Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 85 (23.10.1936)
- Date
- 1936-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 85. 23. OKTOBER 1936 Die Konstruktion der jüdischen Geschichte Zur Neuausgabe der Sdirift von Heinrich Graetz *Entwickelnde Geschichtsforschung״ Kurt Breysig: ״Die Meister der entwickelnden Geschieht** forschung. — M. ft H. Marcus, Breslau 1936. Der Berliner Historiker Kurt Breysig ist vor einigen Monaten 70 Jahre alt geworden. Seine Schaffenskraft hat mit den Jahren dennoch immer mehr zugenommen, lind in kurzer Folge erschien die große Zusammenscliau geschiehtlieber Art, die er in eigentümlicher Methode und eigenwilliger Darstelliwgsform geschrieben hat. Sein Buch über die M c i ־ ster der entwickelnden Geschichtsforschung soll nun eine Reihe von Gestalten uns vors Auge führen, die für eine bestimmte Behandlung geschichtlicher Tatbestände im Laufe der Jahrtausende typisch sind. Breysig meint d i e Geschichtsdarstellung, die nicht von der geschiehtliehen Ein/, cltatsache als solcher ausgeht, sondern von den Tatsaclienziigcn, die die Zeiten zu Einheiten verbinden und durch Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch ganze Reihen formen. Man darf gewiß sagen, daß Breysig selbst sich zuinnerst den Historikern dieser Art verbunden fühlt. Er führt uns einen langen Weg von dem Beginn der Geschichtsschreibung über Aristoteles und den großen Araber Ihn Chaldun zu Vico, Montesquieu, Voltaire, Turgeau. Condorcet bis zu Winkclmann, Justus Möser und schließlich Herder, dessen ״Ideen zur Philosophie der Ocschichte der Menschheit“ eine besonders eingehende Dar- Stellung erfahren. Dieser Gang durch die Geschichte der entwickelnden Geschichtsforschung stellt zugleich einen Gang durch die Geschichte selbst in einer ganz bestimmten ideeliehen Haltung dar. Es ist nicht überraschend, daß auf diesem Gang auch zahlreiche Probleme erörtert werden, die vom jüdischen Standpunkt aus besonderes Interesse verdienen. So behandelt Breysig schon in der Einleitung die bereits vielfach autgcfallenc Erscheinung, daß in der frühesten Periode der Geschichtsschreibung sich Gleichläufigkeiten bei weit entfernten Zweigen des Menschengeschlechts finden. Er führt als Beispiel die Genesis der Juden und Ursagen gewisser I n d i an c r s t ii m in c an, wobei die Verflechtung von heiliger und profaner Sage in beiden Fällen die gleiche ist und auch ganz bestimmte historische Gegenstände bzw. Symbole gleichläufig auftreten, so z. B. die Arche Noah und das Floß des Großen Hasen bei den Indianern. Bei der Behandlung Ibn Chalduns weist Breysig auf seine Stellungnahme zur Rasse hin. Ibn Chaldun meint, daß die Rasse nur bei bestimmten Völkern, so z. B. bei Arabern und Juden in den Vordergrund trete, während bei anderen, so z. B. bei Negern und Slawen, die Unterschiede in Seele und Geist mehr auf die Einwirkung des Klimas zuriickziiführen seien. Weiter wendet sich Breysig bei der Darstellung der Herderschen ״Ideen“ naturgemäß auch dem Abschnitt über die Hebräer zu, von dem er sagt, ״Herder habe hier dem Scharfblick seines Sehens, aber auch dein vollen Klang seiner Sprache nach eine der höchsten seiner Leistlingen vollbracht“. Breysig weist auf die Leistung Herders bei der Behandlung Moses als größtem Mann seines Volkes hin. Dcmgegenüber solle man vergleichen, was aus dem Bild dieses Mannes unter den Händen späterer Gelehrter geworden ist, die von ihm nur einen Haufen kärglicher Notizen übrig gelassen haben. Breysig führt als Beispiel hierfür Zitate aus Well* hausen und Eduard Meyer an. Es bedeute ein Höchstmaß von falscher Geschichtsschreibung, daß ein Mann, von dem die Geschichte vom Sinai berichtet werden konnte, in nichts aufgelöst werden soll. Breysig sagt weiter: ״Und welch einen Abgrund von geschichtlichem Verkennen bedeutet die Vorstellung, irgendwelche späte Priestergenerationen wären imstande gewesen, sich diese Szene auszudenken, die in ihrer Erhahfchcit einen der höchsten Gipfel der Geschichte der Menschheit darstellt.“ Breysig rühmt weiterhin Herders Scharfblick im Begreifen der politischen Geschichte der Juden. Er habe das politische Unvermögen dieses Volkes richtig beurteilt und gesagt, sie wohnten von jeher lieber unter anderen Völkern. ״Dieses Urteil“, so sagt Breysig, ״kennzeichnet die eigentliche Tragödie des Judentums aber so scharfblickend, wie viel politischer geschulte Geschichtsschreiber nicht vermocht haben.“ Diese für uns besonders interessanten Abschnitte des Breysigsclien Werkes sind natürlich für das Insgesamt der Darstellung nur von untergeordneter Bedeutung. Sic zeigen aber die Art, wie er diesen Stoff zu behandeln versteht, von dem er seihst in der Einleitung sagt, daß es ein Versuch ist, der in diesem Buch zum erstenmal gemacht wurde, nämlich die entwickelnde Geschichtsforschung selbst zum Gegenstand geschichtlicher Forschung zu machen. Ohne daß ein fachliches Urteil an dieser Stelle abgegeben werden soll, muß gesagt werden, daß der Versuch zumindest außerordentliche Beachtung verdient. oe. Ein Savonarola-Buch Die Biographie, von Haus aus eine legitime Tochter der Geschichtsforschung, ist heute die umworbene und bevorzügle Stiefschwester der Geschichtsschreibung geworden. Wenn man die Unzahl der in den letzten Jahren erschicneuen Biographien z.usammenstellt, so entsteht daraus gewiß eine Welt von Geschichte (oder Geschichten), aber doch das Gegenteil von Weltgeschichte. Denn den meisten dieser biographischen Bücher fehlt die Tiefräumigkeit. Sie piiegen Weltgeschichte auf Taille zu arbeiten, nämlich auf die Taille des jeweiligen Helden. Biographie ist so wenig vollwertige Geschichte, wie Monolog Drama ist . . . Dies gilt auch von dem ans dein Englischen übersetzten ״S a v on a r o I a“- Buch von Ralph Reeder, das soeben im Verlag Berinann-Eiseher (Wien) erschienen ist. Es bezeichnet sich im Untertitel als ״Eine Untersuchung über das Gewissen“. Schon damit hapert es. Denn statt dieser Unterstichung gibt das Buch lediglich einen Bericht über die vcrschiedentliclien Gewissenskämpfe des Florentiner Mönchs ünd Reformators, also etwas Einmaliges und auch etwas Einstimmiges. Die Vielstimmigkeit des Gcwissensproblems, zumal vom Religiösen her begriffen, wird verschwiegen, oder sie bleibt flach im Verhältnis zu der im Hochrelief herausgearbeiteten Figur d cs Heide 11. Diese allerdings kommt zu höchst lebendiger Wirkung. Sie wird mit ausgezeichneten schriftstellerischen Mitteln geformt und bemalt und ausgeschiniickt -- lebensnah, lebensähnlich, lebenswirklich. Nur — das G c w i s s e n, das über sie hinauszcigen müßte, weil es über alles Figürliche hinausreicht, Fileibt ein mir von dünnem Echo erfüllter Hohlraum. Es fehlt die Diciitigkeit der Zeit, aus der sich das Gewissen nährt, um sich an ihr zu bewähren. Es bleibt — wieder einmal - beim Monologischen, fast sogar beim Monomanischen. Die Welt und die Figuren der Päpste werden nur leicht angetupft, die Alexanders VI. zumal eher verdunkelt als erhellt. Und der geistige und künstlerische Raum des Florenz der Jahrhundertwende wird ins Halbdunkel zurückgedrängt. Hochrelief — die volle und ganze Plastik des Geschichtsbildes fehlt. Das ist ein Mangel nicht so Heinrich Graetz schickte seiner elfbändigen ״Geschichte der Juden“ im Jahre 1846 eine programmatische .״Konstruktion der jüdischen Geschichte“ voraus. Sie hat jetzt Ludwig F e 11 c h t w a n g e r durch eine Neuausgabe in der Bücherei des Schockcn-Verlags (Band 59) einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. ״Ein Gedankensystem gehört nicht ganz oder nur teilweise dem Schöpfer desselben an, es ist ein Produkt der Zeit und der Denker hat dabei oft nur die Funktion, daß er die zerstreuten Strahlen der Idee in einen Brennpunkt sammelt.“ Graetz wußte wohl, wie sehr das Denken den Zeittcndenz cn verbunden ist, und er erkannte die Spuren voreingenommener Forschungsresultate bei den eluistliehen wie jüdischen Deutern der jüdischen Religion. Mit sicherem Blick rügte er die aus theologischer oder philosophisch-systcmatisiercndcr Vereinfachung gewonnenen Anschauungcn der Zeitgenossen (eincrseiis Hegel, Braniß, Samucl Hirsch, andererseits Sternheim, Samson Raphael Hirsch, Mises), welche bedeutsame Einzelheiten in bedeutendem Vortrag doch in das Prokrustesbett ihrer Systeme und Prinzipien zwängten. ״Die Totalität des Judentums ist nur an seiner Geschichte erkennbar; in der Geschichte muß sich sein ganzes Wesen, die Summe seiner Kräfte explizieren.“ Das scheinen echt historische Worte zu sci1׳, die mit der Demut und der umfassenden Kraft dessen an die Ereignisse treten, der um das Geheimnis der Ocscbi ■hte weiß und um seine Deutung ehrfiirchtig ringt. I>och diese Erwartung erfüllt sich nicht, der Akzent liegt fiir Graetz nicht auf dem Historischen. Mit fertiger Erkenntnis packt er seinen Stoff an und deduziert aus ihr die einzelnen Resultate. Trotz der überragenden Matcrialkeinittiis unterliegt er dem Zeitgeist der philosophischen Systematisierung. Waren die von ihm augegriffenen Vorgänger Opfer eines verengten Gesichtsfeldes, so strauchelte Gractzens genialischer V'ersuch an der Methode. Es ist Hegels dialektische Methode, welche den Rang des Werkes so entscheidend bestimmt. Nicht eine bcliebige Methode, welche nur den heulistischcn Rahmen der Untersuchung absteckt, sondern diejenige Methode, die zugleich ihr Resultat beinhaltet. ״So ist die Geschichte nicht nur der Reflex der Idee, sondern auch das Kriterium ihrer Probehaltigkcit.“ Die Geschichte erscheint als Träger einer Idee, die sich im historischen Ablauf bis zum Selbstbewußtsein erhöht im dialektisch-logischen Dreitakt von Thesis, Antithesis und Synthesis. ״Die Geschichte jedes wahrhaft geschichtlichen Volkes wird von drei Hauptepochen bczeichnet“ lautet der dialektische Hauptsatz der Hcgelschen Geschichtsphilosophie. Die drei Haupfepochen spiegeln die ewig gegenwärtige Idee des Volkes, seine Erstarkung (Thesis), seine Berührung mit der Außenwelt minderem!- wickelter Völker (Vergangenheit, Antithesis) und seinen Untergang (Zukunft, Synthesis). Die Idee, der ״Volkseist“, der sich in diesem Ablauf offenbart, gibt den konreten historischen Ereignissen ihre Bedeutung, macht sie erst historisch beachtenswert. ״Die Mannigfaltigkeit der Formen, in denen sich die Geschichte gefällt, sind eben nur konkret gewordene Momente der Idee.“ Diese grandios einseitige methodische Lehre muß man vor Augen haben, wenn inan Gractzens Aufbau begreifen will, der vor allen Einzelheiten schon sein Ergebnis einfiihrt und seiner Aufgabe die sonst allzu befremdende Formtilierung gibt: ״in dieser Skizze die Reihenfolge der jüdischen Geschichte, ihre Höhen und Niederungen an diesem Maßstab zu messen und sie nach der Grundidee des Judentums zu konstruieren, nach dem unbestreitbaren Grundsatz: die Geschichte ist der Reflex der Idee“. Nur in der begriffliehen Konstruktion konnte sich dem Hegelianer die Idee des Judentums als wirklich entfalten. Dies allein kennzeichnet ideengeschi.-ht>ich den Ausgangspunkt Gractzens. Für die Annahme einer Beeinflussung durch Rankes vorsichtiges induktives Erschließen völkischer Eigenart, welches der Herausgeber fiir mitentscheidend hält, besteht daneben kein Anlaß; denn auch die Volksgeisterfassung Gractzens findet schon bei Hegel ihr methodisches Vorbild. Aus dieser Hcgelschen Verquickung findet auch die Einteilung und Periodisierung unserer Geschieht«- konstruktior! ihre Erklärung. Die Epochen, die vorcxilischc, die nachexi'ische, die diasporische, verraten so ihren Nebensinn als die Setzung der These und ihre Aufhebung, das Aufsteigen vom subjektiven über den objektiven zum abso¬ Gebet des Pilgers Von Arthur Silbergleit So führe mich von Land au Land, Ifh folge fügsam Jeder Schickung. Du schenkst Erlösung und Verstrickung; Mein Halt, o Herr, ist Deine Handl Im brennend helken Wüstensand Wirst Du mir Quelle der Erquickung. O Traumoase der Entzückung Und Insel frommer Wellenlrflckung, Meer ist Dein blaues Gürtelband Und Sonne, Herr, Dein Festgewand! Einst ahne ich midi ganz entspannt, Venn Flutmusik und Engelschwingen Mir Deine Botschaft überbringen: .Dein Herz Ist mir im Traum erschienen Als ein Altarkelch, mir zu dienen Mit Blut und Glut als hehrstes Pfand Siels dienstbereiter Seelentreue, Durch die Ich midi in Dir erneue 1* וווווווווווווווווווווווווווווווווחוווווווווווווו1ווןןןןוווווו1ווווווווווווווווווווווווו1וו!וווווווווווו!!וחווווווווו1וווווווווווווווווווווווווו«ווווווווווווו sehr dieses oft prachtvoll gestalteten und übrigens glänzend übersetzten Buches als des ganzen Genres. In Savonarolas!.eben hat bekanntlich jener edle, vielwissende Picco della Mirandola eine Rolle gespielt, den auch die jüdische Geschichte der Renaissancezcit kennt. Er hat sich um die Kabbala bemüht und um den Versuch einer Verschmelzung heidnischer, christlicher und jüdischer Mystik. Auch Johannes Rcuchlin hat vor und in seinem Kampf gegen Pfefferkorn um die jüdischen Schriften mit ihm in persönlicher und wissenschaftlicher Verbindung gestaaden. Diesem von einem glühenden forschungsdrang beluten Geist. Alis dein politisch-sozialen Moment der ersten Periode, aus dem religiösen der zweiten und aus dem theoretisch-philosophischen der dritter! erwächst die historische Ansicht, daß es die Aufgabe der jüdischen Gottesidee zu sein scheärt, ei 1c religiöse Staatsverfassung zu organisieren, die sich ihrer lätigkeit, ihres Zweckes und ihres Zusammen-!langes mit dem Weltgan/cn bewußt ist. Auf diesem Boden auch wird nt 111 eine so tvpi.ch Hegelsehe Feststellung verständlich wie die: ,,Das Judentum stellt sich bei seinem Eintritt in die Geschichte als Negation dar, es negiert das Heidentum, es tritt glci hsarii als Protestantismus auf.“ So entdeckt sich auch der Ursprung einer historisch so überraschenden Bemerkung: ״Es kann nicht fehlen, daß die religiöse Peri >de der jüdischen Geschichte Analogien hat mit dem poli.i •dien )'erlaufe derselben, daß die beiden Entwicklungsphaseit denselben Typus verraten.“ So tief prägt sich die Methode ii den Resultaten aus. Es ist wunderbar, wie reicher historischer Gehalt trotzdem in Gractzens Studie geblieben ist. Ist man den methodischen Einflüssen gegenüber kiilisch, so darf man sich willig der meisterlichen I ulmmg durch den Reichtum der jüdischen Geschichte liingeben. I >cnn in den Einzelheiten triumphiert die Fähigkeit zum plastischen Sehen, mit der Liebe des 11ist0: Users wird der Gang ries jüdischen Volkes durch die Geschichte verfolgt. In allen Epochen leuchtet der immergegenwärtige U i 4 des Judentums, aber er erscheint nicht uniformiert, er vergewaltigt nicht die universale Mannigfaitigkut dieses einzigartigen Geschehens, ln den entscheidenden Perioden gewinnt er immer neue Aspekte, die sich der vorhalulenen Substanz gluck lieh assi nilieren. Durch das B c w 11 II t s e i 11 d e r r c I ii״s e n S e 11 d 11 n g ii c s I u d e n t u 111 s gewinnt die I)ar-tellnng der po'i.isch-so/ialen Periode ihren innerlichen Schwung -. durch die Erkenntnis der jüdischen Lehre als eines S t a a t s g r u n d g e s c t 7 c s wird die re'i.giöse Periode aus der lehenslosen Schattenhaftigkeit des Jcnsci-.igen für die Bewahrung des jüdischen Volkes in der Wirkii hkeil gerettet. Eine so umfassende Schau, die aus dem Schatz dieser großen Geschichte’ ihr Bild gewann, konnte den Tciulcn/eii der Emanzipatimszeit nicht verfallen, das Judentum ״als ein werig genierendes Abstraktum an/uschen, es ans der Energie der Tat in die Verschwommenheit der < iet'uhlsre'igiosität zu verlegen“. Die Besinnung, welche die zu seiner Zeit aufbiuhemie ״W issenschaf t des J u d c 11 t 11 m s“ brachte, bedeutete fiir Graetz nicht die Sammlung von ['eilen der Vergangenheit, sondern Konzentrierung und Aktivierung der judentümlichcn Elemente, deren Lebendigkeit und Herrschaftsansprueh über das jüdische Leben ihm außer l'ragc stand. Die historische Forschung, die Aufspürung und Erwerbung des alten jüdischen Besitzes, war ihm zugleich der Brückenschlag iri die Zukunft. Der entscheidende Akzent fiir Graetz auf dem Idee liehen. Darin blich er der Schüler der deutschen Philosophie seiner Zeit. Der innere Zugang zu dem einfachen Seelenschaffell des Volkes, wie es in der Aggada und ■den mystischen Richtungen zum Ausdruck kommt, blieb ihm \crsagt; es ist reizvoll, hier den eigenwilligeren Dtibnow zum Vergleich heranztiziehcn. Das philosophisch Klare zieht Graetz an, ihm leiht er zuvörders! die Kraft seiner kiinstlerischcn Gestaltung. Das gewaltige Gleichnis, mit dem er die talmudischen Umzäunungen verständlich macht (die gleichen, die er später um anderer, ihm höher stehender Ideen willen freilich verurteilte), wohl aus Goetheschem Geist gespeist, zeigt hier die Weite seiner Meisterschaft. Der Vergleich des zerstreuten Volkes Israel mit dem Sohn, der vom Vater in die Fremde gesandt wird, sich zu kräftigen und verselbständigen durch bittere und sulle Erlebni-.se, bis er reif ist für das väterliche Erbe, dieser Vergleich vergißt sich nicht so rasch. Die modern-wisscnsdiafi'ichcii Elemente, aus denen die Graetzschc Konstruktion der jüdischen Gescbi hte besteht, sind vergängliche Dokumente u:1er I poche, aber durch ihr Geriist leuchtet das unvergangliehc Erbe des Hauses Israel, Darum will das Buch auch In-ute - nicht nur vom IIMoriker, sondern von allen Stiebenden - gelesen sein, um seines inneren Lebens willen. Es Bf ein jugendlich stürmender Mahner, geschrieben vor einem Jahrhundert, schon zur Vergangenheit gehörend, aus der es schöpft — doch ein Brückenschlag zu jüdischer Zukunlt. I >r. II cllmuf Pappe, Breslau scsscnen Humanisten, der jung gestorben ist — er war ein Anhänger und Beschützer Savonarolas wird das Buch nicht ganz gerecht. Denn es biegt die Tragödie Mirandolas in eine Groteske um. Was das!.eben Savonarolas selbst anlangt, so fällt cs stofflich aus dem!nteresseiikreis dieses Blattes, sofern nicht die großartige Tragödie eines Glatibensfanatikers und Märtyrers jedes Interesse beanspruchen darf. Was einen jüdisehen Leser des Buches elegisch stimmt, ist die Beziehung oder vielmehr Beziehmigslosigkeit Savonarolas zum Prohl cm des Judentums. Der Jüngling schon holte sich Kraft und Aufschwung im Altert Testament: ״Er griff zur Bibel und las und las immer wieder die Kapitel über Sodom und Gomorrha, über Aegypten und den Exodus.“ Oder: ״Er verweilte in der Bibel mit V01 liebe bei den zornmütigen Stellen des Alten Testaments ... Sie erweckten eine verwandte Beredsamkeit in ihm.“ Mitten im Kampf um seine religiösen, politischen und moralischen Reformen stärkte er sieh an Jesaia und Jeremia. Er hing also geistig und seclisch von der jüdischen Schrift ah. Er lehrte auch seine Schüler i!11 Kloster oder lernte mit ihnen: Hebräisch und Chakläisch. Als junger Priester wollte er Juden bekehren. Mathias Bleinet, ein jüdischer Hehraist, wurde Laienbruder in Savonarolas Kloster San Marco. Und trotz alledem eiferte er später gegen die ״hinterlistige und Gott hassende Sekte der Hebräer"! Warum? Weil sic von der florcntinischcn Obrigkeit zum Wuchern angchalteii und im Wuchern bcstärkt wurden! Gerade ein Savonarola, der ja auch Sozialrcform-Gc-dankeii hatte und einige sogar durchsetzte, hätte erkennen dürfen, daß die Juden, denen neben dem Trödelhandcl nur das Geldgeschäft fast ais eine Art von Monopol belassen war, dieses aus anderen Motiven als aus ״Hinter« list“ und ״Gotteshaß“ ausiihten, ja daß sie als Träger des Darlehens- und Pfandleihegesehältes geradezu ein Instrument der Regierungen und ein Objekt ihrer Steuerpolitik waren. Aber bis zu dieser Erkenntnis drang auch dieser kühne Geist nicht durch. Wie eine Satire wirkt es dann, wenn später, als seine Macht und sein Einfluß in Florenz im Nipdcrgang begriffen waren, seine Anhänger als ״Juden und Ungläubige׳‘ beschimpft wurden. Jj*.