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Jüdische Rundschau · 1936-09-25 · Heft 77 (25.9.1936) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 77 (25.9.1936)
Date
1936-09-25
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 JÜDISCH(; RUNDSCHAU Nr. 77, 25 IX. 1936 Der Jude und das Buch Die wachsende Nationalblbllothek Von Ernst Hoff mann Obwohl der Kreis von Menschen, der überhaupt in der Lage war, Bücher zu spenden, im letzten Jahr wieder kleiner wurde, haben sich die Sammelergebnisse über Erwarten gebessert. Die mit jeder Spende notwendigerweise strenger werden de Sichtung des Spendeneinganges und mancher andere ungünstige Umstand haben die Auswirkung des wachsenden Verständnisses für diese Kulturarbeit und der besseren Verarbeitung und Verteilung des Spendeneinganges durch die zentralen Stellen nicht beeinträchtigen können. Die Möglichkeiten, durch Bücherspenden zum Bestandsaufbati der Nationalbibliothek und der anderen Wissenschaftliehen Bibliotheken des Landes beizntragen, sind bei weitem nicht erschöpft. Doch ist es bei dem gegenwärtigen Stande der Arbeit unerläßlich, auf besonders empfindliche Lücken und auf die dringendsten Wunsche der Nationalbibliothck hinzuweisen. Für die Univcrsitätsbibliot I» e k sind Spenden auf dem Gebiete der Ge ist es Wissenschaften und der reinen (nicht angewandten) Naturwissenschaften am meisten erwünscht. Gelegenheiten, eine geologische, eine indologische oder eine historische Spevialsammiung zu erhalten, sind ungleich seltener als etwa medizinische Spenden. Stiftungen dieser Art werden in Jerusalem, und wenn dort nicht, von der Stadtbibliothek Shaar Zion in Tel-Awfw oder von der A g u d a 11 L’h i s c h t a I m ut h B’m a d a in Haifa gern genommen. Iin einzelnen sind Zcitscliriftenreihen (mich einzelne Bände) und Neuerscheinungen der ietzten Jahre am wichtigsten. Der Bestand der Nationalbibliothck darf nicht in Ermangelung von für die notwendigsten Anschaffungen hinreichenden Mitteln der wissenschaftlichen Entwicklung um ein Jahrzehnt nachhinken. Von den angewandten Wissenschaften fehlen am meisten hndwirtsch a! t I i e h e Bücher. Kür Werke aus diesem Fach ist auch die landwirtschaftliche Versuchs- Station in k' e e 11 ״ b o! h Abnehmer. An Spenden atif dem Gebiete du־ C 11 e 111 1 e, I e c 11 11 u 1 o g i 0, Technik, Architekfur, i-f and! das T e e 11 11 i k 11 m i» 1 inifa iiitir־ cssicrt. Die I.iiig.inge in diese 11 Fächern bleiben leider weit hinter den Anforderungen zurück. Die Zahl der!11 e d i 1 i 11 i s c 11 e 11 Bibliotheken, die in den letzten Jahren gespendet wurden, ist sehr ansehnlich, doch Ich habe Interestenten für gute Wohnhäuser m Groß-Berlin Werner Pinner, Bankgeschäft ßarlin NW 7, Unter d®n Linden 40*41 / Ad 512Ö fehlt auch hier das meiste von der Literatur der letzten 10 bis 15 Jahre, manches wichtige ältere Werk und viele Reihen und Einzeljahrgängc der spezielleren Fachzeitschriften. Juristischen Schenkungen gegenüber befindet pich die Nationalbibliothck in der unangenehmen Lage, Verhältnismadig vieles ablchncn zu müssen. Es fehlen allerdings die neuesten Auflagen wichtiger Werke, die Literatur der letzten drei Jahre ganz, schließlich auch Literatur des internationalen Hechts. Von sonstigen Wünschen der Nationalbibliothck sind die nach F. n z v k I o p ii d i e n in letzten Auflagen und b i b I ו o - graphischer Literatur besonders dringlich. Schöne Literatur in guten Ausgaben und gutem Zustand, neueste Uiiterhaltiuigslitendiir wird von den Stadthihliothckcn, zum Teil auch von der Nationalbibliothck verlangt. Auf dem Gebiete der Judaistik, Hebraistik, Orientalistik, der Palästina-Literatur und der Literatur des Vorderen Orients strebt die Nationalbibliothek Vollständigkeit an. Demgemäß sind die Verwendungsmöglichkeiten für einschlägige Spenden auch ganz außerordentlich. Manches minderbedeutemie Werk, verschollene Broschüren, werden in Jerusalem als wertvolle Bereicherung betrachtet. Hainlschritten und Porträts führender jüdischer Persönlichkeiten werden in Jerusalem in einer eigenen Abteilung gesammelt. Spenden für die Bibliotheken sind niemals humlertprozentigt Spenden. Die Verwaltung*-, die Transportkosten, die auf jedes Buch entfallen, die anteilmäßig sehr hohen Magazinnaiikosteii bringen cs mit sich, daß die Nationalbibüotliek, bzvihre Freunde in den <ialutlii.imlern zu jedem gespendeten Buch noch einen gewissen Aufwand hinzufügen müssen. So kann es den Sammclstdlen der Nationaibibliothek nicht übelgenommen werden, wenn sic manche Spende, vielleicht auch manche wertvolle, zutiiekw eisen. Das System der Zentralsaninitlstelle in Berlin ermöglicht es, aus allen angebotenen Werken an jene Bibliotheken, die für eine ordnungsgemäße Aufbewahrung und Verwaltung Gewähr leisten, ein Maximum zu überlassen, I loffuitlidi wird auch im kommenden jüdisehen Jahr die Parole der Freunde der Nationalhihliotliek, ״Aufbau aus Abbruch“, von vielen und mit wachsendem Ergclinis befolgt werden. PU*ct%'€f Ö׳K4^ ׳ (Reminiszenz au* dein Jahre 1029) Noch ist die Sonne nicht tmtergegangen, aber über die lief gelegene Klngemauer und ihre Umgebung breitet sich schon die Dämmerung aus. Sieben alte Juden stellen sich längs der Mauer hin, hüllen die öebctmäntel und die weißen Totengewiinder um und öffnen mit ihren zittrigen Händen die Gebetbücher des Jom Kippur. Um die sieben Alten bilden wenige junge Cnahizint einen engen Halbkreis, eine Wehr aus 1Menschenleibern. Leise und tonlos klingt das ICol-Nidre-Ocbct aus dem Munde des alten Vorbeters; doppelte Furcht umfängt seine Seele in dieser heiligen Stunde, Furcht vor dem Allmächtigen im Himmel und - - vor den Nebenmanschen auf Erden Weder Torah noch Aron-Hakodesch, kein Tischchen und keine Rank zum Ausnthen, weder Lampen noch Kerzen für Leitende und Tote! Dunkelheit hüllt allmählich diese Kol-Nidre-Marranen ein und seihst die über dem ״eisernen Tor“ hängende Stadtlampe wird von starken Abendwinden hin• und hergeschleudert, so daß die wenigen schief einfailcnden Strahlen die Betgemeinde nicht mehr erreichen. Als das Kol Nidrc zu Ende war und man den vollständigen Nachteinhruch für das Maariwgehet erwartete, begannen die Kirchenglocken Jerusalems zur Vesper zu läuten und auf den Stufen des eisernen Tores erschien der arabische Muezzin, der laut Koranverse zu Ehren Allahs saug■ Wurde ein Fremder um diese Stunde den Platz bctreten haben, so hätte er ein Bild der Eintracht zu sehen geglaubt, wie Juden und Moslems gemeinsam zu Füßen des Tcmpeiberges ihre Gebete zu Gott und Allah emparseiiden!.- Dieses seltsame Kol-Nidre-Bild, das dem Gedächtnis nicht entschwinden kann, dürfte wohl das einzige seiner Ari in Jerusalem gewesen sein! Simon Menczer, Tel-Awiw Zum Monat des Buches in Erez Israel Von Schalom Ben-Chor in, Jerusalem I. Die Magie des Budics ,Etwas droht immer mehr abhanden zu kommen im Umang mit Büchern: die Magie des Buches, oder genauer: as Innewerden der magischen Kräfte des Buches. — Gibt es denn das — werden manche mit skeptischer Miene tragen —, eine Magie des Buches? Ist das Buch nicht nur eine i'.Uticilungsform von Menschen, denen mündliche Zwiesprache verwehrt ist, oder — bestenfalls — ein ״schönes Ding“, wie eine duftende Blume, oder ein kostbarer Ring, oder sonst irgendeine Köstlichkeit? So denken, hieße Verharren an der Oberfläche des Phänonmis: Buch. Der Hinabsteigende in die Schächte der Herkunft aber, der gelernt hat, hinter die Fassade der Dinge zu blicken und in ihr wahres, ihr vom Dämon geküßtes Antlitz zu sehen — Weiß um die Magie des Buches. Nur die Juden, das ,,am hasseier‘‘, das ״Volk des Buches“, haben sich als nationale Gemeinschaft in ihrer kultischen Wirklichkeit -- bis auf diesen Tag — ein Wissen um die Magie des Buches erhalten. Kreist doch alles jüdische Gebet um das Buch, ״das“ Buch schlechthin — — das geoffuibarte mosaische Fünfbuch —, ist doch das einzige Heiligtum der Synagoge, der ״aron hakkodcsch“, der ״heilige Schrein“ nichts anderes als — rin Bücherschrank. Ja, noch mehr, selbst das Heiligtum der Urzeit, ״aron haberit“, war genau genommen — ein Bücherschrank. Von hier aus wird die besondere Haltung des Juden zum Buche — sein magisches Verbundensein mit ihm — erfaßbar. Denn dieses ist das Besondere, das Kriterium, das den Mitteihingscharakter des Buches, zugunsten seines — aus dem Urphiinomen der göttlichen Handschrift resultierenden — magisch-sakralen verdrängt: das ״Buch“ der Bundeslade (die 10 Gebote) wird nicht gelesen, weder von der Priestersehaft ihx’Ii gar vom Volke. Das Buch des Bundes liegt -- geladen mit magischen Kräften — in der ״Lade des Zeugnisses“, nicht zur Lektüre, sondern eben als Zcntralpunkt von Fluch und Segen, ln seinem ״Manuskript“ ist der göttliche Autor inkarniert, und wehe dem Unachtsamen, der sich dem magischen Bücherschrank nähert — er ist ein Kind des Todes, gleichviel aus Welchen Motiven immer er — der Unreine — ihn berührt. Er nähert sich — wenn er den Buchschrank berührt — dem Autor des Buches — und lästert damit die Glorie Gottes, in der zu leben dem Irdischen nicht gegeben ist. (Sam. 1, IV, 1—22, V, 10—12.) Vergangene Zeilen? Ausgewischt aus dem lebendigen Bcwußtsein heutiger Menschen? Zugegeben, die letzte Konsequenz, die tödliche Wirkung des göttlichen Manuskripts — ist keine Tagesrealität mehr, denn diese größte Kostbarkeit unter den Autographen ist abhanden gekommen — das Original bekannthell durch den erzürnten Moses, die nicht minder wertvolle Zweitfassung wahrscheinlich durch die Legionen des Titus. Aber die Magie des Buches ist im Juden noch mächtig, so stark und ursprünglich, wie sonst nirgendwo. Ich spreche nicht von der werktäglichen und scliabbatlichen öffentlichen und privaten Bibellektüre, denn hier liegt das Schwergewicht auf dem Inhaltlichen — vielmehr sei auf die ausgesprochen magische Rolle des Buches im heutigen jüdisehen Kult der Synagoge verwiesen. — Bei den feierliebsten Gebeten, den unmittelbaren Anrufungen Gottes, wird der Bücherschrank geöffnet. Die Gemeinde küßt nach dem ״Auslieben“ der Buch rollen dieselben; fällt eine solche zu Boden, so muß die ganze Gemeinde einen Monat wöchentlich einmal fasten, werden Gebete um einen Todkranken hergesagt, so hält der Vorbeter die Buchrolle dazu im Arin (ohne in ihr zu lesen), befindet sich eine solche Funfbuchrolle im Zimmer, so darf man darin nicht unbedeckten Hauptes verweilen und scherzhafte Gespräche führen — kurz, das Buch wird als ein an sich heiliger und magischer Kräfte voller Gegenstand, ja etwas dem Gegenständlichen schon fast Entrücktes betrachtet. Daß man die Pcrgamcnlbuchrolle mit kostbaren Stoffen und goldenem und silbernem Zierrat schmückt und gleichsam mit Unterwäsche aus mit Namen bestickten Windeln bekleidet, dürfte allgemein bekannt sein. — Eine Darlegung der unendlich komplizierten Vorschriften über das Schreiben eines s0K״n Buches würde der Rahmen dieses Aufsatzes nicht /.!!lassen. Angeführt sei nur aus dem Meer von Vorschriften, daß kein einziger Schreibfehler in dem 1S7 Kapitel umfassenden Werk enthalten sein darf, sonst ist das ganze Buch unbrauchbar, daß es mit Kielfeder auf Pergament geschrieben sein muß, und zwar mit selbstbereiteter Gaüiipfeltirite, und daß besonders fromme Btichrollenschreiher ins Tauchbad gehen, bevor sie den Namen Gottes niederschreiben. Dies genüge! Wir wollen hier keine religioiisgtsetzliche Arbeit schreiben, sondern nur die Wurzeln des jüdischen Buchverständnisses und Buehverhältnisses, des jüdischen Wissens um die Magie des Buches bloßlegen. Lkain es führt eine׳ gerade Linie von dem Israeliten ferner Tage, der das ״göttliche Autograph“ nicht zu berühren wagt, zu dem modernen Frommen, welcher die Buchrolle küßt, ehe er sie zur Hand nimmt und weiter zu dem rührendweltfremden jüdischen Winkelantiquar Stefan Zweigs, dem Buclimendei. dem ganz von der Magie des Buches Verzauberten, der gleich dem palästinensischen Ahn und dem offenharungsgläubigen Zeit- und Volksgenossen nicht nur dem Inhalt der Bücher zugetan ist, sondern ihrer körperhaften Erscheinung und — unbewußt — ihrer magischen Urkraft. Israel lebt im Buch und vom Buche her. Das Buch —■ Bibel, Babylonischer und Jerusalemischer Talmud, Kabbala und Gebetbuch und die auf Grund dieser Bücher entstandene unübersehbare rabbi 1!isehe Literatur, die alle Zweige der Literatur umfaßt, Jurisrmdcnz, Astronomie und Astrologie, Philosophie, Theologie, Medizin und Mathematik nicht weniger als Epik und Lyrik — ist seine Wirklichkeit. Diese Buch- Wirklichkeit ist mächtiger als die Legionen der Römer, dauerhafter als die gepanzerten Kreu/fahrerheere, und wirklicher als die Scheite! häufen der Inquisition. Die Welt ist dem Juden ein Buchkommentar. Nicht - wie den anderen Völkern — das Buch Kommentar der Welt. Wirklich ist dem Juden nicht die Wirklichkeit, sondern ihre Beschreibung — die der Sphäre des Zufalls enthoben: überwirklich ist. II. Die Säkularisierung des Budics durdi den Drude Bei der zentralen Stellung des Buches im Leben der luden des Mittelalters — jeder Mann unter ihnen war des Lesens und Schreibens kundig — kann man sieh die un* ehcucre Revolutionieriing des jüdischen Lebens im Ghetto urch die Erfindung des Johann Gensfleiseh-Gutenberg vorstellen. Die Beschaffung von Büchern für die zahlreichen Talmudakademien in Italien, Deutschland und dem Orient bildeten seit eh und je eines der schwierigsten Kapitel jüdischer Kulturpolitik. Von den Schülern der Babylonischen Akademien berichtet man, sie hätten sich dazu erzogen, jeden Text auch von oben her zu lesen, so daß nicht nur zwei, sondern vier Leser sich jeweils desselben Exemplars gleichzeitig bedienen konnten. Die Juden der Berberei hatten unter größten Anstrengütigen ein Exemplar von Maimonides’ ״Mischneh Thora“, ״Wiederholung der Lehre“, nach dessen Fertigstellung erwerben können und brachten das Buch nun an den Schabbotb den Gemeinden zu Gehör. — Beim Gottesdienste hatte nur der Vorbeter ein Gebetbuch — vielleicht noch einige sehr reiche Gemeindemitglicder —, der daher mit den nicht pflichtmäßigen, mehr poetischen Teilen der Feiertagsliturgie, den ״Piutim“ nach Gutdünken umsprang, fortließ und hinzufügte, wie es ihm behagte. Die Herstellung der Bücher oblag gewerbsmäßigen Ab- Schreibern, ״sofrim“ genannt, die vom einfachen Gebrauchsmanuskript bis zur illuminierten Handschrift alles verfertigten, wessen das jüdische Lesepublikum bedurfte. Und von seiten dieser Sofrim kam der erste und stärkste Widerstand. Sie sahen sich in ihrer Existenz bedroht und verschanzten sich daher hinter der Mauer der Orthodoxie. Achnlich wie die Kopisten-Mönciie, die im Buchdruck eitel Blendwerk des Teufels zu sehen Vorgaben. Die Sofrim ereiferten sich mit viel Rechtgläubigkeit gegen die heidnische Errungenschaft ihrer christlichen Umwelt und ließen nichts unversucht, der genialen Erfindung die Tore des Ghettos zu verrammeln. Allein, es gelang ihnen nicht, die Buchdruckerkunst mit dem Banne, dem ״Cherem“, zu belegen, sahen doch die Rabbinen eine ungeahnte Möglichkeit in ihr, die Gottesgelahrtheit in Israel zu verbreiten. Nur fünf Bereiche wurden den Sofrim reserviert, alle anderen der neuen, lichtverbreiteinle-11 Kunst freigegeben: ״Sefcr Thora.“, die Pcntafcuchpcrgainentrolle zur öffentlichen Verlesung in den Synagogen, ״Megiilatli Esther"', am Purim- Feste, ״Ger. der Scheidebrief, ״Mesusa“, die Kapsel am rechten Türpfosten mit den Bibelversen Deuteronomium VI, 4—9; El, 13—21, und ״Tefillin“, die Sprüche in den Kapseln der Gebetriemen, die Exodus XIII, 1—16 und den oben erwähnten Dciiteronomiumstellen entnommen sind. Alle anderen Bücher waren dem Druck freigegeb c n, selbst die Prophetenabschnitte zur svnagogalen Kezitaiion und selbstverständlich das gesamte tafmudische, kabbalistische und rabbinische Schrifttum. Der Siegeszug des gedruckten hebräischen Buches konnte beginnen. Natürlich hatte die stärkere Verbreitung des hebräischen Buches eine Minderung seines Sakralcharakters zur Folge. Zu groß darf man sich allerdings die Auflagen der ersten hebräischen Drucke nicht vorsteilen: eine Auflagehöhe von 300 Exemplaren wurde in dem uns interessierenden Zeitabschnitt bis 1500 nicht überschritten. Wiewohl eine Säkularisierung ei es hebräisehen Buches, d. h. eine veränderte psychische Haltung des Juden gegenüber dem gedruckten Buche, festzustellen ist, so geht das magische Verhältnis, das er zur geschriebenen Buchrolle hatte, — gemindert zwar — auf das gedruckte Buch über. Die Bi bei, das Gebetbuch, werden nach dem Zuklappen geküßt, desgleichen, wenn man sie unachtsam zu Boden lallen läßt; man soll kein Buch abgeschlagen liegen lassen, sondern schließt es ehrfürchtig und dankbar nach beendeter Lektüre. Man achtet darauf, daß das Buch mit der Titelseite nach oben zu liegen kommt, und daß kein profanes Werk darüber liege, man schätzt Exemplare kabbalistisch-csdteijl,- scher Natur, z. B. das mystische ״Sefer Jezira“, als Talismän'e und hält die Berührung mit ihnen für heilsam. — Sehr bezeichnend für das Verhältnis des Juden zum Buch, das ihm Inkarnation des Autors ist, scheint mir folgende Legende des 17. Jahrhunderts: Ein Rabbi entschied alle religionsgesetzlichen Anfragen, die an ihn gerichtet wurden, nach dem Gesetzbuche des Rabbi Jcsef Karo, ״schulchan arudi“, und befragte niemals das ältere Werk, die ״Mischne Thora“ des Maimonides, noch hielt er es [ür nötig, in den Urquellen, dem Babylonischen und jerusalemischen Talmud, zu forschen. Da beschlossen die vernachlässigten Bücher, sich an dem Schriftgelehrten zu rächen. Als er wieder einmal nach dem geliebten ״Schulchan Aruch“ greifen wollte, um einen seiner dickleibigen Bände vom Bücherbord zu holen, drängten sich die nicht minder umfangreichen Bücher des Maimonides dazwischen und stürzten sieb auf den erschrockenen Rabbi. Aber nicht genug, die Bände des Maimonides rissen die eit schweren Folianten des Babylonischen Talmuds nach sich, dem endlich die beiden Wälzer folgten, die eien Jerusalemischen Talmud faßten. So lag der Rabbi auf der Erde, begraben von den beleidigten Büchern, und wäre nicht sein Schüler nach geraumer Zeit ins Zimmer getreten und hätte ihn aus seinem Grabe der Gelehrsamkeit befreit, er wäre elendiglich erstickt, denn er war zu altersschwach, um sich selbständig aus dem Bücherberge ans Licht emporzuarbeiten. Von diesem Tage an — so schließt die Legende — tat der Rabbi Buße und benutzte neben dem Werke des Karo auch das des Maimonides und forschte in den Worten der Weisen selbst. Aber das Buch kann nicht nur wie ein entfesselter Dämon — Bundeslade Sam. I, 6, und obige Legende — über den Leser bzw. Nichtleser herfallen, es wird auch zum Freunde, zum Gefährten, selbst in der bittersten Stunde. Eine versöhnliche talmudische Legende, die das Puch als allertreuestcn Freund des Lesers zeigt, beschließe diese Betrachtung: Ein Schriftgelehrter pflegte mit besonderem Eifer den — sonst arg vernachlässigten — Talmudtraktat von den Festfeiern, den Abschnitt ״Chagiga“ zu lesen. — Als nun die Sterbestunde dieses Weisen kam, war er ganz, allein und kein Mensch leistete ihm Beistand und sprach mit ihm die Sterbegebete. Doch siebe, als der Sterbende bitterlieh zu weinen begann ob seiner Verlassenheit, öffnete sich die Tür der Stube und herein trat eine verhüllte Frau und setzte sich an das Sterbebett des Weisen. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und betete mit ihm die Psalmen und das Glaubensbekenntnis. Und als sie das Gebet beendet hatten, fragte der Kranke: ״Wer bist du?“ Und die Frau antwortete: ״Deine Geliebte — der Traktat Chagiga.“ Die Kolonisation des Hule-Gebiets Jerusalem, 20. September. (JTA.) Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, finden zur Zeit Verhandlungen zwischen der Gesellschaft ״Hachscharat Hajischuw“ einerseits und der PICA und dem Keren Kajemeth andererseits mit dem Ziele statt, daß PICA und Keren Ka• jemeth die von ״Hachseharat Hajischuw“ erworbene Hule• Konzession übernehmen. Sobald die Verhandlungen zu einem befriedigenden Abschluß gelangen, sollen die P1CA und der Keren Kajemeth sofort Unit der Trockenlegung des Hulegebiets beginnen, um eine Kolonisationstätigkeit großen Stils zu ermöglichen. (Schluß des Falästlnateils)

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