Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-10-13 · Heft 82 (13.10.1936) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 82 (13.10.1936)
Date
1936-10-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653998--29651-2691188
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 82, 13 X. 1936 JÖDISCHE RUNDSCHAU Seife 11 Das Neueste in Kürze Städtische und vorstädtische Siedlungsprojekte Plflne dar RASSCO Von unserem Korrespondenten gl. T e 1 A w i w, 29. September 1936 Oie Arbeit schreitet fort Die Ereignisse der letzten fünf Monate haben es mit sich gebracht, daß sie alle anderen palästinensischen Ereignisse völlig in den Hintergrund drängten. Die Unruhen und die damit verbundenen politischen Probleme ließen kaum Aufmerksamkeit übrig für die ununterbrochene Aufbauarbeit, die auch in dieser erregten und schweren Zeit von den Juden im ganzen Lande geleistet wurde. Und was noch bedeutsamer war für die Stimmung und Haltung im Jischuw — es ist eigentlich niemandem in Palästina einetallen, daß man diese oder jene Arbeit, die vor dem verängnisvollen 19. April begonnen war, einstcllen könne, wenn nur die einfache physische Möglichkeit bestand sie fortzuführen, oder daß man dieses oder jenes Projekt, das gerade in Behandlung war, nicht weiter bearbeiten sollte. Gerade in dieser ruhigen, fast gleichmütigen Haltung gegenüber den Unruhen, in der selbstverständlichen Fortsetzung der täglichen Arbeit hat sich am klarsten die Stärke des Jischuw in den vergangenen fünf Monaten gezeigt. Wenn wir heute zwei neue Projekte, die lange vor den Unruhen begonnen worden sind und in diesem Sommer so weit entwickelt wurden, daß sie baureif sind, kurz skizzieren wollen, so bewegen uns dazu zwei Gründe: Wir wollen ein Beispiel dafür geben, wie auch in der Unruhezeit Siedlungsprojekte gefördert wurden, und wir greifen gerade diese Projekte heraus, weil sie für das Publikum in leutschland besonderes Interesse haben dürften. Die RASSCO-Siedlung in Herzliah Die RASSCO (Rural and Suburban Settlement Company Ltd.) wurde kurz nach dem Beginn der großen Einwanderung aus Deutschland vor zwei Jahren von der Jcwish Agency (Abteilung für die Ansicdhing deutscher Juden) gegründet. Das Ziel der Gesellschaft war die Errichtung landwirtschaftlieber und vorstädtischer Siedlungen für Einwanderer aus dem Mittelstände. Die Jcwish Agency behielt sich maßgebenden Einfluß auf die Leitung der Gesellschaft vor. Unter den besonderen palästinensischen Verhältnissen nimmt die Ausarbeitung und Durchführung von Siedlungs- Projekten in der Regel recht lange Zeit in Anspruch. Die Beschaffung geeigneter Bodenflachen, Parzellierung, Wasser- Versorgung usw. verlangen vorsichtige und genaue Vorbereitungen, und oft stößt man im Laufe der Arbeit auf unerwartete Hindernisse. Für den Kenner palästinensischer Verhältnisse war es daher keine Ueberraschung, daß die RASSCO für die Vorbereitung ihrer Pläne längerc Zeit brauchte. In den Jahren, die seit der Gründung der Gesellschaft vergangen sind, konnte sie aus den letzten Siedlungsversuchen, die insbesondere von Juden aus Deutschland, teils von privater Seite, teils mit Hilfe der ״deutschen Abteilung“ durchgeführt wurden, lernen und etliche Fehler vermeiden, die bei diesen früheren wichtigen Gründungen unterlaufen waren. Diese Gründungen konnten zwar auf den großen Schatz der Erfahrungen, die in den Jahrzehnten der Arbeiterkolonisation gesammelt worden waren, zurückgreifen. Sie hatten jedoch, da sie in der Hauptsache auf mittelständische Elemente zugeschnitten waren, an diesen Erfahrungen nicht genug. Die Menschen, die hier zur An- Siedlung kamen, stellten an den Kolonisator noch ganz besondere Ansprüche. Sie mußten in einer ihnen entsprechenden Form zusammengefaßt werden, sic verlangten spezielle Instruktionen, sie zogen, da sie sieh vielfach im vorgerückten Alter befanden, Boden in entwickelten Gegenden vor und konnten für besonders anstrengende Pionierleistungen kaum licrangezogen werden. Mit diesen Tatsachen mußte jedes Projekt rechnen, das auf den besonderen Typ des mittelständischen Einwanderers zugeschnitten war. Die Erfolge der Siedlungsversuche der letzten Jahre lehrten aber zugleich, daß der mittelständische Umschichtler aus Deutschland, selbst wenn er aus ganz anderen Berufen herkam, keineswegs ungeeignet für diese neue Lebens- und Arbeitsform war. Im Gegenteil — wir haben gesehen, daß das Interesse an landwirtschaftlicher und vorstädtischer Siedlung in den Kreisen der Einwanderer aus Deutschland gestiegen ist und weiter steigt. Der Grund dafür mag ebenso in der Siedlungsidee als solcher als auch in mannigfachen Mißerfolgen in städtischen Berufen und Investitionen zu suchen sein. Der Einwanderer weiß wahrseheinlich heute viel klarer als vor zwei Jahren, daß Land- Wirtschaft schwere Arbeit, einen relativ niederen Lebensstandard und einen dauernden Kampf mit dem Absatzmärkte bedeutet. Er hat aber zugleich auch die Schwierigkeiten der Städtischen Berufe und den Reiz des Lebens auf dem Lande Das von Meir Dizengoff hinterlassene Vermögen beläuft sich auf £P 10 000; dieser Betrag ist mit Ausnahme von mehreren kleineren Summen für Verwandte, in seinem und seiner Frau Namen einem besonderen Fonds zur Unterhaltung des Tel-Awiwcr Museums vermacht. Das aus den in Palästina wohnhaften Mitgliedern des Aktions-Komitees bestehende Kleine Aktions-Komitee, das auf der letzten Tagung des A.-C. in Zürich gewählt wurde, ist für den 13. Oktober nach Jerusalem einberufen worden. Rabbi Blau, Führer der Agndatli Israel, veröffentlichte eine Erklärung, in der er sich entschieden gegen die Gerüchte wehrt, die Agudah habe Verhandlungen mit dem Obersten Arabischen Komitee eingeleitet. Rabbi Blau erklärt, daß die Agudali in vollem Einverständnis mit dem Jischuw handelt und keinerlei separate politische Aktionen erwägt. Königin Mary übermittelte durch den Distrikts-Kommissar von Jerusalem den Ausdruck ihrer Sympathie an das sephardischc Hospital ״M i s g a b L a d a c 11'־ in der Altstadt von Jerusalem, auf welches im vorigen Monat Schüsse abgefeuert wurden und eine Bombe geworfen wurde. Das Hospital hatte einen Protest gegen diese Untat an verscliiedenc Adressen geschickt, darunter auch an Königin Mary. Das erste Schiff, das seit sechs Monaten im Hafen von Jaffa vor Anker gegangen ist, brachte am Dienstag Holz für Orangenkisten für arabischen Export. Am 13. Oktober wird von der Tel-Awiwer Mole die erste Ladung Zitrusfrüchte auf das holländische Schiff ״Rotkerk“ verfrachtet werden. Sir Arthur Wauchope besuchte einige jüdische Fabriken in R i sc h o n -1 e-Z i o n und stellte eingehende Fragen in bezug auf ihre Lage und ihren Fortgang. Er klarer einschät/en gelernt, und es bleibt eine Tatsache, daß heute die Interessenten fiir Siedlungsparzellen eher häufiger als seltener geworden sind. Die RASSCO legt diesen Interessenten heute ein landwirtschaftliches und ein vorstädtisches Projekt vor. Sie offeriert eine landwirtschaftliche Siedlung bei Herzliah, wo eine Fläche von 600 Dunam zur Verfügung steht, die in Parzellen von 11 und 13 Dunam, in vorstädtische Wohnplätze und Hilfswirtschaften aufgeteilt ist. Nach diesem Plan ist für 80 bis 90 Siedler Platz geschaffen. Für den landwirtschaftlichen Plan, der auf dem Prinzip der gemischten Wirtschaft (hauptsächlich Hühner, Milch, Gemüse) aufebaut ist, zeichnet L. Pinn er verantwortlich. Der Städteauliehc Gesamtplan stammt vom Baurat Alexander Klein. Es wird damit neben der sorgfältigen landwirtschaftlichen Planung für eine Planung der Gesamtsiedlung gesorgt, die für das Wohnzentrum alle klimatischen und landwirtschaftliehen Vorzüge des Ortes auswertet. Die Typen der Wohnhäuser zu zwei und drei Zimmern sind von Lotte Kolm. Für . den Ausbau einer vollen landwirtschaftlichen Einheit sind je nach Größe 1600 bis 1700 Pfund erforderlich, von denen ein Teil, durch Transfer beschafft werden kann. Diese Summe umfaßt ein Reservekapital für die erste Zeit, die Kosten für Instruktion, Planung, Kooperativbeitrag usw. In beschränktem Maße ist die RASSCO auch imstande, Darlehen zu verschaffen. Sie übernimmt es auch fiir Interessenten, die sich noch im Auslände befinden, Wirtschaften einzurichten, stellt für die verschiedenen Zweige Instruktoren zur Verfügung und sorgt fiir den kooperativen Absatz der Produkte. Die Verbindung der Siedlung mit Tel-Awiw führt heute über eine 34 km lange Autostraße, wird aber bald durch eine im Bau befindliche Chaussee, die den Scharon kreuzt, auf 17 km verringert werden. Vorstädtische Siedlung bei Haifa Während das Projekt von Herzliah in seinen Hauptparzellcn auf echte landwirtschaftliche Siedlungen zugeschnitten ist, umfaßt ein zweiter Plan bei Haifa vorstüdtische Bauplätze. Hier stehen dein Interessenten Bauplätze in Erbpaclit von Keren Kajemetli Lejisrael mit Typenhäusern verschiedener Größe zur Verfügung, die durch Amortisationsraten für die Hypotheken nach 16 Jahren abge/ahlt sind und in seinen Besitz übergehen. Es entstellt damit eine modern geplante Gartenstadt, die an die bereits bestehenden Vorstädte Haifas, Kirjath Bialik und Kirjath Motzkin, anschließt. Hier ist die Möglichkeit zu gesundem, bequemem Wohnen außerhalb der Stadt und zugleich eine gute Investitionsmöglichkcit gegeben, da sich die Zins- und Amortisationsraten auch in den ersten Jahren schon billiger stelle!! als gemietete W0I1nungen in den Haifaer Stadtzentren, z. B. in Hadar Hakarmel. Dieser Bauplan ist auch als ein neuer Schritt in der Ent- Wicklung der Haifa Bav, die in den letzten Jahren einen so besuchte auch das in der Nähe von Rechoboth gelegene Jemeniten-Viertel Shaaraitn. In den jüdischen Siedlungen in der Jordan-Ebene, wo das Klima das schnelle Reifen der Zitrusfrüchte begünstigt, hat die O r a 11 genernte bereits begonnen. Die Histadruth hat von den Militärbehörden einen Kontrakt für weitere Bau arbeiten erhalten, in dem der Bau eines Feldlagers, mehrerer Gebäude, Baracken und einer Chaussee vorgesehen ist. Die Kosten belaufen sich auf £ 250 000, der'höchste Auftrag, der bisher von den Behörden in einem einzigen Kontrakt vergeben worden ist. Es sollen zunächst Baracken in Scmakh, lisr, Rainleh und Gaza gebaut werden, deren Kosten C 50 000 betragen. Nach einer Schätzung werden auf Grund dieses Kontraktes 3000 j ü - di sehe Arbeiter auf mindestens ein halbes Jahr beschäftigt werden. Der polnische Generalkonsul in Jerusalem, Dr. Rzyslaw Kurnikowski, intervenierte beim Chcfsekretar der Palästinaregicrung, John Hathorn Hall, wegen der Sicherheit der polnischen Bürger in Palästina. Diese Intervention hatte das Ergebnis, daß der Gouverneur des Norddistrikts, Major Kcith-Roach, persönlich die Lage in Safed und Tiberias untersucht und eine Reihe Sicherheitsvorkchrungen getroffen hat. Im Zusammenhang damit wurden in Safed 32 Araber verhaftet, in Tiberias wurde der Polizeichef abberufen und durch einen anderen Offizier ersetzt. Die hebräische Zeitung ״Chadaschot Achronot“ ist für fünf Tage verboten worden. Die ״Palcstine Post“ ist für einen Tag verboten worden. Auch die hebräische Tageszeitung ״D a w a r“ ist fiir einen Tag, die arabische Zeitung ,Isla m i a h“ für drei Tage verboten worden. großen Aufschwung genommen hat, interessant. In der Gartenstadt der RASSCO wird 11. a. zum ersten Male ein System der Kanalisation durchgeführt, das später mit dem geplanten allgemeinen Kanalisationssystem der Bay verbunden werden soll. Eine Anregung für Einwanderer aus anderen Ländern Die RASSCO war im Interesse des mittelständischen Einwanderers aus Deutschland gegründet worden und auf seine besonderen Bediirfnis.se ziigcschnittcn. Es stellte sich im Laufe der jahrelangen Arbeit heraus, daß viele Probleme bearbeitet werden mußten, die nicht nur mit der Eitnvanderung aus Deutschland, sondern mit mittclständischer Siedlung überhaupt verbunden waren. Man hatte es hier mit einem Siedlertypus besonderer Art zu tun. Er gehörte weder zu dein Arbeitertypus, dem wir die Kolonisation des Emek Jesreei und des Emek Chcfcr verdanken, noch handelte es sich um den Plantagenbesitzer mit seinen Großfarmen in Judäa. Allein die Tatsache, daß die meisten der neuen Siedler soweit wie möglich ihre Wirtschaft auf Selbstarbeit einstellten und auf Lohnarbeit mir zurückgreifen wollten, wo es unbedingt nötig war, bedeutete einen Unterschied zu den meisten der anderen Nichtarbeiterfarmen. Und ebenso lag eine entscheidende Differenz darin, daß die Siedler aus Deutschland sich in der Regel der gemischten Wirtschaft zu wandten und nicht mit dem Plantagen bau begnügten. Nach den ersten Versuchen wird jetzt die Zeit reif für die Uebertragung der bei diesen Siedlungsvcrsuchcn gemachten Erfahrungen auf den aus anderen Ländern als Deutschland eingewanderten und cinwandcrndcn Mittelstand. Hier besteht die Möglichkeit, Immigranten mit bestimmtem Kapital zu Investitionen produktiver Art in der Landwirtschaft zu verhelfen. Voraussetzung für eine systematische Ansiedlung des Mittelstandes ist allerdings ein zentrales, unter öffentlicher Kontrolle stehendes Institut, das es übernimmt, solche Mittel- Ständler zu organisieren, die in Palästina besonders schwierige Transaktion des Bodenkaufs durch/uführen, den Boden sied- Iirngsreif zu machen und dann die Planung vor/trbercitcn, die dem Siedler die Eingewöhnung in den neuen Beruf in jeder Hinsicht erleichtert. Die RASSCO stellt sich die Aufgabe, diese Funktion zu übernehmen. Der vorjährige Zionistenkongreß in Luzern hat bereits eine Entschließung folgenden Wortlauts gefaßt: ״Der Kongreß nimmt die Gründung der Gesellschaft für landwirtschaftliche und städtische Kolonisation des Mittelstandes (RASSCO) zur Kenntnis, die durch die Initiative der Abteilung für die Ansiedlung deutscher Juden gegründet wurde. I )er Kongreß gibt der Zuversicht Ausdruck, daß die Exekutive Mittel und Wege finden wird, diese Gesellschaft zu starken und ihren Arbeitskreis unter Aufsicht der Exekutive zu erweitern.“ heute nacht zu schnarchen statt zu schießen. Jedenfalls ist es ganz sinnlos, in dieser dunklen, mondlosen Nacht das Glas immer wieder auf den tiefen Schatten der Hügelkette zu richten, aus dem die Angreifer kommen müssen. Selbst bei Vollmond wäre es fast unmöglich, sie zu erkennen.... Es ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Die Wache auf dem Turm soll am Mündungsfeuer der arabischen Gewehre feststellen, wieviele Angreifer es sind, wo sie liegen und ob sie sich der Kwuzah nähern.... Halm! sitzt in ihrem Drehsessel, der Wind pfeift, die Sterne wandern über ihrem Haupt ... die Zeit verrinnt. Sie ertappt sich dabei, daß sie für einen Augenblick die Augen geschlossen hat. Erschrocken greift sie zur Thermosflasche, der starke Kaffee wird sie in unter machen. ln diesem Augenblick krachen die erste Schüsse _ Im Nu ist Rahel ganz wach. Und während unter ihr d Lärm der alarmierten Kwuzah losbricht und die Geweh der auf Posten befindlichen Chawerim schon antworten, stäi sie in das Dunkel nach den aufblitzenden heilen Pünktchc die die arabischen Schüsse begleiten. . öer Summer schnarrt. Rahe! spricht in das Telepho + n CK'cr Wölf Gewehre noch weit jenseits der Lan Straße, etwa je vier immer in einer Gruppe, die Grupp! ungefähr fünfzig Meter Abstand, die Mittelgruppe gege über dem Geräteschuppen.“ ״Gut. Paß auf, ob es mehr werden und ob sie nähe kommen.“ Aber die Araber haben nach den ersten Salven das Feuer zunächst einmal wieder eingestellt. Für einige Minuten hört Kanet deutlich all die vertrauten Geräusche, die von unten srh •!*+ *1eraufdringen: das Schlagen von Türen, den Laufscnrrtt von Chawerim, die sich auf ihre Posten begeben, ... 'יי™ Augenblick glaubt sie sogar Schlomohs tiefe Stimme der jetzt im Stall atr der kleinen Schießscharte sxent und beruhigend zu den Pferden spricht. .;Ei״ Kind weint .., eins von den Kindern, das die kriüa»rPrtner‘fl Sarah aus den Baracken in den Schutz des nderhauses trägt Vielleicht ist es ... Riwkele. ״Gott sei Dank, jetzt schießen sie nicht!“ denkt Rahel ... da kracht es von neuem. Eine halbe Stunde lang sitzt sie nun in ihrem Stuhl, bohrt den Blick in das Dunkel und spricht in die Muschel, die auf ihrer Brust hängt. Die Angreifer vermehren sich, cs sind nun schon etwa fünfzig; die Kwuzah hat nur achtzehn Waffen, davon nur elf gute Gewehre. Es ist ein wildes Geschieße von seiten der Araber; die Kwuzah antwortet mit spärlichem Feuer, und von Raitels guten Augen und ruhiger Schätzung hängt es ab, oh ihre Schüsse Wirkung haben. Lange Zeit verändert der Feind seine Stellung nicht, und ob Rahel will oder nicht, ihr Herz und ihre Gedanken fliegen hinunter zu Riwkele, zu Sehlomoli, zu den Kameraden. Wie steht es da unten? Ist niemand verwundet? Sind alle Kinder glücklich im Kinderhaus? Ist Riwkele ... Es kracht wieder, und es kracht näher. Von unten tönt ein verworrenes Stinmiengcräusch ... ist jemand getroffen? Hier sitzt sie, nur sechzig Meter über dieser kleinen Weit, der sie mit allen Fasern ihres Herzens gehört, die all ihr Glück, ihren Stolz, den Sinn ihres Lebens umschließt ... und wenn dort unten jetzt einer stirbt, weiß sie nichts davon. Ein unwiderstehlicher Zwang iibcrkomint sie, in die Muschel zu schreien: ״Wie steht es? Wie geht cs Sehlomoli? Hat Riwkele keine Angst? Ist niemand verletzt?“ ... Aber sie ist nicht auf den Turm geschickt, um solche Fragen zu stellen. Sie hat zu melden, daß der Feind seine Kräfte zusammenzieht, daß er näher kommt, daß er offenbar einen Sturm auf die Kwuzah plant. Und während sie immer dringender ihre Meldungen irr das Telephon ruft, denkt sie: ״Warum gibt Mosche noch immer nicht den Befehl ...?“ Endlich hört sie seine Stimme im Hörer: ״Gib zweimal Rotfeuer!“ Sie hebt die schwere, doppelläufige Leuchtpistole mit beiden Händen gegen den Himmel, druckt ab ... der Rückstoß der Rakete wirft sie beinahe zu Boden, ihr Zischen betäubt sie. Dann birst sie oben am Himmel in einen Regen purpurner Sterne. Und schon zischt auch die zweite Rakete empor. Die Araber wissen gut, was das bedeutet. Jetzt schrillt in dem sieben Meilen entfernten Militärlager die Alarm pfeife, springen Soldaten in Automobile mit Scheinwerfern und Maschincngewehren, eilen der Kwuzah zu Hilfe. In einer Viertelstunde sind sie hier. Und die Männer aus den beiden Dörfern, die Wustensöhne aus dem Bediiineniager springen auf und stürmen heran. Die Schüsse peitschen aus nächster Nähe. Und plötzlich sicht Rahel an drei, vier Punkten kleine, düstere Flammen auftauclicn, die gleich daraut durch die Luft fliegen ... gegen die Gebäude. Brandfackeln! Sie möchte himmtereilen, diese tückischen Flammen auslöschen, die die Baracke in Brand setzen können, in der Riwkele sich ängstigt. Sie möchte ein Gewehr haben und schießen ... schießen ... schießen Sie gibt der nun nutzlosen Leuchtpistole einen verächtlichen Stoß mit dem Fuß. Sie hat nichts mehr zu melden, die da unten wissen ohnedies, wie nah der Feind ist ... Und dann schreit sie ins Telephon: ,,Sie kommen ... sie sind da!!“ Hinter der Hügelkette, über die die Chaussee •führt, ist plötzlich eine kalte, blauleuchtcndc Sonne aufgegangen, einen Augenblick steht der Wassertum, steht Rahel selbst in dem blendenden Lieht des Scheinwerfers, dann senkt sich der Strahl und überflutet die Szene des Kampfes. Zwei Maschinengewehre beginnen zu hämmern ... ״Riwkele war sehr brav!“ sagte die Kindergärtnerin Sarah, ״sie hat gar nicht geweint. Und jetzt schläft sie fest.“ Zwei Soldaten haben Rahel auf dem Turm abgelöst, und sie ist hinübcrgeraiint ins Kinderhaus. Nun geht sie zum Stall. Sehlomoh kommt ihr entgegen, seine Hände sind voller Blut. ״Um Gottes willen, Sehlomoh ...!•' — ״Keine Angst, Rahel, es ist mir nichts geschehen. Aber der Schimmel hat eins abgekriegt ... das arme Vieh. Ich hole was zum Verbänden .. Rahel geht in den Stall. Der Schimmel steht gleich be! der Tür. Aus einer Schultcrwunde quillt dunkles Blut. Er dreht ihr den Kopf zu, seine Augen scheinen zu fragen; ״Warum das alles?“ Sie sinkt auf eine umgestürzte Krippe, die Glieder sind wie Blei, die Augen fallen ihr zu ... ״Und morgen wieder Wache!“ ist ihr letzter Gedanke ... (Schluß des Palästina-Teils)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.