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Jüdische Rundschau · 1936-09-30 · Heft 78-79 (30.9.1936) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 78-79 (30.9.1936)
Date
1936-09-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seife 12 JÜDISCHE RUNDSCHAD Nr. 78/79, 30. IX. 1936 Vor den Wiener Kultuswahlen Wie gestalte ich den Schabbat? Für Schabbat, 3. Oktober Wochenabschnitt: ״Chol Hamoed Sukkoth“ Wir werden diesen Oneg Schahbat in der Sukka feiern, die wir mit Bildern, Früchten und Transparenten ausgeschiniickt haben. Ein wertvoller Führer ist der im Auftrag der Reichs- Vertretung von I>r. L. Ehemann herausgegebene ״Arbeitsplan für Snkkoth“ (Rundschreiben Nr. 23 36). Von den zahlreichen dort angegebenen Themen greifen wir folgende heraus: I. Das Fest des W asserse h öpfe n s. Wir werden die entsprechenden Texte aus der Mischna Sukka gemeinsam lernen, falls notwendig, ziehen wir die Schilderungen des Wasserschöpffestes in Höxter, ״Quellenbuch“, Band I, S. 20, heran. Das schöne aus diesem Anlaß gesungene Lied: ,,losch mehem scheomrim“, ist in Jacobscn-Jospe ״Hawa Nascniva“ abgedruckt. An weiteren Liedern empfehlen wir die im Plan angegebenen. II. Um ein anschauliches Bild von dem Fesf im alten Israel zu geben, lesen wir den Auszug aus dem Vortrag von Prof. Elbogcn: ״Die Feier der drei Wallfahrtsfeste im zweiten Tempel“ vor, den die Reichsvertretung als Beilage zum oben erwähnten Plan herausgegeben hat. Wir stellen dem gegenüber die Art, wie der heutige Jisduiw dieses Fest feiert und er/ählen hier von der Feier des Sukkot-Festcs in Ejn Charotl. J. E. Chag ha-Sukkoth Beim Om g Schabbat am Schabbat Chol ha-Moed werden wir zum Thema der Unterhaltung das Sukkothfcst wählen. Wir werden dabei von der Institution der Sukkah ausgehen und uns fragen, welche Tntwicklung sie im Laufe der Zeit bis auf unsere Tage dtirehgemacht hat. In diesem Zusamtnicnhang werden wir uns zu vergegenwärtigen haben, daß in biblischer Zeit das hrntesehlulifest, der חג האסיף mit besoiuierer Feierlichkeit begangen wurde. Es war auch das Lest der Weinl.-M-, wobei das Volk während der Festperiode in heklhütten gewohnt hat, die aus Olivcn/wcigen, aus Laub- und I'aluHiiblattern angefertigt wurden. In *len Obst- und Weingärten wurden diese Hutten errichtet und man freute sich bei Wein, Fm/ und Musik. In Jerusalem wurden in alter Zeit derartige I lütten auf eien. Straßen, Hofen und Dächern atifge-tcllt. - lös Volk, der Landinaitn und Bauer zog zu diesem Fest von weither nach Jerusalem, um an den großen religiösen Prozessionen des bestes teilzunehmen und Gott f 11 r die ihm erwiesenen Wohltaten zu danken 1!r,d zu preisen. Wir werden im Anschluß daran uns über die drei wichtigsten Wnllfaitrt-deoc unterhalten und auf den dem Wallfahren zugrumieüegeiuien ( mlanken ausführlicher eitigehen. Die Mischnah überliefert uns ein lebhaftes Bild der Pilgerziige nach Jerusalem, und wir werden an Hand dieses Berichtes manche I in/elheit des I ed/ngcs hervorheben und besprechen. Als Parallele hierzu waren die Fest• und Wallfahrtszüge besonders bei den orientalischen Völkern beranzti/ielicn, man denke etwa an das Nebi-Mn.-a-Fcst der Moslems, Line gewisse Form des Wallfahren« hat sich noch heute im ostjudischen Kulturbezirk erhalten, wobei die Cha«sidim zu den Haupt- und sonstigen Feiertagen zu ihren Zaddikim fahren. — Auch Festrüge im heutigen Palästina, die sich häufig an die überlieferten Formen anschließen, sollten hier erwähnt werden. In diesem Zusammenhang werden wir darauf hinzuweisen haben, daß auch das Chag ha-Sukkoth eine innere Wandlung im Laufe der Zeit durchgemacht hat. Einst ein reines Ackerbau- und Naturfest, hat es später eine gc-schichtsphilosophisehe Deutung erfahren und ist in Zusammenhang mit dem Auszug aus Aegvpten gebracht worden. Der lebendige und nattirhafte Sinn des Festes wiril in einem späteren Zeitalter, das vielleicht nicht mehr so erdennah war, verklärt und retrospektiv gedeutet. Es wäre gut, manche Besonderheiten des Festes, Bräuche und Riten, die dieses Fest au /eichnen, zu erwähnen. Man könnte die Rolle des Lulaw und!:trog i!n alten Kultus erwähnen und über ihren Sinn sprechen. Wir werden diesmal anschließend folgende biblische Stellen lesen und sie gemeinsam besprechen: III. B. M. 23, 30 ft.; V. B. M. 16, 13 ff., und Nechemia Kap. 8, An weiterer Literatnr empfehlen wir noch u. a. Zobel, ״Das Jahr der Juden“; Hirsch, ״Praktiwhe Judcntumskuiide“ und die entsprechenden Nachschi,■igedeUcn in! Indischen Lexikon und Fnc. lud. Die ״L R.“ Nr. 81 SJ vom Lk 10. 1033 weist auch zahlreiches Materia! auf, das wir hierzu verwenden können, u. a. Dr. J. Mcit- 11«, ״Feste im jmltwhen Altertum“'. J. M. Wiener Brief Von unserem Berichterstatter J. R., W i e n, 28. September Nur 5 Wochen trennen uns von dem Termin der Wahlen in den Wiener Kultusgemeindevorstand und noch immer ist nichts von einer regeren öffentlichen Agitationstätigkeit für diese Wahl z.ti merken. Die wenigen Zeitungspolemiketi zwischen der zionistischen Presse und der der oppositionellen ״Union“ sind über den Charakter von kleineren oder größeren Zeitungsgefechten nicht hinausgekommen. Mit Ausnahme der ״Union“ ist noch keine der wahlwerbcnden Gruppen mit ihrem Programm vor 'die Wählerschaft getreten. Vorläufig gehen noch immer die Parteien Verhandlungen vor sich, ohne freilich nach wochenlanger Dauer zu einem greifbaren Ergebnis geführt zu haben. Die Reklatnationsfr ist zur Einsichtnahme in die Wählerlisten ist bereits vor zwei Wochen abgelaufen, der Einreichungstermin für die Kandidatenliste ist mit dein 9. Oktober — ein Monat vor dem Wahltermin -- befristet, und noch immer weiß die Ocffcntlichkeit nicht, welche Gruppen in diesen Wahlkampf ziehen werden. Wohl bemüht man sich in den letzten Tagen sehr eifrig um das Zustandekommen einer allgemcincnjüdischcn Einheitsliste, sogar unter Einschluß der nichtzionistisehen ״Union“. Die Vermittlerrolle hat hier der ״Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs“ übernommen. Andererseits heißt es, daß in den eigenen Reihen des Bundes in bezug auf seine Pläne keine einheitliche Meinung besteht. So verlautete am Sonntag, daß der Bund mit zwei Vertretern, darunter seine Bundesführerstellvertreter, auf der selbständigen Liste der Revisionisten auftrete. Eine solche gemeinsame Liste soll sogar schon überreicht worden sein. Jedenfalls ist nach den bisherigen Erfahrungen kaum anzunehmen, daß es zu einer wirklichen Einheitsliste kommt, wie dies von verschiedenen Kreisen der Wiener Judenschaft im Hinblick auf die allgemeine jüdische Situation gewünscht wird. Wie weit man von einer Ralliierung der jüdischen Kräfte in Wien entfernt ist, beweist am schlagkräftigster! die Tat- Sache, daß es bisher nicht einmal gelungen ist, eine zion i s t i s c h e Einheitsliste zustandezuhringen. Wenn nicht alles trügt, könnte Wien mit seinen 45 000 Kultuswählern beinahe ein ähnliches Kuriosum des Parteienbabels bieten, wie es Warschau mit seiner allerdings 300 000 Köpfe zählenden jüdischen Bevölkerung geboten hat. Es war wohl vielen von vornherein klar, daß z. B. die Zionistische Organisation ״B i n j a n Haarcz“ nicht auf eine gemeinsame Liste mit der gegenwärtig in der Kultusgemeinde vorherrschenden B-Gruppe der Allgemeinen Zionisten zu bringen sein wird, obwohl es auf beiden Seiten sicherlich Stimmen gab, die auch hier einem Ausgleich das Wort redeten. Allein es gibt hier viel zu viel Belastungen persönlicher Art, die nur schwer überbrückt werden konnten. So ist das eine schon heute klar: das einzige, was in dieser Wahlkampagne feststeht, ist, daß diese zionistische Gruppe allein kandidieren wird. In cingcweihten zionistischen Kreisen gibt man dieser Kandidatur von ״Binjan Haarcz“, die über eine ausgezeichnete organisierte Jugend verfügt, trotz der zweifellos recht ungünstigen äußeren Bedingungen, unter denen gerade diese Gruppe in den Wahlkampf zieht, gute Chancen. Ein wenig iiherraschend kam der kürzlich vom Vorband der Radikalen Zionisten (Gruppe Dr, Leopold Plaschkes) gefaßte Beschluß, ebenfalls als sei bs tandi ge zionistische Liste in den Wahlkampf einzutreten, nachdem wochenlang zwischen der offiziellen Liste und den Radikalen Verhandlungen geführt wurden, mit dem Ziele, diese auf eine gemeinsame Liste zu bringen. Nun sind aber die Bedingungen der Radikalen von den Offiziellen nicht erfüllt, die Gegenvorschläge wieder vom Verband der Radikalen nicht akzeptiert worden, so daß Dr. Plaschkes und seine Gruppe sich zu einer selbständigen Kandidatur entschlossen. Dr. Plaschkes hat bereits seine eigene Liste cingereicht. Trotzdem wird doch noch erwartet, daß es noch 7u einer Einigung zwischen den Offiziellen und den Radikalen komme. Dagegen dürfte der ,,Misrachi“ allein gehen, ebenso die Revisionisten, mit denen ebenfalls weiter wegen einer gemeinsamen Liste verhandelt wird. Die offizielle ״zionistische Liste“ umfaßt, soweit dies bis heute feststeht, außer den Allgemeinen Zionisten der B-Gruppe nur noch die ״J 11 d e n s t a a t - ler“ Strickers; auch der Vertreter der ״Polnischen Schul“ dürfte auf dieser Liste erscheinen, lieber die Aufteilung der Mandate auf die der offizielle Liste angehürenden Gruppen wird noch eifrig verhandelt. Schließlich sei noch die jüngste selbständige Liste des ״Klub Adolf Stand“ angeführt, eine Gruppe, die kongreßpoiitisch sich der ,,Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten“ zugehörig zählt und im wesentlichen eine scharfe Front gegen den offiziellen Landesverband der B-Gruppe einnimmt. Jom Kippur Wiens ludenschaft hat den diesjährigen Jom Kippur in überaus feierlicher und würdiger weise begangen. Ueberall konnte man eine erheblich höhere Zahl der Betenden feststellen als in den letzten Jahren. Ueberaus eindrucksvoll verlief in den jüdischen Stadtteilen der Kol-Nidrc-Abend. Am Vorabend sah man in den von Juden stark bewohnten Teilen des II., XX., I. und IX. Bezirkes zahlreiche jüdische Männer und Frauen den Bethäusern Zuströmen. Manche Straße bot das Bild einer wahren Völkerwanderung. Vor den großen Tempeln, besonders denen in der Lcopoldstadt und daun vor den diesmal sehr zahlreichen privaten kleinen Befhäuscrn stauten sich gegen 1/»6 Uhr riesige Mcnscliemnasscn. — In vielen Gotteshäusern wurden Jiskor-Andachton für die in den letzten Monaten in Palästina Gefallenen abgehalten. Stinkbomben Sn jüdischen Kaffees Während der Jom Kippur vollkommen ruhig und ohne jede Störung verlief, kam cs am Abend des Jom Kippur in einigen jüdischen Kaffeehäusern der Leopoldstadt und des IX. Bczirkes zu Belästigungen jüdisch«: Besucher durch Hineintragen von Stinkbomben, die diewjäste zürn Verlassen der Lokale für einige Zeit zwangen. So wurde gegen! HO Uhr abends in dem jüdischen Kaffeehaus ״National" auf der Taborstraße von einem Manne eine Stinkbombe ins Lokal hineingetragen. Der Täter konnte entkommen. Im Laufe des Abends sind auch in anderen Kaffeehäusern, so im Schweden- Kaffee, Stinkbomben gelegt worden. Zionismus in Dänemark Von unserem Berichterstatter W. K. K o p c n 11 a g e n, Ende September Nachdem Ende August über 50 Chalu/im die dänische Hachscharah verlassen haben, um die Reise nach Erez Israel anzutreten, versammelten sieh die hier verbliebenen Chaluzim mit den neu Dazugekommenen, um die hohen Feiertage zu feiern. Im Gegensatz, z.t! früher, wo mau einzeln bei den jüdischen Familien in der Stadt verteilt war, hat man sich diesmal in der Nähe von Kopenhagen in Nacrum vereinigt, wo die Chaluzim ein überaus stimmungsvolles Fest verlebt haben. Dieser Tage veranstaltete mail einen Palästina-Abend, an dem von Dr. W. W. Kapluii-Kogan ein instruktiver Bericht über die Ereignisse in Palästina im Zusammenhang mit der Araberfragc erstattet wurde. Im Anschluß daran hat die Zionistische Vereinigung von Dänemark an Dr. Cliaitn W ei z mann wie folgt depeschiert: ״Im Namen der Zionistisehen Vereinigung für Dänemark übermitteln wir Ihnen, zum ersten Male nach dem 2. September versammelt, unseren einmutigen Dank für Ihre außerordentliche Leistung und bitten Sie, auch Ihren Chawerim in der Exekutive unser absolutes Vertrauen auszusprechen. Wir stellen fest hinter Ihnen.“ Einige Tage später hat die Leitung der Vereinigung einige besonders aktive Zionisten, insgesamt 31 Personen, zu einer Besprechung in der Angelegenheit des Mifal Bizaron 7usammengerufe!1. Herr Slor richtete dabei einen dringenden Appell an die Versammelten, die sogleich zu einer Sammlung schritten, die einen Betrag von '3600 Kr. ergab. Dieser Erfolg ist sehr bedeutend, und zwar nicht nur wegen des Betrages, sondern auch deshalb, weil dadurch gleichzeitig der Nachweis erbracht wurde, daß auch in Kopenhagen ein fester Kern der Zionistischen Organisation da ist, der in einem entscheidenden Augenblick bereit ist, sich mit der Tat für den Zionismus einzusetzen. Auf dem soeben beendeten italienischen Röntgenologen« Kongreß in Venedig war die Wiener RöntgenoIogen-GescIIschaff durch 4 Delegierte, darunter 2 jüdische Röntgenologen, Dr. Borak und Dr. Krezfuchs, vertreten. (;ruhe im Hinterhof Graben mußte und das Spülwasser dort hincingicßen. So fingen die Leute alle nn, Gruben zu graben, an der Rückseite ihrer Häuser. Aber diesmal fluchten sie hei der Arbeit. Denn die Erde war hart gefroren, und die Hacken und Spaten kamen nicht durch. Und ehe He mit den (!ruhen fertig waren, hatte er schon ein neues St (ick Arbeit für sie: die eine Mauer von lieh Josnas Ruine war geborsten, und er bestand daranf. daß sie gänzlich abgetragen wurde, oder der Rabbi würde cinuesperrt werden. Dann waren ihm z.miel wilde, krätzige herrenlose Hunde in der (legend der Schlacht- Häuser. Die waren gefährlich, man sollte sic vergiften! Woher sollte man das Gift nehmen? Das war ihm egal, von ihm aus sollten die Metzger sie mit ihren Fleischeräxten zerhacken. Aber wenn sie die Hunde nicht wegbrachten, wollte er die ganze Gesellschaft einsperren lassen. Nach und nach merkte man, daß er so bleiben würde, und nicht einfach ein neuer Besen war, der scharf kehrt. Nein, es ging» immer so weiter! Die beiden Polizisten, die immer in Lumpen herumgelaufen waren, wurden plötzlich in neue Uniformen gesteckt. Man konnte sie jetzt auf eine Meile weit: sehen, und sie strichen stolz über den Markt und steckten ihre Nasen in alles hinein. Kriegten zum Beispiel eine Töpferin und eine Glinslerin sich in die Haare und balgten sich, weil eine Glucke der Geflügclhündlcrin aus dem Käfig geflogen war und der Töpferin einen irdenen Krug zerschlagen hatte — ging das etwa die Polizei etwas an? Aber der Polizist behauptete, der neue Stadthauptinann hätte ihm gesagt, daß er sich um alle solchen Sachen zu kümmern hätte. Alexei mit dem Blechschild um Ledcrumschwung also, der in seinem I.ehen auf derlei nicht geselltet hatte, stieß plötzlich durch die Menge wie ein Kosak, brachte die beiden Weiber mit Gewalt auseinander, so daß sie dastanden und nun beide auf ihn schimpften, er solle nach Hause gehen und sich gefälligst um seine eigenen Sachen scheren! Aber Alexci richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und fing an wie ein großer Red-!׳er: ״Im Namen des Zaren!“ und schloß: ״Die Regierung!“ Und die beiden Marktweiber wichen zurück und wurden still wie Lämmer. Bitter, wenn Alexei im Namen des Zaren redete! Und zu alledem war auch noch der Versicherungsagent, nach Schklow gekommen und hatte die Juden überredet, sich versichern zu lassen. Und als sie die Policen hatten, und die grünen Blechplättchen an ihren Mauern angeschlagen, hatte er ״Guten Tag“ gesagt und war weg. Aber ein paar Wochen später war ein anderer Mann aus Mohilew gekommen, vom Hauptbüro der ,Versicherung«- gescllschaft. Er hatte einen langen Hals und stechende Augen und trug einen hohen Gummikragcn. I',r sagte, er wäre der Kontrolleur. Und er ging in jedes Haus, das versichert worden war, untersuchte alles sehr genau, schrieb die Namen der Leute nnf und machte sich eine Menge Notizen. Beim neuen Millionär fing er nn, und mit dem Gildehaus der Fuhrleute hörte er auf, das man auch versichert hatte; Sender Pardon hatte das gemacht. Und was der nun alles wollte! Wann hatte man versichert, wie hoch? Womit beschäftigte sich der Hausbesitzer? Und der Kontrolleur untersuchte die Oefen, und wollte wissen, wie oft die Kamine gefegt würden. Lind als er alles erfahren hatte, was er wollte, sahen ihn die Leute heim neuen Stadthauptmann. Einmal, zweimal, dreimal. Und dann fuhr auch er wieder weg. Und sobald er weg war, fing der Stadthauptinann ein neues Spiel an. Seine Polizisten machten die Runde bei allen Leuten, die versichert waren, und fragten, wie lange es her wäre, daß der Kaminfeger da war, und wenn es länger war nls ein paar Monate, befahlen sie, die Schornsteine müßten noch einmal gefegt werden — es wäre eine Gefahr, der Ruß könnte brennen. Die Leute machten geltend, daß noch der Schnee auf den Dächern lag, und solange der Schnee lag, würde es nicht brennen. Außerdem kam der Kaminfeger nicht gern, wenn es fror und die Dächer schlüpfrig waren. Aber der Stadthauptmann ließ nicht mit sich reden, er bestand auf seinem Kopf, die Kamine mußten gefegt werden. Danach schickte er die Polizisten herum, und jeder, der sein Haus versichert hatte, mußte ein Faß mit Wasser in seinen Hof stellen. Die Leute entgegneten, das Wasser würde gefrieren und die hölzernen Dauben zerreißen. So, meinte er, wenn die Dauben zu schwach wären, so sollten sie alte Heringstonnen nehmen, mit eisernen Reifen. Es lägen ja genug solcher alter Heringsfässer auf dem Judcnmarkl herum, sagte er. Die Fischhändler würden froh sein, sie loszuwerden. Und die Häuser wären sicherer. So seufzten die Leute und kauften alte Heringsfässer. Es war eine solche Nachfrage nach alten Ilcringstonnen mit eisernen Reifen, daß die Heringshändler mit hochgetragenen Nasen herumgingen. Und als man die Heringsfässer mit Wasser gefüllt hatte, stank die ganze Stadt nach Hering. Und es war Winter! Wie süß würde das im Sommer riechen!! Das Beste davon hatte Z a w e 1, der Kaminfeger. Er verlangte das Doppelte seines gewöhnlichen Lohns, weil er auf die verschneiten und vereisten Dächer klettern mußte. Und seine Zähne glänzten aus dem rußigen Gesicht: ehe er mit all diesen Schornsteinen fertig war, war er ein reicher Mann. Die Stadt kam endlich zu dem Schluß, daß der Vor- Sicherungskontrolleur das mit dein Stadthauptinann ausgeheckt haben mußte. Er hatte ihm offenbar eingcredet, daß er auf die versicherten lluuser besonders achtgehen müßte, damit die Versicherungsgesellschaft keinen Schaden zu zahlen hätte. Die Leute wurden ziemlich unruhig, wenn sic dachten, was geschehen sollte, wenn es irgendwo brannte. Paßt mal auf, flüsterten sie untereinander, das ist eine Gesellschaft, die Geld einstecken will — nicht gehen! Wir müssen unser ganzes Leben lang zahlen, und wenn es mal brennt, dann wird sic uns, Gott bewahre! nicht einen Kreuzer bezahlen! Dafür wird uns der neue Stadthauptmnnn schikanieren. Ein paar kluge Leute wollten gern von dem Handel zurücktreten. Laßt uns in Ruhe, sagten sie, nehmt die grüne Blechtafel mit dem goldenen Anker und geht zum Teufel! Wir wollen nicht versichert sein! Man fing an, die Leute zu beneiden, die abgclehnt hatten, sich versichern zu lassen. Und alle schimpften auf den neuen Millionär, der damit angefangen hatte. Darauf kam der Kontrolleur mit dem Guinmikrngen und den stechenden Augen wieder aus Mohilew und brachte die Papiere mit, die die Leute unterschrieben hatten. ״Ihre Unterschrift?“ fragte er. — ״Ja, meine", sagte ^dar und der erschrocken. — ״Also, warum bezahlen Sie nicht?‘1 — ״Warum wir nicht bezahlen? Wir wollen nicht mehr versichert sein! Heringsfässer müssen wir kaufen mitten im Winter, und die Kamine kehren lassen. W ir sind nicht mehr Herr im eigenen Hause! Auf jeden Schritt paßt man uns auf! Der Stadthauptmann schikaniert uns zu Tode!“ ״Das geht uns nichts an“, antwortete der Kontrolleur. ״Wir haben nichts mit dem Stndlliauptmann zu tun, und der Stadthauptinann hat nichts mit uns zu tun. Sie können sieh weigern, die Versicherungssumme anzunelunen, wenn es bei Ihnen brennt, aber die Prämie müssen Sie bezahlen. Hier ist Ihre Unterschrift, Sie haben sich für soundso viel Jahre verpflichtet. W7enn Sie die Raten nicht regelmäßig bezahlen, wird Sie die Versicherungsgesellschaft verklagen und das Gericht wird die ganze Summe auf einmal einziehen.“ , In was für eine Sache hatte sie der Agent hineingeritten 1 War da herumgegangen, hatte Unterschriften gesammelt, hatte eine ganze Stadt voll Juden an herzlose Philister verkauft, und war weggefahren! Wenn der sich noch mal sehen ließ! Wie einen Hering würde man ihn zerreißen! (Fortsetzung folgt.)

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