Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 77 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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jüdische Rundschau NR. 77, 25. SEPTEMBER 193d Elias Auerbachs ״Wüste und Gelobtes Land“ Ein Bändchen Perez Jizchok Leib Perez: Chassidische Erzählungen. Aus dem Jiddischen übertragen von Ludwig Strauß, Bücherei des ״ Schocken-Verlages, 66. ln einem schmalen Bändchen hat Ludwig Strauß eine Anzahl Perez-Erzählungen vereinigt, darunter einige, die bereits früher in deutscher Ucberseizung bekannt geworden *ind, und hat dieser Ausgabe einen kurzen Abriß der Perez-Biographie als Nachwort beigegeben. Es sind mit die schönsten der Perez-Erzählungen, die Ludwig Strauß hier in einer Sprache uns gibt, die zu dem werk wirklich ״paßt“ und zugleich als literarische Leistung uns entzückt. So finden wir jene berühmte Erzählung vom Nemirower Raw ״Wenn nicht noch höher“ neben der Geschichte vom Prisker Raw und Bialer Robben, die sich zwar nicht miteinander versöhnen, aber doch zum Schluß sich nicht mehr bekämpfen, obwohl ihre Welten sehr weit voneinander entfernt liegen; jene so zarte und bis in letzte geistige Höhen gehende Erzählung von den Kabbalisten neben der hlutvollen und lebensnahen Geschichte von der Buße des berühmten Vorbeters Cliaim Jona Wittels. Die Fröhlichkeit des Adamtir von Nemirow auf der Hochzeit seiner Tochter Vögelchen entzückt nicht weniger als Berls, des Schneiders Hader mit Gott erschüttert. Für uns, die wir uns mit dem geistigen Dasein des Judentums in seiner großen Masse im Osten wieder stärker beschäftigen, um aus dieser Quelle zu schöpfen und aus ihr Kraft und Substanz zu gewinnen, wird gerade diese kleine Ausgabe ein besonders schönes Geschenk sein. oe. Alltag und Festtag der Cliassidim Onechi: Rab Abbe. Eine Erzählung. Schocken-Büchcrei 63. Dies ist eigentlich keine ״Erzählung“, wie der Titel ein wenig irreführend vermeldet. Sondern hier erinnert sich einer, der jung gewesen ist im Beth Hamidrasch der Chassidim, nunmehr alt geworden, die ״Feuersbrnnst“ miterlebt hat, die das ostjüdische Städtel und die chassidische Frömmigkeit Versehrte, seiner Jugend, hi äußerst kunstlosen, manchmal abgerissenen Tönen, klingt die Lied; vielleicht gerade darum noch anziehender, weil man hier keine Beschönigung und keine Verklärung spürt, sondern den Willen des einfachen Mannes, die Welt zu schildern, die er liebte ״wie sie gewesen ist“. Alie die Schattenseiten des uns heilt so fern gerückten östlichen Lebens im jüdisch-russischen Dorfe werden uns hier enthüllt: wie die Männer den lieben langen Tag im Cheder sitzen und ״ein Blatt Gemarah“ lernen, während es der Frau überlassen bleibt, sich mit den Bauern herumzuschlagen und für des Hauses Notdurft zu sorgen: wie cs geschehen kann, daß einer von ihnen zum Jahrmarkt fährt und ein Jahr lang nicht wiederkehrt, weil ihm plötzlich einfiel, daß all sein Handeln keinen Sinn hätte — daß er besser daran tato, zum Robben zu fahren und mit ihm über den ״Sinn“ zu sprechen — oder auch nicht zu sprechen, sondern aus seinem ״Aufstehen und Niederlegen“ zu lernen. Und wir erleben eine solche Fahrt zum Robben mit und fühlen vielleicht zum ersten Male, wieviel ungebrochene Lebensfreude doch bei diesen vielgeplagten und vielgeschmähten Menschen zu Hause wär. Einer trägt täglich sein Atlas-Käppchen und den seidenen Kaftan; warum? — Weil wir uns freuen sollen... Einzelnes wie etwa die Schilderung vom ״F'est des Wasserschöpfens“ bei den Cliassidim ist unvergeßlich. Darum war es dankenswert, diesen Ausschnitt aus einer versunkenen, unwiederbringlich versunkenen Welt wieder neu zu beleben. — Der Verfasser dieser Erinnerungen heißt Aronsohn, schreibt hebräische und jiddische Erzählungen und lebt jetzt in Tel- Awiw. ׳—ss. Jüdische Lesehefte Josef Carlebach: ״Das gesetzestreue Judentum“, Jüdische Lesehefte, herausgegeben im Aufträge der Reichsvertretung von Adolf Lcschnitzer, Heft 15. Im Schocken-Verlag Berlin. Carlebachs Leseheft, das wohl weniger für den Gebrauch des Schülers gedacht ist, als dem Lehrer in der Schule und dem Jugendführer dienen soll, gibt eine zwar kurze, aber dafür nicht weniger gründliche und übersichtliche Einführung in den Geist und die Organisation des gesetzestreuen Judentums. Der Verfasser behandelt die Geschichte und Organisation der Orthodoxie, schildert die Grundtat- Sachen und den Sinn dieser Erscheinung im jüdischen Leben unü behandelt die einzelnen Probleme, mit denen sich das orthodoxe Judentum anseinander/uset/en hatte, um sodann die Richtungen der Orthodoxie darzustcllen. Das zweite Ka- Eitel ״Geschichte“ gibt einen Abriß ihrer Entwicklung, insesondere innerhalb des Judentums Deutschlands. Leopold Kompert: Eine Auswahl aus seinen Schriften, nerausgegeben und eingcleitet von E. Gut, Heft 12 der Jüdischen Leschefte, herausgegeben im Aufträge der Reichs- Vertretung von Adolf Lcschnitzer. Im Schocken-Verlag, Berlin. Dieses Heftchen wird als Lesestoff in den jüdischen Schulen gern benutzt werden. Es führt in eine Weit ein, die heute ganz und gar versunken ist, die unsern Kindern aber nahezubringen in der Schule nicht versäumt werden darf. Wohl sind Komperts Ideen heute nicht mehr ״zeitgemäß“ und seine Hoffnungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Dennoch ist es gut, einen Blick in diese Welt zu werfen, die in vieler Hinsicht blutvoller war als unser Leben, um aus ihr zu erkennen, wie die Generation der Groß- und Urgroß- Väter lebte. _-n. Alma nach für das Jahr 5967. Hcrausgegcbcn im Einvernehmen mit dem Vorstand der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main von Stephanie Forchhcimer. Dieser Almanach enthält außer der Uebersicht über die Fest- und Fasttage des kommenden Jahres und einem Geleitwort der Gemeindeverwaltung Frankfurt Beiträge von Rabbiner Heinrich Lende, Rabbiner Dr. Ignaz Mavbaum, Dr. Bertha Badt-Strauß, Dr. Eduard Strauß, Dr. Hermann Gundersheimer, Dr. Dora Edingcr, Hanna Karrninski und Bertha Pappenheim. Anschließend werden Angaben über die Frankfurter Gemeindeverwaltung, über Organisationen, Vereine, Stiftungen, Unterrichtswesen, Berufs- und Bildungsvereinigungen usw. gemacht. Jüdischer Kalender der Gesellschaft für jüdische Volksbildung in Frankfurt am Main für das Jahr 5697. Herausgegeben von Rabh. Dr. Georg S a 1 z b e r g e r und Prof. Dr. Moritz Werner; Verlag M. Lchrbcrger & Co. Auch für das kommende Jahr ist dieser Luach neu erschienen, der sich durch sein besonders umfangreiches Kalendarium auszeichuet. Band U* Geschichte Israels vom Tode Salomos bis Esra und Nehemia Dem vor mehr als vier Jahren erschienenen ersten Band der Aiicrbachschen Darstellung der alten Geschichte Israels folgt soeben der zweite Band, der mit der ״Aufrichtung des Gesetzes“ durch Esra, der Schilderung der Elephantine- Kolonie sowie der Kultur und Literatur der nachcxilischcn Zeit abschließt. Dieser Teil enthält also die ältere Königszeit seit Salomos Tod, vor allem ״Die Prophetie“, das Ende der Reiche Israel und Juda, Exil und Rückkehr bis zu dem Werk Esras. Der erste Band hat trotz seiner wissenschaftlichen Haiturig und für den Laien nicht immer leichten historisch-philologischen Beweisführung ohne schmückendes homiletisches Beiwerk eine erstaunliche Popularität und Verbreitung erlangt. Diese Beliebtheit ist verdient durch die unbeirrbare Ehrlichkeit des nur der Wahrheit dienenden Forschers, die unbegrenzte Liehe zum biblischen Stoff und vor allem durch die enge aus jeder Zeile sprechende Vertrautheit mit dem Land und den Menschen Palästinas. Obwohl der Verfasser jenseits des traditionellen Wegs der Bihelerklärung, textkritisch, nur den ״kalten“ entzauberten Sachverhalten nachgehend, unter Vcrzieht auf a'le außerkausalen Deutungen, abseits von den hergebrachten, geläufig gemachten jüdischen Bibclgcschichtcn, die älteste Geschichte Israels erzählte und ihre Quellen analysierte, ist und bleibt der erste Band (bis zum Tode Salomos) ein durch und durch jüdisches Buch. Vergangenheit und ............... LAND... Land. meine Augen sahen deinen Strand, deine Straßen ist mein Fuß gegangen, deine goldnen Fröd1*e sah Ich hangen, deiner Blütendüffe wurden Inne meine Sinne. Deine kargen Bßche sah Ich fließen, deines Frühlings Blumenwunder sprießen, Gärten wachsen aus verdorrtem Sand, und der Pflug, der dich erlöst, mein Land — meine Hand durfte teil an seinem Segen haben, eine Furche in dein Antlllc graben. Deine Berge aller Bäume bar, windumsprüht, gluioffen, überklar stehen vor mir, eine Fieberschau, nackt und nah, tn einem fremden Blau. Da — sie wandeln Ihre Urgestalf: kahler Hang begrünt sich, sproßt, wird Wald, lichtgrün, nachfgrün, ganz von Blüten golden — Lärchen, Pinten und Akaziendolden . . . Land — nicht deiner heiligen Orte Schauer, nicht das Wehmutserbe einer Mauer, nicht der Kuppeldome Märdienweben, nicht der Jungen Städte quirlend Leben, all die Boten schattenden Erwachens, nicht dein Zwiegestcht voll Droh'ns und Lachens nichts ward so mir Sinnbild und Gesang deiner Seele, wie der Wald am Hang . . . Ganz verruchte, wahnverwirrfe Hände legten Brände an den Wald, der deine Seele hütet, Landl Aber, wo der Abgrund sinnlos wülef, stärkt er nur den Sinn. Verderberhand schaff!, was sie nicht will: Sie baut das Land. Juni 1936 Leopold Marx 1111111mn1111111!1!11111111m111!11111m11u11111111!11111111111111M11111111m11111111111111111iu11H111111:m!111111mM11!n11m1m111mm11m1 Gegenwart sind hier durch die Verbundenheit Auerbachs mit der palästinensischen O c r 11 i c h ־ keit, trotz der strengen Geschichtsdarstellung, eng miteinander verwoben. Bei aller nationalen Methode ist keine Zeile ohne Farbe und Leben. Diese Vorzüge kehren bei dem neuen Band wieder. In der ״Jüdischen Rundschau״ (vom 30. September 1932) hat Georg Herlitz die faszinierende Einprägsamkeit und den hohen wissenschaftlichen Ernst dieser Geschichte des alten Israel hervorgehoben. Die Fortsetzung, der zweite Band, hatte neue Aufgaben zu lösen. Damals für die älteste Zeit, für die Vätergeschichten, die Moses-Zeit, die Landannahme, die Geburt der Nation mußte der Dämmer der Vorzeit behütsam aufgehellt werden, bis zum Friihrot der Volkwcrdung und znirn jungen Tag der Heldenzeit. Die Darstellung des späteren äußeren Schicksals der getrennten Reiche, eine wirkliehe politische Geschichte der nachsaiomonischen Königszeit, war nur möglich auf dem Hintergrund der vorderasiatisehen und ägyptischen Umwelt, die seit langem in das helle Licht der Geschichte gerückt ist. Der jüdische Geschichtsschreibet Auerbach bleibt dabei immer von dem Bewußtsein der völligen Andersartigkeit und Einmaligkeit Israels durch- Rlif*h*>r*f Buchhandlung Martin Salomon miß Ui 1* I I W I * Berlin NO 4a. Neu» KfciigttraO• 79 -׳ Telephon: € 3 2635 drungen. Er spart beispielsweise nicht mit Worten hoher Anerkennung für die wohldurchdachte Politik Omris und Ahabs. Aber: ״So glanzvoll die Regierung Aliabs war, für das Dichten dieses merkwürdigen Volkes wurde der Mann ') Elias Auerbach, Wüste und Gelobtes Land. Zweiter Band: Geschichte Israels vom Tode Salomos bis Esra und Neliemia. Berlin, Schocken-Verlag 1936. des Geistes, der arme Prophet Elia im härenen Mantel, der wahre König und Held.“ Wie selbst die Niederlage schöpferisch wirksam^ gemacht wird und wie ganz anders ״Erfolg“ in der jüdischen Geschichte aussieht und bewertet wird als anderswo, das erweist sich am deutlichsten hei der Erscheinung der Prophetie. Die landläufige Meinung, daß die Prophetie ihre Entstehung dem drohenden Hcraneahen der politischen Katastrophe Israels durch Assyrien verdankt, daß die Propheten die Sturm- Vögel des 'Unheils sind, und daß die Erkenntnis des unausweichlichen Verderbens die Glut der Prophetie entzündet hat, weist Auerbach ah. ״Nicht weil Wolken am politischen Himmel hcraufzogeu, erhoben sich Propheten und weissagten Unheil, sondern weil ihre Erkenntnis aus tieferen inneren Quellen gespeist wurde, ganz unabhängig vom äußeren Gcschehen, das nur als Bestätigung und Erfüllung herangezogen wurde.“ Auch eine sozial e Bedingtheit der Prophetie will Auerbach entgegen der herrschenden Meinung nicht ancrkennen. ״Die soziale Revolution als Basis der Prophetie ist ein Märchen, gedankliche Konstruktion eines Forschergeschlechts, das gewohnt ist, überall den sozialen Faktor der Entwicklung in den Vordergrund zu rücken. F.s ist vielmehr kennzeichnend für die Geschichte Israels und Judas, daß sie von sozialen Umwälzungen freigebiiebon ist, im Gegensatz etwa zu Griechenland und Rom“ (Seite 111). Auerbach fuhrt diese auffallende Erscheinung darauf zurück, daß der demokratische, ja staatssozialistische Zug der alten beduinischen Stammes- und Sippenverfassung noch jahrhundertelang iiachgewirkt hat. Die Ausbildung allzu schroffer sozialer Unterschiede sei so verliindert worden. Das Charakteristische in der alten jüdischen Geschichte war die vorwiegend bäuerliche: Struktur tler Wirtschaft, das Fehlen großer Städte und die geringe Bedeutung des Großhandeis, durch den am ehesten die Aufhäufung großer Vcrmögen in einer Hand hätte verursacht werden können. Als Zeugnis dafür sieht Auerbach auch die gesetzliche Kodifiziei’ung der prophetischen Forderungen des 8. Jahrhunderts im Deuteronomium an. In dem Geist dieses Gesetzbuches, über dessen Herkunft und Verkündung durch der! König Josia eine interessante Erörterung nach dem Stand der neuesten afftestamentlicfieu Forschung angestellt wird, spiegelt sieh das religiöse Ingenium Israels am deutlichsten: Verfeinerung und Vertiefung des religiösen Gewissens durch die vorangegangene Entwicklung der Prophetie kommen in diesem Buch im Gegensatz zu der älteren Anschauung klar /um Ausdruck. Erst diese Zeit (das 7. Jahrhundert) hat den Begriff des ״Götzendienstes“ geschaffen; vor allein aber ist die humane und soziale Gestaltimg des Rechts das eigentliche Kennzeichen des deuteronomischen Gesetzes. ״Wenn man von der weltgeschichtliehen Bedeutung des jüdischen Geistes spricht, so sind es vor allem diese Gedanken des unter Josia (622) verkündeten Gesetzes, auf die hinzuweisen ist.“ ״Sie sind der Niederschlag einer prophetischen Entwicklung von anderthalb Jahrhunderten, einer'für Israel spezifischen und in der Welt des Altertums einzigartigen Entwicklung. Einsam steht — bis heute — dieses Recht in der Welt der Rechte.“ Den einzelnen Prophetengestalten sind umfassende, originale Analysen auf Grund eines minutiös erarbeiteten, an den palästinensischen Oertlichkeiten und Umständen geklärten Text- Verständnisses gewidmet. In der sprachkünstlerischen Dar- Stellung besonders gelungen ist das Kapitel ״Jeremia“ (S. 202 -210). ״So innig er mit seinem V'olke und dessen Schicksal verwachsen war, so klar löste sich doch hei Jerernia das Innerste der Religion, die Beziehung zu Gott, aus allen volksmäßigen Bindungen und wurde geheimstes Gut der einzelnen Seele.“. ... ״Seine unzerstörbaren Gedanken, die über Macht, Staat, Tempel und Opfer berghoch hinausragten, blichen ewiges Gut seines Volkes, als alles andere zerfiel.“' — Auch für Auerbach ist wie für die modernen Historiker die große Wendung in der jüdischen Gesamtgeschichte, ihr Drehpunkt: das innere Schicksal der Juden im babylonischen Exil. Im wissenschaftlichen Ergebnis über diese Epoche stimmt Auerbach mit den livpothetischen Rückschlüssen Sellins (im zweiten Teil seiner ״Geschichte des israelitisch-jüdischen Volkes“ 1912 ־) vielfach überein. Die drei großen Gestalten des Exils, Jeeheskcl, der ״Knecht Gottes“ und der Zweite Jesaja werden überaus fein gezeichnet; man hat den Eindruck, daß manchmal etwas zu viel aus dem Text herausgeholt wird. Im Exil ging jedenfalls die große weltgeschichtliche Wandlung des jüdischen Volkes und seiner Religion vor sich, eine Dmschaffung an Haupt und Gliedern, in Sprache, Denken und Zielsetzung. Auerbach macht sich bezüglich der -— wie gesagt hypothetischen inneren Vorgänge während des babvlonischon Exils die herrschende Auffassung der modernen Forschung (Eduard Mevcr, Sellin, Kittel usw.) zu eigen: Im Exil löste sich die jüdische Religion des (äglichen Lehens vom Opfer und von [erusalcm und gründete sich auf Lehre, Gebet und gottgefälligen Wandel. Auch die Kapitel über die Rückkehr und die Aufrichtung des Gesetzes durch Esra sind im Geiste der modernen kritischen Wissenschaft abgefaßt. Daß die hier obwaltende umsichtige und behutsame Ratio objekiiver Forschung mit einem heißen, für Israel und sein Land schlagenden Herzen vereinbar ist, dafür ist jede Zeile der prachtvollen Auerbachsdien Gcscliichtscrzähhmg und seiner vorsichtig abwägentlcn Erörterung von ungelösten Einzelproblemen Zeuge. Mit dem von Fsra am 24. Tischri des Jahres 445 verlesenen Gesetzeskorpus, das Auerbach nacli Vorgang von Eduard Mc>er und anderen im einzelnen identifiziert, ist tler grandiose Bau der ״Thora“ vollendet; damit sind die ״Fünf Bücher Mose" kanonisiert. Hell und klar gegen Schluß das Kapitel über Kultur und Literatur der naehexilischcn Zeit, namentlich über die Schluß- Redaktion des Pentateuch und das konstruierte geschlossene Geschichtsbild des Fünfhuchs! Schuld an dem Vorurteil, daß man die nachexilische Zeit für unscliöpferisch und steril angesehen hat, gibt der Verfasser mit Recht der traditionellen Auffassung, die einen großen Teil tler in dieser Epoche geschaffencn Werke in eine ältere Zeit verlegte und damit den eigenen Kulturschatz des naehexilischcn Judentums künstlich entleerte. Wie der erste Band von ״Wüste und Gelohtes Land“, so birgt auch tler zweite eine Fülle neuer überraschender Annahmen und Einzelbenbachtungen, alles in einer fast elegant anmutenden flüssigen Sprache, immer mit sorgfältig zusammengetragenem Bewcisniatcrial unterlegt. Der schwierige Stoff ist geschickt, an keiner Stelle oberflächlich oder schöngeistig, bewältigt. Wissenschaftliche Erkenntnis, Kraft der Darstellung Und eine bezwingende Liebe zu Volk und Land haben mit den beiden in sich abgeschlossenen und reifen Bänden über die Geschichte Israels von Moses bis Fsra ein jüdisches Gr und werk geformt, das uns die eigene Vergangenheit und damit die ohne Geschichte sinnlose Gegenwart vcrstehen lehrt und so an dem großen im weltgeschichtlichen Gang befindlichen jüdischen Aufbauwerk mitschafft. Ludwig Feuchtwanger