Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 80-81 (7.10.1936)
- Date
- 1936-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 •«׳־•$ JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 80/81, 7. X. 1936 Londoner Brief Von unserem Berichterstatter J. K. London, den 30. September Eine englische Abstimmung über Palästina Ein Beweis daftir, daß das Interesse an Palästina die englische öffentliche Meinung׳ gepackt hat wie selten ein anderes aktuelles. Problem, ist die Flut von Briefen, die seit Monaten täglich in die ver.sdiiedcnstci; Zritungsredaktioimi fließt, sowie die giolie Reihe von grundsätzlichen Zcitungsu 11 d Z e i t s c 11 r i f f e 11 arfi k e I n — in den September- Zeitschriften rangierte das Thema Palästina neben Spanien an erster Stelle —- und neuerdings auch das Erscheinen von R e i s e b ü e!1 e r n, für die auf dem Markt große Nachfrage zu herrschen scheint. Wenn eine Tagesfrage auf dem Höhepunkt des Interesses steht, uiiteiiiimrut cs die grolle Londoner Zeitung ״Daily E x p r e s s“, eine A I) s t i 111 in u ri g ti 111 e r ihren Lesern zu voran stellen, und /war so, daß die Zusammensetzung der Abstiininciidcii muh Beruf und Lebensstellung ungefähr dem allgemeinen Bevölkerungsverhhltnis entspricht. Nach solchen Fragen, wie Ahes-inien und Völkerbund ist jetzt das Problem: ״Jude oder Araber‘‘ zur Abstimmung gestellt worden. In großer Aufmachung auf der ersten Seite'Wird zur Inforimtion der Leser der Konflikt noch einmal zusammengefaßt. Ganz abgesehen davon, daß die Alternative Jude oder Araber uns nicht glücklich zu sein scheint, erfolgt die Darstellung in einer Weise, daß wohl die Stimme des vorurteilsfreien Lesers den Arabern gehören muß. Als Palästina während des Krieges von britisch(■!! Tnippen erobert wurde, heißt es da, seien zwei Versprechungen von britiwhcn Beamten gemacht worden. L)ie erste (von der Zeitung gesperrt gedruckt) war von M a c M a h o n, dem englischen Hi׳׳h Commis •di mei־ in Acgvptcn, im Oktober PH י au den arabh, heil König Hussein vom Hodschas gerichtet und, versprach die Bildung eines unabhängigen arahörnen Reicheunter rin-eltlutp Paki-tinas. Das /weite war die B;1! f 11 ס r - I > e kl a r;1 t in 11 im November P>17. Das Blatt erwähnt dann den Frieden-vertrag und das Mandat, das England uhei mmrin :1 habe ״mit der Verpflichtung, das Gebiet zu schul/eil und /u verwalten“. Davon, daß die Balfoiir- Dekhir,ition in da- Mandat Inkoipariert wurde, während das /weife'!!.׳!ite Mae Muhnn-Vet'-pierhell nicht einmal den Rang eines K.ibiih'tt'be-ehiu-ses hm, erfahren die Leser des Blattes nichts. Die Alternative wird folgendermaßen dargestellt: ״Die Araber -;1.0׳!), daß infolge der eroßen juili-chen F.inwandvrung ihm l'״-i!h;!1 in Gefahr sei. Da־ Juden behaupten, daß durch ihre Eiiiwi. 1.1:111g de- Landes!teilte mehr Ara Her in Palästina leben können ab zuvor.“ Die einzigartige Bedeutung, die P.ihistina;11j!1 d i - e h e s I. i n w a n d e r!1 n g s I a n d hat, wird gart/ vcr-chwiegcit. Sch’ieBlich faßt das Blatt den englisehen Stamipunkt folgendem!,1ßen zusammen: ״ln England behaupten cinDe, daß tin-ere Position in Palästina wichtig für unsere si 1 at< ״i-ehe Sieherlicit im Vorderen Orient sei. Andere -iml der Mwmiiur, *laß Palä-tina militärisch und politi«eh eiiu• Bela-tim : dar-tollc.״ Auf einem illustrierten Wahl- Zettel,;1:1! dem neben einem jungen muskulösen Juden mit der Sichel in der llainl ein Araher in laugwallendem Kostüm abgebiklet i-t, werden die folgenden drei Fragen zur Abstimmung vor gelegt: 1. Glauben Sie, daß die jüdische Masseneinwandentng nach Palästina weiter gestattet werden soll? 2. Glauben Sie, daß der arabischen Forderung auf Einstellung der Einwanderung stattgegeben werden soll? 3. Glauben Sie, daß England weder den Arabern noch den Juden uaehgeben soll, sondern das Mandat dem Völkerblind übergeben und diesem die Entscheidung überlassen? Die Resultate werden in der nächsten Woche veröffentlicht werden. Indien und die Palästina-Unruhen In einer Versammlung der europäischen und indischen Fortschrittlichen Gruppen in Bombay sprach Sir T, V. Aeharva über die Mandat-Verwaltung in Palästina. Da die luden Fremde für Palästina waren, hätte der Redner natürliche Svmpatliieti!dir die Araber. Die Juden, die von vielen!.ändern vertrieben wurden, verdienten ab! r ebenfalls Svmpathicll. Mail hatte fragen können, warum die Araber die Juden aufnchiiicn mußten, aller esei jetzt zu spat, eine Politik, die zum fait aceompii geführt habe, rin kipnigig /11 machen. Mrs. Snrojini N a i d 11, die he kannte indische Dichterin, führte darauf Pr. O 1 - w 1 ח g 1׳ r, den Kc!c1!׳ Haies-od-Deli gierten, für Indien ein. der den /iom-!1-1״',u1!׳ Standpunkt darlegie. I )1 r l’!,i-ide:!t dei 1! 11 ische n Parlaments ließ einen Antra.: nicht zu, .,Seiner Majestät Regierung über die Stimmung in Indien uiu r di;׳ Lage in Pai.istina Bericht zu er-tattcnH da d.ivon der indischen Regierung unterlassen würde". Der (iriiml war,!!aß diese I 'nterla-sung nicht von dlingrlldt r oIfenth•.her Bedeutung sei. H. G. Wells und der Antisemitismus Der hekrwnte englische Schriftsteller II. G. Wells, der kürzlk 11 sc i!!e!1 70, Geburtstag feierte und aus diesem Anlaß im nächsten .Monat Gegenstand der größten Ehrungen sein wird, hat durch sc •ne jtingsten A e u fl e r u n g c 11 zur J u d e 11 f r a g e die jüdische ()Öffentlichkeit in England einigermaßen u!k‘1 i-ascht. Man kannte ihn bi-her als Sozialisten und man kannte seine Stellung zur J!uh1׳,׳f!age, die durch einen Brief aus dem Jahre ß)t t gek ninzn. hnet war. Im November Iß 14, an den! Tage, da die Türkei in den Weltkrieg ein trat, schnell er einen Brief an die Londoner Zeitung ״Daily Chroniclc“ folgenden Inhalts: ״l ivber Zangwill — was kann jetzt noch die Juden hindern, Pakästma zu bekommen und ein wirkliches Jmlaa wiederberznsfeilen?“ Dieser Brief gab damals die Stimmung weitester englischer Kreise wieder. Seitdem aber scheint die Begeisterung für ein ״wirkliches Judäa“ geschwunden zu sein. Manchmal scheint es, daß man sich, dant als darunter vorstellte, die Juden wurden wieder da anfangen, wo sie nach der Zerstörung des Tempels aufgeliört hatten und man ist enttäuscht, daß statt dessen moderne europäische Menschen in ihre Heimat znnickkehren. Wells hat jedenfalls diese Wandlung mitgemacht intd die allgemeine Wandlung der Zeit, die den Juden ungünstig ist. In seinem inzwischen verfilmten Buch ״Die Gestalt der kommenden Dinge“ entwirft er das Zukunftsbild einer Welt, in der zwischen 1010 und 2070 die Juden als Oemcinschaft vollkommen ausgeeclialtet sind. ״Ihre veraltete Kultur und ihr zionistischer Staat, ihr koscheres Essen, das Gesetz und alle weiteren Paraphemalia des Judentums sind vollkommen aufgeg,Tilgen in die menschliche Gemeinschaft.“ Kürzlich hat sich Wells des Näheren in einer Artikelserie im ״Spcctntor“ mit der Geschichte der Verfolgung befaßt. Er kommt dabei sehr bald zur J 11 d e n f r;1 g 0 wia stellt fest, daß die Verfolgung des Judentums ihre Bcrcchtigung haben könne. ״Fast immer“, heißt es da, ״hatten die Verfolger ihre guten G! linde für das, was sie taten. Fast immer haben sie einen Glauben verteidigt, der ihnen teuer und heilig war, oder Institutionc!1, deren Zerstörung ihnen maßlosen Kummer bereitet hätte. Und kaum jemals hatten die Verfolgten vollkommen recht. Sie waren wirklich destruktiv und demoralisierend. Sie warm wirklich böswillig. Sie bedeuteten wirklich eine Drohung. Sie würden kein Kompromiß dulden ... Im allgemeinen hat die Verfolgung ihre ßerechtigung.“ Wenn der Verfasser einer populären Weltgeschichte zu solchen Resultaten kommt, so ist cs nicht unsere Sache, darüber zu streifen. Diese Theorien werden von ihm aber folgendermaßen auf die Lage der Juden angewandt. Was die Juden Zusammenhalt, ist, so heißt es in dem Artikel, eine biblische, ialmudische und wirtsehaftliclie Tradition. ״Es ist eine Tradition, die Gewinnsucht betont. Sic sind mehr dem Besitz, dem Geld und der Geldesmacht hinterher als die Durchschnittsmassen der Menschheit ... Sie bekommen, sie durchdringen, sie kontrollieren. Die nichtjüdischen Bevölkerungen, unter denen sie leben ... fühlen, daß diese erfolgreiche jüdische Konzentration auf Kosten größerer und höherer Interessen geschieht ... aber wenn sie sich gegen den jüdischen Druck behaupten wollen, müssen sie diese angeblich größeren und höheren Interessen fallen lassen und sich auf den Kampf um Besitz konzentrieren. Der Jude kämpft auf einer niedrigeren Ebene als sic, bis sie ihn daran hindern oder sich zu irgendeiner Art von Pogrom retten .. .“ Wells wirft den Juden vor, daß sin das Kommen des intern ationa! eil Welt staat es verhinderten, der dem Verfasser offenbar am Herzen liegt. Dies ist für die heutige weltweite Diskussion über die Judenfrage besonders interessant: Währund sonst den Juden v o r g e w or fei! wird, daß sie durch Utopist ische Träume einer internationalen Wcltverbrüdcrung die nationale Kraft der Völker schwächen, macht hier ein linksstehender Autor genau den entgegengesetzten Vorwurf, daß die Juden es seien, die diesen Internationalismus verhindern! Als die jüdische Presse diese Anschuldigungen würdevoll zurückwies, schrieb Wells die etwas ärmliche Antwort: ״Kennt ihr keine Dankbarkeit?“ Er schätze die Leistung vieler Juden sehr hoch ein und zählte unter anderen Juden auch Freud und Einstein zu seinen Freunden. Er glaube sogar, daß Defoe ein Jude war und möchte auch in Dickens viele jüdische Züge sehen. Schließlich beruft er sich auf seine ״Weltgeschichte", wo er dem modernen Judentum seine semitische Herkunft von den Phönizäern, Karthagern und Baby- Ioniern nachgewiesen habe. Es wäre aber gerade sein Wissen um die ungeheuren Fähigkeiten der Semiten, von denen die Moderne zehrt, das ihn zum Protest herausfordert, diese wieder in ein ausgesprochenes Ghetto einzasperren, wie cs in Palästina der Fall sei, wo die Juden vom Dienst an der Menschheit zum Rassenhochmut abgelenkt würden. — Man wurde gerade von Wells das nicht erwarten, wenn er sich aut die L e i s t 11 11 g e!1 der alten semitischen Völker beruft, die doch nicht in der Zerstreuung entstanden sind. Und was das neue Palästina anbetrifft, so scheint Wells von dessen Geist in Wahrheit keine Ahnung zu haben. Zu den Wiener Kultuswahlen Von unserem Berichterstatter J. R., Wie n, 6. Oktober Die vielfachen Bemühungen der letzten Wochen um eine Zusammenfassung der wahlwerbendeii zionistischen Gruppen in einem zionistischen Einheitsblock haben in den letzten *18 Stunden eine gewisse K I ä r u!1 g gebracht. Ein positives Ergebnis haben die Verhandlungen zwischen der offiziellen Liste und dem Verband Radikaler Zionisten (Gruppe l)r, Leopold P I a s c h k e s) gezeitigt. Ergehn is los blieben •dagegen die Verhandlungen mit den Revisionisten. Als deren Listenführer zeichnet Dr. Wolfgang von Weis!, Mit der zionistischen Organisation ״Bin- San Haarez“ sind von den offiziellen Stellen aus in den fetzten Tagen V e r h a 11 d I u 11 g s f ä d e n angeknüpft worden, ohne freilich bis zur Stunde zu einem Ergebnis geführt zu haben. Fest stellt auch die Kandidatur des allgemeinzionistischen Klubs ״Adolf Stau d“. Dagegen hat der .,Bund jüdischer Frontsoldaten“ gestern abend beschlossen, keine eigene Kandidaten auf zustellen. Ueber die Absichten des ״M i s r a e h i“, der bis nun im Kultusvorstand durch einen Mann vertreten, der auf der gemeinsamen Liste gewählt worden war, verlautet nichts Definitives. Als vorläufiges Fazit der wochenlangen Verhandlungen innerhalb der zionistischen Gruppen ist also lediglich die Zusammenfassung der B-Gruppe der Allgemeinen Zionisten (Landesverband), Judenstaatspartei und Radikalen in der ״Zionistisclien Liste“ zu verzeichnen, die als offizieller Block der gegenwärtigen zionistischen Majorität im Kultusvorstand einerseits, der oppositionellen Minderheit der ״Union“ andererseits, aber auch vier zionistischen Kandidaturen, darunter einer von keinesfalls zu unterschätzender Stärke, gegenüberstehen wird. Daß dieser von der überwiegenden Majorität der Wiener jüdischen Bevölkerung aller Schattierungen nicht gewünschte i!1 n e r j ii d i s c h e Kampf auf eine nur sehr kurze Zeit beschränkt bleibt, — ist eigentlich nur der kürzlich verfügten Verlängerung des allgemeinen Versainmb.mgsverbotes in Oesterreich bis zum 31. Oktober zu danken, so daß der eigentlichen Wahlagitation mir die acht Tage vom 1. bis zum 8. November, dem Wahltag, zur Verfügung sichen; dies allerdings unter der Voraussetzung, daß das Vorsammlungsverbot auch zum vorgesehenen Termin aufgehoben Wird. Wiener Theaterbrief Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, Anfang Oktober Eine Anzahl aus Deutschland emigrierter Schauspieler, die auf Grund der ihnen von dem österreichischen Arbeitsamt erteilten Arbcitsbewilligung seit einigen Jahren an mehreren Wiener Biilmm tätig sind, wurde in den letzten Tagen von einer harten Maßnahme getroffen. Es wurde ihnen, darunter einigen Prominenten, wie dem am Deutschen Volkstheater wirkenden Otto Wal Iburg, durch die Industrielle B e z i r k s k om m i s s i o n, das ist jene Behörde, die für die Erteilung der Arbeitsbewilligung für mchtöstcrreichischc Staatsbürger zuständig ist, plötzlich die Arbeitsbewilliung entzogen. Diese Maßnahme, von der außer Walltirg auch noch mehrere Künstler anderer Wiener Bühnen betroffen sind, wurde von der Arbeitsbehördc mit dem Bestreben, die Beschäftigung österreichischer Schauspieler zu stützen, begründet. Gleichzeitig wird von dieser Stelle ans geltend gemacht, daß Künstler, die durch ihre exzeptionelle Künstler-Individualität nicht leicht durch inländische Kräfte ersetzt werden können, auch weiterhin die Arbeitsmöglichkeit in Wien haben werden. Als Beispiel wird Max Hansen am ״Theater an der Wien“ angeführt. Im Falle Wallburg, dem man doch die künstlerische Eigenart nicht absprechen kann, hat sein Chef, der Direktor des Deutschen Volkstheaters, Rolf Jahn, mit Erfolg interveniert und dem Kunstler die Arbeit sbcwilligung für die Dauer seines Vertrages mit diesem Institut, das ist bis Mitte Dezember, erwirkt. Für die anderen Künstler, denen die Arbcitsbewilligung in den letzten Tagen entzogen wurde, haben ihre Direktionen ebenfalls um Verlangerang an gesucht, ohne daß bisher darüber entschieden wurde. Bis zur Entscheidung dürfen die Schauspieler inzwischen weiter spiele 11. Das vorübergehende Spielverbot für Otto Wallburg hat in den maßgebenden Wiener Tlieaterkreiscn und darüber hinaus in der gesamten Oeffentlichkeit Aufsehen erregt. Bei einer internen Beratung führender Wiener Theaterleute wurde dieser Fall lebhaft erörtert und ein prinzipieller Standpunkt in der Frage der Beschäftigung nichtösterreichischer aber deutschsprachiger Bühnenkünstler eingenommen. Die Theaterdirektoren setzten sich mit ihrem ganzen Einfluß für die weitere ungestörte Arbeitsinöglichkeit der hier bereits seit langen! beschäftigten, übrigens sehr kleinen Zahl nichtösterreichischer Künstler ein. Es wird darauf hingewiesen, daß im ganzen etwa 20 Künstler nichtösierreichischer Staatsbürgerschaft an Wiener Bühnen, einschließlich der am Burgtheater Wirkenden, tätig sind. Inzwischen wird am ״Deutschen V'o I k s th e a t e r“ eifrig an den Vorbereitungen des Volksstiickes ״Der Golde ne Kranz“ von Jochen Huth gearbeitet, das in den nächsten Tagen im Rahmen eines Gastspieles Gisela W'er- Bezirks au diesem Theater zur Erstaufführung gelangt. In (fern Stück, das in das Fiimniilieu hineinspielt, wird Otto Wallburg der Spielparin er der Werbezirk sein. Das Duo der berühmten jüdischen Komiker wird im Stücke die tragenden. Rollen inncliabcn. In einem vom Sinfonie-Orchester unter Leitung des Dirigeilten Breisach begleiteten Konzert spielte sich der berühmte Geiger Nathan Miflsteiii nach mehrjähriger Pause Wieder ein. Brahms, Mendelssohn und Tschaikowsky bildeten das auserlesene Programm des jungen Virtuosen, dein die Wiener Musikkritik begeistertes Lob spendet. * Die seit voriger Saison geschlossenen ״Wiener Kamm erspiele“ in der Rotenturmstraße sollen Mitte Oktober durch ein Ensemble-Gastspiel des ״Theaters in der Josefstadt“ (Theater Max Reinhardts) ihre Saison wieder eröffnen. Das Repertoire-Programm sieht als Eröffnungs-Premiere die Aufführung der englischen Komödie ״V e r f ii 11 r 1!!1 g“ von Frank Vospcr in der Inszenierung von Hofrat Heine׳. Als Hauptdarsteller kommen u. a. Ernst Deutsch, Frieda Richard, Hans T11 i m i g, Ludwig Stößel in Betracht. Nächst der Aufführung von Wedekinds ״Frühlingserwachen" werden die neuen ״Kammerspiele“ M olnars ״Die Jungen von der Paulsg a s s c“, sowie als Dezeinbernovität ״Fräulein E f s c“ von Arthur Schnitzler, in der Dramatisierung von Ernst 1.0 t har, dem Direktor des Josefstädter Theaters, lieraltsbringen. Die Hauptrollen im Schnitzlerischen Stück werden von Albert Bass ermann (Vater) und Rose Stradner (Fräulein Else) gespielt werden. — Der Sohn Arthur Schnitzlers, der am deutschen Volkstheater als Regisseur tätig ist, hat: erst kürzlich mehrere Stücke seines Vaters in London inszeniert, wo die Schnitzlerischen Dramen gegenwärtig besonders gern gespielt werden. Danzig und die Judenfrage Zum Abschluß der 16. Volkskundlichen Woche in D a n z i g sprach der Gauleiter von Danzig, Albert Förster. Er sagte nach dem Bericht der ״Berl. Volks-Ztg.“ vom 1. Oktober 11. a., Danzig werde in der Gestaltung seines völkischen und kulturellen Lebens den gleichen Weg gehen wie das Reich und auch den Einfluß des Judentums vollständig aussclialten. Die Emigrantenfragre in Genf Die von der politischen Kommission des Völkerbundes eingesetzte U n I c r k o ni!11 i s s i o 11 zum Studium der Probleme der aus DeutscHand Ausgewanderten hat nach Prüfung der Berichte des Präsidenten des Nansenamtes und des Auswaiulcrerkonimissars Sir Mac Malcolm einstimmig Lord Cranbourne zum Berichterstatter über diese Fragen im Plenum der politischen Kommission gewählt. Juden im österreichischen Heer. Unser Wiener J.R.- Berichterstatter schreibt uns: Vor wenigen Monaten ist bekanntüch in Oesterreich die allgemeine Wehrpflicht cingeführt worden. Bei den darauf folgenden ersten Assentierungen wurden fast 80 Prozent aller zur Assentierung erschienenen Juden für tauglich befunden. Der erste, der nach dem neuen Wehrpflichtgesetz in Oesterreich assentiert wurde, war ein Jude namens Abeies. Am 1. Oktober sind nun die ersten Rekruten, 15 000 Mann, cmgori'ickt. Unter diesen befinden sich nach Mitteilungen von informierter Seite nicht weniger als 3150 Juden oder 23 Prozent. Diese verhältnismäßig hohe Zahl jüdischer Rekruten, die den außerordentlich günstigen Stand der physischen Beschaffenheit der jüdischen lugend in Oesterreich aufweist, übersteigt zweifellos um ein Vielfaches den prozentualen Anteil der jüdischen Gesamtbevölkerung dieses Landes. Die physische Erstarkung der österreichischen jüdischen Jugend ist tun so bemerkenswerter, wenn man bedenkt, daß in Altösterreich bei den Vorkriegs• assenticrungen fast 70 Prozent der zur Assentierung gekotnmenen Juden, all dienstuntauglich befunden wurden. Kleine Nachrichten Professor Dr. Samuel Krauß, der seit dem Ableben des Rektors Hofrat Schwarz Vorsitzender des Lehrerkollegiums an der Jüdischen Theologischen Lehranstalt in Wien ist, wurde von dem Kuratorium zum Rektor ernannt. Das Kreisgericht in Kolomea hat den Bauer Piotr Timkow zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er auf der Landstraße den 77jährigen jüdischen Händler Mordechai Schloß bis zur Bewußtlosigkeit blutig mißhandelt hatte. Der Greis hatte sich geweigert, den Namen des Attentäters anzugehen, weil er dessen Rache fürchtete. Zwei Bauern stellten jedoch fest, daß Timkow den Uebcrfall verübt hatte. Das Warschauer Appellationsgericht hat den Anführer einer natfonaldcmokratischen Bande, die in Lodz Bomben in jüdische Geschäfte geworfen hatte, den Rechtsanwaltsanwärter Napoleon S z e m i a k o, zu drei Jahren Gefängnis, die übrigen 20 Angeklagten zu Gefängnisstrafen von acht Monaten bis zu zwei Jahren verurteilt. Die Synagogengcmeinde Striegau in Schlesien hat sich am 1. Oktober aufgelöst. Nachdem eine erste jüdische Getneinde in Striegau im Jahre 1454 ihr Ende gefunden hatte, ist nun auch die zweite Gemeinde, deren Friedhof im Mai 1815 eingeweiht worden war, eingegangen. Papst Pius beglückwünscht Wiener jüdischen Bildhauer, Unser Wiener J. R.-Bcrkhterstatter schreibt uns: Egon Wein e r, ein junger, sehr begabter jüdischer Bildhauer, der durch einige interessante Schöpfungen, die auch bei größeren Wiener Kunstausstellungen zu sehen waren, das Interesse der maßgebenden Kreise auf sich lenkte, erhielt dieser Tage ein Schreiben des Kardinal-Staatssekretärs Pacelli, der im Auftrage des Papstes Pius XI. dem Künstler Dank und An erkennung für die Uebcrreichung einer von Weiner geschaffenen Plakette des verstorbenen österreichischen Bundeskanzlers Dr. Dollfuß nebst den besten Glückwünschen für den Künstler zum Ausdruck bringt. Weiner, der auch eine Zeitlang in Italien gearbeitet hat, hat kürzlich eine Monumentalplastik des Kopfes Mussolini angefertigt