Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 76 (22.9.1936)
- Date
- 1936-09-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 76. 22. IX. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 5 Pariser Brief Von unserem Berichterstatter K. Paris, im September Fransäalscli• Anleih« lär Syrien? Nach französischen Mitteilungen beabsichtigt die französisclie Regierung nach Ratifikation der neuen französischsyrischen Äilianzvcrtrüge durch die Parlamente beider Länder der neuen syrischen Republik eine Aufbauanleihe zu gewähren. Der Ertrag dieser Anleihe soll zur wirtschaftlichen Entwicklung Syriens verwandt werden. Durch diese Transaktion soll ferner die erstrebte Intensivierung der französischsyrischen Handelsbeziehungen erreicht werden, da Syrien die Materialien für die vorgesehenen Erschließungsarbeiten in Frankreich beziehen würde. Eine Bestätigung dieser Mitteilungert bleibt abzuwarten. Die syrische Delegation ist nach Unterzeichnung der Schliißprotokdlle der Verhandlungen von Paris nach Syrien abgercist. Oie Delegierten erklärten sich von dem Verlauf der Verhandlungen voll befriedigt. ״Es ist mit .Sicherheit anzttnehmen, daß der neue Vertragsentwurf von dem syrischen Volk einstimmig gutgeheißen werden wird. Für Syrien wird durch diesen Vertrag eine neue, glückliehe Periode beginnen. Die Aufgabe der syrisch«! Delegaticui ist aber nicht beendet. Sobald der französisch-libanesisclie Vertrag abgeschlossen sein wird, wird Syrien in Ver- Handlungen mit der neuen Libanon-Republik treten. Syrien will eine Föderation zwischen den beiden neuen Republikem schaffen und der Verbundenheit beider Staaten durch Schaffung eines libanesisch-syrischen Ausschusses Ausdruck geben, der die gemeinsamen Interessen beider Staaten wahren soll. Besonders auch auf wirtschaftlichem Gebiet besteht eine enge Interessengemeinschaft zwischen den Regierungen in Damaskus und in Beirut.“ Auf eine Frage über das neue M i n d e r h e i t e 11 s t a 1111 erklärte der Führer der Delegation, daß ״in der neuen syrischen Republik die religiösen und ethnischen Minderheiten in vollem Umfang geschützt sein werden. Es wird in Syrien mir gleichberechtigte syrische Staatsbürger geben, die enge Verbündete und Freunde Frankreichs sind. Nach der Aufgabe des Mandats, das die Eigenliebe des syrischen Volkes verletzt hat, besteht kein Grund mehr für Zusammenstöße zwischen dem syrischen Volk und Frankreich. Das neue Bündnis konsolidiert Frankreichs Position im Vorderen Orient.“ Die Spannung in Nordafrika Die anhaltende Unruhe in Nordafrika beschäftigt nach wie xor die französische Oeffentlichkeit. Die Regierung wird aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im Oktober eine Untersuchungskommission nach den nordafrikanischen Be- Sitzungen senden, deren Untersuchungen als Basis für eine B ef ri cd un gs a k t ion dienen sollen. Diese Befriedungsaktion erscheint dringend notwendig, denn — wie der Korrespondent des ״Temps“ in Algier ausführt — zerfällt die Bevölkernng der nordafrikanischen Besitzungen immer mehr in zvvet scharf voneinander geschiedene politische Lager, die teilweise schwer bewaffnet sind. Der Korrespondent führt diese Spannungen im wesentlichen auf die besonders gefährliehe Form zurück, die die sozialen Konflikte in Algerien angenommen haben.“ In einem ״Brief aus Tunis“, der in dem ״Uniyers Israelite“ erscheint und einem Artikel über den ״Antisemitismus in Oran“, der von der Zeitschrift ״L’Avenir Illustre“ der Publikation der marokkanischen Zionisten veröffcntlicht wird, wird die besonders bedrohliche Lage der jüdischen Bevölkerung in Nordafrika geschildert. In beiden Aufsätzen wird auf die Tatsache hingewiesen, daß große Teile der arabischen Bevölkerung die Judenhetze nicht mitmachcn. So haben z. B, in Tunis die arabischen Führer in Manifesten gegen die Aufpertscinwig des Rassenhasses Stellung genommen. Die Lage in Oran wird durch die antisemitische Haltung des Bürgermeisters Abbe Lambert er- Schwert, der früher eines der führenden Mitglieder der ״Ligue contre l’Antisemitisme“ war, seinen Standpunkt aber nach einem Wahlmißerfolg, der durch die ablehnende Haftung eines Teiles der jüdischen Bevölkerung verursacht wurde, brüsk gewechselt hat. Di« Tätigkeit des ORT Das Zentralkomitee des ORT hat in Paris In diesen Tagen auf einer Delegiertenkonferenz einen ausführlichen Bericht über seine Tätigkeit gegeben. An der Konferenz, die unter dem Vorsitz von Henri Boden heim er stand, nahm u. a. auch der französische Kolonialminister M outet teil, der eine Ansprache hielt. In den Reden der Delegierten wurde auf die Notwendigkeit einer sozialen Umformung des iiidisehen Volkes hingewiesen. Das Hauptreferat erstattete Bramson. Die Sammlungen zugunsten des ORT haben in letzter Zeit zirka 800 000 Francs ergeben. Die Sammlung in U S. A. wurde zusammen mit dem Joint durchgeführt. Der ORT führt eine große Anzahl von professionellen Kursen in Rumänien, Polen mul Litauen durch, die .insgesamt 6900 Schüler zählen. Von verschiedenen Rednern wurde über die Tätigkeit des ORT in einzelnen Ländern wie Amerika, Polen, Rumänien, Litauen, Deutschland, England berichtet. Der französische ORT wurde reorganisiert. In den östlichen Ländern fordert der ORT die landwirtschaftliche Kolonisation. Rosch Haschanah 5697 J e r u s a I c m, 20. September. (ITA ) Obwohl auch zu Rosch Haschanah der Kleinkrieg in Palästina nicht .ruhte und am Freitag die mit einer gewissen Spannung erwarteten Beratungen der lokalen arabischen Streikkomitees stattianden, war für die jüdische Bevölkerung doch das den äußeren Er- «ignissen und der politischen Entwicklung zugewandte Interesse durch einen Einschnitt religiöser Einkehr und Selbsthesintning fühlbarer als in anderen Jahren unterbrochen. Der Feiertag verlief, insbesondere in Jerusalem und anderen Städten mit gemischter Bevölkerung, in einem Gefühl der Spannung und der Beklommenheit. In Jerusalem wurde gegen Juden, die auf dem Wege zur Synagoge waren, eine Bombe geworfen. Sie explodierte, doch wurde niemand verletzt, Warschau, 20. Sentemher. (JTA.) Die Stadt Warschau war zu Rosch Haschanah von der jüdischen Feiertags- Stimmung aufs stärkste beeinflußt. In der Woehe vor den Feiertagen hatten sich 18 getaufte Juden beim Rabbinat mit der Bitte gemeldet, wieder in die jüdische Religionsgemeinschaft aufgenommen m werden. Die erforderlichen Formalitäten konnten jedoch bis zu den Feiertagen nicht erledigt werden. New York, 20.September. (JTA.) Gouverneur Alf Ltn• don (Kansas), republikanischer Präsidentschaftskandidat in den Vereinigten Staaten, hat anläßlich des jiidischm Neujahrs 5697 folgende Kundgebung veröffentlicht: ״Wieder einmal freue ich midi über die Möglichkeit, den Bürgern jüdischen Glaubens von Kansas meine aufrichtigen Wünsche für ihr Glück und Wohlergehen an diesem Rosch Haschanah, im neuen Jahre und in den kommenden Jahren entbieten zu können. Ich möchte die Hoffnung ausspreeheti, daß die schwere Lage, in der sich Ihre Glaubensgenossen in anderen Ländern befinden, in den kommenden Jahren sich bessern möge.“ Blutbeschuldigung in England vor Gericht C9 G7 d Die Anklage gegen die Zeitschrift ״The Faselst“ London, 20. September. (JTA.) Am 18. September wurde vor dem Hauptstrafgericht (Central Criminal Court) unter dem Vorsitz von Jnstice Oreaves-Lord gegen den Herausgeber der Zeitschrift ״The Fa sc ist“, des Organs der ״Imperial Faschst Leaguc“, Arnold Spencer L e c s c, imd den Drucker der Zeitschrift, Walter Whitehcad, ein Prozeß wegen ״aufrührerischer Verleumdung“, begangen durch Veröffentlichung von aufreizenden judenfeiiullkhen Artikeln, in denen auch die Blut beschuldigung erhoben worden war, eröffnet. Ueber die Zulassung der öffentlichen Anklage vor dem Strafgericht hatte am 14. August Polizeirichter Dummett vom Polizeigericht in der Bow Street zu entscheiden. Der Richter erklärte die Anklageerhebung gegen Leese und Whitehcad wegen Veröffentlichung einer aufrührerischen Verleumdung für gerechtfertigt und setzte den Prozeß für die kommende Session des Hauptstrafgerichts fest. Die Anklageschrift wirft dem 57jährigen Leese, der als ״Tierarzt im Ruhestand“ bezeichnet wird, vor, daß er als Eigentümer der Zeitung ״The Fascist“ gesetzwidrig eine aufrührerische Verleumdung gegen das jüdische Volk und die Untertanen jüdischen Glaubens Sr. Majestät sowie gesetzwidrig versciiiedene verleumderische Erklärungen über die jüdischen Untertanen Sr. Majestät veröffentlicht und gedruckt habe in der Absicht, Mißstimmung zwischen den englischen Untertanen jüdischen und nichtjüdischen Glaubens und damit öffentliches Unheil zu erregen. Denselben Wortlaut hat die Beschuldigung gegen den (!2jährigen Drucker Walter Whit ehe ad wegen Drucks dieser aufrührerischen Verleumdung. In der Anklageschrift werden sechs Beschuldigungs punkte angeführt: 1. Veröffentlichung einer verrcunuierischcn Erklärung gegen die Untertanen jüdischen Glaubens Sr. Majestät mit der Absicht, bösen Willen zwischen ihnen und denjenigen, die nicht jüdischen Glaubens sind, hervorzurufen; 2. dasselbe mit Ausnahme der Absicht, Oefühle der Feindseligkeit hervorzurufen; 3. mit der Absicht, Un- Zufriedenheit hervorzurufen; 4. Abneigung hervorzurufen; 5. gemeinsame Verabredung in der Absicht, den ״Fascist“ mit einem Inhalt verschiedener skandalöser und verleumderischer Behauptungen zu drucken trnd zu veröffentlichen; 6. Druck des ״Fascist“ am 4. Juli und damit Förderung öffentlichen Unheils. Die beiden Angeklagten lehnten die Vertretung durch einen Anwalt ab und erklärten, sich selbst verteidigen zu wollen. Die Anklage wurde von Generalstaatsanvalt Sir Donald Somervell vertreten; er wird unterstützt von Eustace Fu Iton, der in dem Vorverfahren vor dem Polizeigericht die Staatsanwaltschaft repräsentierte. Generalstaatsanwalt Somervell wies darauf hin, daß die Pressefreiheit Kritik eines Teiles der Bevölkerung gegen einen anderen zulasse. Diese Kritik könne gegen Engländer, Juden, Schotten, Irländer gerichtet sein, aber das Gesetz habe stets eine Grenze zwischen zu rechtfertigender Freiheit und nicht zu rechtfertigender Zügellosigkeit gezogen. Es war gesetzwidrig, so führte er aus, verleumderische Worte zu drucken und zu veröffentlichen, um Gefühle des bösen Willens und der Feindseligkeit zwischen zwei Klassen von Untertanen Sr. Majestät zu fördern und Unzufriedenheit und Abneigung zwischen gewissen Untertanen zu erwecken. Neben der Erwünschtheit von Meinungs- und Acußerungsfreiheit steht das weitere Interesse auf dem Spiel, daß Dinge, die darauf abziclen, die öffentliche Ordnung zu stören und die Wurzeln des Lebens zu treffen, das wir alle als Angehörige einer Gemeinschaft leben, nicht gesagt oder geschrieben werden sollen. Generalstaatsanwalt Somervell entwickelte sodann die einzelnen Anklagcpunkte, wobei er die inkriminierten Stellen aus der Zeitschrift ״The Fascist“ zitierte. Als Mittel zur Bekämpfung der Juden werden an einer dieser Stellen T ütung, Sterilisierung und Absonderung angeführt. In einem anderen Artikel wird unter Bezugnahme auf den Ritualmordprozeß, der 1840 in Damaskus stattfand, von einer ״Menge authentischer Ritualmordfällc“ gesprochen und die rituelle Schlachtmethode als Freude an Quälerei hingestellt. Der Generalstaatsanwalt bemerkte, die sechs Anklagepunkte zeugten keineswegs von einem Wunsch der Krone (d. h. der Staatsanwaltschaft), einen ungerechtfertigten Dnrck auf die Angeklagten auszuüben, sondern von dem Wunsch, dem Richter die Möglichkeit zti geben, über dm Fall nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen zu urteilen. Absicht von Leese sei es gewesen, die friedlichen Bc/iehungen zwischen den Juden und ihren Mitbürgern zu stören und <111־ Juden Verdächtigungen und wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Boykottierung auszuliefern. Unter Hinweis auf die Stelle, in der von Sterilisierung der Juden die Rede ist, erklärte der (ieueralsfaatsanwalt, ein solcher Vorschlag wirke außerordentlich aufreizend. Der ganze Passus stelle die betreffenden Menschen als Träger so unerhörter Charaktereigenschaften dar, daß in jedem gewöhnliehen Menschen der Wunsch erweckt wird, sie auszurotten oder aus dem Lande zu treiben. Zum Schluß bemerkte der Staatsanwalt, die in der Zeitung enthaltene Aufforderung, niemals von Juden zu kaufen, niemals Juden zu beschäftigen und alles zu tun, um ״die jüdische Invasion in unser Land“ aufzuhalten, stelle direkte Aufreizung zum Boykott eines großen Teiles der Bevölkerung dar. Die Angeklagten Leese und Whitehcad erklärten sich in bezug auf alle Punkte der Anklage als nichtschuldig. Der Vorsitzende machte die Geschworenen darauf aufmerksam, daß ihre politischen Ueberzeugungeii bei dem gegenwärtigen Fall keine Rolle spielen dürften. Vielmehr müsse die Frage von Schuld oder Niehfsriiuld aus seit ließ lieh auf Grund des Beweisverfahrens geklärt werden. Der Prozeß, in dem zum erstenmal Verleumdung einer Religionsgemeinschaft Gegenstand der Anklage ist, wurde sodann auf den 21. September vertagt. Das Urteil London, 21. September. (JTA.) Der Herausgeber Leese wurde zu 6 Monaten Gefängnis, der Drucker Walter Whitehead zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Juden in Oesterreich Von unserem Berichterstatter Türkische Wien, 20. September 1936 Dia allgemeine Lage Allgemein kann man bei einer retrospektiven Betrachtung über das zu Lude gegangene jüdische Kalenderjahr sagen, daß sein Ablauf für die österreichische Judenschaft vor allem durch eine absolute Ruhe charakterisiert erscheint. Die pohtische Lage der Juden hat sich im wesentlichen innerhalb dieses Jahres n i c 11t verschlechtert; man kann bei etwas optimistischer Beurteilung sogar eher von einer gewissen Befestigung jener Grundprinzipien in der österreichischen Staatsverfassung spreeben, die nach wie vor die bürgerliche Gleichheit der Juden gewährleisten und ihre Stellung als Staatsbi'irger den übrigen Bewohnern als gleichberechtigt verbürgen. Das Treubekenntnis der österreichischen Regierung zu dieser Verfassung und deren Grundsätzen bei mehrmaligen Gelegenheiten, hat nicht zuletzt bewirkt, daß diese Prinzipien der Verfassung auch in bezug auf die jüdische Bevölkerung im abgelaufenen Jahre in keiner Weise an getastet wurden, obwohl es an zahlreichen Versuchen gerade in diesem Jahre nicht gefehlt hat, die österreichische Judenfrage in einer entgegengesetzten Weise und Tendenz auf/urollen. Gerade zu Beginn des Jahres 1936 und in den folgenden Monaten hatten wir von einer systematisch in Wort und Schrift geführten Kampagne zu berichten, die vornehmlich von katholischer Seite ausging, die nach einer ״Ordnung in der iudenfrage“ drängte und ihre ״Lösung“ bald nach der einen, ald nach der anderen Methode forderten, deren gemeinsamer Nenner schließlich doch auf die Minderung der jüdischen Rechte hinauslief. Dessenungeachtet gilt auch heute hei dieser Betrachtung der fundamentale Satz, der im Grunde genommen das vitalste Lebensrecht des jüdischen Volksteils in diesem Lande enthält: Die Juden Oesterreichs sind nach der österreichischen Bundesverfassung vom Mai 1931, die nach wie vor als Basis der österreichischen Innenpolitik gilt, allen anderen Bürgern dieses Staates gleich# es teilt, sie haben die gleieben Pflichten und genießen die gleichen Rechte als Staatsbürger. Sie erfreuen sich nach wie vor des Schutzes der verfassungsmäßig verbrieften und durch Minderheiten-Klauseln im österreichischen Friedens vertrag von St. G e r m a i 11 verankerten b ü r - ge r liehen Gleichberechtigung, eine Tatsache, die nicht genug unterstrichen und betont zu werdet! verdient, wobei nicht verschwiegen werden soll, daß gleichzeitig der Ausstoßungsprozeß, des jüdischen Elements auf w i f tschaftlichcm Gebiete auch im abgclaufcnen Jahre leider einen weiteren, noch immer nicht zum Stillstand gebrachten Umfang genommen hat. Die wirtach*fUiche Situation Wenn man von einer gewissen Stabilisierung der österreichischen Judenfrage gerade im letzten Teil des jüdischen Kalenderjahres berichten kann, so hat diese nicht zum geringsten Teil ihre Wurzel auch in der allgemein fortschreitenden Normalisierung der politischen Verhältnisse im Bundesstaat Oesterreich, wo die Konsolidierung der Kräfte gerade in diesem Jahre bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat. Das im Juli dieses Jahres abgeschlossene Fricdcnsabkommen mit dem Deutschen Reich wurde bereits an dieser Stelle gewürdigt. Am wesentlichsten zu dieser Stabilisierung hat der überraschende wirtschaftliche Aufstieg des Landes beigetragen, der in erster Linie durch eine alle Erwartungen übertroffene günstige Fremden- Saison bewirkt wurde. Dieser österreichische Wirtschaftszweig, dessen eminente Bedeutung für die wirtschaftliche und lallfurelle Lebensexistenz des österreichischen Staates erst in den letzten Jahren in seiner ganzen Tragweite erkannt, dann aber von Staats wegen in großzügigster Weise gefördert wurde, hat sich in der Tat als das stärkste österreichische Aktivum erwiesen. Es ist in diesem Zusammenhänge für den jüdischen Standpunkt zweifellos von Inte!esse, zu untersuchen, inwieweit dieser Freiiulen/.usfroin auch zu einer Besserung der wirtschaftlichen I. a ״ e d e r j t! d i s e!1 e 11 Bevölkernng beitrug, von der wir gerade im allgelaufenen Jahr allzu oft berichten mußten, daß ihr wirtsdiaftlich-sozialer Niedergang geradezu katastrophale Formen angenommen hat. Nun ist zunächst festzustelien, daß der so hegrülk-nswerte Fremdensegen vor allem den Provin/lüiidem, in erster Linie Salzburg, Tirol, Kärnten zugute kam, Gebiete n also, w o b e k a 11 1111 i c 11 J 11 d e 11 in ei 11 e r ver s c!1 w i n - elend kleinen Zahl leben, wobei noch deren Schiebfung eine solche ist, daß sie weder in der Hotel-, noch in der Pensionsbranclie irgendeine besondere Rolle spielen, also zu der! unmittelbaren Nutznießern der Fremdensaison zählen. Insofern die Fremden einen regeren (icschäft-uMiig beeinflußten, haben selbstverständlich auch die wenigen jüdischen Geschäfte in Salzburg, Innsbruck oder Klagcnfurt einen Vorteil zu verzeichnen, wobei fcsl/uhaltvii ist, daß unter den Besuchern der Salzburger Festspiele Juden nicht gerade den geringsten Teil bilden. Wesentlich anders wirkt(' sich dieser Fremden- Zustrom auf das (icscliäfisiebcu in der Bundeshauptstadt Wien aus, wo ja der jüdische Wirl-cliaft.-scLtor in den allgemeinen organisch eingebaut ist und eine bemerkenswerte Belebung erfahren konnte. So erfreulich manche dieser lirselu innngen auch sind, sie helfen leider nicht darüber hinweg, daß Wiens judenschaft und damit der überwiegende Teil des österreichischen Judentlims auch im abgelaufeiieri Jahre unter zahlreichen schmerzliehen wirtschaftlichen I: r ״s c 11 ü 11 e r u n g e n zu leiden halte. Hier sei vor allem an den Z u s a m in e n b r u c h der ״P11 ö 11 i x“ -Versicherung« g e s e I I s c Haft erinnert, der durch die Tatsache, daß auch Juden in führender Stellung tätig waren, zu einer antisemitischen Kampagne geführt hat, der allerdings der Bundeskanzler mit unzw eideutigen Erklärungen im Staatsrat energisch entgegentrat. Allein wirtschaftheh hat der Zusammenbruch gerade dieses Unternehmens mit seinen mehreren hundert jüdischen Angestellten — war doch der ״Phönix“ das einzige große Unternehmen, das verhältnismäßig eine hohe Anzahl von Juden in allen Posiliotien beschäftigte — weiten Kreisen der jüdischen Bevülkerung einen Stoß versetzt und zahllose jüdische Existenzen vollständig vernichtet. Das abgelaufcne Jahr hat auch vorher nie gekannte Proletarisierung der jüdischen In• teile ktuellen gebracht; so vor allem der Acrzte, Anwalte und Vertreter der freien Berufe, wobei noch die Frage der Ausbildung der jüdischen Jungärzte eine weitere Verschärfung erfahren hat. Todesfall Hier ist der einst in der zionistischen Bewegung Ostgali'ziens sehr aktive Zionist David Schönfeld im 84. Lebensjahr gestorben. David Schönfeld stammte aus Lemberg und war einer der ersten zionistischen Pioniere Osfgaiizicns. Gemeinsam mit den Führern der ost gab zischen Zionisten Adolt Stand, Zipper 11. a. stand der Verstorbene jahrelang an der Spitze der ostgalizischen Zionisten. Er gründete die ״Kredit- Union“, die erste zionistische Bank in Lernberg, deren erster Präsident er auch war.