Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 74-75 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.17 KINDER-RUNDSCHAU Seite 3 DER AUSREISSER Ein Ferien - Erlebnis und seine Folgen ״Und nun muß Mirjam erzählen״, sagte Eva zu ihrer Gruppe, die heute das erstemal nach den Ferien bei einem Heimnachmittag zusammensaß. Es waren fünf Mädel und vier Jungen. Eben hatte Michael eine aufregende Fahrtengeschichte zum besten gegeben, die er mit einer anderen Gruppe erlebt hatte, und jetzt sahen alle gespannt Mirjam an, da sie wußten, daß sie ein besonderes Erlebnis mit nach Haus gebracht hat. Es war so gemütlich in ihrem Heim. Anstatt auf steifen Stühlen saßen sie alle auf einem großen Bastteppich, vor den Fenstern hingen seibstangefertigte Blumenbretter mit leuchtenden Blumen, die von allen gemeinsam gepflegt werden. ״Ihr wißt doch״, fing Mirjam zu erzählen an, ״daß ich mit meinem Bruder in Holland war, und zwar in einem großen Kinderheim an der Nordsee. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, in ein Heim zu fahren, ich wäre doch viel lieber mit euch auf große Fahrt gekommen, aber da mein Bruder nicht r Ich sah schon von weitem auf einem Feld eine Gruppe Mädel und Jungen Anstatt auf steifen Stählen saßen sie alle auf einem großen Bastteppich allein im Heim sein sollte, fuhren wir zusammen. Es war schon eine lustige Fahrt, ein richtiger Kinderzug! Wie wir fuhren viele an die See, und wir waren eine Gruppe von zehn Kindern, die alle in dasselbe Heim fuhren. Wir spielten unterwegs mit den Kleinen. Als wir endlich in unser Heim kamen, waren wir alle so todmüde, daß wir uns gar nicht Umsehen konnten, wir wollten nur schnell schlafen gehen, um uns tüchtig auszuruhen. Zuerst gefiel es mir großartig! Ich schlief mit drei Kleinen in einem Zimmer zusammen, für die ich auch sorgen mußte, und das machte mir viel Spaß. Und dann könnt ihr euch denken, das Meer! Ich sah es zum erstenmal, und als ich am ersten Tag über die Dünen zum Meer lief — denn langsam konnte ich nicht gehen, so voller Erwartung war ich wurde ich ganz still vor Staunen und Freude. Es war aber auch zu schön! Wir spielten, schwammen und tobten uns alle richtig aus. Aber nachdem die ersten zwei Wochen vorüber waren, fing ich mich doch an, nach euch allen zu bangen. Hier gab es nur kleinere Kinder, alle bedeutend jünger als ich, sie kannten keine hebräischen Lieder, tanzten nicht Horräh, ich konnte mich mit ihnen nicht über all die Dinge unterhalten, die mich interessieren, keiner wußte etwas von Pa astina, und allmählich begann ich mich sehr unbehaglich zu fühlen und die Tage zu zählen, bis ich wieder bei euch sein könnte. Aber es sollte noch ganz anders kommen, und das will ich euch erzählen. Es war an einem Freitagmorgen, wir wollten gerade nach dem Frühstück an den Strand gehen, als ich noch einmal zurückgeschickt wurde, um einige Schaufeln zu holen; wir wollten mit fei1 gtand plötzlich mutterseelenallein 4m den Kleinen einen großen Tunnel bauen. Ich lief auch schnell zurück, aber als ich mit meinen Schaufein an die Stelle kam, wo alle auf mich warten wollten, war die ganze Gesellschaft schon fort, und ich stand plötzlich mutterseelenallein da. Denkt ihr, daß ich mich geärgert habe? Nicht im geringsten! Ich dachte gar nicht daran, ihnen nachzugehen, sondern überlegte schnell, wie ich mir einige Stunden Freiheit schaffen und machen könnte, was ich wollte. Ich war ganz glücklich bei dem Gedanken, trug die Schaufeln behutsam, ohne daß mich jemand erwischte, in die Laube unseres Gartens zurück und machte mich auf den Weg. Zuerst lief ich ganz schnell, aber als ich merkte, daß niemand hinter mir her kam, blieb ich stehen, um auszuruhen und ai überlegen, wohin ich eigentlich wollte. Aber da ich die nähere Umgebung unseres Heimes gar nicht kannte — wir gingen ja immer nur ans Meer —, war es ganz egal, welchen Weg ich einschlug; die Hauptsache, ich machte: wieder einmal eine kleine Fahrt, konnte mich richtig auslaufen, sah neue Wege und unbekannte Gegenden. Nachdem ich mir das so zurechtgelegt hatte, setzte ich meinen Weg fort und fing vor lauter Freude über meine unverhoffte Freiheit zu singen an. Es war auch zu schön! Bald war ich aus dem Dorf heraus, i!1 dem unser Heim lag. Die sauberen, freundlichen Häuschen lagen hinter mir, nun konnte es riehfig losgehen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gelaufen war, vielleicht aber gute zwei Stunden, als ich vor mir einen schmalen Waldstreifen liegen sah, der von beiden Seiten von grünen Feldern eingerahmt war. Das erschien mir sehr interessant; denn in dieser Gegend gab es selten Waldstrecken; Dünen, Wasser, weite Wiesen, aber wenig Wald. Es lockte mich, durch diesen Wald zu gehen, und vielleicht lag hinter dem Wald wieder eine ganz andere Landschaft, die neue Ueberraschungen bot. Ich war ganz gespannt und merkte auch zuerst gar nicht, wie ich allmählich doch anfing, etwas langsamer zu gehen, da ich müde wurde. Der Wald war länger, als ich zuerst glaubte, und ich mußte mich mehrere Male hinsetzen, um auszuruhen. Aber meine Neugier war doch weit stärker als alle Müdigkeit, ich raffte mich bald auf und hatte endlich den ganzen Weg durch den einsamen Wald geschafft. Nun mußte es schon Zeit sein, um Mittag zu essen. Ich hatte zwar keine Uhr, aber an meinem Magenknurren merkte ich, wieviel die Stunde geschlagen hatte. Doch ich wollte noch nicht umkehren, bevor ich mir nicht alles, was hinter dem Wald lag, genau angesehen hatte. Ich bin auf dem ganzen Weg nur wenigen Menschen beg eg net, und das war mir gerade recht; ich wollte ja einmal das Alleinsein auskosten. Nun sah ich gleich am Ende des Waldes vor mir ein entzückendes Dörfchen liegen mit Blumengärtchen vor jedem Haus. Es lag so schmuck und sauber inmitten der Blumen, daß ich noch bis zu dem Dorf wollte, und dann mußte ich ja an den Rückweg denken. Es macht mir ja soviel Spaß, euch davon zu erzählen — meinte Mirjam weiter —, daß ich gar nicht weiß, wie schnell ich anfangen kann. Also, ich ging an den Feldern entlang, die zu dem Dorf führten, und sah schon von weitem auf einem Feld eine große Gruppe Mädel und Jungen, alle in kurzen Hosen und hellen Arbeitsblusen. Ihr könnt euch gar nicht vorstdien, wie sehr ich staunte, als ich sie singen hörte, und müßt ihr was? ״Anu olim arza ״..״ Ich war 80 vollkommen erschlagen, daß ich zuerst stehen blieb und ganz verdutzt zuhörte. Aber dann fiel es mir wie Sdiuppen von Es wurde viel gesungen und llorrah getanzt