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Jüdische Rundschau · 1936-10-20 · Heft 84 (20.10.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 84 (20.10.1936)
Date
1936-10-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 84, 20. X. 1936 Der Epiker Arthur Schnitzler Zur fünften Wiederkehr seines lodestages (21. Oktober) Von Schal om Bcn-Chorin (Jerusalem) Vor 21 Jahren seit rieb der Weimarer Literaturhistoriker Max Geißler in seinem ״Führer durch die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts“ über Arthur Schnitzler: ,,Kirnst* krisch vollendeter als seine Dramen sind übrigens seine Novellen, wiewohl das 1912 im allgemeinen noch nicht er* kamst ist. Ls sind (Schilde voll Schönheit und Klarheit dabei, die in der zeitgenössischen Literatur kaum über troffen werden.“ Ls hat sieh — in bezug aut die Bewertung des Schnitz-!ersehen Werkes — in diesen 21 Jahren wenig geändert. Der Dramatiker Schnitzler, zeitweise einer der meistgespicltesten modernen Autoren, verdunkelte das (reinere) Licht des Epikers. Deshalb sei hier posthum eine knappe Darstellung und Würdigung der Scbnit/lerschen Epik — in ihrer aktuellen Bedeutung für uns — gegeben. Dreibig Novellen und nur zwei Romane umfaßt das erzählende Werk des Dichters. Wer wollte es Zufall nennen, daß Schnitzler die Novelle bevorzugte, das Stiefkind der modernen Epik, das neben seinem robusteren Bruder, dem Roman, ein AscheiibröilcMasein zu führen verdammt scheint. In solchen Dingen gibt es keine ״Zufälle“. Auch in seiner dramatischem Produktion war Schnitzler im Einakter, in der losen Szcnenfolge am eigensten. Diese Vorliebe für das Detail an Stelle eines (ian/eii, für das Ein/elsclueksal an Stelle eines Weltbildes, entspricht der impressionistischen Grund- 11,׳!Kling des Dichters. Demi Schnitzler ist der Dichter des Impressionisnuis par evcclieiue. Seine beiden monologischen Novellen .,Leutnant GuMi“ und ,,Ltauleiti Else“ sind wahre Must erbebpicle i!nprej,s10i11>t1-elu r Erzählerkirnst. In ״Leutnant < iustl“ (lödO) v ei w nudelt sieh der Dichter in eine Art psychischen Seismograph, welcher die kleinsten Schwankungen in der Seele dm zum Selbstmord entschlossenen Leutnants nachzeichm t. Line kleine A!lerwe!t-1 pisoilc geschieht, die kaum des i'r/ahlcits wort scheint. Das ist a!!es ein Nichts! — eine Welt! I ine versunkene Welt. Die Welt der Jahrhundertwende, die Welt Arthur Schnitzlers. Was!st das f! 1r eine Welt' Leichtlebig und elegant, oberflaehlicli und tiefsinnig, sprühend vor Freude und durchflutet von herbstlicher Tranei, flach rationalistisch und doch Zitternd vor dem Dämonischen hinter den Menschen und I 11׳!gen. I heser Wiener Judo hat wie kein anderer die Menschen und die Atmosphäre seiner Vaterstadt eingelaugen, die mehr ist als ״Walzer ... Kalfccliaus ... süßes Madel ... Back- Hendel ... Linker ... ParlamcntsskamJal .. .“ Es ist eine /Vphall-Bodenständigkeit, wie sie am 11 anderen jüdischen Dichtern iles zcitgi iuLmwI!c1i deutschen Kniturkreises eignet. Eine unprätentiöse Bodenständigkeit, die der Selhstbeschcidiing des Herzens entspringt, nicht einem verkrampften Assimilations- Programm, nach dem jüdische Selbsthasser wie Rudolf Borchardt schaffen. Die Trage■ ״Jude oder Europäer“ brennt Schnitzler aut den Nageln, obwohl er ganz und zutiefst eingegangen ist in die überreiche, bis zu Dekadenz und Morbidität verf *inerte Kultur des alten Oesterreich. Fast immer tragen Schnitzlers männliche Helden (wie W. Mann in seinem Essay über *len Dichter in Krojankcrs ״Juden in der deutschen Literatur“ hcraiisgestdlt hat) die Züge von jüdischen Literaten, die sich der Problematik ihrer Existenz zutiefst bewußt sind, ja nachgerade in ״einer Verliebtheit in diese Problematik leben. Atn klarsten tritt dies natürlich an den als jüdische Literaten konzipierten Figuren des 1908 erschienenen Wiener jüdischen Romans ״Der Weg ins Freie“ zutage. Diese Nürnberger und Beermann, Eisler und Stäuber, leiden an der Dnentrinnharkeit ihres jüdischen Schicksals, von dem sie immerzu reden, ohne nur die Möglichkeit einer Lösung zu wünschen. Sie erinnern an jene halbfertigen Menschen - Gespenster, von welchen der Sohar erzählt, daß sic in der Dämmerstunde vor dem ersten Schahbat ins Leben traten, ohne mehr Zeit zu haben, in eine leibliche, erdgebundene Existenz einzugclte!!. Die geradlinige zionistische I osung des alten Ehrenberg, die;mell (alleidings mehr ״poliiiseh-svinbolischerweise“ als praktisi h) von dem jungen Musiker Leo < iolowski vertreten wird, kann für dir-e komplizierten Geister, die immer noch eine ( h hi 1 u Windung mein׳ als alle anderen Menschen haben, ki ine Antwort sein. Der Dichter Heinrich Beermann — Urntotvp dieser in sich gebrochenen Menschen (und vielleicht dar uni gerade IjiIhiis-, verteil, dem! liehe kommt oft ans Mitleid), verlegt — echt er Impressionist wie sein Autor! — das Judenprobletn in das Innere des jüdischen Menschen. Er sagt: ״Ich glaube überhaupt nicht, daß solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam unternehmen lassen ... denn die Straßen dorthin laufen ja nicht im Lande draußen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren Weg zu finden.“ Hier steht er in nackten Worten, der hemmungslose Individualismus jener schon historisch gewordenen Epoche, die seelische Konzeption einer Männer-Generation, die jede überindlvidtielle Bindung an Volkstum, Staat, Nation, Hebgion, mit einem an Stirner grenzenden Egoismus und einer beispiellosen Egozentrik ablehnt, einer Egozentrik, die sie sogar unfähig macht zur Liebe und die Frauen zerbricht, welche sich ganz an sie verschwenden. Da welken sic 1m Schatten, die blassen, anmutig-traurigen Frauengestalten Arthur Schnitzlers; Anna Rosner, die unglückliche junge Mutter, Frau Berta Garlan, die in verlorenen Jahren der Illusion einer Jugendliche nachträumt, Amalia, die in dumpfer Häuslichkeit von Casanova träumt, Fräulein Else, die die perfide Lüsternheit eines alten Wüstlings in den Tod treibt, und Therese, das Kind des Schattens. Diese Männer sind nicht geschaffen für die Bereiche, die den ganzen Einsatz der Persönlichkeit erfordern: den Bezirk der heroischen Bewährung und den unvergleichlichen des Eros. Wo Eros sein Opfer will, flüchten sie in Flirt und ,,Liebelei“ und dort, wo es um letztliche Bewährung geht, weichen sie aus, meist, indem sie sich aus dem Leben fortstehlen. Die außerordentliche Zahl der Selbstmorde in Schnitzlers Erzählungen ist nichts weniger als zufällig, sie ist Ausdruck einer inneren Ausweglosigkeit, einer ״Flucht ins Dunkel“ vor der letztlichen Bewährung. Leutnant (iustl wird nur durch einen Zufall vom Selbstrnord zurückgelialten, der junge Dichter in ״Der tote Gabriel“ erschießt sich wegen der Treulosigkeit seiner Geliebten, die ״Redegonda“ bringt sich wegen eines fiktiven Ehebruchs um, der Ehemann Albert in ״Die Fremde“ geht leise aus dem Lehen, das ihn leer dünkt, da seine Frau ihn nicht mehr liebt, die blinde Maria Ladenbatier in ״Das neue Lied“ stürzt sich aus dem Fenster, der ״.Mörder'1 flüchtet selbst in den Tod, in ״Der Weg ins Freie“ erschießt sich Labinski aus Liebeskummer und Weltiiberdruß, Heinrich Beermanns Geliebte ertränkt sich, Oskar Ehrenbergs Selbstmordversuch mißlingt, in der Novelle ״I>r. Gräsler, Badearzt“ erhenkt sich die Schwester des Helden, Fräulein Else vergiftet sich lind noch Schnitzlers letzte Erzählung ״Die Flucht ins Dunkel“ endet mit Freitod. Fast ebenso häufig sind Duelle. Leutnant Gustl duelliert sich noch am Nachmittag seines wiedergewonnenen Lebens, der Gemahl der ״Redegonda“ erschießt deren fiktiven Liebhaber, Leo Golowski erschießt einen antisemitischen Rittmcister, der altgewordene Casanova in Schnitzlers meisterlichster Novelle ״Casanovas Heimfahrt“ ersticht Lorenzi, den jungen Nebenbuhler. Schnitzlers Menschen sind Getriebene, nicht motorische Charaktere. Sie lassen sich stoßen und tragen, sie .taumeln (aus Furcht vor Entscheidungen) immer an den Rand des Lebens, an dem cs nur zwei gleichgefährliche Lösungen gibt: ist der Widersacher greifbar in menschlich-männlicher Gestalt, das Duell, sind es die Mächte, denen wir wehrlos gegenüber stehen (immer drohen sie durch Schnitzlers Erzähhmgen, nicht nur in den okkultistischen, in denen sie am grauenhaftesten zu spüren sind), der Selbstmord. Duell und Selbstmord — die Gottesgerichte einer entgötterten Zeit — bergen keine Lösungen. Schnitzlers Helden töten sich nicht ans Freiheit (dem Streben, souverän sein Leben zum selbstgewählten Termin in Schönheit zu beenden), sondern aus Unfreiheit. Die ״Verhältnisse“ zwingen die Menschen in der! Tod. Dort aber, wo der Dialog über die letzten Dinge der menschlichen Existenz anheben müßte, steht bei Schnitzler — Symbol einer Menschheit, die auf der Flucht vor den Entscheidungen lebt, — das Duell. E>er Dialog wird in der unzulänglichsten (geistig bequemsten) aller Formen geführt, indem dem einen Partner auf immer das Wort entzogen wird. Der ״symbolisch-politische“ Zionist Leo Golowski empfindet seinen Konflikt mit dem antisemitischen Rittmeister nicht als Symptom einer we'tpo'itischen Situation, deren Antwort ״Autoemanzipation“ heißt, er zieht nicht die exemplarische Konsequenz (nach Palästina auszuwandern), sondern die individuafistische: — er schießt den Rittmeister im Duell über der! Haufen ... ohne damit das Problem auch nur peripher gelöst zu haben. Dieser Schnitzler-Jude, der das Problem nicht löst, begeht keinen Irrtum. Er weiß vielmehr, daß er (trotz seiner pseudo-heidnischen Haltung) dein gestellten Problem ausweicht. Denn diese Menschen wissen in jedem Augenblick, auch noch im fraglichsten, was sie tun. Sie sind iiberbewußt und darum unfähig zur Aktion. Immer sind sie die über- Icgenen Zuschauer ihrer selbst, und deshalb als Agierende unterlegen. 111 einem seiner wenigen Gedichte hat Schnitzler dieses überwache (zutiefst jüdische) Grundgefühl so förmuliert: ״In uns zog nie ein Selbstvergessen ein und unsere Lust hat niemals uns entgeistert ..." Wie über eine Bühne gehen alle diese wohlerzogenen, finanziell sorglosen, in ihr ״Innenleben“ verliebten, gutangezogenen Herren. Der Seelenspieler Schnitzler kennt die Fraglichkeit dieser ganze« Welt, ohne ihr entscheidend entgegentreten zu können. Seine Liehe gehört den Frauen, den glückliehen, und denen, die zerbrochenen Herzens sind; sie gehört den Grüblern wie Heinrich Beerinann und den ewigen Abenteuerem wie Casanova. Alle umschließt seine liebend-verzeihende Weisheit, die lindern, aber nicht helfen kann. Schnitz.« Icr, der Arzt, stellt die Diagnose seiner Zeit, ohne sich für ein« Therapie zu entscliiden. Er ergreift nicht Partei: versonnen, ein wenig wehmütig, getränkt mit dem uralten Wissen seines Stammes und dem Charme seiner Vaterstadt, sieht er dem Treiben dieses tollen Jahrhunderts zu. Und wenn es zu Ende gellt, erkennt er mit der herbstlichen Resignation seines Paracelsus: ״Es war ein Spiel! Was sollt es anders sein? Was ist nicht Spiel, das wir auf Erden treiben, und schien es noch so groß und tief zu sein!“ Ist es nicht, als klängen durch die wolilgcsctztcn Zeilen dieses weisen Fazits Arthur Schnitzlers die berühmten Worte eines seiner Vorfahren im Blute und im Geiste, des Verstehenden und Weisen, der die Freuden dieser Welt aus vollen Bechern schlürfte: ״Hakol hevel urcutli ruach“ — ״alles ist eitel und ein Haschen nach Wind.“ Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 20. Oktober! Luxemburg (1304), 12.40: U. a. Meyerbeer u״rj Offenbuch. — Prag (470), 16.10: U. a. Rubinitein: Melodie. — Warschau (1339), 20.15; U. a. Ravel: Alborado *lei grazioso.-י Oslo (1154). 20.30: Milliaud-Konzert. — Budapest 1 (550), 22.45« ii, a. Mendelssohn. Mittwoch, 2t. Oktober: Warschau (1339), 12: U. a. Rubinstein« Polnischer Tanz.. — Prag-Eiblitz (470), 15: Mendelssohn: Ouvertiire ('•Our. — Oslo (1154), 19.40: U. a. Ravel: Pavane. Donnerstag, 22. Oktober: Hilversum II (302), 18.10: U. a. Offenbach. — Straß!«18.30 ,(349) ״״: U. a. Ravel und Milbaud. — Wien (506), 19.30: U. a. Ottenbach. — Hilversum II (302), 20.55: Konzert des Amsterdamer Com'ertgehoiiiii-( )rehesters, Dirigetit: Biuno Waller: Violine: Iltiberman. — Wien (506), 21.10: Paracelsus, Ycrsspiel in einem Akt von Arthur Schnitzler. — Straßbnre (349). 22.15: Synagogmchor, Solist Oijerkantor Joseph Boriri. — Laibach (569), 22.15: U. a. Offenbach. — England National (1500). 23.20: U. a. Mahler. Freitag, 23, Oktober: Paris (1648), 12.45: Jüdische Plauderei. —•* I-uxemburg .(1304), 14.05: Sehallplattcn, zwei Lieder, gesungen von Alexander Kipnts. Sonnabend, 24. Oktober: Paris (1648). 12: U a. Mendelssohn»' ..Arhalie“. — Budapest I (550), 12.05: U. a. Kubinstcin: Molodie. — Wien (506). 13.10: U. a. Ravel, (inldinark. — Warschau (13391. 17.20: Moszkaiw.ki: drei sp,tnörlie Linzo. — Oslo (1154), 20.30: V. a. Offenbach. — Budape-t I (550), 22.40: U. a. Holdmark: Scherzo A-Dur. — Luxemburg (1304), 22.50: U. a. Mettdelssohn. Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsthaler Straße ,43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde T«J©fon Bismarck 6S(X> 7.u1»endun£ nach «ilen Stadtteilen s a tM Abu sc h Neur Autorisierte Ucbersctzung von Grete Fischer 15. Fort-srbunsr Nachdruck verholen Also ging Sender weg, mit Pandres Brief in der Hand, und die ölten Augen voll Tränen. In den Ohren zischle cs ihm, als wäre ein Haufen Schlangen auf der Schwelle des Rabbi zusamtnongok:läult und läge da und ließe ihn nicht heran an die ():teile des Segens lind der Hoffnung. M:• i, eine Schürze über dem hohen Teilt, ging ihm entgegen, als er sich dem Hause näherte: ״Vater? Was ist?“ ״Sssst“, sagte Sender. ״Alle machen sie Ssssst, mein© Tochter. Alle nur: Ssssst..“ Und während er den Kaftan nuszog, im Hanse, sagte Sender zu sich selber, nicht zu Mer!: ״Nu, jetzt ist es aus. Ich muß Djirka verkaufen!“ * Meri halte langsam das Zeitung,spapier tiher den zugeklebten Ecken der Doppelfenster geschlitzt, hob die Winterrahmen aus und räumte die Säckchen mH Salz und die Gläschen mit Essig weg, die man zwischen die Doppel• lenster stellt, unt die Feuchtigkeit aufztinclimen. Sie fegte den St null weg, der sich angesammelt hatte, und öffnete die Sotnmerfenster. Sofort schwang sich der spielerische Frühlingswind herein ins Haus und brachte das Zwitschern der Spatzen mit sich und das Wiehern von Senders Pferden, von der Weide am Seeufer her. ״Atiah! fein!“ sagte Sender mitten aus seinem Gebet heraus. Der alte Fuhrmann roch den Hauch der freien Straße, von Fichten, Heu, Wagenteer. Er rückte die Brille auf die Stirn und schickte Meri ein dankbares Lächeln hinüber. Sie hatte dem Frühling erlsuibl, hereinzukommen. Ach, Töchterchen! Aber in der nächsten Minute bekam sein Gesicht einen verstörten Ausdruck. Denn zugleich mit dem fröhlichen Wiehern der Pferde hörte er durch die geöffneten Fenster eine 1 *:kannte Stimme in der Entfernung: Chaje Sarah, die Verrückte! Es traf ihn ins zuckende Herz. Seit Jahren wußte er, daß es Unglück bedeutete, wenn man Chaje Sarah singen hörte. Gegen Ende des Winters hatte sie vor seinem Fenster gestanden und gesungen'— und danach kam das Feuer beim neuen Millionär, der Knopf, der vom Aermcl des Stadthayptmunns abgerissen war — Pandres Verhaftung und Festsetzung in Moliilew. Er war überzeugt, auch diesmitl bedeutet ihr Singen nichts Gutes für ihn, F.r hätte sein Gebet nicht unterbrechen sollen. Schon fing das Böse an. Inzwischen kam Sarahs Eied immer näher. Wie gewöhnlich fing sie mit Erinnerungen an ihr früheres Leben an, als sie noch Süß, des Milchhändler Frau gewesen war: Für den Käs und für die Hutter — Hier, n«, hier! Für Oliven und für Oel ... Und dann fing sie an zu wahrsagen: Wollte nicht und hab’s gcschn .. . Hier, tut, hier! M io der Rabbi liegt und stirbt, Gott soll uns bewahren! ״Hast du das gehört!“ schrie Sender aufspringend und schlug das Gebetbuch zu, ״sie hat vom Rabbi geredet! Der holle Rabbi!“ Meri wurde bleich. Sie hatte auf den Segen des Rabbi gewartet wie Pnmfrc seihst. Nun steckte sie den Kopf aus dein Fenster und rief zu Chaje Sarah hinüber: ״Chaje Sarah! Chaje Sarah! liier ist eine Kopeke für dich!“ Chaje Sarah lief herbei mit ihrem ewigen Päckel, das erstarrte f.neben um die runzligen Augen. ״Wo hebst du denn dein Geld auf?“ fragte Meri. ״Hihi! weiß ich nicht!“ kicherte Chaje Sarah und hefingerte sich von oben bis unten. Sie versuchte es sogar mit ihren bloßen Zehen, und während sie suchte, wurde ihr Gesicht besorgt, und ihre dicken Lippen zuckten. ״Schau, da ist dein Bündel! Hast es doch in der Hand!“ sagte Meri gutmütig und gab ihr einen Groschen. ״Steck ihn in dein Päckel, Chaje Sarah.“ ״Ins Päckel! Ins Päckel!“ sang Chaje Sarah selig, als hatte sie einen verlorenen Schatz gefunden. ״Und was weißt du denn Neues Über den Rabbi?“ fragte Meri hastig. Chaje Sarahs Gesicht spannte sich boshaft, und ein listiges Feuer kroch in ihre wahnsinnigen Augen. Ihre Lnehfiillchert dehnten sich, und sie sagte: ״Haha! Hihi!“ Mas hieß: Von mir •willst du was wissen? Aus mir kriegst du nichts heraus! Und dann zog sie sich vom Fenster zurück, rückwärts* gehend bis zur Mitte der Straße, und fing ihren Singsang wieder an: Wollte nicht und hab’s gesellt! Hier, nu, hier!!Iah den Rabbi tot gesehen, Hin, Gott soll bewahren! ״Gib mir meine Stiefel“, sagte Sender unruhig. ״Ich lauf hin. Das ist nicht glatt.“ * Als Sender das Haus des Rabbi erreichte, war die Straße schon schwarz von Menschen. Er brauchte nicht mehr zu fragen. Er versuchte nur, sich durchzudrängen. ״Was drängst du?“ ״Laßt mich! Er stirbt! — Laßt mich durch!“ Er stieß lind drängte, und manche, die ihn kannten, machten ihm Platz. ״Laßt ihn! Er ha( ein schweres Herz!“ Sender wußte nicht, was ihm die Kraft gegeben hatte, in des Rabbi Stube zu kommen. Sein Verlangen und sein großer Schmerz hatten ihn über alle Hindernisse hinweggetragen. Die Geister der Finsternis hatten sich gegen ihn gestellt, der Vorstand, der Gehilfe des Rabbi, die Familie — alle. Aber auf einmal sah er ein hohes Wachslicht in einem irdenen Krug, und der Mann von der liecrdigungsbrüderschalt stand am Belte des Rabbi und hielt eine Flaumfeder vor dessen eingefallenes Gesicht, das gelbgrau war wie trockene Erde. Die Augen des Rabbi waren geschlossen, und die weißen Brauen unter dem Käppchen verwundert gehoben. Die Augenlider waren dunkelblau. Sender, der Fuhrmann, trug den Brief seines Schwiegersohns Pandre in der Hand und die Last seines schreckliehen Unglücks auf den alten Schultern, und er fühlte sich plötzlich sehr klein dem großen Geselltdien gegenüber. Aber «ein stummes Weh und seine Liebe z.um Rabbi trugen ihn weiter. Sein Herz war zugedrückl wie bei einer Frau, die ohnmächtig wird, er weinte und schluckte: ״Rabbi!“ und trat einen Schritt näher auf das Bett zu. ״Still!“ zischte kwnand wie eine Schlange.

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