Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-10-23 · Heft 85 (23.10.1936) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 85 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2654001--29708-2691248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 jonisrwE Rundschau Nr. 85, 23. X. 1936 Die Kuiturtagung des Waad Leumi Von Op. Curt Wo r m a n n, Tel-Awiw In der Zeit stärkster Anspannung au! allen Gebieten berief die zu Beginn dieses Jahres gegründete Kultur- ,1 b t e 1 I u n g beim Waad Leumi die erste Landestagung nach Tel-Awiw. Hunderte von Funktionären der Bildungsarhi if, Vertreter der nationalen Institutionen und der großen Verband(* sowie viele interessierte Gäste nahmen an dem K i n 11 s s f ü r L 1* w a c 11 s e 11 e n b i I d u 11 g teil, der im ,,OUä Sehern“ vom 4. bis ft. Oktober stattfand. Trotz aller Schwierigkeifen kam man vorn Land wie aus den Städten, weil das Bedürfnis nach Klärung der Aufgaben und Wege kultureller Arbeit stark ist. Das geistige Leben in Palästina bewahrte in den sechs Monaten der Unruhen seine Kontinuität; das Bediirfiiis nach künstlerischen und geistigen Erlebnissen ist vielfach stärker als früher. Diese Tatsache verdient mit allem Nachdruck fesfgeh,alten 711 werden. Zeiten der Not sind oft auch solche der Besinnung, der Prüfung nicht nur der politischen und sozialen Grundlagen, sondern auch der geistigen und kulturellen. Epochen der Gefährdung unserer Gemeinschaft«-!:■vielen/ sind zugleich Epochen der Bewährung für jede schöpferische l.eistuni;, und gerade in schweren Krisen haben Völker immer wieder vermocht, sich auf die Notwendigkeit einer inneren Gestaltung ihres Lehens, auf die Verpflichtung zu kulturellem Wirken zu besinnen. Die Tagung wurde■ bewußt gerade in diesem Augenblick einbertifeit, sie sollte ein Wahrzeichen sein. Ihr Ziel war. die Lage der Kultur damisteilen, die Verpflichtung zur tätigen Mitarbeit rinnt,!]lig /u machen, die Bedeutung cier Erwachsencnbikiting für den Aufbau der Gemeinschaft darzutun. Die Zersplitterung auf allen geistigen Gebieten sollte durch geineinsame Aussprachen uberbrucht werden. Zugleich sollte die Kultur,־!btt 1 i 11!י׳ז z c 11 t r a I e A u t g a!> e 11 /!!gewiesen erhalten. Man wollte die zionistische Btwegung wie die (.)Öffentlichkeit 1,!nobilirieren״, man weilte finan/'elU' Mittel auf bringen. Die 1 agung fand starkes Inte resse, die Zeitungen brachten ausftihrhche Ibnchte an hervorragender Stehe. Noch ist es /u fr 1111, die Nhu 11 Wirkungen des Kongresses zu beurteilen. Er sei bot ist der (lefahr nicht entronnen, zu viel zu wollen und (I.״־i;1rrl1 zu wenig zu geben. So nohwiulig jede der skizzierten AJ1«üiuen dieser Tagung war, so 111111!')glich war es jedoeil, >ls im ״’ahineii eine;׳ «oh heil Z1!-,1mmc11hu:1 ft auch nur dar- AKlcIlen. Yen trage und i )iskussioneii wurden daher nur zu oft bloße P r o k i;1 111 a t i, o 11 e n, man dwkuiierte über sehwietiigite grr111ui--.it/li.he Tragen mit tierseihen YVertbctouurig, wie 11! er te.*hnU,*h-orga11i>,־it!:ri'cl1e Liii/eiheiteu. Fünf zehn Vortrage «Linden auf der 1 agesouliiung, zu «.lenen noch fünf Frgan/.ungsvortrlige und ein Vielfaches au Diskussionsreden kam. Grundlegende Referate Nach einer Eröffnungsansprache des Nestors der hebräischcn Schriftsteller in Pal istiiu, Alexander Süskind Ra biri o w 11 s c h, und 110111 vielen Begrüßungen in Wort und Schrift hielt der I eil er der Kuitiirabtcilmig des Waad Leumi, I)r. Jeliuda Kaufiinuii, einen grundlegende!! Vortrag über .,I>ns Problem unserer Kultur׳•. Kaufmann versuchte eine Analv.se unserer geistigen Situation, ihrer l'rs.ichen und Wirkungen. Kultur und Kunst stehen in unserem Leben ohne Bezug zum Woher und ohne Klarheit über das Wohin. Sie haben keine zentral-bildende Kraft* mehr. Es gibt viele tirunde für den Niedergang der jüdischen Kultur der Gegenwart in Palästina, der wichtigste ist das Fehlen einer ein- Iieitliclion Sprache. Lr erzwingt die Senkung des geistigen Niveaus, auf der anderen Seite dringt eine Vielheit von Kulturen auf uns ein. wobei die Einwanderer meist nur die fliille und nicht den Kern mitbringen. Die Wertskala unseres Lehens hat sich verändert, der Wert der ״!.ehre“, der ״Thora“, sank, der Wert der Arbeit stieg. Man kämpft gegen die Intellcktualirierung und trifft dabei den Intellekt selbst. Wir arhten auf die Er/ielitmg der Kleinen und versäumen die Bildung der (!rohen. Die zionistische Bewegung vernachlässigt Brennende Probleme tier jüdischen Kultur. Der Jischuw selbst wie die Zionistische Organi-atioii müssen die Verpflichtung zu einer ernsthaften Bilr!imgsarheit auf sich nehmen, eine Vereinheitüi'huiig der Kräfte ohne S,T1c1natirier!1t1g Dt notwendig. Wir bedürfen einer Kultur der Zusammenhänge, nicht einer des Anfangs. Das Referat von Kaufmann ist reich an wichtigen Erkenntnissen zur geistigen Situation, nur werden die soziologischen Grundlagen der Bildungsarbeit, die veränderte soziale Struktur der jüdischen Bevölkerung zu wenig berücksichtigt. Dadurch bleibt auch der wegweisende Teil zu abstrakt. Eine Ergänzung 711 dem grundsätzlichen Referat gab Kaufmann in einem kurzen Vortrag über ״Die gegen wart i g e L a g e der K n 11 u r a r b e i t“. Er berichtete über die Leistungen aut den verschiedensten Gebieten. Er hob hervor: in den Abendkursen lernen insgesamt 6099 Menschen Hebräisch, huridertausrnd jedoch bedürften des Unterrichts. Tausende lesen in den Büchereien, hunderttausend müßteti lesen. Zu diesen Ausführungen Dt ein Wort der Kritik notwendig: Die Kulturarbeit in Palästina ist gewiß an Tiefe und Breite noch durchaus unzureichend, aber mau sollte ini Stadium der Entwicklung sich vor falschen Folgerungen aus Zahlen hüten, tn den Angabe« über den hebräischen Unterricht sind weder die vielen erfaßt, die privat Hebräisch lernen, noch die, die in den landwirtschaftlichen Siedlungen der Arbeiterschaft organisch in eine hebräische Umwelt einbezogen werden. Zahlen über Büchereien besagen nichts, solange die Büchereien selbst in ihrem Bestand und der Art seiner Vermittiung noch nicht den notwendigen Anforderungen entsprechen. Das zweite grundsätzliche Referat der Tagung bildete der Vortrag von Jakob Sandbank über: ״Die kultur c 11 e Aufnahme und Vcrinirzelung des Ein- Wanderers“. Unser ganzes Leben steht im Zeichen der Alijah, der Tatsache, daß in den letzten vier Jahren ca. ISO000 Juden nach Palästina gekommen sind. Nur «in kleiner Teil ist auch geistig fiir das Land vorbereitet gewesen. Die große Mehrheit kommt nach schwersten wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen hierher, will nun ,,leben“, frei sein. Diese Menschen sind Emigranten. Die Schwierigkeit aber Hegt nicht nur in ihrer seelischen Haltung, sondern in dem Nichtvorhandcnscm einer verpflichtenden national-kultureilen Atmosphäre. Diese Emigranten sind keine Analphabeten, man kann sie nur zur hebräischen Sprache führen, wenn inan ihnen zu ihrer Verwurzelung im Lande hilft, durch Vermittiung von Kenntnissen, die es ihnen ermöglichen, sich selbst zureehtzufindeii. Man muß an ihr tägliches Sein anknüpfen und ihnen Werte vermitteln, für die.es sich lohnt, zu lernen und zu leben. Die Kürze des Referats, das sich durch Klarheit der Problemstellung auszeichnete, ermöglichte nicht ein Eingehen auf die Frage der Kulturmisctuingeii, der Synthese zwischen jüdischer und europäischer Kultur. Naclium Lcwin gab im Anschluß an dieses Referat einen anschaulichen Bericht über die ArbeitdcrKuIturabtci* lun g des Waad Leumi, wobei bisher nur der Sprachunterricht gefördert werden konnte. Das Ziel Hi, die vor- Imndcnen Kurse auszubauen und pädagogisch zu vereinheitliehen, geeignete Lehrer für Erwachsene in besonderen Seminaren auszubilden, die Schaffung zweckmäßiger Lehrbücher vorzubereiten, eine Zeitschrift heraus/ugeben und größere finanzielle Mittel für die Arbeit zu erhalten. Einzelreferate In einer Fülle von Einzelreferatert versuchte die Leitung der Tagung, einen Lieberblick über die Situation in den einzelnen Gebieten zu vermitteln und zu entsprechenden Folgerungen zu gelangen. Der Schriftsteller Ascher Bar asch sprach über: ״Das hebräische Buch“. I>as hebräische »(ich nimmt nicht mehr eine zentrale Stellung ein, es befindet sieh auch wirtschaftlich in einer schweren Krise. Der Zusammenhang mit dem klassischen Schrifttum ist verloren gegangen, fremde Literaturen finden stärkeren Nachhall als die eigene. Ohne ein in Sprache und Gehalt hebräisches Brich ist aber keine hebräische Kultur möglich. Diese Ausführungen wurden von den Schriftstellern I. Eich mann und Schimonowitz ergänzt. Im Zusammenhang mit diesen Vorträgen stand das Referat von G o r d 0 11 über das Bialik - Institut, das seine Aufgaben jedoch aus Mangel an Mitteln nur zum kleinsten Teil durchführen kann. Charmoni berichtete über die Buchaktion, die jetzt in der Durchführung begriffen ist. ln diesem Bericht ist es unmöglich, auf alle Referate einzu gehen. Gerade die Vorträge über das hebräische Buch zeigten die Gefahr der Zersplitterung auf dieser Tagung. Der Rahmen war zu eng und zu weit zugleich. Die Frage nach der Struktur der Lesersclmft wurde überhaupt nicht erörtert, die Gründe für die veränderten Leseinteressen nicht dargekgt. Line der grundlegenden Volksbildungsinstitutionen: das öffentliche Büchereiwesen wurde nur ganz beiläufig erwähnt. Professor Schorr versuchte in seinem Vortrag ülver die ״Stellung der Musik innerhalb der Kultu r“ die Wichtigkeit der musikalischen Betätigung im Volk auf den verschiedensten künstlerischen Gebieten zu skizzieren. Seine Ausführungen wurden von M. Ra hi 110 witz ergänzt Harari, einer der Gründer des hebräischen Theaters in Palästiru vor dem Weltkrieg, sprach über ״Die Bedeutung des Theaters für die Volkskultur“ und wies aut die großen kulturellen Leistungen des Theaters hin, das einer Unterstützung der öffentlicher! Institutionen bedürfte. Seine Darlegungen wurden von Theaterleitern und Schau- Spielern unterstrichen. Abraham Katznelson, der Vertreter des Waad Leumi in der Leitung des Rundfunks, sprach über die hebräische Stunde im lladi o. Prof. A s s a t hielt einen interessanten Vortrag über ,,Die Geschichte des S 111 d i u in s der jüdischen Lehre unter den Erwach Serien“ und forderte die Erneuerung dieser Arbeit. Rachel Katznelson hob in ihrem Vortrag über ״Die kulturelle Arbeit und die Frau“ die Notwendigkeit hervor, die Frau stärker als bisher in das Kulturleben aktiv und passiv eirmihe.riehen. Vor allem muß die Mutter befähigt werden, ihrem Kinde eine hebräische Erzieherin za sein. Benzion Mossinson unterstrich in seinen Aasfübrungen über ״D i e Stellung der Kulturarbeit i tt der zionistischen Beweg!! 11 g“ die Verpflichtung aller zionistischen Faktoren, in einem ganz anderen Ausmaße ats bisher die kulturellen Leistungen zu unterstützen, weil ohne sie keine Volkwerdung möglich sei. Das letzte Referat j/aft den finanziellen Grundlagen der Bildungsarbeit. Der Leiter der Kulturabteilung der Stadt Tei-Awiw, Gor f ink e 1, sprach überzeugend über die Notwendigkeit und Möglielikeit der Finanzierung. Er schlug die Vorarbeiten fiir die Einführung einer besonderen Kultursteuer, wie sie auch andere Länder kennen, vor und beantragte außerdem, sofort eine tatkräftige Propaganda für eine freiwillige Kulturabgabe in Form einer jährlichen Verpflichtung zu unternehmen. Kaufmann wies ebenfalls auf die Notwendigkeit der Bereitstellung von Geldmitteln in großem Malistab hin. Ergebnisse der Tagung fn der Schlußsitzung wurden die Diskussionen, die durch die Ueberfiille an Stoff ins Uferlose gerieten, zum Abschluß gebracht und außerdem eine Anzahl Beschlüsse angenommen. Diese unterstreichen vor allem die Verpflichtung der jüdischen Oeffentiichkeit und der Zionistischen Organisation zur intensiven und extensiven Leistung auf allen Gebieten des Geisteslebens und der Kunst, sowie die Notwendigkeit einer einheitlichen Arbeit durch die Kulturabteilung. Ein Gremium von 24 Personen soll als beratendes Organ der Abteilung beigesellt werden. Die Tagungen selbst sollen jährlich stattfinden. In einem Aufruf an den Jischuw steht die Verpflichtung zur hebräischen Sprache um der nationalen Einheit willen im Vordergrund, Es ist dringlich zu hoffen, daß diese Tagung sowohl auf dem Gebiete der pädagogischen und künstlerischen Arbeit wie aut dem der Organisation und Finanzierung Erfolge zeitigen kann. Für spätere Kongresse ist die Konzentrierung aut e i n Problem notwendig. Man wird auf die Dauer auch den Fragen der Neutralität der Volksbildung nicht aus dt-ni Wege gehen können. Wohltuend war die Offenheit, mit der über die kulturelle Krise und über viele Unzulänglichkeiten gesprochen wurde, ohne sich mit der erneuten Herausstellung des bereits Geleisteten zu begnügen. Unter großen Opfern von Einzelnen ist Wertvolles geschaffen worden — die Bialik- Ausstellung in Deutschland sollte anschaulich davon Kunde geben —, aber die Erwachsenenbildung in Palästina steht noclt vor außerordentlich schweren Aufgaben. Sie wird diese nicht ohne eine tätige Anteilnahme aller Kreise lösen können, die an die Notwendigkeit und Möglichkeit einer neuen jüdischen Gemeinschaft in Palästina glauben. Jerusalem nadi Streikabbruch Von Ina B r i t s c h g i - S t h i m in e r Endlich war der Aufruf erschienen, mit *dem der Oberste Arabische Rat che Araber aufforderte, am Montag, dem 12. ( »ktoher, an die Arbeit /imk'k/ükeliren. Wie rcarru rte das arabische Jerusalem an! Montag auf diese AuftorderungV Aut di m Riwwnpbtz war, als er-fes Zeirhen fiir das Sirrik׳ mit, <!.!- Bum de« ,.National B;1 > Gon! p a n v“ geöffnet, und in den! engen Seiteng.!liehen standen auch wirklich zwei arnbisi l!e Autobusse der Linie Jerusalem — Jaffa. Zwei fVn;ga-le «aßen einsam darin, «kipegen fehlten die eifrig ge«:1ki!!:e!c:!(i1׳n (1 nippen von Ambern, die sonst den Anti.b!!-. zu 1m!!,1 .:ein pflegten. Lii.itt׳ nicht den Ansei*,ein, abuh dm־ Verb!!1 r heute sehr lebhafl wurde. Auch auf dem Haltrplnfz vor dem Rathaus standen zwar zahlreiche Taxis, aber in Iriniang-elung anderer Fahrgäste saßen die arabisr'nen Gha uff eure mit und ohne Tarbuseh zu ti ritt und zu viert in einem der Autos lind diskutierten lebhaft, fiarbadjan, der Schuhmacher von Jerusalem, der den Damen die entzückendsten Schuhe mit den höchsten Ab- Sätzen liefert und wahrend der Strcikmonatc gearbeitet hatte, aber, tun seine grolle!1 Spiegelscheiben vor Steinwürfen zu schützen, die eiserne Tür nur halb offen hielt, hatte heute seine Pforten ganz weit geöffnet. Bei Khoury daneben, dem eleganten I)amm-Modegeschäft, erinnerte ein mächtiges Loch in der großen Schaufensterscheibe noch an die Steinwtirfe der ersten Streiktage, womit man die Schließung des Geschäftes erzwungen hatte. Heute konnten die jüdischen und. arahischen Damen «ich dort wieder begegnen und Verstandigungspolitik anbahnen. Zwischen dein Russenplatz und dem P0«tb!1ro patrouillierter! indessen jüdische und arabische PoIiziAen hin und lu*r, fur alle Zwischenfalle vorbereitet. Doch schienen die Araber, die heute in stärkerer Zahl als sonst, i!1 größeren und kleineren Gruppen auftauchten, keine Stftriingsabsiehtcn zu liahen, sondern zogen mit flatternder Altajc friedlich ihres Weges. Vor tier Barclay« Rank, deren Sclicrcngittertür nur halb geöffnet ist, so, als ob sie in! gegebenen Moment sofort zuschn.ippcn wollte, warten zahlreiche. Taxis vergeblich auf Fahrgäste. Vor der Hauptpost, die ja in all den letzten Wochen ein beliebter Sammelpunkt für Araber gewesen ist, hat sich der Verkehr verstärkt, ebenso auch die Front der britischen Soldaten und auch die Zahl der arabischen Lastträger, die an der Ecke des St. Louis Way die Bordschwelle säumten und auf Aufträge warteten, ist angewachsen. Hier an diesem Knotenpunkt beginnt eigentliches arabisches Gebiet. Ein Blick in die Straße zum Damaskus-Tor, nie ja kein Geschäftszentrum ist, zeigt, daß sich hier noch nichts geändert hat. Der große Palastbau von Notre Dame de France, der die Gegend beherrscht, hat seine Tore geschlossen, und in seine Weltabgcschiedenlieit dringt wenig von der Bedeutung dieses Tages. Erst wenn wieder die Autos in rascher Folge zum Toten Meer hinuntersausen, wird auch hier Leben und Bewegung zuriiekkehren. Anders ist das Bild von der Hauptpost die Jaffa- Straße hinunter zum Jaffator. Dies hier ist die entscheide!1 de Zone, liier reiht siel! ein arabisches Geschäft an das andere, und hier ist auch die Veränderung auf den ersten Blick und auf Schritt und Tritt spürbar. Hochgczogcn sind nunmehr die eisernen Jalousien, das .Auge freut sich wieder der schönen Teppiche und orientalischen bedruckten und gestickten Wandhehängc und an dem leuchtenden Blau der ,Majolikaschalen und -vasen, Tozcreth Haarez, in einem der Schaufenster ist als einziges Ausstellungsobjekt, verstaubt tiiui verschmutzt von monatelangem Liegen, ein Sommerfähnchcn, das zu entfernen man wohl vergessen hatte. Wenige Schritte weiter stellt vor einem Textilgeschäft ein Lastauto mit Haufen von Stoffballen aller Art, die nun aus den Privatwohnungen der Ladenbesitzer wieder in die Läden zurückgchracht werden. Der in unmittelbarer Nahe befindliehe I.aderi des Kaufmanns Jizchak Cohen, der vor einigen Monaten auf dem Heimwege von der Arbeit durch eine Kugel schwer verletzt wurde, ist noch geschlossen, ebenso eine Reihe anderer Geschäfte in der angrenzenden Mamilla Road. Erfreulich ist es zu konstatieren, daß das kleine arabische Reslnurasvt, in dem wir so manches gute Menü arabischer Art verzehrt haben, wieder seine Pforte geöffnet hat, und vor seiner Tür hängen wieder die fetten Hammel, deren Koteletts nirgends in so ausgezeichnet er Zubereitung zu finden sind. Regstes!.eben herrscht am j a f f a t o r. Das große arabische Cafe ist voll von Besuchern, der weit« Platz an der Stadtmauer angefüllt mit Taxis und Wagen und Auto- Bussen, die nach Bethlehem und Hebron fahren — rum erstenmal nach einer Pause von einem halben Jahr. Dicht am Tor bieten zahlreiche Schuhputzer ihre Dienste an, und Händler mit Süßigkeiten oder mit dickbäuchijcn Krügen voll Limonade preisen ihre Waren an. Nun ist hier alles wie früher, ehe der Streik alles Leben lahmlefte. Hinter dem Tor ist wieder das prunkvolle Antiquität engeschäft geöffnet mit seinen phantastisch schönen antiken Geräten und brokatnen Gewändern und seinen noch phantastischeren Pre isen. Und nun die Altstadt — die Davidstrafte! Ob man es wohl wagen kann, sie zu betreten, beute am ersten Tag, wo noch alle Erregung der letzten Monate nachzittert? Ein englischer Soldat im Auto, den ich befrag«, wie die Situation ist, hält es für ,,not advisable“ und rät, noch einige Tage zu warten, bis sich zeigt, wie die Jerusalemer Terroristen und Bomhemvcrfer sich zum Abbruch des Streiks verhalten. Der Rat ist gut und weise, aber die Spannung ist doch größer: Wie sieht cs heute am ersten Tag in diesem Zentrum des arabischen Lebens aus, das, sonst ein Bild buntesten Gewimmels, schon seit Monaten tot und verödet war, während im jüdischen Teil der Altstadt Leben und Bewegung herrschte? Der Eingang zur Davidstraße ist scharf bewacht von englischem Militär und britischen Polizisten. Einer sieht mich forschend an. Ich frage auch ihn und er meint, ״es sei so sicher, wie in der Jaffastraße“. Eine etwas zweideutige Antwort. Ein einziger Blick in die Straße hinein verlockt dazu, Stufe für Stufe liiiuinterz.usteigcn, hinein in den ״Scliuk“, den arabischen Markt Jerusalems, wohl einem der inter* essantesten Piätze der Weit und in normalen Zeiten ein Entzücken für jeden, der erstmalig einen Bazar im Orient betritt. Alle Völker, alle Rassen, alle Religionen begegnen sich hier auf diesem engen, steinigen Wege, tier zur Omarmosch ec, zur Klagemauer und zur Grabeskirche führt: Kaftanjtide und russischer Priester, Neger, Hindu, arabischer Scheich und Fellache, die elegante englische Lady und die arme Beduinin in ihrer bunten Tracht und bunten Tätowierung im Gesicht. Alles schiebt und drängt und stößt sich aneinander vorbei, und dazwischen traben Esel, hochbeladen. So war es sonst. Aber heute ist nichts dergleichen. Zwar sind rechts und links die Läden geöffnet, aber zumeist nur die fiir den täglichen Bedarf: die Fleischer, die Gemiisc- und Obsthändler, die es verstehen, ihre Ware so schön zu schichten, eine Freude fiir den Beschauer und für den Käufer. Auch die Barbiere haben geöffnet und in den Restaurants werden eifrig Tische und Stühle gescheuert zur Aulriahme der Gäste. Auch hocken einige Fellachinnen, die von den Dörfern hereingekoinmen sind, am Boden und halten Kräuter feil. Aber all dies geschieht zögernd, wie gehemmt, wirkt nur wie Vorbereitung. Nur wenige der Geschäfte mit den schönen, arabischen Stoffen haben aufgemacht, und ihre Besitzer stehen vor der Tür und blicken erwartungsvoll auf die wenigen Passanten. Viele Jalousien sind noch heruntergelassen. Oh ihre Inhaber zu den radikalen Streikanhängern gehören, oder ob der Streik sie finanziell so ruiniert hat, daß sie nicht mehr öffnen können? Auch die jüdischen Geldwechsler und Händler, die hier ihren Stand hatten, fehlen noch gänzlich. Sie wagen sich wohl noch nicht in dieses unsichere Gebiet und bleiben lieber noch jenseits des StaehcTdrahtzaunes in der Jüdischen (lasse. Und dein ״Sehuk“ fehlt heute das, was seinen Zauber und seinen Reiz, ausmacht: das bunte Durcheinander, das Völkergewiiltl. Aber: der Anfang ist gemacht —■ die Pforten sind geöffnet, es fehlen nur noch die Käufer. Man hätte meinen sollen, nach dieser langen Zeit der Entbehrung würden die Läden am ersten Tag gefüllt sein mit Menschen, die hungrig nach Waren sind. Nichts dergleichen. In der Jaffa- Straße und im ״Schuk“, diesen beiden Zentren des arabischen Gescbäftslebcns, ist dieser erste Tag nach Streikabbruch nur ein Tag der Erwartung und der Hoffnung, daß das Leben bald wieder in seine normalen Bahnen zuriickfluten wird. Und dennoch ist ein Aufatme n zu spüren, bei den Arabern nicht weniger wie bei den Juden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.