Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 82 (13.10.1936)
- Date
- 1936-10-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 82. 13. X. 1934 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Vom polnischen Judentum Polens Ministerpräsident für Gleichberechtigung Warschau, 7. Oktober. (JTA.) Ministerpräsident Oenera! Dr. S I a vv oj - Ski a d k o w s k i hat eine Abordnung des Jüdischen Parlamcntsklubs, bestehend aus Abg. Dr. Emu Son inerstein und Senator Prof. Dr. Moses Schorr, zu einer längeren Aussprache über die Lage «1er jüdischen Bevölkerung ln Polen empfangen. Die jüdischen Parlamentarier schilderten dem Minister- Präsidenten die wirtschaftliche Bedrängnis und gedrückte seelische Verfassung der Juden in Polen und erörterten ausführlich unter Vorlage von Tatsachenmaterial ■die Probleme der persönlichen Sicherheit, des Wirtschaftsboykotts, des Arbeitsrechts und der Berufswahl der Jugend, Der Ministerpräsident erklärte, er sei sich dessen bewulit, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung sich infolge der allgemeinen Enge in Polen und der Ausbreitung des nationalistischen Chauvinismus bedeutend verschlechtert hat. Die Regierung stehe bedingungslos auf dem Standpunkt der Gleichberechtigung aller Bürger. Das Leben eines jeden Bürgers in Polen, unabhängig von Bekenntnis und Nationalität, sei heilig. Die Regierung ziehe jeden, der sich Gewalttaten gegenüber Juden zuschulden kommen läßt, oder ihnen durch terroristische Mittel die Ausübung ihres Berufs und ihre Erwerbsarbeit unmöglich macht, zur Vcrantwortung. Die Regierung erachte die Erweckung natlonaüstischer Leidenschaften und die Aufhetzung eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen als schädlich für den Staat. Antisemitische Missetaten müßten unbedingt bestraft werden. Jüdische wirtschaftliche Selbsthilfe Warschau, 11. Oktober. (ITA.) Im Hinblick aut die zum Teil durch die eigenartige Wirtschaftsstruktur der iüdigehen Bevölkerung Polens entstandene katastrophale Not■ läge der jüdischen Massen haben polnisch-jüdische Wirtschaft«- f iihrer unter dem Namen ״Jüdische W i r t s c h a 11 s - hilf«“ eine zentrale Einrichtung ins Leben gerufen,־ die der Erhaltung bestellender Wirtschaftsbetriebe und der Schaffung neuer Arbeitsstätten dienen soll. Der Leitung der neuen Institution gehören u. a. Abraham Gepner, [>r, Karl Sachs, ehein. Senator Raphael Szereszewski, 111g. Stanislaw Szereszewski, Präsident Mauricy Meisel, Ing. Antony־ Eiger, Naum Eitingen (Lodz), Konsul Max Kolm (Lodz), Dr. Arnold Ehrenpreis (Krakau), Richter Nathan Wollt und Dr. Wjtoid Wiesenberg (Lemberg) an. Die erste Maßnahme der neugeschaffenen Einrichtung war es, ein Kreditinstitut unter dem Namen ״Kooperative K red i t z en t r a 1 e“ zu schaffen. Dieses Institut, dessen Statuten bereits behördlich genehmigt sind, soll als zentrale jüdische Genossenschaftsbank für Mandel, Handwerk und Landwirtschaft dienen. Lieber die Ziele und Aufgaben der ״Wirtschaftshilfe‘1 und der ״Kreditzentrale“ gab der Vorsitzende des Vervvaltungsrats, Ing. Szereszewski, folgende Aufklärung: ״Jüdische Wirtschaftshilfe“ und ״Kooperative Kreditzentrale“ stehen miteinander in engem Zusammenhang. Während der größere Aufgabenkrels der ״Wirtschaftshilfe“ eine Konzentratiofl der Arbeit auf jüdisch-wirtschaftlichem Gebiet in Polen und die Schaffung ernsterer finanzieller Grundlagen für sie ,’tunfaßt, soll die ״Kreditzentrale“ die Zuteilung v׳on Krediten ׳ an Kooperativen, Kleinhändler, Handwerker und Landwirte regeln, Für den Anfang sind ausschließlich kurzfristige Kredite zu minimalem Zinsfuß in Aussicht genommen. Die Tätigkeit der Krcditzentrale soll dann allmählich erweitert werden, um eine Sanierung des jüdischen Wirtschaftslebens und die Förderung neuer Produktivierungsformcn mit Hilfe langfristiger Kredite vorzunehmm. Hierbei wird cs nicht möglich sein, die einzelnen Gewerbetreibenden, Kleinhändler, Handwerker und Landwirte unmittelbar zu erfassen, vielmehr wird die Vormittlung wirtschaftlicher Organisationen, in erster Reihe der genossenschaftlichen Einrichtungen, um die sich die Einzelbetriebe gruppieren, in Anspruch genommen werden müssen. Als weitere Aufgaben kommen die Gründung neuer und die Modernisierung alter Handwerksbetriebe, die Förderung des Exports von Erzeugnissen des jüdischen Handwerks und der Kleinindustrie in Betracht. Bestrebungen zu planvoller Verwendung von Krediten werden zweifellos durch Vermittlung «!er in Betracht kommenden Organisation Förderung seitens «ler Kreditzentrale finden. Was die Kredit- und Produktionsgenossenschaften anbclangt, so wird ihre Bedeutung für das jüdische Wirtschaftsleben von der Leitung der neugeschaffenen Einrichtungen in vollem Maße gewürdigt. Angesichts der technischen Unmöglichkeit, an die einzelnen Wirtschaftsbetricbe heranzukommen, wird sich die Kreditzentrale in ihrer Arbeit notwendigerweise aut die organisierte Oenossenschaftsbcwegung stützen. Gemeinsam mit den Genossensciiaftskasscn werden wir für die Billigkeit der den Einzelbetrieben gewährten Kredite und für ihre zweckmäßige Verwendung Sorge zu tragen haben. Andererseits werden war auch die Mitarbeit der führenden jüdischen sozialwirtschaftliehen Institutionen in einer Wirtschaftskommission anstreben, die die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Expansion der jüdischen Bevölkerung Polens studieren soll. Zu der Aufgabe der Regelung der Kreditabteilung gehört auch die der Beschaffung der erforderlichen Mittel. Wir sind überzeugt, daß unsere Arbeit auch ln Regierungskreisen Verstlindnis und entsprechende Förderung finden wird. Andererseits haben wir auch wohlwollendes Verständnis für unsere Bestrebungen bei den Leittineen jüdischer Wirtschafts-Organisationen des Auslandes gefunden. Hier haben wir bereits konkrete Resultate zu verzeichnen. Entsprechende Abmac liungen mit der ״Foundation" stehen vor dem Abschluß. Es muß aber betont werden, daß wir vor allem Stützpunkte in der gesunden Selbsthilfe der jüdischen Gesellschalt in Polen suchen und diesbezüglich die Zusammenarbeit breitester jüdischer Schichten erwarten. Die Organlsierungsarbeiten für die Kreditzentrale werden jetzt zu Ende geführt und das neue Institut wird seine Tätigkeit voraussichtlich spätestens Anfang 1037 aufiiehnien. Usxterrichtsminister gegen Hochschul- Tenor Warschau, 5. Oktober, (JTA.} Anläßlich des Beginns des neuen Studienjahres hat der polnische Unterrichtsministcr, Prof. Szwientoslawski, iin Rundfunk eine Ansprache an die akademische Jugend gehalten, in der er sich scharf gegen den antijüdisen en Terror der Nationafdemokraten an den H ochse hu len wandte. Wir wollen uns daran erinnern, sagte der Minister, wie traurig und schmerzlich die Akte brutaler Gewalt waren, die Schlägereien und Uebcrfälle, die wir innerhalb der Mauern mancher Hochschulen beobachten mußten. Erforschet lieber die negativen und positiven Seiten des heutigen polnischen Lebens, suchet vernünftige und wirksame Wege zur Lösung aller dieser Fragen, aber versuchet nicht, ernste Probleme mit Hilfe sinnloser physischer Gewalt zu lösen. Die zionistische Politik Warschau, 29. September. (JTA.) ln Anwesenheit des Mitglieds der Zionistischen Exekutive, Jizchak Grünbäum, hat in Warschau eine Vollversammlung des Zionistischen Zentralkomitees für Polen stattgefunden, zu der auch zahlreiche Mitglieder aus der Provinz, erschienen waren. J. Griinbaurn erstattete ein eingehendes politisches Referat, in dem er nachdrücklich darauf hinwies, welch schwere Verantwortung die gegenwärtige Epoche der zionistischen Bewegung auferlegt. Er berichtete von dem Kampf, den die Zionistische Exekutive um das Recht auf Alijan führt und rief zum Schluß zu intensiver Arbeit für den ״Miphal Hahlzzaron“ auf. Die Mitglieder des Zentralkomitees aus der Provinz berichteten sodann über den Verlauf der G e 111 e i 11 d c w a h I en. Nach eingehender Ausspräche wurde beschlossen, dal) bei den Wahlen der Vertretungen jüdischer Gemeinden in größeren Städten, die dem nächst stattfinden werden, von den Zionisten Wahilniiuinisse nur mit solchen Parteien eingegangen werden sollen, die für eine selbständige jüdische Politik in Polen eiirtreten tma bereit sind, die Palästina-Aufbaufonds zu fördern. Zum Schluß wurde die Situation der zionistischen Jugendbewegung erörtert und beschlossen, die ideologische Erziehung«- und Propaganda-Arbeit unter der Jugend zu verstärken. Das Wilnacr Berufungsgericht hat zwei wegen Verübung von Sprengstoffanschlägen gegen Juden angeklagte Nationaldemokraten zu drei Jahren, zwei weitere Angeklagte zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Wie gestalte Ich C3F den Schabbai? Am Scliabbat nach Simchat Thora, dein Schab bat Berescliith, begann der traditionelle Zyklus der Schab• bäte von neuem. Wir haben in der Rubrik ,,Wie gestalte ich den Schabbat“ durch zwei Jahre diesen Zyklus mit unseren Bernerkungen begleitet. Unsere Rubrik hatte nicht die Absicht wissenschaftlicher Erörterung des biblischen Textes oder anderer Texte, sondern sie wollte der wachsenden Zahl derer, die das Bedürfnis nach einer gemeinschaftlichen —■ oder oft auch nach einer persönlichen ~~ Feier das Scliabbat haben, helfen, Hinweise geben, Material liefern, und immer weitere Kreise dazu anregen, sich die Institution des ,,Oneg Schahbat" zu eigen zu machen, einer der schönsten Einrichtungen, die im jüdischen Leben während des letzten Jahrzehnts aufgekommen sind. Viele Zuschriften aus dem Leser• kreis, ein vielfaches Echo, häufig ergreifende Acuficrungen Vereinzelter, die außer der Zeitung keinen Kontakt mit jüdischer l1׳ in weit haben, zeigten uns, daß diese Arbeit fruchtbar war. Wir haben neben Bemerkungen und medio• dischcn Anleitungen zur Behandlung des Wochenabschnittes Ihr jeden Scliabbat auch noch einen anderen jüdischen Stoff ausgewählt, zu dessen Behandlung wir eine kurze Anleitung liefern. Gewiß konnte nicht immer all dieses Material von allen Gruppen verwertet werden, aber gerade in seiner Vielfalt hat es doch zahlreichen Gruppen gute Dienste ge• leistet. Nun beginnt ein neuer Turnus. Wir haben uns ent• schlossen, die Rubrik ״Wie gestalte ich den Schabbat“ auch weiter be i 7. u b e h a 11 c 11, obwohl wir uns darüber klar waren, daß, um Wiederholungen zu vermeiden, die Form der Behandlung der einzelnen Wocheuabselmitte und des Schabbat-Matcrials etwas anders gestaltet werden muß. Wir sind dabei von dem Gedanken ausgeganqen, daß sehr vielen Lesern wichtige jüdische Begriffe, insbesondere auch aus dem Gebiete des R e 1 i g i o 11 s g e s e t z e s und des Brauchtums, gar nicht oder nur sc! 1r ungenau vertraut sind. Auch das Gebiet des jüdischen Rechtes und anderer Vorschriften ist den Juden in den letzten Jahr• zehnten immer mehr entschwunden. Für die meisten Juden, die unter modernen europäischen Rechtsverhältnissen leben, iiat die Kenntnis der alten jüdischen Rechtsbegriffe und Rechtsqtidlcn keine praktische Bedeutung; aller da ge• rade in unserer Zeit diese Dinge auch in der Oeffentlichkeit viel diskutiert werden, da andere sich der Erforschung des Judentums /uwendei! und ein Bild jüdischen Denkens, wie sie cs verstellen, zu geben versuchen, ist es zweifellos am Platze, daß auch die Juden selbst mehr, als es bisher der Fall war, sich Kenntnisse hierüber verschaffen. Ist es doch oft genug vorgekommen, daß bei unserer Redaktion von jüdischer Seite angefragt wurde, ob das oder jenes angebliche ״Zitat“ aus jüdischen Schriften, das da oder dort benutzt worden war, wirklich im jüdischen Schrifttum in dieser Weise vorkommt. Wir wollen also im kommenden Jalire in der Rubrik ״Wie gestalte ici! den Scliabbat“ zur Beschäftigung mit diesen Dingen anleiten, indem wir im Anschluß an den Wochenahschnitt —- oder guch ohne direkte Beziehung zu ihm —׳ Begriffe des jüdischen Rechtes, der Halacha, reügionsgesetzliehe Vorschriften und Bräuche, sowie sonstiges aus der Welt des Schuich an Arucli behandeln. Weiter wollen wir auch gelegentlich durch die Wiedergäbe von Midraschim zum Wochenabschnitt und durch die Erörterung von Erklärungen alter jüdischer Kommentatoren den Gesichtskreis und das Wissen unserer Leser bereichern. Natürlich kann es sich auch hierbei nur um kurze Auszüge und Angaben 11 uuleln. Wir sind überzeugt, daß sich aus diesen Hinweise, 1 reichlich Material zur Besprechung in gemeinschaftlichen Scliabbat - Zusammenkünften ergeben wird und daß darüber hinaus der eine oder andere auch Anregung zur weiteren selbsttätigen Beschäftigung finden wird. In diesem Sinne wird von der nächsten Woche an die Rubrik ״Wie gestalte ich den Scliabbat“ geführt werden. SAIMAN SCHMEUR Autorisierte Uebersetzung von Grete Fischer IS. Fortfflfetzua^ NüeMruek verbot•9 Die umstellenden Juden standen und glolzlen entsetzt. Aber Pandre streckte seine Hand aus, und die Iland des Stadthauptmanns flog zur Seite. Und dann sagte Pandre, und schaute beschwörend in die vom Trunk vernebelten Augen des Sladlhauplmunns: ״Aber, Euer Gnaden — das ist doch Chnimf“ Er meinte, daß der Stadthauptmann das sofort ein• sehen würde — Cliaim war doch kein lieliebicer Mann, den man schlagen konnte. Noah wollte den Stadtimuptniann auf Chnims Bedeutung und Stellung aufmerksam machen. Gewiß würde der Stadlhauplirsann entsetzt sein, wenn er es erkannte, Aber der Stadthauptmann wurde nun graublau im Ge• sicht, Wie seine Uniform- Er starrte verblüfft seine Ilnnd an, die zur Seite geschleudert worden war, dann schaute er in Pamlres rauchgeschwärzt«« Gesicht und auf die Axt, die er im Gürtel trug, und er knirschte mit den Zähnen wie ein Hund. ״Ti-Ti-titit..sprudelte er. Er wußte selber, daß das Poliz.ci-Oberhaupt sieh passender halte, benehmen müssen. Zar Nikolaus I. hatte sich bestimmt nicht so gehen lassen — und das reizte ihn noch mehr. , Er griff an den Acrntel, den Pandre berührt halte, u dara ן ** ^er sc^lwcr« Knopf mit dem zweiköpfigen Ad n riß Ihn zusammen. Er reckte sich za seiner ganz uroße auf, wie ein Soldat bei der Beerdigung sei! Generalg, und rief feierlich: ״Er hat den Adler abgerissen 1“ י ־ Juden rundum wichen entsetzt zurück. Sie begrifl w,8״ Eieß. — Der Schein des erlöschend nctes “atte die Meng« beleuchtet, nun, da sie zurüi drängten, verschwanden olle in der umgeizenden Dunkelheit. Nur Pandre blieb stehen, wo er stand, und das Licht fiel gerade auf ihn. Er war am liodcri festgewurzelt, wie angefroren. Und er halte nicht erfaßt, was der Stadthauptmann über den abgerissenen Adler gesagt hatte. Der Stadthauptmann wies mit einem Finger seines schmutzigen weißen Handschuhs auf Noah, und kommandierte mit seiner heiseren, versoffenen Stimme feierlich: ״Verhaftet ihn!“ Es war klar, daß er nur auf so etwas gewartet halte. Nun hatte er einen Vorwand gefunden, den Meister zu zeigen und sich seinem heiligen Zorn hinzugeben, Den kaiserlichen Adler beschimpfen! Hochverrat! Seine Empörung war gerechtfertigt. Die beiden unseligen Polizisten, Alexei und Grijcbn, die sich in ihren steifen neuen Uniformen ohnehin unbehaglich fühlten, bahnten sich ihren Weg hin zu Pandre und packten ihn an den Armen, etwas zögernd, weil sie ihn Kannten und wußten, wie stark er wart Pandre war starr vor Ueberraschung und stand wie versteinerl da. Müde war er. Aber als er den Griff der Polizisten an seinen Armen fühlte, kam Leben in ihn und er schüttelte sie ab. Diese kleine Bewegung mit den Schultern genügte, die beiden Polizisten lagen Ihrer vollen LSngc nach 1m Schnee. ״Pandre!" scholl ein Wnrimngsschrei von den Juden rundum. ״Fang nichts an mit «lern Herrn! Mach ihn nicht bös! Mach dir nichts draus, wir sind alle Zeugen — er hat «len Knopf verloren, ehe du gekommen bist! r-r ist auf der Brücke hingelallen, dort drüben! Jetzt fängt er mit dir an — gib acht, Pandre!“ Der Stadthauptmann unterbrich das Gewisper: ,,Halt’s Maul! Was habt ihr da zu schwabbeln? Wißt ihr, «ras der «lud da an gestellt hat?“ Er stampfte wütend mit dem Fuß, und dann wandte er sich gegen Pandre und schwenkte die Arme, um zu zeigen, wo der Knopf an seinem Aerujel fehlte. ,,Du Schweinehund! Du reißt Knöpfe mit dem Adler ab, ja? jeh will dich lehren, Polizeibeamte in der Ausübung ihrer Pflicht zu hindern! Warte nur!“ Dann riß er den Degen aus dar Scheid« und brüllt» «eine Polizisten an: ״Grieche! Alexeil Aulstehen, ihr Schweine 1 Verhaftet ihn!“ Pandre ließ den Kopf hängen und stand da wie Samson, als er sich binden ließ, weil •ein Volk es wollte. Di« beiden Polizisten ergriffen ihn wieder «n den Annen, diesmal ließ er sie gewähren. Inmitten des aufgeregten Geflüsters erhol) sich plötzlieh eine gelassene, unbekümmerte Stimme, Es war der neue Millionär, der sagte: ״Wozu macht «r solche Sachen? Wozu soll da» gut sei״, mit dom Stadthauptmann Streit anzufangon!“ Sofort antwortete der ganze Chor der Stimmen aus der Dunkelheit: ״Er hat gar nichts angefangen! Uebrigens hat er «s für dich getan! Für dich wird er ins Gefängnis kommen!“ ״Für mich?1‘ ״Natürlich für dich!“ Pandre hob das Gesicht, das noch 1'auchgeschwiirzt war, und schaute den Millionär in seinem großen Pelz scharf an. Für diesen schäbigen Kerl hatte er sein Ld>en gewagt, zuerst um seine Kuh zu retten und dann ihn selber! Er schaute alle die Juden an, die da herumstunden, und plötzlich fühlte er, daß er für sic alle ein gesperrt wurde. Alle bösen Geister dieser Nacht waren auf ihn losgeinsscn. Vielleicht sollte er losgelien und sie alle verdreschen! Ihnen die Schädel einschlagen! ״Nein, Pandre!“ entschied er sich. ״Keine Gewalt! Der Stadthauptmann und alle haben gesagt, du sollst ruhig mit* gehen. Also geh!“ So löste sich eine kleine Gruppe aus der gestikulierenden Masse, die um das immer noch glimmende Feuer stand, und ging in die Nacht hinein. Pandre, riesig und breit in oll aeinen Kutarhcrpel/.en, das Gesicht schwarz von lluß, ließ »ich von den beiden winzig ausschenden Polizisten ins Gefttngnia führen. Und hinterher, wie ein böser Geist, den bloßen Degen in der Faust, um auf den Verhafteten und alle anderen Juden F.indruek zu machen, kam der Stadt* hauptmann. , Pandre spürte plötzlich, daß ihm die kalten Bohnen, die er eine Stunde vorher gegessen hatte, aufstießen, und er hatte einen bittersnuren Geschmack im Munde. Dabei fiel ihm Meri ein, und das Haus, und daß sie schwanger war und allein in ihrem Bett. Ganz allein, arme Meri! Die Dunkelheit fiel plötzlich auf ihn. Die Finsternis des■ Schmerzes krach über ihn herein mit der Finsternis der Nacht umher. Je weiter er ging, von dem Feuer weg, desto schwerer wurde sein Herz. Es würde lang« dauern, fürchtete er, che er Meri Wiedersehen würde, und Sender, und die Pferde. ״Marach, Marsch 1“ trieb der Stadthauptmann von hinten an. ln sein•«* bloßen Degen, den er hoch trug, spiegelte sich der letzte versinkende Schein des Brande»,