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Jüdische Rundschau · 1936-09-30 · Heft 78-79 (30.9.1936) · page 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 78-79 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 47)
Language
German
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Berlin, den 30. IX. 1936 4. Jahrgang / Nr. 18 ־«r?ar Beilage der ״Jüdischen Rundschau״ ־־ ■■ ... ״״yy ׳ ij* Jossele und seine Sukkah Jossele hat seinen Vater nie zufrieden gesehen. Reb Schlo jtne ist nämlich stets, voller Sorgen, und immer weiß er eine Ursache zu finden und so recht aus Herzensgrund zu brummen. Heute aber glänzt sein Gesicht voll Freude. Mit halb aufgekrempelten Hemdärmeln steht er da, in der einen Hand hält er einen Hammer, in der anderen eine Zange und bewundert sein Werk. Er hat die Sukkah für das Laubhüttenfest aufgerichtet. Sie ist nicht schön. Die drei grauen Holzwände sehen so altersschwach aus, daß man mit ihnen ordentlich Mitleid haben könnte. Sie kleben wankend und zitternd an der Mauer des Wohnhäuschens, und ein einziger boshafter Windstoß würde genügen, um das Ganze wie ein richtiges Kartenhaus fortzublasen. Ob diese Laubhütte auch den Vorschriften vollständig entspricht, ob sie so aufgerichtet wurde, wie es die Ueberlieferung vorschreibt, läßt sich auch nicht mit allzu großer Bestimmtheit behaupten. Aber das bedrückt Reb Schlojme nicht allzusehr. Hauptsache bleibt für ihn, daß er während des Laubhüttenfestes die Mahl- Zeiten in seiner eigenen Sukkah einnehmen kann. Neben Reb Schlojme steht sein Sohn Jossele, der ebenso glücklich wie sein Vater ist. Er hat eifrig und geschickt mitgeholfen, und ohne ihn wäre Reb Schlojme gewiß nicht so rasch fertig geworden. Der Vater hatte ihn gewähren lassen, und so hatte der Knabe Bretter geschleppt, mit der Zange aus den Brettern die alten Nägel herausgezogen, sie gerade geschlagen und dann kräftig wieder den Hammer geschwungen, ohne einen einzigen Nagel krummzubiegen. Nach der Arbeit atmet nun Jossele freudig auf. Er hat an einem festlichen Werke mitgearbeitet, und der häßliche, graue Hof, in dem nicht einmal Unkraut gedeihen will, erscheint ihm nun wie umgewandelt und mit einer besonderen Weihe erfüllt, als ob ein guter Engel seine Hand mit im Spiel gehabt, allen Schmutz und alle Häßlichkeit im armseligen Besitze seines Vaters weggelöscht hätte. Was sonst nie geschah, Jossele ist richtig stolz auf etwas, das seinem Vater gehört, und seine braunen Augen streifen liebevoll über die frisch aufgebaute Sukkah, die sich ängstlich ans weiß getünchte Häuschen anlehnt. Aber es fehlt noch etwas an der Sukkah. Sie muß gedeckt werden. Womit aber? Das einfachste wäre, dazu nach dem Beispiele der Nachbarn trockene Maispflanzen zu gebrauchen. Aber Jossele ist damit nicht zufrieden. Seine Sukkah darf mit diesen dürren, vertrockneten Pflanzen, die ihm wie Leichname Vorkommen, nicht verunstaltet werden. Das wäre eine Demütigung für sein Herz und eine Erniedrigung für seine Sukkah! Nein, die Decke soll aus Tannenzweigen und Tannenreisig gebildet sein. Das sieht so wunderschön grün aus, und es duftet so fein, als ob man mitten drin im lebendigen Walde wäre. Der Wald ist weit, und die Tannenzweige, die von den Bauern am Marktplatze feilgeboten werden, sind fast unerschwinglieh für die Tasche eines armen Schusters, der mit Mühe und Not die paar Gulden aufbringt, um das Laubhüttenfest würdig zu feiern. Q Reb Schlojme Die Sukkah an der Mauer des Wohnhäuschens 'Mit einem kleinen Beil macht er sich auf den Weg Was tun? Ein anderer würde keinen Ausweg finden. Aber Jossele ist doch unser Jossele! Er wird sich auch jetzt einen Rat zu schaffen wissen. Mit einem kleinen Beil und einem alten Sack ausgerüstet, macht er sich auf den Weg. Er eilt, als ob er Flügel hätte, und nach einem einstündigen Marsch ist er im Walde angelangt. Jossele war noch nie im Tannenwalde. So weit hat er sich noch nicht hinaufgewagt. Mutig durchstreift er nun den Laubwald mit den stolzen Weißbuchen, deren silbern glänzende Stämme wie prachtvolle Säulen in die Höhe streben. Aber der Knabe darf hieT nicht verweilen. Er muß immer höher und höher steigen. Das dürre, gelb und braun gefleckte Laub, das den Boden wie ein dicker Teppich bedeckt, raschelt unheimlich, aber bange wird ihm nicht. Er weiß ganz genau, daß die Nadelbäume bald kommen werden. Es ist still um ihn. Sei• ten schwirrt ein Vogelruf, ein Zwitscherlaut an ihm vorbei. Ein merkwürdiges Gefühl der Andacht ergreift sein Herz. Das Herz klopft ihm zum Zerspringen. Er möchte umkehren, doch sein Fuß steigt immer höher. Der Laubwald macht allmählich dem Tannenwalde Platz, und von allen Seiten winken die mit grünen Nadeln besetzten Zweige ihm zu, sie mitzunehmen, um der Ehre teilhaftig zu werden, eine Sukkah bedecken zu dürfen. Jossele wählt nicht allzuviel, und sein kleines Beil arbeitet flink und rasch. Bald hat er einen Haufen Zweige und Reisig. Er füllt damit seinen Sack und schleppt ihn keuchend und doch froh nach Hause. Jossele kommt verhältnismäßig rasch vorwärts, und fast will es ihm scheinen, als ob die Tannenzweige Kinder seien, die ihn bei der Hand halten und mit ihm ausgelassen über Stock und Stein stolpern. Zu Hause angelangt, steigt er auf die Leiter und legt die Tannenzweige und die Reiser so kunstvoll auf die Sukkah, daß sie eine herrlich grüne und duftende Decke bilden. Jetzt will Jossele ausruhen, und das kann er natürlich nur in der für seine Begriffe königlich gcschmückten Sukkah tun. Er breitet in der schattigen, halbduuklen Hütte eine alte Decke am Boden aus, die Mutter reicht ihm ein kleines Kissen, und nun kann er unter der dunkelgrünen Decke schlafen und träumen. Sein Hund Puki, das muntcre, freche Tier, möchte auch gerne Einlaß finden und bellt zornig seinen kieinen Herrn an, als dieser ihn verjagt. Aber seinen Raben Miku möchte Jossele doch Von allen Seiten winken die Zweige nicht missen. Um aber sein Gewissen zu beruhigen, daß er ein Tier in die Sukkah mitnimmt, spricht er zum Vogel: ״Höre, Miku! Da du jetzt in der Sukkah bist, darfst du nicht mehr den Namen Miku führen. Du heißt von nun an J a n k e 1 e. Das klingt wenigstens jüdisch und ist viel schöner als Miku.״ Und Jankele, vormals Miku genannt, nickt ernsthaft mit seinem

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