Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 80-81 (7.10.1936)
- Date
- 1936-10-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr 80/81, 7. X. 1936 So sind wir jet/t auch Zeugen jener Umwälzung im arabisch-jüdischen Problem, die sich aus der 'Umkehrung des Satzes von der Zeit, die gegen uns war, ergibt: Nunmehr ist die Zeit nicht mehr gegen, sondern t ii r uns. 3. Was hätte Herzi getan? Wir stehen noch immer in der schwersten Krise, die das zionistische Aufbauwerk in Palästina bisher getroffen hat. Es geht um die Zukunft, um das Wachsen und das heißt um Lehen oder Vernichtung des jüdischen Werkes. So mag es verständlich sein, daß diejenigen unter uns, die die fortwirkende Kraft der Persönlichkeit Theodor Hcrzls nicht so sehr auf seine schon der Geschichte angehörendc Leistung als Schöpfer der Organisation und als Tribun des V'olkes vor der niclitjüdischen Welt zurückführen, als vielmehr auf die heute mehr denn je gültige Klarheit seines Denkens und die Tiefe seiner zionistischen Erkenntnis, sich unter dem schweren Druck der täglichen Sorgen die Frage verlegen: welchen Ausweg aus dieser fast ausweglos schein enden Situation hatte Herzi gefunden, welche Antwort hätte er heute zu geben versucht? Nicht viele Zionisten werden an dieser Stelle sich mit einer anderen Forme! aut Herzi berufen, als der des ״judenstaats-, die so vielfach mißverstanden wurde und gerade in ihrer Wirkung auf die Araber so viel Unheil angerichtet hat. Man sieht niclit (xk־r will bewußt nicht sehen, daß der Gedanke ries judenstaats genau so wie der nichtz.ionistische T c r r i t o r i a! i < in u s .' ferzls in seiner Schrift ,,Der Judenstaat" ans seiner vor zionistischen Zeit stammt. Herzi als Vertreter des Judenstaats-Uedankens, wie ihn heute der Revisionismus vertritt, in Anspruch zu nehmen, bedeutet eine ebensolche Fiitstellung der geschichtlichen Tat- Sachen wie die wc.'i end und na ii dem Auftauehen des Uganda- Projekts stark verbreitete Ansicht, Herzi sei Territorialist gewesen, d. 11. Palästina wäre für ihn, wie es ja auch im ,,Judenstaat" ausdrücklich heißt, nur als eines der möglichen Länder für die Errichtung eines jüdischen Staates in Betracht ׳״,kommen. Line große Zahl mündlicher und schriftlicher zember!'׳ ׳ ׳ Si'irrch׳.. beweist aber das (1e״euteil. Am H. De- Montefiore: ״Ich hin ein Zionist 1־uUr;,’?1״.h. Sir Francis daß die 1 osmig iinseier Voiksliage nur in diesem Lande Palästina erfolgen kann, mit dem die nationale Existenz unseres Volkes geschichtlich und gcliililsinalSig unzertrennlich verbunden ist. Kein Heek der Erde konnte daher in meinem Sinn den Platz entnehmen oder ersetzen, den Palästina hat als das Ziel unseres Denkens." Am stärksten aber hat flerzi diese seine Wandlung vom Judeiistn.itlcr zum Zionisten in seiner letzten Rede vor seinem Tode (hei der Sitzung des Großen Aktions-Gemütes im Apiii IHM) mul in Seinern politischen 1 estament, dem ,.Brief au das jüdische Volk“, zum Aiisdmek gebracht. In der Rede heißt es: ,,Als Judeustaatler habe ich mich!!men vorgestcllt. Ich gab Ihnen meine Karte ab, auf der stand: ,Mer/i, Judeiist.iatier.' Ich habe dann i m V e r I :1 11 f e d er Zeit v 1 e! gelernt... ich habe vor allen! ein-c-hen gelernt, daß die Lösung für uns nur in Palästina zu finden ist, fn meiner ßrosclmrc ,[)er Judenstaat' wollte ich nur ein Stuck Land haben. Ich sagte ,Palästina (Hier Argentinien׳. . . Ich bin kein Opportunist... Wenn ich Ihnen heute sage: ,Ich hin Zionist geworden und bin es geblieben, und alle meine Bestrebungen gehen auf Palästina 11111' , so haben Sie alle Ursache, mir zu glauben.1:״) — Und in seinem ,. Testament" schreibt Herzi: ,,Als ich aufbrach, war ich mir ein Judeustaatler, ich bin ein C. 11 o w c w Zion geworden. Für mich gibt es keine andere Lösung der großen Volksfrage, die man die Judenfrage nennt, als Palästina"1). Was Herzi sich unter der ״öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" des Baseler Programms, die als ״Jcwish National Home" in die Ba!f0t:r-I)ekla׳a!ir>n itherging, im einzelnen vorgestcllt hat, geht aber ganz deutlich und in einer jeden Zweifel ausschlielicndcn Weise aus den gedanklichen Teilen seines Romans ,,A 11!1 e tt I a n d" hervor. Herzi dachte bis zu seinem Tode an eine ״Chartered Company“, die in ,,Altneuland" die .,Neue Gesellschaft״ heißt. Dort läßt er den Akademiepräsidenten »!־. Marcus expressis v er bis sagen: ״Wir sind hier nicht, um ein Staatsoberhaupt zu wählen, denn wir sind kein Staat, Wir sind eine Gemeinschaft, in neuen Formen zwar, aber zu einem Zwecke, der so alt ist, daß er schon in :lern ersten Buch von den Königen vorkommt. Dort heißt es, d a ß J n d a und I s r a e I sicher w o h n e - t c n, e i ti j e g i i e h e r 11 11 t e r s e i 11 c m Weinst o c k u n d unter sei 11 e m F e 1 g e n h a u m, v o ti I > a 11 bis g c n B e e r - S e 11 a. Wir sind einfach eine Genossenschaft, eine große Geiiosseiio'haft, innerhalb deren es wieder eine Anzahl kleinerer Zweekgenoe-ensehaften gibt." Und daß Her/1 gerade in diesem Zu-.amnu׳nlta11g sein bekanntes Wort ausspricht: ..Und unser Zionismus, der uns hierher führte und höher hinauf fuhren soll 111 noch unbekannte Regionen der Ge- Sittung, er ist nicht 1 anderes als ein endloses, endloses I d e 1 ה" , ist der sehlu-sige Beweis dafür, daß Her/.l an dieser Stelle sich nießt von irgendwelchen äußeren Rücksachten, sondern mir von seiner tiefinner-ten lieberzengung leiten ließ. Der gleiche Gedanke wird übrigens atirh schon früher ebenso unzweideutig formuliert: ..[in Kriegsherr gäbt es in 11er Neuen Ciescibchaft nicht ... Wir haften ja keinen Staat wie die I 1!r״p,i1׳r Ihrer Zeit. Wir sind eine Gesellschaft von bingeriit heu Leuten, die nur durch Arbeit und Bildung ihres Lehens fn* *h werden wollen. W'ir begnüget! uns damit, die Jugend auch körperlich tüchtig zu machen.“ Diese ״Neue Gesellschaft" 1 ׳.da-!1n;!s umfaßt sowohl Juden wie Nichtjuden; der Kampf uni denen Gleichberechtigung ist eines der wichtigsten 1 In •men des Buches. Hetz! spricht in diesem Zusanuueuhang wiederholt von den Arabern, und die nachstehenden Sätze bringen seine Meinung mit besonderer Betomnig zum Ausdruck: ״Wir stehen und fallen mit dem Grundsatz, daß, wer sich zwei Jahre it! den Dienst der Neuen Ge- Seilschaft gestellt hat, wie es vorgeschriebe« isi, wenn er sich diese zwei Jahre ordentlich nufgefuhrt hat, Mitglied werden kann, welcher Nation oder Konfession er auch immer angehören mag. Und darum sage ich euch, daß ihr daran festhaltm sollt, was uns groß gemacht hat, am Freisinn, an der Duldung, an der Menschenliebe. Zion ist mir dann Zion!“ Das gleiche Thema wird vor! Herz! an einer weiteren Stelle in einer gedanklichen Fassung wiederholt, die iti ihrem idealistischen Realismus besonders charakteristisch für den Politiker lierzl ist und die mir gerade auch für die heutige Situation einen Gedanken von fundamentaler Bedeutung auszudrücken scheint: .,Duldung kann und wird immer nur auf Gegenseitigkeit beruhen, und erst, als a 11 c h die J 11 d e!1 hi e r, w o s i c di e M e 11 r 11 e i t hi! d c n, sich tolerant er w i e s e n, w ti r d e ihnen aus s i 11 - lieber Reziprozität überall dasselbe z 11 t c i 1.“ Vor 35 Jahren hat also l ierzl, den man ja auch allzu gern als radikalen Verneiner des Fortbestandes einer jüdischen Diaspora ausgibt, den grundlegenden Gedanken erkannt, der auch '■') Herzl-Gcsamtausgabe, Bd. V, S. 539; ebenda, Bd. I S. 506. *) Ebenda, S. 511 Ich suche ein kleines Wohnhaus, Westen Prei■ bis RM 90 000,—• Angebote erbeten an: Werner Pinifpr, Bankgeschäft Btrlln NW 7, Unter den Llnd»n «0-41 /־ A6 8128 bestimmt zur Leitlinie seines Handelns geworden wäre, wenn er heute noch lebte und eine Lösung der jüdisch-arabischen Krise in Palästina suchen würde: Es ist unmöglich und undenkbar, daß das jüdische Volk, das mit seinem S i e d 111 n g s w e r k in Palästina seine nationale Freiheit zu verwirklichen sucht, die n a t i o 11 a i e Freiheit eines andercnVelkcs, des arabischen, antasten darf und wird. 4. Majorität ohne Majoriaierung In der zuletzt zitierten Stelle spricht Herzi, was bei ihm selbstverständlich ist, es ausdrücklich aus, daß er an eine jüdisch« Majorität denkt, denn Palästina ist ihm kein bloßes ״geistiges Zentrum•‘, sondern das jüdische Land. Das Wort von der jüdischen Majorität in diesen Tagen aiiszusprechen wird manchen unerwünscht scheinen. Sie übersetzen es mit dein gebräuchlicheren Wort von der jüdischen E i n w a 1 (I c r!111 g und glauben irrtümlich, dieses Spiel mit Worten würde die Araber täuschen. Wenn, wie nach den Unruhen von!'•).:• 1, wohlmeinende und auch 1ms feindlich gesinnte Engländer jetzt die ״Kristallisierung“ der jüdischen Position durch Begrenzung der jüdischen Bevölkerungszahl Palästinas auf 30 oder 85 um nur zwei solche Aeußerungen zu zitieren, Vorschlägen, so wissen die Araber ganz genau, wie abstrakt lind wirklichkeitsfremd und daher auch trotz aller solchen theoretischen Festlegungen zum Scheitern verurteilt diese Begrenzungen sind. Andererseits klammert sich auch unsere Vorstellung von Majorität nicht an die Zahl von 51 ״'o, sondern wir haben selbstverständlich die vorschiedenarligsten Umstände, wie das wirtschaftlich und kultureSl stärkere spezifische Gewicht der jüdischen Einwanderer, die Geschlossenheit ihres Siedlungsgebietes usw. zu berücksichtigen. Warum aber jüdische Majorität? Weil erstens nur diese, wesentlich und nicht formell aufgefaßt, jenes Minimum an nationaler Sicherheit und Selbstbehauptung«- möglichkeit gewährt, ohne welches die zionistische Idee als unerfüllt und sinnlos anzuschcn wäre. Für den politischen J^misijjus gehört neben dem Land Palästina und der Nation wirklich־1 *)»״len]ent tseiner Ver־ allen Weclsclfällen der Politik“ ״״cf von der Interpretation völkerrechtlicher Verträge usw. diesem Volk das Recht der Selbstbestimmung und Selbstbehauptung sichert. Für den politischen Zionismus ist die Einsicht funda mental und essentiell, *laß das bis heute in der Welt überall nur als Minorität lebende jüdische Volk .חי einem Punkt der Erde, so klein er sein mag, diesen furchtbaren Zauberkreis seiner zwei tausendjährigen Zerstreutmg endlich einmal durchbrechen und Herr seines eigenen Schicksals werden muß. Wir könnten sogar eher auf die hebräische Sprache verzichten und wie die Irländer 7. B. die englische Sprache annehmen, als die Forderung nach , . ... Unantastbarkeit, die jedes andere Volk irgendwo in der Welt besitzt, aufzugeben. Dieses ist der eine Sinn unseres Strebens nach der Majorität, ohne die wir in unserer nationalen Heimat nicht zu Hause, sondern Fremde wären, ohne die dem uns immer wieder auf dem Papier verbrieften Rechte die wichtigste Garantie fehlte, nämlich die unserer eigenen Kraft. Der andere Sinn des Strebens nach jüdischer Majorität bcsteht darin, daß dieses Land heute die letzte Zufluchtsstätte für die Juden geworden ist, die ihre bisherigen Wohnländer verlassen müssen. Wiederum wäre es keine Jüdische Heimstätte, sondern mir der Hohn atrf eine solche, wenn Juden vergeblich an das Tor dieses Landes klopften, obwohl seine jüdischen Einwohner bereit und in der Lage sind, ihre Brüder aufzunehmen. Um wieviel eher noch, als für die Angehörigen jedes anderen Volkes, die in der Fremde die Gewißheit haben, in der Stunde der Gefahr nach Hause zurückkchren zu können, muß diese Möglichkeit für das Minoritätsvolk par excellence bestehen. Ist dieses unser Recht aber nicht ein Unrecht an dem arabischen Volk, so daß dieses sich jetzt in einem gerechten Abwehrkainpl gegen uns befindet? Gegenüber den! ungeheueren Ernst und Gewicht dieser Frage scheinen mir an sich richtige Argumente wie dasjenige, daß die Araber in Palästina bis zuin Finde des Weltkrieges auch unter einer Fremdherrschaft, der der Türken, standen, nicht auszureiclien. Schwerer wiegt wohl der Hinweis darauf, daß es sich nur um einen kleinen Bruchteil des gesamtarabisclien Volkes und Landes handelt, und selbst die durch den Krieg befreiten Nationen, ebenso wie schon früher fast alle grollen Völker der Erde, eine hundertprozentige Lösung ihrer nationalen Frage durch Fortfall jeder nationalen Diaspora nicht erreichen konnten. Wenn als״ die Ermöglichung der Rückkehr in sein altes Heimatland für einen verhältnismäßig kleinen Teil eines 16-Millionenvolkes die Nichterlangung voller Souveränität für 700 000 Araber im Gefolge hat, so ist bei allem Respekt vor dem arabischen Volke dieses Schicksal doch keine Ausnahme, sondern nur gleich bedauerlich wie dasjenige der Franzosen in Kanada, der Polen in der Tscheche►• Slowakei, der Ungarn in Rumänien und — aller anderen Juden in der Welt. Den für tms Juden tragLselien Unterschied gegenüber allen anderen freindnationalen Minoritäten zugegeben, daß wir nämlich hei der staatlichen Neuordnung nach dem Kriege eben noch nicht im Lande waren, muß doch auf einen anderen grundlegenden Unterschied zwischen uns und den Mehrheitsnationen in den meisten europäischen Staaten hingewiesen werden. Das Streben der Juden, in Palästina die Majorität zu werden, anders ausgedrückt, unser Anspruch auf freie Einwanderung, berührt in den bislier gekennzeichneten beiden Sinndeuhnigen, dem Recht auf nationale Freiheit und dem Recht des jüdischen Volkes auf eine einzige Zufhiehlstätte in der Welt, auch nicht im geringsten irgendwelche Rechte des arabischen V'olkes — wenn Ziel und Zweck jüdischer Majorität sich auf diese beiden intentionen beschränken. Damit sind wir an dem entscheidenden Punkte des arabisch-jüdischen Problems angelangt. Es gibt nämlich noch einen dritten Sinn des Wunsches nach Majorität, der, wie man nach den meisten bisherigen Erfahrungen leider zugeben muß, fast unvermeidlich und unlösbar mit der Erfüllung dieses Wunsches verbunden zu sein scheint: die Majorisierung. Beschränkten sich die bisherigen Ziele auf die eigene Freiheit und die Zuflucht fiir das eigene Volk, ohne daß damit eine Beeinträchtigung des fremden Volkes verbunden sein müßte, so reicht die dritte Ziel- Setzung über die Grenze des eigenen Volkes hinaus und bricht in das Macht-, Re־׳hts- und Interessengebiet des anderen ein. Ist nun diese Furcht der Araber berechtigt, dann ist sie ebenso legitim wie unser Anspruch auf das Jüdische Nationalhcim; und haben wir durch unser Verhalten Anlaß 7.11 diesei׳ Furcht gegeben, dann dürfen wir uns über die Heftigkeit der Ahwe.hr nicht wundern. Und da unser Fall ein besonderer und einmaliger in der ganzen Weltgeschichte ist, kann unsere Lösung des' Problems gar keine andere als jene bisher ganz selten verwirklichte sein, bei der Majorität nicht gleichbedeutend ist mit Majorisierung. Gerade von uns Juden als dem Volke der Minorität kann und darf unter dein früher erwähnten Gesichtspunkt Herz!« von der ״sittliche« Reziprozität“ das äußerste v e r 1 a!1 g t werden, und ein Blick auf die Karte des Vorderen Orients genüg•( ebenfalls, um eine solche Politik des nationalen Entgegenkommens und der nationalen Verständigung auch unter den schwersten Opfern in unserem wohlverstandenen politischen Interesse als geboten erscheinen zu lassen. Sofern die jüdische Einwanderung und damit unsere natio• nale Zukunft und Freiheit gesichert sind, darf kein Opfer zu groß sein, um die Furcht vor der geringsten Beeinträchtigung oder Bedrückung der arabischen Bevölkerung zu beseitigen. Der nationale Ausgleich, der den Engländern in Südafrika und Kanada gelungen ist, muß auch von uns Juden ermöglicht werden, trotz unserer unvergleichlich schwierigeren, nationalpolitischen Situation durch die Nac!1bars:'׳ •ft z .!,!reicher arabischer Staaten. Wir müssen, was wir bisher leider versäumt haben, versuchen, Verständnis und Freundschaft — das, was Herzi von Anfang an unter der Zustimmung der Mächte und der Weltöffentlichkeit verstanden hat — bei dem arabischen Volke außerhalb Palästinas zu finden. Denn gerade angesichts der primitiven Stufe des arabischen Nationalismus, in Palästina wird es kaum möglich sein, daß dort auch diejenigen, die für uns Verständnis haben und rmmdschsit empfinden, dies offen und frei zu äußern wagen. Unter diesem Gesichtspunkt sollten wir Juden die Intervention nid!fpa!ästmensischer arabischer Kreise im gegenwärtigen Konflikt nicht ablehnen, sondern aus einem doppelten Grunde begrüßen und daran später anknüpfen. Erstens kann es uns mir erwünscht sein, wenn die arabische Bevölkerung Palästinas einen moralischen Rückhalt spürt, der ihr vielleicht einen Teil ihrer Furcht vor den in vielen Tcil.cn der Welt ansässigen und einfiußreichen Juden zu nehmen gceignet ist. Und zweitens werden wir objektiv und vorurteilslos denkende Araber außerhalb Palästinas viel leichter von der Ehrlichkeit unseres Wunsches nach Verständigung und unserer Absicht, jede Beeinträchtigung der Rechte der palästinciisischen Araber zu unterlassen, überzeugen. Führende arabische Persönlichkeiten außerhalb Palästinas wären die gecignctesten Vermittler zwischen uns und der arabischen Bevölkerung Palästinas. Sie würden die außerordentliche Trag■- weite jenes Verzichts verstehen, zu dem wir uns, wenn xvir damit den nationalen Frieden im Lande und mit dem ara• bischen Volke jenseits der Grenze erreichen könnten, äußersten• falls hcreiterklären müßten: den Verzicht auf jede Aenderung des politischen, das heißt des staatsrechtlichen Status des Landes gegen den einwandfrei manifestierten Willen sei• n e s arabischen Be Völker 11 ngsteiles. Niemals also dürfen wir die Araber Palästinas in einen. Staat hineinzwin• gen, den sie ablefmen und der daher ein Mittel der nationalen ״,ייterdrückun« gegen sie wäre. Das gilt sogar für den sogeriaimn.., bi nationalen Se;,at. wenn dessen Verfassung zwar die Parität beider Völker gewährleistet, die Araber aber furchteil, daß sie trotzdem faktisch national unterdrückt werden können. .Solange diese Furcht bei den Arabern vorhanden ist, sollte entweder der bisherige Rechtszustand des Mandatslandes beibehalten werden oder eine noch stärkere InternationalLsierung und Neutralisierung des Landes erfolgen. Solange das englische Völkerbundmandat über Palästina besteht, und auch nach seiner Aufhebung, sollte das jüdische Volk nunmehr einen umfassenden Versuch machen, an die Steile des nationalen Kampfes die nationale Schiedsgerichtsbarkeit zu setzen. Wir sollten dem arabischen Volke, ob nun die Araber Palästinas oder auch diejenigen der anderen Länder dies zunächst ablehnet! oder nicht, den Vorschlag machen, daß eine ständige gemischte Schliclitungskommission in Jerusalem alle Beschwerden beider Völker in allen Einzelfälien untersucht und prüft lind eine friedliche Lösung anstrebt. Hervorragende Vertreter der arabischen Geisteswelt außerhalb Palästinas und ebensolche der jüdischen, also unbeeinflußte und unparteiische Männer sollten ais Mitglieder dieser Schliclitungskommission tungieren. Als nächste Instanz innerhalb dieser Schiedsgerichtsbarkeit könnte, ein aus hervorragenden Engländern zusammengesetzter Senat in London und in Fragen von besonderer Wichtigkeit, insbesonderen staatsrechtlichen, als letzte Instanz ein aus Mitgliedern des Haager Schiedsgerichts zusammengesetzter Gerichtshof seine Entscheidung treffen. Durch obligatorische Einfülirung des Arabischen in den jüdischen höheren Schulen, durch Förderung des arabischen Geisteslebens, insbesondere eine ausgedehnte Uebersetzimgstätigkeit wie zur Zeit der arabisch-jüdischen Zusammenarbeit in Spanien, durch Betciligung an allen kulturellen Bestrebungen der Araber, ohne daß hier nunmehr eine Gefahr der Assimilation für die eine oder andere Seite bestellt, usw. müßte dem arabischen Volke der Beweis erbracht werden, daß es von dem jüdischen nichts zu fürchten, sondern sehr viel zu erwarten hat. Absichtlich stelle ich die w irtschaftlichc Zusammenarbeit, die gerade in so unersrhlosscnen Ländern wie den arabischen von weitesttragenden Folgen wäre, erst in z w eite Linie, denn wir sollten davon abselicn, ökonomische Vorteile gegen nationale Gefühle auszuspielen, und das arabische Mißtrauen wird bei allen solchen Vorschlägen sofort eitnrenden, daß sie in erster Reihe den Juden Nutzen bringen. Die Furcht und das Mißtrauen werden natürlich noch lange Jahre hindurch nicht schwinden, und wir werden erst durch die Tat beweisen müssen, daß wir wirklich dem arabischen Volke nicht das geringsfe nehmen, sondern Bedeutendes geben wollen, und daß gerade dieses national noch so unentwickelte und zersplitterte Volk von seinem nationalen Standpunkte aus einen ehrlichen Freund und Mittler nur begrüßen kann. Sobald das arabische Volk sehen wird, daß wir bereit sind, ihm sogar bei seiner nationalen Einigung zu helfen und die früher jahrhmnlertelang andauernde Beziehung wiederlierzustellen, die zwischen jüdischem und arabischem Volk bestanden hat, dann wird eine jüdische Einwanderung nicht bloß nach Palästina, sondern auch nach den arabischen Ländern, wie dies ebenfalls schon einmal der Fall war, von ihm begrüßt werdet!, und die arabische Minorität Palästinas wird ebenso unangefochten und in Freundschaft mit uns leben, wie die jüdischen Minoritäten mit den Arabern in deren Ländern. Vielleicht ist das alles aber mir ein Traum, der imverwirklicht bleibt, weil seine Erfüllung nicht nur von unserem Willen abhängt. Dann wird nichts anderes übrig bleiben, als uns auf die in Palästina noch zu erringenden Positionen zurückzuziehen und diese solange kämpfend zu verteidigen, bis auch das arabische Volk begreifen wird, daß ein nationaler Ausgleich möglich und der Frieden mit uns fiir die Araber noch größere Vorteile bietet als für uns, die wir doch heute schon vieles vor den! arabischen Volke voraus und daher auch einen Kampf nicht zu fürchten haben. Ein bemerkenswertes Wort von Benjamin Disraeli, dessen letzter männlicher Nachkomme soeben verstorben ist, wird in der ״Times“ vom 3. Oktober zitiert. Disraeli hat am 9. Februar 1876 gesagt: ״Die Regierung der Welt ist nicht ein bloßer Wechsel von abstraktem Recht und überwältigen• der Gewalt... die Welt wird regiert durch Versöhnlichkeit, Kompromiß, Beeinflussung, verschiedene Interessen, durch Anerkennung des Rechtes anderer, verbunden mit der Sicher- Stellung der eigenen Rechte; und schließlich eine aus Aufklärung und Verständnis kommende allgemeine Ueberzeugung, daß es im Interesse aller Teile liegt, daß die Dinge in befriedigender und friedlicher Weise geleitet werden.“ — Dieses Wort zitiert Sir Arnold Wilson in einer Zuschrift, in der er sich fiir eine freiwillige Rückgabe der ehemaligen deutschen Kolonien an Deutschland einsetzt. Sir Arnold Wilson ist ein entschiedener Vorkämpfer einer solchen Maßnähme, die bekanntlich in England Widerspruch findet, lind in einer Auseinandersetzung mit seinen Gegnern beruft er sich nun auf diese van Disraeli ausgesprochene Maxime der Regierungskunst.