spüren wir Pascin in einer Heimat. Stets sind’s Stationen, Abschiedsstationen; und das waren sie ja auch. Nun sollte es nach Amerika gehen; da machte Pascin kurz vor der Weiterreise Schluß. Adieu, -r. J. Maarseti, Oberrabbiner vom Haag, hat soeben in Jerusalem den driften Band seiner Ausgabe des Ras c 11 i - K o m m e 11 t a r s zu den Propheten und Flagiographen, ״Parshnndatha“, veröffentlicht. Dieser Band enthält den Kommentar zu den Psalmen, lieratisgegcben auf Grund verschiedener Raschi-Ausgaben und Handschriften nebst einem eingehenden textlichen und sachlichen Kommentar, SAFMAR SCHNEUR Autorisierte L'ebersetzung von Grete Fischer 17. Fßrt..t7.m? Nachdruck verboten Schnienclrik erkannte seinen Herrn kaum mehr; Sender bot ihm Zucker aut der Handfläche, klopfte ihm den lfnls, redete mit ihm, 1׳al> ilmi olle Kosenamen — Sdiirenc! ilc drehte nur die erloschenen Augen nach ihm bin und blieb kalt und traurig. Der Tierarzt untersuchte das Auge und sagte, daß Schmendrik die .Sehkraft auf der einen Seite verloren hätte lind ־ ahrseheinii( h bald ganz, blind sein würde. Ob das von dem kalten Wasser kam, das er gesoffen hatte, oder weil er mit seinem ganzen (iewicht mit den» Kopf gegen die Krippe gefallen war — das bildete den O•• -instand endloser Mcinungsierschiedenheilen zwischen Sender, KusHike Brand und dem Tienir/t. Mit Schaum auf den Lippen gab jeder dem anderen die Schuld. Aber all der Streit führte zu nichts. Schmendrik war hin. Sender hatte nicht du» Herz, ihn zu verkaufen. F.r hoffte Immer noch, daß er sich erholen würde. Die ganzen fünf Hubel, die Scliniemliik auf der verhängnisvollen Tr' t mich Kupiol eimiebrnc 11t hatte, sl eckte Sender in Altweil e! mittel. Man rieb SHimcndrik die Heine mit Terpentin, gab ihm alle möglichen Kriiutcr, man kochte Hafer mit Zucker und gab es ihm. Half alles nichts. Schmendrik zog nach rechts, immerzu nach rechts. F.in paar M ״eben später versuchte es Sender noch einoml, vor Tag, wo keiner auf der Gasse war, kein Neur-ieviger im Wege. Kr spnnntc den rinnen Schmendrik in das leichu! Somincrwögeb hen. Er dachte, wenn Schmendrik in den Deichseln ginge und das Geschirr spürte, würde er M!f׳li11kt1v geradeaus htuicn. Trauriger Versuch: Sender zog die Zügel nach links, nt,er Schmendrik zog unentwegt nach rechts, und sein erloschenes linkes Auge drehte sich, daß das rotgeäderte Weiß die ranze Augenhöhle ausfüllte. Auch die Peitsche half nichts. ״Schmendrik!“ schluchzte Sender endlich, ״was ist ans dir geworden!“ — Er stieg ab und spannte S hmindrik aus. F.r konnte es nicht über sich bringen, ihn noch länger zu quälen. in den paar Wochen, seit Schmemlrik krank war, kam auch Sender von Kriiflen. Er wurde müde, mutt und mager, und der Bruch verursachte dadurch mehr Schmerzen als je, Der Doktor hatte ihn oft gewarnt, er sollte nicht abmagern, und er dürfte nicht schwer arbeiten, weil er sonst nach Mohilcw ins Krankenhaus kommen würde. Kräftige Muskeln wären das beste Bruchband, meinte er. Aber was sollte Sender tun? Sein ganzes Haus ging zu Bruch. Schmcndrik ging aus wie ein Licht, und Pandre suß im Gefängnis und wartete auf den Prozeß. — * Nun wollt.« keiner Sclnnendrik kaufen. Nur Jockel, der Schinder. End der bot vier Rubel und keinen Kreuzer darüber. Gerade so viel, wie die Haut wert war — mehr nicht. Senders Frau hatte fast nachgegeben. Irgend etwas mußte geschehen, sagte sie. Die Medizinen und alles war teuer, und es hatte noch nicht mal geholfen! Aber Sender wollte nichts davon hören. F.r wollte Schmendrik nicht dem Schinder gehen — nicht, solange e r lebte! Und dann kam ein anderer Käufer — Meier der Knoten. F.in Ketzer, der nicht daran glauben wollte, daß Gott den Menschen aus l.ehm gemacht hat, brauchte Meier den Knoten nur anzusehen, um zu wissen, wie der Schöpfer einen Mann aus I.clitn angefangen, und der Böse ihn unterbrochen batte, bevor er fertig war. So war er ge-!)lieben — halb fertig. Er war übcduuipt kein richtiger Mensch. Er war stumpf und klumpig wie Erde, jede Bewegung, sogar seine Augen mit dem ständig wehleidigen Blick, alles war lehmig. Sogar das Haar auf seinem Kopf und sein Bart waren sandfarben, schütter, ohne Gestalt, und wenn er redete, sprach er nur Silben und schluckte den Rest. So, wenn er sein Weib bat, sie sollte ihm zu trinken geben, klang es wie im Telegrammstil: ״Gi mi scho W a . a .. un lang mir he..“ Sie nannten ihn den Knoten, weil er densell>en Strick, mit dem er seine Gäule einspannte, dazu!«;nutzte, seine Frau zu binden, wenn sie ihn wütend gemacht hatte. Das war ein Feuerbrand, keine Frau. F.r hatte sie geheiiatet, wie ein Pfahl eine Wildkatze: Er stellt und sic krallt. Aber wenn sie schimpfte, und mit Töpfen nach ihm schmiß, dann packte sie Meier wie eine quietschende Katze und knotete den Strick um sie herum und warf sie aufs Bett und lieft sie da liegen, zusammengeschnürt wie ein Paket, bis sie sich beruhigt hatte. Meier der Knoten war Fuhrmann, aber kein echter, kein Mitglied der Gilde. Er fuhr nie weiter als bis in di« \ ororte von Scliklow. Seine armen Gäule waren nicht kräftig genug, um weiter zu fahren, Man benutzte ihn nur, um Dinge von einem Teil der Stadt nacli dem anderen zu karren, ein Faß Sauerkraut, oder ein paar Sack roter Hüben vom Markt, oder einen Haufen Späne von einem Bauplatz. Zwischen den Deichseln seines armseligen Bauernwagens anl niedrigen Rädern waren schon allerlei Schindmähren gegangen. Wenn ein kümmerliches Vieh für den ärmsten Fuhrmann und den geizigsten Bauern zu schlecht war, dann war es gerade gut genug für Meier. Er zahlte nie mehr als ucht Rubel für ein Pferd. Einfach, weil er noch nie mehr als acht Rubel beisammen gesehen hatte. Er kaufte eine alte Schindmähre und fuhr mit ihr, bis sie umfich Dann ließ er sie schinden, bekam vier Rubel für das Fell, borgte noch vier Hubel von irgendwer!! auf Zinsen, und kaufte einen^ anderen Klepper. In seinen Deichseln ginger» Lahme und Krumme, Blinde und Taube, Meier war bestimmt stürker als seine Pferde. Wenn er die Lasten auf seine Schultern genommen hätte, wie ein Lastträger, er hatte sie rascher an ihren Bestimmungsort gebracht. Aber er war faul wie ein Türke, und es wäre ihm nie eingefallen, eine East zu schleppen. Also sah man ihn neben seiner letzten Mähre einhergehen, die den Karren kaum schleppen konnte — die Hände hinterm Rücken und die Peitsche in der Ilnnd. Er sah aus wie ein behäbiger Hausvater, der seinen Mittagsspaziergang macht. Er ging so vor sich hin, hübsch langsam, und schaute aus seinen stumpfen Augen in die Welt. Die nie geschmierten Achsen kreischten, unu die trockenen erhitzten Räder quietschten. Wenn dann die Katzenmusik nicht weilerging, wachte Meier aus seiner Träumerei auf und sagte: ״Njo, cho, ge!“ das hieß: ״Na, was heißt das! Gell weiter!“ Und wenn das Pferd nicht mehr weiter wollte, steckte Meier die Peitsche in den Hosenhund, faßte den Zaum mit (Er Linken und haute mit der Rechten dem Pferd Ohrfeigen. Darin wechselte er die Hände, nahm den Zaum in die rechte und prügelte das Pferd mit der linken Hand. Dem armen Roß fielen beinahe die Zähne aus dem Maul, aber Meier blieb ruhig und gelassen dabei. In seinem stumpfen Schädel laiul er keinen Unterschied zwischen Schuljungen, 1-E nichts lernen, und Pferden, die nicht ziehen wollen — genau wie er keinen Unterschied sah zwischen seinem Pferd und seiner Frau.

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