Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 77 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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r jüdische Rundschau Jüdische and deutsche Namen Nr. 77, 25. IX. 1936 Gang durch das Ghetto in Venedig Das Jahr 1516 ist in einem gewissen Sinne ebenso ein Schicksalsjahr des jüdischen Volkes wie etwa 1402. Denn damals richtete die Republik Venedig für ihre Judenschaft ein eigenes abgesondertes Viertel ein, das der äußere Aus• druck einer neuen Aera der Beziehungen zwischen der Rcnublik und ihren Juden war. Nachdem die Juden lange Zeit hindurch als relativ freie Bürger in Venedig hatten wohnen dürfen, einer Zeit, in der sie alle ihre Kräfte zur Förderung des Wohlstandes dieser Stadt einsetzten und auch zugleich das jüdische kulturelle Leben in beträchtlichem Maße zu fördern wußten, setzte״ als eine Folge der spanischen Ereignisse und auch des bekannten Mordes in Trient eine intensive antisemitische Propaganda der Mönche ein, die ihren Erfolg dann in der Schaffung des Ohcttos fand. Kommt rnan als Fremder jetzt nach Venedig und gerät auf seinem Rundgang in das ״Ghetto n uovo". so werden all jene geschichtlichen Beziehungen und Verflechtungen vor einem lebendig. Mari spürt den großen Atem der jüdischen Geschichte, die lange Reihe bedeutender venezianischer Juden aus dem Reiche des Geistes Und aus dein Reiche der Wirtschalt tauchen auf, mau erinnert sich, daß hier die ersten hebräischen Buchdrucke geschaffen wurden, daß hier Jahrhunderte hindurch eine wohlhabende und mächtige Gemeinde gelebt hat, in deren Händen besonders nacli dem Orient hin eine bedeutende wirtschaftliche Macht lag Und die damit auch eine wichtige geistige Vcrmittlerfunktion zwischen dem Abendland und dem Orient innehatte. Die Gestalt eines Leon da Modena steht vor dem geistigen Auge aut, der hier in Venedig die meisten Jahre seines Lebens verbrachte. Die heutige Bedeutung der Gemeinde Venedig ist nur noch ein Schatten jener großen Vergangenheit, Ist überhaupt das italienische Judentum in einem Zustand, der vielleicht gerade aus dem Tiefpunkt stärkster Assimilation allmählich wieder zu der Höhe eines seiner selbst bewußteren Judentums führt, so ist Venedig in einer besonders schwierigen Lage, weil sich hier wie in nur ganz wenigen Städten Italiens (etwa Rom, Livorno) ein großes jüdisches Proletariat zusamineiiballt, das ini wahrsten Sinne des Wortes ein Leben ״am Rande“ führt. Geht man durch das alte Ghettotor hindurch, an dem man noch die alten Vorrichtungen zur Ab- Sperrung am Abend sehen kann, so ist man bereits nach wenigen Schritten von einer immer größer werdenden Schar von Kindern und Bettlern umringt, die alle mit beharrlicher Eindringlichkeit ״Saldi1‘ fordern. Ein jeder versucht es auf seine weise. Ein Junge glaubt, sich durch den Gruß ״Sclia- 10m“ einschmeichcln zu können, ein anderer läßt seine hebräisehen Kenntnisse glänzen, indem er eine ״Matana“ fordert. Ein dritter erzählt vertraulich, daß er demnächst Barmizwah werde; ein vierter zeigt Einzelheiten der Häuser und Svnagogen, um sich dadurch eine Gabe zu holen. Die merkwürdigsten Wege werden eingeschlagen, um zum Ziele zu gelangen. Am erstaunlichsten ist, daß man sofort auf deutsch angeredet wird, zwar nicht in fließendem Deutsch, aber es reicht doch aus, um den Wunsch des Sprechers auszudrücken. Es ist schwer festzustellen, woher diese deutschen Kenntnissc stammen, da die Kinder unter sich italienisch sprechen. Man kann vermuten, daß es sich um eingelernte Phrasen handelt, weil man hier auf Fremdenverkehr eingestellt ist, der offenbar doch einiges zum Leben abwirft. So ist man äußerst deprimiert, hier eine große Masse von Juden-anzutreffen, die unter Bedingungen leben, die an das Ghalukkah-Judentum vergangener Zeiten erinnern — oder an Orientalische Bettelkiuder. Der Gang durch das venezianische Ghetto dürfte wahrscheinlich einem Gang durch bestimmte L;r«tel einer osteuropäischen Stadt nicht unähnlich sein. Das macht sich vor allem in der Wirtschaft! ic 11 e 11 Struktur der hier lebenden Juden geltend. In den dunklen, engen, verwinkelten Gassen, in die an manchen Stellen wahrscheinlich nie ein Sonnenstrahl eindringt, sieht man ein Trödlergeschäft nach dem anderen, und zwar auffallenderweise weniger Kleider als vielmehr Einrichtungsgegenstände. Vor den Läden sitzen die Frauen in breiter Behäbigkeit und warten auf einen Käufer. In kleinen schmutzigen Cafes hocken die Männer und diskutieren. Auf den Straßen spielen die Kinder und spähen nach Fremden aus. Ueberall, wo man hinschaut, sieht man Zeichen des Verfalls, der Armut, der Hoffnungsiosigkeit. Unter unvorstellbaren Bedingungen müssen diese Mensehen leben. Die einfachste Ueberlegung sagt, daß bei den Gewerben, die sie dort ausüben, nur sehr Bescheidene Einkommen zu erzielen sind. Ein jüdisches Schicksal entrollt sich. Eine Masse, die eigentlich neben dem heben lebt Und sich Tn einem längeren Aufsatz von Ernst Hiemer im ״Stürmer“ (1936, Nr. 29) werden gesetzliche Maßnahmen verlangt und begründet, nach denen cs den JudenDeutschlands v e rboten sein müsse, ihren Kindern deutsche Vornamen zu geben. Andererseits müsse den deutschen Volksangehöcn Gelegenheit gegeben werden, etwa noch vorhandene jii-!sehe Vornamen abztilegcn, da sie unerwünschter Ballast seien. Es sei früher vorgekommtn, daß fromme deutsche Familien ihren Kindern Namen oder Beinamen aus dem Alten Testament gegeben hätten, weil sie glaubten,^ damit ihre Frömmigkeit zum Ausdruck bringen zu können. Genannt werden Namen wie Abraham, Isaak, David u. a. Für bewußt-jüdische Kreise würde eine derartige Maßnähme nichts Einengendes bedeuten. Schon vor zwei Jahr* zehnten wies Dr. Abraham Schwadron in einer temperamentvollen Schrift ״Von der Schande Euerer Namen“ auf den Wert und die Wichtigkeit echtjüdisdier Vornamen hin, und was die Eltern versäumten, holen die Kinder nach: die in die zionistischen Bünde strömende Jugend bedient sich im Verkehr untereinander zumeist hebräischer Vornamen. Daß diese Frage überhaupt zu einem Problem werden konnte, liegt nur zu einem Teil an dem Assimilicrungsstreben der westlichen Judenheit. Die von den mittel- und westeuropäischen S t a a t s r*e g U* r u 11 g e n gewünschte, ja verlangte und geförderte Anglcichung der Juden an die christlichen Untertanen in Kleidun״, Sitten, Bräuchen, Sprache, Schrift mußte sich logisch auch auf die Namen erstrecken, waren doch gerade sie durch die Jahrtausende eine der 11ervorstechendsten nationalen Eigentümlichkeiten des jüdischen Volkes gewesen. So enthielten denn die Namens-Edikte als Teile der Emanzipationsgesetze in weiten Gebieten Westcuropas die klare Bestimmung, daß ״den Bürgern Unseres Reiches, so der mosaischen Religion zugethan sind“ als neu anzunehniende erbliche Familiennamen ״solche aus dein Alten Testament“ ausdrücklich verboten seien; und zwar im ״Kaiserreich Frankreich“, dessen östliche Grenze der Rhein von Basel bis Wesel, sodann eine nordöstlich verlaufende Linie südlich der Orte Wesel—Münster—Minden—Verden—Lauenbürg—Lübeck bildete, sowie im napoleonischen ״Königreich Westphalen“, östlich durch die Elbe begrenzt (Gesetze vom 31. 3. und 20. 7. 1808). Und die in die napoleonische Macht- Sphäre einbezogenen Rheinbund-Staaten (Bayern, Württemberg, Baden, Frankfurt, Hessen, beide Mecklenburg) machten sich das Verbot — wenn auch nicht de jure, so doch de facto — zu eigen. Auch Oesterreich hatte in einem Erlaß vom 25. 7. 1787 angeordnet, daß die Juden deutsche Familiennamen anzunehmen hätten; als Vornamen waren ihnen nur solche gestattet, ״die deutsch gegeben werden können und in deutscher Sprache üblich sind“. Preußen — zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ein rein ostelbischer Staat •— ließ dem Gesetz vom 24. 3. 1812 über die Aufnahme der Juden in den Staatsbiirgcrverband einen Ministerialertaß folgen, daß bezüglich der allgemeinen Katastrierung der Juden und Festlegung ihrer Namen (§ 2) der Grundsatz der gewünschten Eindeutsclmng auch für die V o r 11 a m e 11 gelten solle; ״auch deren Armierung solle unbedenklich gestattet werden, denn der Wunsch danach verrate nur die löbliche Tendenz, sich überall der allgemeinen Landessitte anzuschließen und mögliehst alles fortzulassen, was die bisherige Absonderung und den Judaismus sogleich äußerlich bezeichne“. Ueberall geht aus den Durchführungsbestimmungen zu den Namens-Vcrordnungen und der Art ihres Vollzuges 11ervor־ daß die verantwortlichcn Staatsmänner nicht nur eine rem verwaltungstechnische Maßregel treffen wollten, sondern zugleich die unverkennbare Absicht verfolgten, die hebräischen Wörter aus der Namenwclt auszumerzen, d. h. die Juden von Staats wegen zu tarnen. Die Forderung nach Ablegung der alttestamentarischen Namen der deutschen Volkskreise würde zweifellos zu mit ihrem Schicksal abgefunden hat. ״Es gibt keine Arbeit für uns in Venedig“, so sagt ein junger Mann, der kräftig genug wäre, um zu arbeiten. Ob es wahr ist oder nicht, ist schwer festzustellen. Insbesondere vermag der Außenstehende nicht zu sagen, ob es nicht wenigstens für die Jüngeren Arbeit in anderen italienischen Städten oder in anderen Ländem gäbe. Aber die niederdrückemie Tatsache bleibt, daß hier Tausende von Menschen in einer dumpfen und zukunftsarmen Welt leben, aus der es keinen Ausweg gibt. Nicht minder deprimierend sind die W o h n v er 11 ä 11nisse; die Masse Venedigs lebt zwar überhaupt unter unübersehbaren Konsequenzen führen, die uns Juden freiüci» nichts angchen. Sie läßt nämlich die Tatsache unberücksichtigt, daß Millionen von Angehörigen aller europäischen Völker — Männer wie Frauen -- hebräische Vornamen tragen, ohne es zu wissen. Zu den abendländischen Völkern kamen die alttcstamentarischen Namen unter Anpassung an die Landessprachen in Massen auf dem Umwege über die christliche Kirche als Apostel- und Heiligennamen, während die Juden sie direkt dem Hebräischen entnahmen. So z. B. wurde der Name ״Jocbanan“ ( ״Gott ist gnädig“, I. Thron. 6, 9) der Rufname von der größten europäischen Verbreitung: griechisch als Johannes (J o 11 a!1 n, H a ״ s), eng! isoh als Job n, französisch als Jean, holländisch als Jan, dänisch als Jens, spanisch als Juan, italienisch als Giovanni, ungarisch als Jänos, russisch als Iwan, schwedisch als I v a r. Der seit der Ritterzeit vom deutschen Hochadel bevorzugte Name Joachim (Jochen, Achim) ist der alftestamentarisehe ״Jojakim“ (— ״Gott wird aufrichten“). Die hebräischem Bibelnamen Jakob, Joseph, Simon, Mathias oder Math ä us, Zacharias (iiri Urtext: M.ititjnhu, Secharja), Michael oder M i c 11 e I, Raphael, O a b r i e 1, _ M e 1 - chior und viele andere wurden bekanntlich Gemeinbesitz der christlichen Welt. Mit Bewußtheit werden die hebräischen Vornamen als solche seit Jahrhunderten im anglikanischen bzw. reformiert-cah inistisclien Kultmkreis gepflegt: Abraham Lincoln, Benjamin Franklin, lsaac Newton, Adam Smith, Samuel Morse, Samuel Woodrow Wilson, David Lloyd George. Den Hauptgestaltcu der englischen Literatur gab Charles Dickens hebräische Vornamen: David (,-opperfield, Samuel Pickwick. Diese Neigung der Englämler f 111־ hebräische Vornamen beruht auf ihrer alten und starke•!! Beziehung zum Geistesgut der Bibel, besonders seitdem im 17. Jahrhundert das politische und geistige Leben des englischen Volkes von den Puritanern gelenkt wurde. In Zürich erschien 1521 von reformierter Seite ein Kalender, der ausschließlich aittestauumtarisehe Namen enthielt. Wie bei den Männer-, so bei den Frauciiuameii. Die Mutter des Propheten Samuel ״Clianna“ ״Begnadete“, I. Sam. 1, 2) überträgt die Septuaginta mit 'Awa Hanna, Anna; Aharons Eheweib .,hlischewa“ ( ־ ,.Gottgeweihte“, IL Mos. 6, 23) mit ’lT.׳raB־ö> (zu Elisa 11 tct 11 gehören die Kurzformen Elise, Else, Elsa, Ella, E! I i, Eis bet 11, L i e s b e t h, L i s e 11 e, L i e s e, Bett y, B e 11 i 11 a). Von hehr. ״Margalit“ Imv. nrnm. ״Mnrgenita“ ( .,Perle“) wurde im Kriech. Neuen Testament M a r g a r e t h e (M a r g a, G r c t h c); Maria ist die Latinisierung des Namens ״Mirjam“ ( ״Bitterkeit“, II. Mos. 15, 2ö), Martha ar;!m. ״Herrin“. Aber auch zahlreiche weitverbreitete Familiennamen waren ursprünglich einmal biblisch-hcbraiw'lu• Rufnamen für Einzelpersonell gewesen, um dann allmählich rti testen erblichen Tiirkisfihg, Nachnamen zu erstarren und im Laufe von •vielen Generationen mundartlichen Veränderungen und Absclileifiingeii zu unterliegen. Ueber 200 verschiedene christliche Familiennamen gehen letztlich auf den alten Hebräer ״Jochanan“ zurück (um bei diesem einen Beispiel zu bleiben): John, Jahn, Jansen, J a n s s e 11, Je n s e 11, J a!1 11 i 11 g s, Johannsen, Hansen, H aens s e n, II e n 11 s o 11, H e 11 z e, H e n s e 1 i n g, Heu 11 i 11 g, O r o t e r j a h 11, G r o t r i a n usw. (Brechenmeyer, Deutsches Namenbuch, Stuttgart 1928, S. 131 ff.). Gustav Samuel Der vorstehende Aufsatz ist einer größeren Arbeit des Verfassers entnommen, die im Schocken Verlag, Berlin, er• scheinen soll, (Red.) Unvorstellbar schlimmen Wohnbedingungen, die ihre Romantik nur für den Außenstehenden haben — aber die Wohiibedingungen der Juden im Ghetto sind noch schlimmer, weil sich dort noch größere Massen zm-ainmen-taiien. Das Klima bringt es mit sich, daß der größte Teil des Lebens sich aut den Straßen und Plätzen abspielt. So kann man im Vortibcrgehrn die leiderfullten Jiiilengcstalten hetrachten und au ihrem Aussehen, ihrer Kleidung, ihrer Haijung erkennen, wie leer ihr Leben ist. Und man geht von ihnen fort, ohne erfahren zu haben, ob sie eigentlich an sich selber und an ihr jüdisches Volk glauben. Dr. G. Nnimann Der junge Mann spazierte in Schklow herum, einen Tag, und den nächsten, und die ganze Woche hindurch, Und kein Mensch dachte daran, sich versichern zu lassen. Und wenn er über die Gasse ging, zeigten die Leute hinter seinem Rücket! auf ihn und sagten untereinander: ״Schau, da geht der Agent!“ ״Was macht der?“ ״Versorgt die Leute! Laß dich erschlagen oder verbrennen, er will’9 bezahlen!“ ״Er soll’s mal erst vormachen!“ Aber der Agent zuckte mit keiner Wimper. Sein Gesicht war so steif wie sein Hut. Er wußte schon, wie er mit diesen Kleinstädtern umgehen mußte. — Warten! — sagte er sich. — Dir werdet noch alle miteinander zu mir kommen! Er hatte ein Auge auf das Haus dos neuen Millionärs mit dem großen Stall und Hof und mit den porzellanenen Spielzeugtieren in den Doppelfenstern. Er fragte herum, wer, wie, was der Besitzer wäre. Und eines Tages, als die Familie beim Essen saß, kam er und ließ sein Zünglein laufen. Er wußte aus Erfahrung, daß reiche Leute gut und weich sind, wenn sie beim Essen sitzen. Später sind sie gefährlicher, denn die reichen Leute heben meist keine gute Verdauung und sind nach der Mahlzeit leicht gereizt. Und er hatte richtig geraten. Ein paar Tage später sah ihn die ganze Stadt, wie er eine Leiter hinaulkleUerte, die er an die Ilauswand des neuen Millionärs gelehnt hatte und eine runde Blechplatte an die Mauer anschlug, mit einem goldenen Anker darauf. Das war das Zeichen, daß das Haus versichert war. Der Agent hatte sein erstes Geschäft gelandet. Diese grüne Blechlafcl am Millioniirshaus machte großen Eindruck in der Stadt. Wenn sie die Goldbuchstaben und den goldenen Anker darauf ansahen, dachten die Leute an ihre eigenen Häuser, die ohne Schutz in dor großen Welt standen. Und sie meinten, sie müßten ihre Häuser auch versichern und einen goldenen Anker wie eine Kokarde auf die hölzernen Wände setzen, die zeigte, daß die große Versicherungsgesellschaft für sie sorge wie für alle versicherten Häuser. Der reiche Müller war der erste, der sich versichern ließ —, erst seine Mühle am Dnjepr, und dann auch sein Haus. Dann kam Israel, der Vorstand, und dann Vetter Uri und Vetter Sehnmme, die Brüder beide, am gleichen Tag. Aufgeklärte Menschen, die jedes Jahr nach Nischnij zur Messe fuhren! Die verstanden die Sache! Der Rest war leicht. Die grünen Blechtafeln erschienen auf fast jeder Mauer; der Eisenhlndler machte ein Riesen• geschält in Nageln, und der Agent saß in seinen! Gasthaus, und die Juden kamen zu ihm. Wochen vergingen, und Schnee und Eis lagen wie Blei auf der Stadt. Vergessen w aren die kranke Kuh, und Simehes Drohung, und auch der Versicherungsagent. Und der neue Millionär fuhr friedlich in Pimdres Schütten nach Qrseha und kam zurück. Aber in jener Nacht, in der Pandre so spät und totmüde nach Hause kam, waren zwei Bauern durch eine der 1 linierasser» unweit des Schlachthauses gegangen und hatten einen fann hinter den! Stall des neuen Millionärs stellen sehen. Er hatte eine Pelzkappe über die Ohren gezogen und hielt seine Hand als Däehlein vor ein brennendes Streichholz. Er mochte eine Pfeife anzünden wollen. Es war recht spät, trotzdem hatten die Bauern keinen Verdacht und gingen weiter. Aber als der Mann sie kommen hörte, blies er das Streichholz aus und ging rasch hinter das Haus. Auch das hätten die Bauern nicht für außergewöhnlich gehalten. Aber nachdem sie die halbe Gasse hinuntergegangen waren, trug ihnen der kalte Wind plötzlich Brandgeruch zu. Sie schauten sich um und sahen weißen Rauch aus dem Schindeldach dringen. Sie wollten beschwören, es kam aus dem Stall, hinter dem sie eben den Mann mit der Pelzmütze hatten stehen sehen, der versucht hatte, seine Pfeile anzuzünden und weggegangen war, als sie in Sicht kamen. Sie kehrten nicht um, aber sie schlugen an die Tür des nächsten der schlafenden Hauser und schrien durch die Gasse: ״Es brennt! Es bre—enntl“ * Der freiwillige Feuerwehrmann Noah Pandre lief herbei, um zu retten. Er sprang mit. dar Axt in der Hand über die gefrorenen Pfützen; er vergaß, daß er einen Augenblick vorher sterbensmüde gewesen war, und daß Meri, sein Weib, zu Hause in ihrem Bett, schwanger war, und sich zu Tode ängstigte, Er war einer der ersten, der herbeilief. Der Stall des neuen Millionärs brannte. Die Flammen hatten bis jetzt nur die eine Hälfte ergriffen, wo das Heu und Stroh für die Kuh aufbewahrt war. Der Schnee, der dick auf dem Dache lag, verhinderte das Feuer, sich zu rasch auszubreiten. Aber von dem einen Dachviertcl schraubten sich Flammen und rotleuchtender Rauch hoch gegen den frostschwarzen Himmel. Das Holz knackte wie eine Matze zwischen riesigen Zähnen. Dichter Rauch ballte sich auf allen Seiten, und brennende Heubüsch«! Rogen «ul wie Raketen. Alle Hausbewohner waren draußen. Michael schleppte eine schwere Kiste über die Schwelle. Die älteste Tochter zerrte ein Federbett heraus. Die Kinder weinten, und die neue Millionärin kreis! hie. Nur ein paar Feuerwehrleute waren gekommen. Einige Handwerker und Fuhrleute —, Kuschkc Brand war da mit einem Fäßehen Wasser auf seiner Fuhre, und der große Josef, der mit Pandre zugleich vom Militär freigekommen war, schleppte einen Schlauch über der Achsel. Ein paar Jungen, die neben dem Feuer sehr klein aussahen, auf dem scharfen Grund von Feuer und Nacht, gossen aus einer zweiten Tonn« Wasser in die Flammen. Aber der Strahl war nicht kräftig genu״. um das Feuer zu löschen. Es brodelte bloß, wenn er die Glut traf, und fügte zu dem selmurzrolen Rauch ein bißchen weißen Dampf. Mehr und mehr Leute kamen, aus allen Gassen. Auf einem Karren hatte man die langen Schläuche der Feuerspritze hcrbeigescliaflt. An der Rückwand des Stalls, der durch einen hohen Zaun vom Wohnhaus getrennt war, stand Rickel, das Dienstmädchen, schreckbetäubt, fächelte das Feuer mit ihrem Schürzenzipfel und schluchzte: ״Die Kuh! Die arme Kuh!“ Pandre hörte das erstickte Aechzen der Kuh. Sie war in der zweiten Hälfte des Stalls eingesclilossen und konnte nicht heraus. Alle hatten im ersten Schreck an sie vergessen, außer Ricke!, die dastand und heulte. Mu-uh! Pandre schauderte. Der Umgang mit Senders Pferden hatte sein Herz für Tiere erweicht. Mit cbm Blick des geübten Feuerwehrmanns maß er die Entfernung zwischen dem brennenden Stall und dem Wohnhaus. Binnen wenigen Miauten mußte das Feuer die zweite Hälfte des Stalls erfassen, in dem die Kuh eingesperrt war. Aber von dein Platz, wo er stund, gab cs keinen Eingang zum Stall. Der einzige Weg ing über den Hof. Das hieß, daß er ins Haus mußte, sich urchdrängen zwischen dem ganzen Haufen von Menschen und Kisten und Kasten — die Treppen hinauf, durch den Flur in den Hof, und dann erst die Stalltür öffnen! Nein, es war zu spät, einen Umweg zu machen. Ohne einen Augenblick zu zögern, hieb Pandre seine Axt in die Latten des Zauns, so daß sie stecken blich und er daran wie an einem Pickel hinaufklettern konnte — er kletterte schwer und flink wie ein Bär. Bald saß er rittlings oben auf einem der dicken Pflöcke. ״Es dauert nicht lang, Rickel!“ schrie er. (Fortsetzung folgt.)