Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 77 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JOD ISCHE RUNDSCHAU Nr. 77, 25. IX. 1936 Briefe aus Pal ästin a Ein neues Jugendbuch ״Lastträger bin ich.“ Jüdische Jugendgeschichten aus dem menen Palästina.! lerausgegebcn von Jaakow Simon. Verlag Keilern, Merlin. In dem Buch, das Jaakow Simon nach palästinensischen Vorlagen übertragen und /.usammengcstellt hat, begegnen wir in einer Reihe von Geschichten dem Nachwuchs des Landes in seinem Alltag, in seiner Arbeit wie in der L'rhobenlu’it seiner beste. Die* Schicksalhaftigkeit dieser Jugend, nach getreuer Beobachtung erkannt, spiegelt sich in den Gestalten der jemenitischen Kinder, des Ciialuz, des Tcl-Awiwer Sclnikrs und der kleinen Straßeriverkäufer. Die ücschichtcn steilen Ausschnitte aus Leberiszu amtnenhängen besonders der jemenitischen Juden dar und sind deshalb — was für ein Jugendbuch zunächst veiwunderlieh erscheinen konnte — nicht durch eine Pointe abgerundet. Die wirkliche Problematik dieses abgesonderten ir.;!sehen Stammes, wie sie schon das Dasein der Kinder in frühem Alter erfaßt, wird ohne sentimentale Färbung dem jugciKi• liehen Leser nahegebracht. Aber g!׳. :ch/c׳!ig wird unsere ,volle Sympathie für uusei e ״Bruder aus dem Jemen“ rege, die, wie es in dem Buch heilst, aus einer andern Welt kommen und in Erez Israel neben uns ~ noch nicht mit uns — leben. Die feingüedrigei», dunkeläugigen Menschen, die jedem Besucher des Landes allein schon durch ihre Fähigkeit, die schwersten basten /u tragen, auflallen, gehören — wie die (!׳ schichten des Buches deutlich machen — einer anderen Zivilisationsstufe als die aus Europa eilige• wanderten Juden an. Es ist ein Verdienst des Buches, die bisher nicht voll erweckten Her/cns- und Geisteskräfte dieser noch den l'rsprungen nahen jüdischen Uesellschaftsgruppe unsern Kindern zu schildern. Den Tvpus des iigemllirhcn Chawer verkörpert ״Der Sohn des 'G’di’d׳־. der, gelockt von dem kühneren und freieren Lehen in der Kwu/ali, seinen bürgerlichen Verhalt- Hissen mit ihrer vor;;׳ schrieheiien l.auiiialm entrinnt und nach Irrfahrt und Mühsal die Siedlung finde(, in der er als Jüngster atifgenomrnen wird und bald bei der Entsumpfung des Lmek Jcsrcel mit der leidenschaftlichen Hingabe!.ihigkeit arbeitet, die das Merkmal dieser jungen Menschen ist. Gerade in dieser Erzählung ist es sehr gut gelungen, den abenteuerlichen Zug des Knaben, der ein Hang jede• Knallen ist, fruchtbar werden zu lassen für den Aufbau des Landes. Die eharaktcristisrhe palastinciiMsche Landschaft, in kurzen Stichwortartigen Sätzen mir .™gedeutet, ist in ihrer Stimmung doch packend, wie es überhaupt ein Vorzug der Schreibweise dieses Buches!st, mit knappen Sprachmitteln die jeweilige lokale Atmosphäre zu gestalten - die Luft in der jemenitischen Oiedersluhe und das Morgengrauen am fülle des Gilboa, Für <l!e bdithrit des kindlichen Erlebnisumkreises in diesem Much zeugen auch die (lesehicliten von den besten des Jahres. Es ist eine Erfahrung eines jeden, der mit Kindem umgeht, daß dir Mild des Jahres seine entscheidenden Züge von den Fest/eiten her empfängt, von dem Kniender der Freuden, wie sie heute wieder in Lrez. Israel verbunden sine! mit dem Kreislauf von Saat und Ernte und selbst da, wo die geschichtliche Erinnerung den Inhalt des Festes bildet, ganz gegenwärtig die Umwelt des Kindes bestimmen. Aber dieser Phvthmus des Jahres von Chamischa Assar B’schwat bis zu Chanukkah wird nicht vom Kind allein empfunden. Die kindliche Erwartung erfüllt sich im feierliehen Dankesjubel des ganzen Volkes, wie es in der Geschichte vom Dachgarten des kleinen vielgoschäftigen jemenitischen Zeitungsträgers Jedidja eindringlich und bildhaft erzählt ist, der seine im kümmerlichen Raum des hausliehen Hültemiaches gezogenen Früchte zu Schawuot als Erstlinge darbringt. Diese Geschichte ist schon früher veröffentlieht worden und ihre Wirkung auf Kinder ist bereits erprobt. Lediglich der geschilderte Besuch Bialiks in der Schule enthalt nicht den überzeugenden Erlchivscharakter, wie ihn die persönliche Begegnung mit dem Dichter für ein palästinensisches Kind zweifellos in sicti getragen hat. Wir wissen aus anderen Berichten, daß gerade Bialik bei seinen Schul- Besuchen eine unmittelbare Beziehung zu den Kindern und ihrer Weit gefunden hat und sich nullt, wie in dieser fluchtigen Erzählung, gleich einem 111 der hebräischen Sprache gehemmten TourNten beim bin- und Ausgang nur mit ״Schakmr* bemerkbar machte. Sonst ist der große Vorzug des Buches darin zu sehen, dal! es luiiiciiecht ist und darum nicht in den Felder mancher anderen jüdischen Jugend- Bücher verfallen kann, die eine romantische Palä-tina-Atmo- Sphäre einfach durch Ein mt/un:; einer lokalen Staffage in die geläufige Handlung des üblichen Jugendbuches erzielen wollen. Die < icschiclitcn sind itn Geist des Landes geschrieben und werden die verwandten Saiten der jüdischen Kinder von heute freiden. Der Titelimischlug und die zahlreicher! Zeichnungen von dem begabten Bernhard Gelbait entsprechen dem Text in ihrer Anschauiuhkeit und unmittelbaren Ucbcrzeugungskraft der Typen und Szenen. Fr. Habinjan. Sam!1!!׳is< hrift des II a!1 a!1 i m, I lechaluz Verlag. Soeben ist eine Sammelschrift ries /ionbtischen Jugendblindes ״Habonim“ erschienen, die eine Rückschau auf die gegenwärtige Situation dwses Tviies der chalu/ischeu Jugend und eine I )arstelhmg ihrer Aufgaben in der nächsten Zeit gibt. Das Heft wird mit einem Brief eines der Chawerim des Rundes ringeleitet, der die Reaktion auf den Fortgang der Alijah, die vor kurzem so gefährdet erschien, darstellt. Es folgt ein Referat von Herl Kaznelson zur Lage des arbeitenden Palästina in der Gegenwart, ein Artikel zur Frage der palästinensischen Staatsform von L. Lei bin an n, ein in Jerusalem gehaltenes Referat, das eine Reihe von wichtigen Problemen aiifrollt. Brenner ist eine Rede, die bei einer Gedenkfeier gehalten wurde, gewidmet. An diesen grundsätzlichen Teil schließen sich Aufsätze an, die sich mit den fragen der Erziehung im Jugendbunde selbst beschäftigen. Theo P i 1! c z 1> w e r schreibt über Tenach in der Bund(.,serziehung und Alik Sandomirsky über naturwissenschaftliche Schulung im Bund. Der letzte Teil des Heftes bringt in der Rubrik: Aus dem Lande Beiträge von Jaakow Simon und einen Brief aus Gcderah von Josscf Ho ro witz. Uns scheint, daß besonders diese Beiträge auch über den engeren Kreis derer, ftir die das Heft zunächst bestimmt ist, hinaus größeres Interesse verdienen, da sie ein. Bild von dem Lehen auf dem Lande in der Zeit der Unruhm und überhaupt von den Problemen des ländlichen Lebens in Palästina geben. Besonders der Beitrag von Simon behandelt Fragen, die im allgemeinen bei unseren Diskussionen und Berichten zu kurz kommen. —n. Corona. Zweimonatsschrift. Verlag R. Oldenbourg, München, Merlin, Zürich. Das eben erscheinende Heft 4 enthält zwei längere erzählende Beiträge von Hans Carossa und Ernst Jünger und zwei betracht ende: eine Deutung Shakespeares und Rudolf Kaßner und die eines orientalischen Märchens, ״Abu Kaseins Pantoffeln“, von Heinrich Zimmer. Aus dem weiteren Inhalt des Heftes «eien Gottfried Kellers unbekannte Strophen ״Goliath“, Gedichte von Paul Valery in R. A. Schröders IJebersctzung und von dem Schweizer Lyriker Max Gcilinger genannt. Jeruscha!a|im, den... Briefe junger Menschen schildern Erez Israel. Gesammelt und lierausgegcben von Rudolf M e 1 i t z, Verlag Atid, Berlin II* i'>. Die Juden in Deutschland sind heute mit Palästina durch unzählige Fäden verbunden. Wohl keine Familie, die nicht Söhne, Neffen und Brüder in Palästina besitzt, niemand, der nicht Briefe aus Palästina erhalt, die von dem Leben, den Sorgen und Problemen des Landes berichten. Es ist daher «ine glückliche Idee des Fierausgebers gewesen, eine Saturnhing derartiger Briefe zu einem Buche zu vereinigen, um uns einen Einblick in das Leben und die seelische Situation der Menschen zu gehen, die aus Deutschland in den letzten Jahren nach Palästina gekommen sind. Wie der Titel des Buches schon darlegt, hat man hierbei eine Beschränkung der Auswahl Insoweit getroffen, als es sich nur um Briefe junger Mensehen handelt, und es ist klar, daß diese Auswahl auch zu einer gewissen Einseitigkeit der Darstellung führen muß. Unter den Briefen gibt es eine ganze Anzahl von Beiträgen, die von Jungen und Mädchen der Jugend-Alijah stammen und die naturgemäß einen besonders frischen Zug haben. So unliterarisch diese Dokumente sind, die gewiß nicht unter dem Gesichtspunkt der späteren Veröffentlichung geschrieben wurden, sondern ein Wort an Freunde und Verwandte, die zurückgeblieben sind, darstellen, so lebendig pulsiert in ihnen das Leben, das jüdische Leben Erez Israels. Wir sehen die Feste, die Feiern, die Natur des Landes, das gesellschaftliche Leben, die kleinen und die großen Sorgen, die den neuen Einwanderer bewegen. Wir hören insbesondere sehr viel von den besonderen Sorgen dieses Jahres, die in der Zeit der Unruhen über den Jischuw gekommen sind. Vielleicht darf man sagen, daß viele der Briefe, ja der Großteil, uns etwas allzu unbeschwert anmuten, und daß die Schwere des Lebens, die Tiefe der Probleme, die diese junge Generation zu bewältigen haben wird, noch nicht zum vollen Ausdruck gelangt. Das Neue fesselt eben die einwandernde Generation zunächst, und es ist daher erklärlich, daß dieses Neue, Eigenartige und daher in jedem Fall Reizende auch in den Briefen stärker zum Ausdruck kommt, als das, was dahinter steht, die eigentlichen Fragen, an deren Bewältigung auch diese Generation mitarbeiten wird, wenn sie erst voll im Leben Palästinas verankert ist. Wer jedoch eine solche tiefere Beziehung zu den Dingen von diesen jungen Einwanderern noch nicht verlangt — und es ist wohl auch nicht möglich, dies schon jetzt zu tun —, der wird aus dieser Briefsammlung vieles entnehmen können, was ihn hoffnungsfroh stimmen wird. oe. Jugend-Alijah in Briefen Ein lebendiges Bild von der Arbeit der Jugend-Alijah, der erfolgreichen Leistung der Jüdischen Jugendhilfe E. V. und der Arbeitsgemeinschaft für Kinder und Jugend-Alijah in Berlin, aber auch von den Eindrücken, die die von ihr betreuten Jungem und Mädchen bis zu dem Augenblick, da sie Fremde W elten Norbert Jacques: Afrikanisches Tagebuch. Mit Aufnahmen des Verfassers. S. Fischer Verlag, Berlin. Eine Reisebeschreibung in Form eines Tagebuches von eigenartiger persönlicher Färbung. Jacques fährt durch Afrika, das sich jedem Reisenden nicht gleich erschließt, sondern nur dem, der auf die Stimmen der Natur und der Menschen zu lauschen versteht. Und wie er es verstellt, Fühlung zu nehmen mit allem Fremden, Unerklärlichen, Neuen, tmabhängig von drückender Urwaldglut und gefahrvollsten Fahrten, wird aus dem Tagebuch offenbar. Er kommt den Nil eiitlangfahrend auch nach Uganda, das uns aus der Ent- Wicklung des Zionismus bekannt ist. Sein besonderes Interesse gilt dort den Urbewohnern, schönen großen Ncgergest.ilten, die trotz starken europäischen Einflusses von seiten Englands in ihrer traditionellen Welt leben und daran festhalten. ihnen hat er es zu verdanken, wenn ihn Afrika immer wieder ״verzaubert“ und im Bann hält. Durch diese Ver• zauberung nimmt er alle Beschwerlichkeiten der Reise gern hin. Hans Helfritz: Ewigkeit und Wandel im Fernen Osten. Mit einer Einleitung von Dagobert von M i k u s c h. Deutsche Yerlagsgcsellschaft m.b. H., Berlin 1936. Es sind in der letzten Zeit viele Bücher über Japan und China in deutscher Sprache erschienen, aber Hans H c 1 f r i ז / (der durch seine Exjpeditiorien nach Arabien bekannt geworden ist), hat mit seinem Blich eine neue Form gefunden. Außer durch die Einleitung, die Dagobert von Mi kusch geschrieben hat, kann man sich durch interessante Aufnahmen, die der Verfasser gemacht, und die er in Form eines Bilderbuches zusammcngestellt hat, ein besonders gegenwärtiges Bild der beiden Länder und Volker machen und dabei wichtige Gegenüberstellungen vornehmen. Dagobert von Mikuscli gibt in seiner Einleitung eine fesselnde Bcschreib1mg des Erwachens der Völker der gelben Rasse. Japan und China nehmen gewaltigen Anlauf, um mit den Völkern des Abendlandes konkurrieren zu können. Fleiß und Beharrlichkeit helfen ihnen und bestimmen ihre geistige Ha!- tung, so daß Mikusch annimmt, daß die Gefahr, die den anderen Völkern durch das Erwachen des Ostens droht, keine unbeträchtliche ist. Interessant, daß beide Völker, obwohl sie im Sturmschritt vorwärtsschreiten, an den Tradition eil eisern festhalten. Die großartigen Aufnahmen Helfritz' bcstätigen das. Auf dem einen Bild siebt man z. B. eine Draht• Seilbahn, die aut den Flongkouk Pik fährt, und auf dem gegenüberliegenden Bild (ragen Rikschakulis schwerste Lasten aut denselben Berg. Fän anderes Bild zeigt den Transport der Toten, die in Holzsärgen auf ihre Felder getragen werden und erst einige Zeit später auf dem Boden ihrer Arbeit beerdigt werden. Wunderbar die Tempclbiider, die traditionelle Teestunde im Tempel. Wie verwandt dieser Geist demjenigen Japans ist, das seine geistigen Wurzeln China verdankt, zeigen die weiteren Bilder, die zugleich in die stürmische Entwicklung des Inselreiches einführen. €11. F. ״Konsonanz als Grundlage einer neuen Akkordlehre“ von Dr. M. Kolinski. Verlag Rudolf M. Rohrer, Brünn 1936. Dies ist der Titel einer grundlegenden Arbeit Dr. M. Ko■ l i n s k i s (Prag), des Schülers und langjährigen Assistenten Erich von Hornbostels. Untersuchungen über moderne Harmonik, die Erklärungen des gegenwärtigen musi* kalischen Stils mit Hilf« überholter, von einer zurücTdicgendcn Zeit, abstrahierten Begriffe durch neue Größen verdrängt, ist höcht aufschlußreich, bedeutet aber nur ein Teil des Ganzen und eine Illustration und Anwendung einer prinzipiellen These. Auf Grund akustischer und physiologischer Untersuchungen kommt Kolinski zu einer völlig neuen Definition der Konsonanz. Ihre Richtigkeit und Anwendbarkeit muß von Snezialisten erprobt werden. Hier soll nur auf die überraschenden und höchst exakten Ergebnisse des Buches hingewiesen werden, Dr. H. N. das Ziel ihrer Sehnsucht sich erfüllen sehen, vermittelt uns ein Heft, das sich ,,Jugend-Alijah in Briefen“ betitelt und demgemäß die Jugend selbst sprechen läßt. Da erhalten wir zunächst Einblick in die oft rührende Art der Bitten, die Anmeldung zur Alijah entgegenzunehrnen und zu berücksichtigen. Zumal aas den kleinen Städten und Dörfern des Reiches mehren sich die Mehlungen. ״Wie lange dauert es noch von der Ausfüllung des Fragebogens, bis ich in das Land der Verheißung kommen kann?“ Und dann: ״Wann komme ich in das Vorbercitinigs'.ager?“ Vier Wochen lang soll jeder gemeinsam mit den, Kameraden, mit denen er späterhin zwei Jahre in Palästina Zusammenleben wird, in einem der Vorb.-rcitungslager verbringen; ungeduldig warten sie auf die Einberufung. Viele besuchen inzwischen die ״Mitt* leren-ScIutien“, die tl'e Jüdische Jugendhilfe «ingerichtet hat Das Lager selbst wird den vierzig, fünfzig jungen Menscheu, die liier zusammen wohnen und sich körperlich, geistig und vor allem charakterlich bewähren sollen, zum Erlebnis: ,,Wir sind eins und wir gehören zusammen. Es ist ein wunderbares Gefühl der Zusammengehörigkeit.“ Die Bestätigung zur Alijali erfolgt. Die Jugendlichen kehren in das elterliche Haus zurück, aber sie leben nicht mehr einsam und abgeschlossen, sondern in seelischer, durch Briefe, durch Austausch von Plänen und Ansichten bekundeter enger Verbundenheit mit den Kameraden und dem Führer. Sie erhalten ihre Ausrüstung und fahren schließlich hinaus nach Palästina. Bis dann die Chawerim nicht nur in körperlichem Schaffen, sondern vor allem in sinnvoller Verknüpfung mit geistiger Arbeit die Verbindung mit Erez Israel hersteilen. Bunte Bilder ziehen au uns vorüber bis zum feierlichen Empfang der Jugendlichen. Da schreibt einer von der Florrah, die zutn Festtanz wird, ״das war der Rausch, der jene trunken macht, die nach langem schwerem Schlaf zu neuem Sein erwachen, das war ei!1 Freudensturm, der jeden mitriß...“ Das Heft, für das Eva Stern und Rudolf Melitz verantwortlieh zeichnen, ist in Text und Bilderschmuck feinsinnig zusammen gestellt und spricht eine Sprache, deren Ueberzeugungskraft sich niemand entziehen kann. Wg. Wegen der kommenden Feiertage erscheinen die nächsten Ausgaben 78/79 am Mittwoch, dem 30. Sept. 80/81 am Mittwoch, dem 7. Okt. F a m i I i e n ־ N a c h r i c h t e n nehmen wir bis zum Tage vor Erscheinen gegen Mittag entgegen Ein Pariser Roman An ge Seidler: Paris Hotel ״Schöne Sonne“. Verlag Julius Kittls Nachfolger, M.-Ostrau-Lcipzig. Dieser Roman läßt aufhorchen. Man stürzt sich in ihn hinein und kommt nicht mehr los, so gefangen hält er. Die Sprache Ange Seidlers ist kämpferisch, oft drastisch.׳ Durch ihre große Beobachtungskunst packt und enthüllt sie Großes und Kleines in unserem Leben. Aber ihre Drastik verletzt nicht, ihre Realistik greift tief in alle menschlichen Beziehungen, und man fühlt das Echte ihrer Kampfansage gegen alles Falsche. Illusionen werden von ihr entschleiert, und die Dinge stehen dann vor uns in ihrer ursprünglichen Form. Man muß ihr folgen und hat eine große Freude an der Sicherheit, mit der sie ztim Ziel gelangt. Mit Spannung verfolgt man das Schicksal einer jungen Wienerin und eines jungen Ungarn, die sich in Paris finden und heiraten, ohne daß beide wissen, welche Bindungen innerlicher und äußerlieber Art eine Ehe fordert. Bald kommt wirtschaftliche Not hinzu, die zur Erschütterung ihrer Gemeinschaft beiträgt. Der junge Mann kann zu keinem Beruf «ine Beziehung finden, er versucht es mit den verschiedensten Beschäftigungen, aber letzten Endes schlägt alles fehl, und seine Eltern müssen ihm immer wieder aus der größten Not helfen. Dadurch, daß er sieht, ihm wird immer geholfen, versinkt er noch tiefer in Unentschlossenheit und Unfähigkeit, während seine Frau sich dadurch immer mehr von ihm entfernt. Ihr Lebcnselexier ist die persönliche Freiheit, die ihr alles bedeutet. Sie trennt sicli von ihm, da sie sich wirtschaftlich unabhängig machen muß. Durch andere per• sönliche Erlebnisse, denen sie sich mit ihrer kraftvollen Persönlichkeit hingibt, kommt sie nach einigen Monaten zu ihrem Mann zurück, in der Hoffnung, ihn durch Er• Fahrungen und Prüfungen des Lebens, durch die er hindurch mußte, gewandelt zu finden. Aber er kann nicht heraus und bleibt innerlich und äußerlich der Solm seiner Eltern. Obwohl sie von ihm ein Kind erwartet, verläßt sie ihn, um ihre Lebensziele zu erfüllen, die äußere und innere Freiheit, den ganzen Menschen erfordern. Ch. F. ״Pine Uandvoll Staub” Evelyn Waugh: Eine Handvoll Staub. Roman G. Bondi, Berlin. Der Name dieses Romans — der einem Gedichte von T. S. Filiot entnommen ist —- klingt mehr nach der Welt- Verneinung eines Kohelcth als nach der Phantasie eines modernen Romanschreibers. Wirklich gehört der junge Evelyn Waugh, den die Nachkriegs-Jugcnd in England als einen ihrer schärfstem Satiriker kennt und preist, zu denen, die alle Lust ihrer Zeit gekostet und schal gefunden haben. ״... es gibt keine Wiederkehr, wir sterben gleich den Tieren, und es kommt nichts nachher....“ In wildem Durcheinander wird uns der Jahrmarkt der Eitelkeit im London der letz.ten Jahrzehnte vorgcfülirt. Männer, die nichts zu tun haben, als auf Lunch-Einladungen zu warten; Frauen, die berufsmäßig anderer Leute Ehe untergraben und ähnliches Gelichter. Ein braver Mann wird ohne ersichtlichen Grund von seiner schönen Frau verlassen und wirtschaftlich zugrunde gerichtet: das ist der Komödie erster Teil. Dann aber — wir befinden uns im British Empire — folgt fast unvermittelt ein Urwald- Erlebnis eben jenes unglücklichen Ehemannes von fast grotesker Grausamkeit; der ״Forschungsreisende“ gerät in die Gewalt eines unerbittlichen alten Mannes, der seit Jahrzehnten im Urwald lebt und den Engländer als Sklaven bei sich behält, damit er ihm ... Dickens Romane vorliest. Zum absurden Schluß wird uns dann noch eine Denkmalsenthüllung daheim vorgcfülirt — für den unglücklichen (noch lebenden) Forschungsreisenden, dessen frühen Tod man heuchlerisch beklagt, während man sich seines (unterlassenen Besitztums bemächtigt hat. — Dazwischen aber zeigt eine knappe Ge• schichte vom Leben und Sterben eines kleinen Jungen, welche Kraft in diesem eiskalten Waugh schlummert. Man hat Waugh den Galsworthy der Nachkriegszeit genannt; aber ich finde, daß er eher an Thackeray erinnert — Bccky Sharp ist nicht weit..,, —ss.