Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 77 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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m 9 jüdische Rundschau_Nr.77, 25.ix. 1936 Rehabilitierung des Herodes? Zur Wiederaufführung der Tragödie ״Herodes und Mariamne“ von Philips Seite 8 Wiener Kunstbrief Von unserem Berichterstatter Wien, 23. September Bruno Walters 60. Geburtstag Am!5. September wurde Bruno Walter 60 Jahre alt. Knapp vor seinem Geburtstag wurde bekanntlich Walter im Zusammenhang mit der Neubesetzung des Direktorpostens der Wiener Staatsoper durch l)r. Kerber vom österreichischen Unterrichtsmiiiistcr l)r. Lernt er zum künstlerischen Berater der Wiener Oper bestellt. Walter, der in den letzten Jahren, nicht zuletzt durch seine außergewöhnlichen Erfolge bei den Festspielen in Salz b 11 r g, zu den prominentesten Ersehetinnigen des Wiener ,Musiklebens zahlt, hat mit dieser Berufung zweifellos einen Wirkungskreis erhalten, den weite Musikerkreise seit vielen Jahren für ihn gewünscht haben. Anläßlich seines W). (ichnrtstages wurde Walter eine Reihe von Auszeichnungen zuteil. So widmete ihm die Witwe Gustav Mahlers das handschriftliche ■Manuskript der ״K i n - d er tot e n I i e d e r“. Ebenso ließ die Wiener Konzerthaus- Gesellschaft auf dein Semmering dem jubilierender! Künstler eine von Tautenhavn entworfene M 0 z a r t ־ M e d a i 11 e mit einer Widmung überreichen. Vor einiger Zeit, im Anschluß an die Mahler-Leiern in Wien, wurde Walter durch den franz ös i s c h e n C'!(.,sandten in Wien mit dem ״R i 11 c r k r e u z der f r a!1 z ö s i s e h e 1! F h r e n 1 e g i o n“ ausgezeichnet. Vom ״Jüdisdicn Kulliirthentcr“ Das ,.Jüdische Kulturtheater“, über dessen Eröffnung der zweiten Spielsaison bereits berichtet wurde, ist eingeladen worden, noch in diesem Jahre Gastspiele in Paris, London, Antwerpen, Brussel und anderen Städten Westeuropas zu absolvieren. Das '1 heater wird diesen Einladungen Folge leisten. 1 ernvr liegen dem Kulturtheater auch Gastspiel- Einladungen nach Danzig, Rumänien und zahlreichen Städten der TschechoslowukiM'hcn Republik vor. - Das künstlerische Programm des unter der Leitung E. jubals stehenden Kulturtheaters sieht tut elf esc Spielzeit eine Keilte interessanter Neiiauffuhnuigcn vor. :mi wird es O.ssip Dt m o w s ,,Der S a ri g e r s e 1 u e r T r a 11 e r“, Max B r o;1 s ״R 1׳ u b e n i“, Pcrez H i r s c ii b e ins ״Gr 1! n c I•' c! d e r", Schalom A s c 11 s ״M ot k e d er Die h“, sowie ,,S c h w er zu sein ei n Jude" von Schalom Alejeliem, ״S o n k 1 11 und der H a upt! r e tf e r“ von | 11 s c 11 k e w i t z und schließlich das neue Stuck ״Konflikte lO'Jtr, deren Autoren die Verfasser des Zugstuekes <les Indischen Kulturtheaters ״Die G r c n z c" simj, hcraiisbringen. Die Juden im üsterreidiisdien I ilmwesen N'ach dem Muster des ״p aste 11 r -Filme s“, der bekanntlich auf der letzten Venediger Biennale einen großen Erfolg errang, wird demnächst ein österreichischer Film in derselben Art und aus demselben ärztlichen Entdeckermilieu gedreht werden. Der Film wird das Leben Paul Elirliclis, des jüdischen Entdeckers des Salvarsans, scliildem. Ein prominenter Schauspieler wird die Hauptrolle darstellen. Die österreichische Filmproduktion ist eigentlich noch jungen Datums. Wohl gab es auch noch vor dem Tonfilm zahlreiche österreichische Eilmprochiktionsgcselischaften, die hier in eigenen Ateliers ihre Filme drehten, aber eine große Rolle hat der österreichische Film bis vor wenigen Jahren nicht zu spielen vermocht. Nun ist förmlich über Nacht die junge österreichische Filmproduktion auf den Plan getreten und hat sich den Film- Weltmarkt erobert. Einige wenige ,Filme, von allerdings außergewöhnlich hohem künstlerischem Niveau, haben auf einmal eine ״österreichische Filmindustrie“ begründet. Es soll in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß Juden an dieser überraschenden Entwicklung eines neuen künstlerischen Zweiges in Oesterreich in finanzielltechnischer wie in künstlerischer Beziehung großen Anteil haben. Schon an der Wiege dieser jungen österreichischen Filmproduktion, die vom österreichischen Staat von Anfang an moralische und materielle Förderung genoß, stand als Initiator und Propagator österreichischer Eilmprodukte der jüdischamerikanische Eilmfaehmann L ä 111 ni 1 e, der mit Bundes- Kanzler Dr. Dollfuß noch knapp vor dessen Tode über diese Pläne verhandelt hat. Eine genaue 11ebersieht über die bedeutendsten filmschaffenden 1iesellschaiten, Produktlonsstiitten, Verleihfinnen und I•'ihnbetriebe in ()e-uerrcieh, aus der der Anteil der Juden an dem Gebiete des ״•,terreichischen bjlms hervorgeht, bietet ein Artikel 1111 ״Wiener Montagblatt“, dem Montng-Erühblatt Der Engländer Stephen Philips schrieb sein Drama ״H e r o d es und Mariaran e“ vor 35 Jahren; der große Beerbohm Tree hatte sich die Rolle bestellt; eines Herodes, wie er ihn sah und spielen wollte: einen Despoten zwar, in dessen Regime der Scharfrichter selten feierte, und dennoch keinen sinnlos mordenden Amokläufer; nicht einen Menschenschlächter im Königsornat, dessen grausiges Handein weder von menschlicher Vernunft noch von politischer Absicht diktiert sei. Diesen Herodes spielte Beerbohm Tree 1905 in London, in der nämlichen Zeit, da auf den deutsehen Bühnen Hebbels anderer Herodes eine Paraderolle der prominenten Charakterdarsteller war. Jetzt, nach langer Pause, erscheint die Tragödie abermals im Spielplan. Das Stück wird momentan ins H e brä iscli e übertragen. Gleichzeitig wird das Werk in London angekündigt. Wie zeigt Hebbel, wie gestaltet Stephen Philips den jüdischen Herrscher? Im deutschen Drama steht bereits in der ersten Szene, plastisch an der vordersten Rampe, ein Tyrann. Ein Skrupelloser Despot, mit dem Blutgeruch Richard Glosters. Freilich: das zielsicher, das systematisch denkende Briten-Him im politischen Kopf des Shakespearesdien Dritten Richard fehlt ganz und gar dem Orientalen. Seinen jungen Schwager, den Aristobulus, den ästhetisch begabten Bruder der Mariamne, hat er iimbringen lassen — warum? Erstens: ein Aesthct ist ohnehin ein Schandfleck, ein schwarzes Schaf im raubtönenden königlichen Kriegermilieu. Zweitens: die Pharisäer, die im Verdacht stehen, gegen den König zu konspirieren, haben den Aristobulus zum Hohenpriester erhoben; ist's von diesem Vorposten aus nicht ein kurzer Sprung nur auf den Thron? Die persönliche Antipathie des Königs und sein Mißtrauen genügen, um das Todesurteil zu begründen. Derart unzimperlich, bisweilen eher noch hemmungsloser, wird nun gemordet, fünf Akte lang, im Hintergrund breiten sich zwar die Schatten der römischen Weltpolitik. Indes steht im Vordergrund der endlose Menschenmord isoliert: Mord um des Mordes willen: nicht, wie hei Shakespeares Richard, Mord als blutiges Mittel zur Erreichung eines klar gesteckten politischen Ziels. Eine Menschenbesfie lebt sich aus in Exzessen, die, psychologisch unerklärbar, bei Hebbel die vulkanisch auf lodernden Wetterzeichen einer Weltdämmerung sind, einer knapp bevorstehenden WeHwende, deren Wehen im Morgenland wild heraufbrodeln. Die moralischen Bindungen in der Gesellschaft, die ethischen Fesselungen in der Farnilie — in dieser, dem Volk, den! Staat beispielhaft voranlebenden Königsfamilic — sind zerrissen. Die Schwiegermutter des Herodes hat den Schwiegersohn beim Antonius in Alexandria, beim römischen Protektor, denunziert. Bevor der König dorthin ahreist, um sich zu verantworten, werden rasch einige alte Rechnungen beglichen: Der Bote aus Alexandria soll ans Kreuz geschlagen werden, sofern er die Botschaft des Autonius ausplaudere. Einem Mann aus der königlichen Leibwache wird der Kopf abgehauen, weil Herodes den Schädel braucht — als Warnung an die Adresse der Denunziantin, der Schwiegermama. Mariamne soll sich selbst umbringen, der katholischen ״Reichspost“. Das stark antisemitisch eingestellte ״Montagblatt“ stellt in seinem ״ft i e U c b e r - tremdun(׳ des österreichischen Eil m wesen s“ betitelten Artikel mit Bedauern fest, daß unter den im Artikel aufgezählten bedeutendsten Vertretern der Lilmprodiikiion in Oesterreich, d. s. insgesamt 14 Produktionsfirmen, lediglich drei eine christliche Leitung haben. Von den elf jüdischen Firmen, die das Blatt namentlich aufzählt, sind fünf Firmenchefs jüdische Emigranten aus Deutschland. Der Filmbetrieb und die Filniverleihanstalten sind nach dem ״Montagblatt“ ebenfalls in überwiegend jüdischen Hältden. Seihst bei den Wiener Filialen der großen amerikanischen Film-Gesellschaften seien die Leitungen mit ״Nichtchristen“ besetzt. Unter den 19 selbständigen österreichischen Filmvcrleihfirmen gebe es lediglich zwei Betriebe, in denen Christen an ic-itcnder Stelie tätig sind. * Die Eröffnung der Wiener Konzertsaison brachte mit einem Sonatenabend des Konzertduos Simon Goldberg (Geige) und Lili Kraus (Klavier) beiden jüdischen Künstlern falls der König aus Alexandria nicht zurückkehre. Indes denkt die lebensfrohe Königin durchaus nicht an Selbstmord; denn von einem Vampyr befreit, mag sie sich die Witwen- Schaft keineswegs schmerzvoll vorstellen. Also muß der vorerst noch lebende Schwager Joseph eingreifen, der Mann der Salome (der Königs-Schwester): es wird ihm befohlen, Mariamne zu töten, sobald Antonius die Ermordung des Aristobulus an Herodes gesühnt habe. Sollte aber Joseph diesen Befehl etwa verraten, so habe er selbst das Schlimmste zu gewärtigen. Nun: Mariamne entlockt ihm das Geheimnis. Schwager Joseph stirbt. Denn der König ist mit heiler Haut zurückgekehrt, hat die Vorwürfe der Gattin vernommen und ohne viel Federlesens die Drohung durchgeführt. Herodes zieht in den Krieg. Diesmal hat er dem Soemus befohlen, Mariamne iimzubringen, falls er im Kampf falle. Aber auch Soemus hält nicht dicht. Der zuriiekkehrende König, ein Besiegter, überrascht die Königin — just als sie die Niederlage des Gemahls feiert! — tanzend in den Annen des Soemus. Zwei Todesurteile: gegen Soemus und gegen Mariamne. Sie stirbt. War sie je von Herodes geliebt worden? War Liebe, war etwa Eifersucht das Motiv des Königs, da er sie eher tot wissen wollte als lebend im Besitz eines Anderen? Nein. Dieser unmenschlich zupaekende Egoist greift, genau so animalisch wie nach dem Leben der Anderen, nach dem schönen Leib der Frau. Hin und wieder will er den brutalen Machtanspruch mit einem aufgesetzten Sentiment tarnen — aber es gelingt ihm nicht; der Dramatiker Hebbel dekuvriert ihn, insbesondere mit blitzhaft treffender Prägnanz in der Szene, da Herodes die berühmte Hymne auf sein Weib spricht und lötzlich abbricht. Mitten im” Satz weiß er nicht weiter; die iige ist zu stümperhaft inszeniert: die Tarnung reißt entzwei; nicht ein Liebhaber agiert hier, sondern eine menschliche Mißgeburt. Aber Mariamne? Sie mag bisweilen die Macht des Herodes weibisch bestaunen, den blutroten Abglanz der Tyrannei erotisch genießen und in diesen Momenten den ihr aufgezwungenen Gemahl bewundern. Geliebt hat auch sie nicht. Die Menschen verachtet sie (wie Herodes). Die Mutter haßt sie. Weder die Schwägerin Salome noch der Schwager Joseph ist vor ihr sicher. Auch dies: Symptome eines Welt- Untergangs. All diese Verräter, die Mörder und die Gemordeten, sind Menschen einer Weltwende; die Letzten ihrer Zeit. Bei Stephen Philips ist’s, auf politischem Untergrund, eine Liebestragödie. Aristobulus: der verheißene Messias, der aufsteigende ״König der Jude!!“. Die Revolutionspartei stellt ihn mitten in den Aufruhr, an die Spitze der Rebellion. So, als Gegenkönig, fällt er. Seine Schwester Mariamne, ebenfalls vom Stamm der Makkabäer, den Tod des geliebten Bruders rächend, ergreift die Fahne; führt die Pharisäer gegen Herodes. So fällt auch sie — als Antipode des Königs; als Exponent des politischen Dramas. Diese Mariamne aber hat dieser Herodes geliebt. Er resigniert im Dämmer des Wahnsinns, und sühnt, als die Irrlichter in seinem wirren Kopf einmal das arme Hirn in Brand setzen, in einem Totentanz, der hinter das Schicksal eines nicnschhaft Strebenden, eines in die politische Zwangsläufigkeit Verstrickten, in jeder Sekunde eines Liebenden, den Schlußpunkt setzt. M. L. einen außergewöhnlichen Erfolg. Die gesamte Wiener Musik‘ kritik würdigte neben dem viortuosen Können die innere Oestaltungskunst des Geigers Goldberg. Seit seinem Abgang aus Berlin hat Goldberg gemeinsam mit der in Wien bereits bekannten Klaviervirtuosin Lili Kraus auf zahlreichen Tourneen große Erfolge erzielt. _ Persönliches. Am 28. September vollendet der Vor• sitzende der Hamburger Zionistischen Vereinigung und des nordwestdeutschen Grtippenverbandes der ZVff)., Dr. Percy Z a d i k, Hamburg, sein 50. Lebensjahr. Von seinem Eintritt in den ״Verein jüdischer Studenten“ an der Universität Miineben datiert die unermüdliche und tätige Anteilnahme Dr. Zadiks an der zionistischen Bewegung. Die Hamburger Ortsgruppe, der Zionistisch-Akademische Klub, und in den letzten Jahren ganz besonders der Hachscharah-Verein haben ihn stets zu ihren aktivsten Mitarbeitern gezählt. Die zionistische Bewegung in Deutschland spricht Dr. Zadik und seiner Familie aus diesem freudigen Anlaß ihre wärmsten Glückwünsche aus. SALMAN SCHNEUR Autorisierte Uebersetzung von Grete Fischer 10. Fortsetzung• Nachdruck verböte» Dann nahm Michael das Kälbchen vor. F.r stellte es auf die Spitzfüßchcn und lehrte es, bei der Mutter zu saugen. Das Kalb zut zelte langsam Milch aus den geschwollenen Eutern, und die Kuh brummte zufrieden. Es war das erste Mal an diesem Tage, daß sie Muh sagte. Sie schien sieh leichter zu fühlen. Ls wurde dunkel im Stall, und Michael zainilete die Laterne an. Die Kuh blinzelte. Das war ein anderer 11 of f nu ng.ssch immer. Aber Michael war noch nicht zufrieden. Er massierte die Kuh, knetete erst eins der schwachen, nachgiebigen Beine, dann das andere; und plötzlich fühlte er, wie das Fleisch unter dem Fell fester wurde. Die Kniee spannten sieh. L’nd gerade in diesem Moment war der Handel mit dem Schlächter fertig. ,,Dreißig Rubel?“ fragte Simclie, ״— gut —, also...“ Und Siinche hob den Rockschoß, um das Geld herauszuholen und es den! neuen Millionär in die Hand zu geben. In diesem Augenblick erscholl ein Freudenschrei. Rickel, das Dienstmädchen, stürzte in die Küche und rief: ,,Die Kuh ist wieder gesund!“ Der neue Millionär zog seinen Handteller weg. und Sittiches Hand, die das Geld hielt, fiel in die leere Luft. ELFTES KAPITEL / WER IST SCHULD? Michael rannte hinter Rickel drein und bestätigte, daß die Kuh allein aufgestunden war. Der neue Millionär 1 ieß den Schlächter stehen und lief in den Stall, um die Kuh mit eigenen Augen zu sehen. Und als die neue Millionärin die gute Botschaft hörte, vergaß sie sofort ihre Kopfschmerzen und rannte aus ihrem Schlafzimmer, umgeben von einem schweren Geruch nach Parfüm und Baldrian. Sie kamen in den Stall, und es war wahrhaftig wahr: die Kuh stand auf allen Viere», leckte ihr Kall) hier und dort, und schlabberte dazwischen von dem warmen Kleietrank, der in einem Eimer neben ihr stand. Das Kalb hatte zu saugen gelernt, stupfte sein!Naschen unter das volle Euter und schnappte bald eine, bald die andere Zitze. Simclie Turcru, der el>en gemeint hatte, die Kuh für einen Pappenstiel zu kaufen, hatte man in der Küche stehen lassen wie einen Abgestraften. Simclie schäumte. Er riß an seinem fettigen Gürtel, zog sich die Pelzkappe über die Ohren und brummte finster vor sich hin, während er schweren Tritts in den Stall nachging: ״Das muß ich erst selber sehen. Da stimmt was nicht! — Das zahl ich euch heim!“ Im Laternenschein sah er, wie die Kuh in der Mitte des Stalles stand wie eine Königin, und die ganze Familie des neuen Millionärs und sein Gesinde standen herum und erwiesen ihr die höchsten Ehren. So war Simclie der gute Kauf durch di« Lappen gegangen! Rickel war schuld! Was mußte das verdammte Ding im fetzten Moment hercinrennen! Besoffen vor Wut packte er Rickel an der Hand und knurrte: ״Das streich ich dir an!“ Rickel riß erschrocken ihren Arm weg. Die Millionärsfamiiie wich zurück, als wäre Simclie ein Mörder. ״Die Kuh ist mein!“ schrie der Schlächter. ״Mein, sag ich! Wir waren einig!“ Und seine Augen spuckten Feuer. ״Dein —?“ sagte der neue Millionär. ״Jawohl! Ich hab sie gekauft! Ein Handel geht nicht zurück! Wir waren fertig!“ Simche ging auf die Kuh los, als wollte er sic bei den Ilörnern packen. Aller die neue Millionärin zwängte sich zwischen ihn und die Kuli. ״Chaim!“ schrie sie. ״Was will der hier?“ ״So —?“ sagte der neue Millionär sehr ruhig. ״Meine Kuh ist dein? — Schmeiß ihn raus, Michael!“ Michael ging auf Simche zu, sein Flachshaar war noch ganz zerzaust, und er sagte: ״Geh, Metzger! Geh schon in Gottesnamen, geh von selber!“ Simche kochte das Blut. Er knirschte mit den gähnen wie ein Hund, dem man einen fetten Knochen weggenommen hat. Am liebsten hätte er Chaim eins unters Kinn gegeben, aber es waren zu viele Weiher herum —, Chaims Frau, das Dienstmädel und Chaims Töchter. Simche raufte nicht, wenn Weilier dabei waren. So knirschte er mit den Zähnen, starrte Michael an, starrte Chaim an und wandelt« aus dein Stall, aber knurrte: ,,Hackfleisch mach ich aus eurer Kuh!“ Und als er hinausging in die Nacht und den Stall hinter sich ließ wie eine helle Schachtel, sagte er noch mit einem groben Lachen: ״Eine Kuh willst du haben? Einen Dreck wirst du...!“ * Als nachher bekannt wurde, daß Simche die Kuh bedroht hatte, rieten alle Leute Chaim, das Tier zu hüten. Man kann nie wissen, was Simche vor hat! Der scheut vor nichts zurück! Der kann die Kuh auch stehlen lassen oder erstechen! ״Und was ist mit der Polizei?“ fragte Chaim und drehte gelassen seinen Ring mit dem Smaragd am Finger. Aber die Leute warnten ihn, sich auf nichts cinzulassen. Simche anzuzeigen, hätte gar keinen Sinn. So tat der neue Millionär nichts. Aber Chaims Schweigen nahm Simche als Schwäche. Er hetzte alle Schlächter auf, und Rickel, das Dienstmädchen, mußte immer warten, bis alle anderen Kunden bedient waren. ״Du kannst hübsch warten“, sagte Simche, ״genau wie ich in deines Herrn Küche gewartet habe.“ Und er stichelte weiter: ,,Na, sag schon die Wahrheit, Rickel! Dein Herr hat doch nicht mehr viel übrig von seiner Erbschaft, was? Feiner Mann, von einem fertigen Handel zurückzutreten! Er hat eben wahrscheinlich kein Geld mehr, und es geht ihm schlecht!“ Rickel schluckte ihre Tränen hinunter. Aber sie sagte kein Wort. Sie war die Magd des neuen Millionärs und es hätte sich nicht für sie gepaßt, dem Metzger eine Antwort zu gehen. * Gerade um diese Zeit kam der Agent nach Schklow. Jedenfalls nannte er sich Agent, dieser junge Mann mit dem gestutzten, blonden Bart, den eifrigen Augen, der großen Ledermappe unterm Arm und dem harten Hut. Er erzählte den Leuten in der Herberge, wo er wohnte, er wollte alle gegen Feuer versichern, gegen Seuchen, Ueberschwemmung und Hagel. Sie könnten reich dabei werden. Sie brauchten bloß umzukommen, oder ihr Haus verbrannt werden, oder sie mußten nur ertrinken oder vom Zug überfahren werden —, sonst nichts. Und schon würde seine Versicherungsgesell• schalt dafür bezahlen. Wenn sie ihm nicht glau!>en wollten —, bitte, er hatte alles schriftlich in seinen Papieren! Und er zog Haufen von Zetteln heraus, polnisch und russisch gedruckt, mit Ziffern überschüttet wie mit Mohnkörnern, und mit Bildern von Leuten und Häusern, daß es einem den Kopf verwirrte.