Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1936)
- Date
- 1936-09-30
- Page
- – (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 KINDER-RUNDSCHAU Nr. 18 ״Du heißt von nun an Jankele“ Schwarzkopf, als ob er alles verstanden hätte und seinem Freunde und Gebieter recht gäbe. Dem Jossele schließen sich bald die müden Augen, und der Schlaf entführt ihn in die Gefilde des Traumreiches. Er sieht zahllose, prachtvoll mit Teppichen geschmückte Sukkoth und Zelte. Fahnen wehen, Trompeten erschallen. Fern im Osten am Wüstensaum geht die Sonne glühend wie ein brennendes Riesenrad auf, und Moses, strahlenden Antlitzes, ergreift den Führerstab, um dem jüdischen Volke den Befehl zum Aufbruch ins Heilige Land zu geben. Während er so im Traume jahrtausendalte Geschichte seines Volkes durchlebt, tritt die Mutter in die Sukkah, um den Tisch mit einem weißen Tuch zu decken. Als sie aber das glücklich lächelnde Gesicht Josseles sieht, zögert sie nicht lange und schleicht sich auf den Fußspitzen fort. Sie möchte ihn uni keinen Preis aus dem Schlafe reißen.... David Rubin — Zeichnungen von Pitta Auch so kann man wohnen I Zuerst war es Maxi, der den verrückten Einfall bekam... Er zog aus seinem ״Zrif“ aus, nahm eine Axt zur Hand, fällte einige unnütze Eukalyptus-Bäume, und baute sich eine ״S ukka h“. Zuerst errichtete er vier starke Pfähle. Dann baute er oben einen Holzdeckel darauf. Das war der Fußfaoden. Nun fing Maxi an, nach seiner Arbeit im Pardess, Laub zu sammeln für die Wände seiner Sukkah. Die ganze Kwuzah lachte über Maxi und seinen verrückten Einfall. ״Sei doch froh, daß du im Zrif wohnst, wozu baust du dir so ein wackliges Ding?“ — Maxi arbeitete weiter. Und eines Tages hielt Maxi Einzug in seine neue Wohnung. Es war ein kleines Zimmerchen, mit einem festen Fußboden, mit Wänden, die aus Laub geflochten waren und durch die der Wind hindurchpfiff. Eine Leiter stand angelehnt, und jeden Abend kletterte Maxi hinauf und legte sich unter sein Moskitonetz schlafen. — Das war vor einem Jahr. Wenn ihr jetzt nach Raanana kommt — in Petach Tikwah umsteigen! —, findet ihr nicht nur Maxis Sukkah vor, sondern deren zwanzig! Wer nur konnte, ist Maxis Beispiel gefolgt. Denn wenn unten in den Baracken und Zelten die Menschen vor Hitze nicht schlafen konnten, wenn nach der Arbeit das Zimmer im Steinhaus dem müden Arbeiter keine Abkühlung geben konnte, dann pfiff hoch oben, in Maxis Sukkah, der kühlende Wind durch die Blätterwände, und das ganze Zimmerchen war eine Wohltat. Es dauerte nicht lange, bis die ganze Kwuzah dies sah. Eine Zeitlang war die — vorher so verachtete — Sukkah überlaufen von Gästen, die ״oben bei Maxi“ sich mal ein wenig erholen wallten. Aber dann kam die zweite und die dritte, und heute stehen über zwanzig Sukkoth in Raanana. Der Nächste erfand die Kunst, verschließbare Fenster in den Wänden zu lassen. Ein Chawer baute eine ״Zwei- Zimmer“־W0hnu11g. Der Dritte brachte ״Wandschränke“ an. Es war ein stiller Wettbewerb. Die Sukkoth von Raanana haben sich ״herumgesprochen“. Hier und dort im Lande findet man auch welche. Eine Sukkah mit ״Balkon' Zuerst jetzt aber. kommen i“ war es . ״wie Maxi, der den verrückten Einfall bekam, kann man überhaupt ohne Sukkoth aus- Mordechai Simchath Thora ie Sonne verläßt langsam die Himmelsmitte. Im zarten Herbstwind rauschen die Bäume und die welken Zweige auf den Laubhütten. Fröhliche Thora- Lieder dringen aus Wohnungen, Bethäusern und dem ״Rabbis Hof“, wo kleine und große Gemeinden versammelt sind. Rhythmisches Händeklatschen und ekstatische Ausrufe begleiten und feuern die Lobhymnen und die Sänger an. Das ganze Städtchen singt. Alle Juden sind jetzt versammelt. Eine Ausnahme jedoch bildet der alte Synagogendiener. ״Eine Sitte bricht das Gesetz.“ Am Simchath Thora gehört der Synagogendiener den Kindern. Er ist heute der ״Roe“, der Schäfer, und wir die ״Zoin kedoschim“, die heiligen Schäfchen. Nach der großen ״Sudah“, der Tafel, versammeln sich alle Kinder des Städtchens vor dem Hause des ״Roe“, des Schäfers. Reb Hilul, der Synagogendiener, ist ein alter, graubärtiger Jude, und er verwaltet seit vierzig Jahren meisterhaft sein Amt. Es geschieht nichts in der Gemeinde ohne seine Zustimmung. Er kennt alle Leute des Städtchens und — der beiden Friedhöfe. Reb Hilul kennt auch alle guten und schlechten Seiten seiner Gemeindemitglieder mitsamt ihren Vorräten an Speisen und Getränken. Und weil Reb Hilul ein scharfer Talmudist und außerdem auch sehr gut genährt ist, nennt man ihn Hilul, der ״Kol-Boi“ (alles ist in ihm). Er ist sonst ein sehr ernstveranlagter Mensch, nicht aber am fröhlichsten aller Feste, am Simchath-Thora. Heute ist Reb Hilul ״Kol-Boi“ der lustigste Jude der Gemeinde. Der Platz vor Reb Hiluls Hütte ist schwarz von Kindern, die gespannt und ehrfürchtig auf sein Erscheinen warten. Halb berauscht und etwas wacklig kommt er aus dem weißgekalkten Kämmerlein zu seinen ״heiligen Schäfchen“ hinaus und ruft mit ganzer Kraft: ״Zoin kedoschim!“ Seine harte, ekstatisch klingende Stimme feuert die Kinder an, und sie rufen mit gestrecktem Hals ״Meeeeeeee!“ so laut, daß man noch einige Sekunden hinterher den Widerhall hören kann. Fromme Mütter mit strahlenden Gesichtern schauen durch die Fenster, und die kleinen Mädchen, die auch hinaussehen, können sich vor Lachen nicht halten. Reb Hilul ״Kol-Boi“ mit dem gewendeten Schlafrock reicht den Kindern die Enden seiner Rockschöße und fängt an, wie ein Fohlen zu hopsen und zu springen; dabei hebt er den Kopf hoch und macht mit den Händen allerlei Bewegungen. Die Kinder biegen sich vor Lachen. Alle Mütter und Kinder paar Minuten bleibt der Schäfer verschauen aus dem Fenster wärt stehen, schöpft Atem und ruft mit den Händen am Mund als Schallverstärker: JfZoin kedoschim!“ worauf die Kinder ein langgezogenes ״Meeeeeee!“ ausstoßen. Wehe der Familie, die sie belagern. Alle Hausschränke und die verborgensten Winkel der Kellerräume werden nach Eingemachtem, Kirschra.T und anderen Leckereien abgesucht. Die erbeuteten Sachen bringen die Kleinen ihrem Schäfer, der alles gleichmäßig unter sie verteilt. So ziehen sie stundenlang von einer Familie zur andern. Unterwegs verkünden sie ihr Kommen mit den schöns.en und fröhlichsten Simchath-Thora- Liedern. Eine Kindergruppe ruft: ״Ki oni amechu!“ (denn wir Reb Hilul reicht den Kindern die Enden seiner Rockschöße und fängt an, wie ein Fohlen zu hopsen