Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 74-75 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653993--29493-2691025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 74/75, 16. IX. 1936 Die Erwählung Israels Von Oskar Wolfsberg In einer Reihe von Aufsätzen wurde im Laufe der letzten beiden Jahre hier der Versuch gewagt, Werte Und fundamentale* Hegrif 10 des Judentums zu umreilien und erueut zu prillen. Fs ist 1u1umgün״lirh, innerhalb dieser Folge auch dem (ledanken der Erwählung des Volkes, däs von Gott סגולה genannt wird, nach zu gehen und seinen Sinn für unsere Tage aufzuspürcu. Viel ist über den Hegriff des ״auserwählten Volkes“ gesagt worden. Mandl mal wurde er mit naivem Stolz aufgenommen und ohne Bedenken in seiner uneingeschränkten Bejahung unterstrichen, zuweilen in apologetischer Ueber* Spannung furchtsam bis zum Verschwinden himveginterpretiert. Von seiten uuseier Gegner war die Erwählung Gegenstand immer erneuter Angriffe; sie schienen ihnen sprechendster Ausdruck historischen, ja nielaphvsiscben Hochmuts. Hermann Cohen, dem wir in wichtigen Formulierungen folgen können, betont, dali die üuttesliebe zu Israel von dem Verdicht gereinigt werden müsse, als bilde sie eine Anomalie gegen die ausnahmslose Menschenliebe Ciottcs. Die Besonderheit hängt mit unserem Dienst am Monothcismus zusammen, dem wir in exzeptioneller Weise verpflichtet und verbunden sind. Wir sind nur Symbol und Vorbild der Menschheit, der ungeteilt die Liebe Gottes gilt, der Menschheit, die erst w i r d, die nur der Monotheismus konstituieren kann, im Dienste dieser Aufgabe ist Israel kein Volk wie andere Völker, sondern heiliges Pricstervolk des Monotheismus. In Israel liebt Gott also nur — gleichsam konkret — die Menschheit. Eng verbunden mit der monotheistischen Sendung — wie überall im Systeme Hermann Cohens — ist auch hier die m e s s i a!! i s c!1 e Idee. Die Erwählung Israels ist keine aktuelle: sie ist uiessianiscli, sie meint das Ziel der Ge• schichte, nicht aber, wie Gegner glauben, zur Verherrlichung des jüdischen Volkes, sondern der (icsa mtli ei t. Ohne die historische Grundbedeutung der Erwählung ganz aussclialteii zu wollen, ak/onuiiert Hermann Cohen die Ueberwindung der nationalen ■Schranke durch den ethischen Rigorismus und vor allem die Bedeutung der Kehrseite des Begriffs. Die Erwählung wird bei den Propheten (insbesondere Anios) zum Prärogativ der Bestrafung. Wie die Individuen, so leiden auch die Völker — in diesem Fall ein Volk -.- .stellvertretend; jene für iln Zeitalter, diese für die Menschheit iilterh.inpt. Wiederum wird < fottes besondere, hier strenge, Beziehung zu einem Volke durch den Ausblick auf die messianischc Zeit gerechtfertigt. Es sind יסורין של אהבה, Leiden, die aus besonderer Liebe stammen. Nicht folgen können wir Cohen in der üleichsetzung: Israel --׳ die Armen, I }.־!durch wird die Problemstellung ganz, ins Soziale hinüber:׳!•-pidt und des geschichtlichen Charakters noch mehr entkleidet, als es ■wlion durch die starke Theologisierung geschah. Auch dem kann ich nicht beistimmen, dal) der Gedanke der Erwählung, als vornehmlich deutcronomistisch, an der Grenze der politischen Seibständigkeit entstanden sei und deshalb viel patriotische Wehmut einschliefie. Hier kommt Cohens Ideologie zum Durchbruch, sein politisches Bekenntnis, daß cs mit der aktiven nationalen Rolle des jüdischen Volkes längst zu Ende sei. (Dabei übersieht er, schlicht geschichtlich, die Zeit des zweiten Staates.) Die Bedeutung des Erwählungsgcdankens für Gegenwart und Zukunft stützt sich nun gewiß a u c h auf die von Cohen hervorgekobene Linie: Monotheismus — Messianismus und auf Israels Sendung, Träger des bedeutsamsten monotheistischen Instruments der Geschichte zu sei11: Träger der Thora. Die Verworrenheit unserer Zeit mit Rücksicht aut Weg und Ziel der Menschheit erhöht die Rolle eines besonderen nationalen Individuums als einer historischen Tat- Sache und die Funktion des Begriffs der Erwählung als eines gedanklichen Pfeilers im Rahmen der Geschichtsphilo- Sophie. Es ist, oder wäre, von höniisiem Wert, wenn heute das jüdische Volk nicht nur auf seinen religiösen Besitz, auf eine Tradition, eines geläuterten Erwählungsgedankens, dessen tragischer Zeuge es selbst ist, Hinweisen könnte, sondern aus der Fülle seiner Erbschaft diesem Gedanken erneut aktuelle Form geben und in seinem Verhalten überzeugende Beweiskraft verleihen könnte. Wieder ist eine Fülle der Schmerzen und Leiden über uns gebreitet, aber ihnen entspricht nicht sichtbarlich genug die sittliche Kraft so hoch- Stehender Menschen, daß keim! andere Deutung als die des Stellvertretenden Leides übrigbleibt. Die besondere Aufgabe des auserwahifen Volkes in unseren Tagt 11, der Sinn des Lnvählungsgedaiikens kann heute nur Erfüllung finden, wenn wir in einem entscheidenden Punkte von I Irrm nui b!1!n1׳n Linie a 11 1v eich c n. Der Li11tritt des jüdischen Vdkes in den Kreis der historischen Aktivität, seine, *reih. 11 spe/i1is,i1e, Teilnahme an den Ent- Scheidun gen und (le.-.t.'iltiuigeu der Geschuhte erst werden eine Akiiialisienmg des Anspruches auf Frw ,ihlung gestatten. Das Leid, das st!!!vertretende, erhalt erst in der Phase unserer kniaN-aii. e v׳!m 11 vollen Sinngehalt. Der Zwang in die Wieder;;ebui 1 hinein 1-t mit all den (,) 11 a I e 11 und üefahren einer (1 r b u r t verbunden, ja vielleicht stellt dieses Ciesfheiun eine ticiln re Stufe der Bedrohung dar. Unsere Auferstell sing fallt in eine Epoche m hu erster weltgeschichtlicher Auseinander'!;/un :> n und Univ .'1:/!!n;;e:1, deren Rc'-u.tat nicht abzusehen ist. Keiner weiß, oh diesem chaotischen Wogen eine Neuordnung, ein Plus an politischer und gesellschaftlicher Stabilität und 'Reife folgen wird. So ernst und besorgniserregend ist der Rahmen unseres Versuches. In unserem Lande selbst sind uns Fragen gestellt, deren Beantwortung ein Höchstmaß von nationalem Ethos und politischer Begabung erfordert. Wir sind nicht in einen leeren Raum gekommen, sondern finden ein Nachbarvolk vor. Das Zusammenleben mit ihm ist die gestellte Aufgabe, die Auf- Weisung friedlicher Wege wird von uns verlangt. Innerhalb unseres Volkes harren unser nicht geringere Probleme der Lösung. Wir sollen aus den Gefahren uns lösen, die uns überall umdrohen. Wir müssen der Assimilation entkommen, die uns noch auflauert. Wir müssen zu einem Voik^^ugammenwachscn und den divergierenden Tendenzen erfolJB^i die Sammlung der Nation als Parole und Tat entgegenfPiCn. Der Weg zur Synthese der großen Losungen muß fefunded und gegangen wfreien: Vergangenheit (religiöse Traition), Gegenwart (nationales Ideal) und Zukunft (Neubau der Gesellschaft) dürfen nicht endgültig auseinanderfallcn. innen und nach außen bedarf es des konstruktfveö Weges. Wir sind nicht Sklaven des Tages, nicht des gestrigen, nicht des heutigen. Wir beugen uns nicht jeder Losung, weil sie neu ist, aber verachten sie auch nicht, weil sie erstmalig auf den Plan tritt. Wir halten uns den Idealen des vergangenen Jahrhunderts nicht verschrieben, aber wir verkennen nicht ihren zeitgebundenen und, wo er sich erweist, Ihren überzeitlichen Wert. Nicht alles ist in den Abgrund gesenkt. Hüten wir uns vor der Mode,, wo immer sie sich meldet! Sie entstammt allzu oft der Ermüdung, der Er- Schöpfung, der Blasiertheit. Wo sich eine Ueberzeugung häutet, nur weil die Saison verstrichen ist und die sensationshungrige Masse, die im Grunde so arm ist, auf neue Reize für den abgestumpften Geschmackssinn «׳artet, da ist nicht der Ort für unsere geschichtlichen (im Geiste des Messianismus) Aspirationen. Aus einem neuen Standardwerk BUSSTAG / Von Max Brod Mit Genehmigung des Jüdischen Verlages entnehmen wir dem soeben erschienenen inhaltsreichen und großartig, ausgeslat• teten Sammelwerk ״Jüdisches Fest — Jüdischer Brauch“, herausgegeben von Friedrich T hiebet ger und Fl sc ]1 a b i n, den nachstehenden Abschnitt. Auf das Buch, das eine der begrüßenswertesten Erscheinungen der jüdischen Buchproduktion Deutschlands darstellt, werden wir noch ausführlich zurückkommen. (Red.) Es ist jüdische Sitte, in den zehn Bußtagen zwischen Neujahr und Versöhmingsfcst die Gräber der großen Weisen und Lehrer unseres Volkes zu besuchen. — Ein ostjüdischer Freund fordert mich auf, mit ihm auf den alten Prager Friedhof zu gelten. Nicht auf jenen berühmten Friedhof an der Moldau, der den Fremden als Sehenswürdigkeit vorgezeigt wird. Auf jenen stilleren, halbvergessenen, der knapp vor dem neuen Friedhof benützt wurde. Diese Gräber- Stätte ist gleichsam selbst begraben, zwischen neue Häuserviertel eingesunken. Vereinzelte Familien suchen da noch ihre Großeltern auf. Im übrigen herrscht wahrhaftes Todesschweigen in seinen Mauern. Noch nicht alt genug, um historisch zu sein, nicht mehr neu genug, um im lebendigen Gedächtnis unserer Generation zu stehen — so führt dieser Friedhof ein unrühmliches verlassenes Dasein. Hier ist das Sterben mitten im Stadtlärm nochmals gestorben. Hier ist jeder ״Betrieb“ zu Ende, antiquarischer und aktueller. Diese Insel gehört dem Schweigen, den Steinen und dem Gras... Wir treten ein. Oede Parkwege im wehenden Herbstsonnenlicht. Noch nicht so gründlich verwahrlost, daß neues Naturleben aus vermorschten Stämmen aufsprießen könnte. Vielmehr ist durch Aufräumen und Ordnung der Eindruck der Leblosigkeit noch verstärkt. Gräser und, Grabsteine wetteifern aÄ Starrheit miteinander. Doch plötzlich klingt in diese Stille ein leises Geräusch hinter Gesträuch hervor. Ein weinender Gesang, dem wir folgen, der anschwillt und uns zu einer seltsamen Gruppe leitet: Mitten zwischen halbverblichenen Steinplatten im Gestrüpp und auf einem schmalen Weg beten polnische Juden inbrünstig an einem Grabmal. Es ist die letzte Ruhestätte des Prager Oberrabbiners und Gelehrten Ezechiel Landau. — Daß wir Juden eine uns eigentümliche Art von Grabsteine bereits ausgebildet hatten, daß unsere schweren, oben halbkreisförmig abgerundeten Blöcke, deren Form an die legendären Umrisse der Sinaitafeln gemahnte, dah unsere großartig ernsten Quadratsohrift-Typcn, nicht eingeritzt und goldglitzernd, sondern reliefartig sich vorbuckelnd wie mahnende Augenbrauen, mit schwarzer Farbe gewichtig aus der Steinfläche hervorgehoben, daß unsere biblischen Inschriften im traditionellen Musiv-Hebräisch einen besonderen, charakteristischen Adel der Grabstätte schufen: wer tragt danach? Vor dem Grabe Jecheskel Landaus wird es mir erst wieder bewußt, vor diesem gleichsam organisch gewachsenen, echt jüdischen Stein mit seinem Levitenwappen zwischen zwei Löwen, mit der hebräischen Inschrift: Jecheskel, Sohn des Jehuda Landau Halcvi, Rabbi zu Prag, der berühmte Vorfasscr des Buches Noda-bi-Jehuda (״Bekannt in Juda“), öericfitsvorsteher, der Bescheidene und wegen seiner Weisheit in der ganzen Zerstreuung Israels Gerühmte. Wir fordern alle Vorübergehenden auf, vor dem Grabe ihr stilles Gespräch mit Gott auszuschütten usw. Diese Aufforderung, jahrzehntelang ins Leere gesprochen, hat endlich ihre Leute gefunden. Die Ostjuden sind nach Prag gekommen. — Da stehn sie. Ein junger, schmaler Mann mit rotem Vollbart. Neben ihm ein Greis mit gedrungener männlicher Statur, durchsichtig verklärten Antlitzes. Beide in Kaftan mit Gürtel, beide mit parallelen Bewegungen, über ihre Hüften hin bald rechts, bald links zur Seite geneigt.. Ihre Stimmen schwellen gemeinsam an und verlieren sich wieder in leises Gesclmörkel der eigentümlichen Melodie. Wie sie da gemeinsam beten, möchte inan glauben, dal, sie unzertrennlich zusammengehören. Dann aber schließt der Jüngere und entfernt sich langsam, ohne Groß. Sie kennen einander vielleicht gar nicht. Nur im Gebet, im Geiste waren sie vereinigt... t!m eine geistige Angelegenheit handelt es sich, das bemerke ich bald. — Nun erscheinen zwei gali/isclie Judentrauen in jener Tracht, die uns an Jüdinnen so durchaus ungewohnt erscheint. Im Kopftuch, unter dem der ״Scheitel“ (die Perücke) hervorlugt, ein schlichtes Tuch um die Schultern gelegt. Rock und Jacke, wie sic Bäuerinnen tragen. Fast möchte man sie wirklich für Bäuerinnen aus der Umgehörig Prags halten. Aber wenn man in die von tiefen Furchen entstellten, müden Züge naher hineinscliaut, was strahlt uns entgegen: das Auge unserer Mütter und Großmütter, die einfache, häusliche, sorgenvolle Miene der jiidisehen Hausfrau, die über unsern Kindertagen aufging. Und nun haben die beiden Frauen aus ihren Tüchern uralte zerschlissene Gebetbücher, Bücher, so braun und formlos wie gefallenes, faulendes Laub, hervorgeholt. Ihre lauten Klagerufe mischen sich in die ruhigeren Männerstimmen. Auch die Männer singen jetzt lauter. Weinen und Schluchzen ertönt...! , . . Das jüdische Volk gedenkt des Andenkens eines Großen in Israel. Und Scham erfaßt mich, wie Ich hier neben meinen östlichen Brüdern stehe. Lebe ich nicht seit drei Dezennien und länger in Prag, ohne von dein Vorhandensein dieses Grabes eine Ahnung zu haben ... Aus der Ferne, von Galizien, mußten Flüchtlinge kommen, um mich an die Größe eines Juden, der in meiner Heimatstadt gewirkt hat, zu erinnern... Mit einer Unmittelbarkeit, die das Erschütternde dieser Szene ist, empfinden sie den großen Frommen als einer! der ihren, bei ihm suchen sie mit rührendem Vertrauen Trost und Hilfe. Ein Führer war er dem Volke, solange er lebte. Das Volk hat ihm auch im Tode die Treue bewahrt. Dieses durchaus erlebte, hingebungsvolle Vertrauen, diese volkstümliche Unterordnung unter den Geist, unter die geistige Größe und Führerschaft, dieser willige, liebevolle Respekf vor dem bedeutenden Genius, diese allerdirekteste Beziehung zur Literatur: wo findet inan das noch aut Gottes weiter Erde, außer bei Juden, freilich bei den ״modet-nen“ Juden schon in wesentlich geringerem Maße als bei den chassidisclien? in der Vorrede des Maimonides zum Seder Seraim heißt es: ״Der Zweck der Welt und alles dessen, was sich darin befindet, ist: Ein weiser und guter Mann.“ Und Maimonides erläutert dies durch einen paradoxen Satz aus dem Traktat Bcrachot (58 a): ״Als der Sohn des Soma auf dem Berge des Tempels stand und die Israeliten zur Feier hinaufsteigen sah, sagte er: Gesegnet sei, der alle diese_ erschaffen hat, um mir zu dienen. — Denn er, Friede sei mit ihm, war der Größte seines Zeitalters.“ —■ Nicht schärfer konnte die um den Geist zentrierte jüdische Weltanschauung formuliert werden. Denn aus den Worten des Rabbi spricht keineswegs irgendwelche Ueberheblichkeit. Demut galt ja stets als Zeichen des Weisen bei uns. Nur die schlichte Einsicht, daß Geist und Güte den einzigen Sinn des Daseins aller Wesen ausmachen, drückt Ben Soma in kühnster Form aus. Und als ein lebendiges Beispiel für diesen Satz fühle Ich die Bußtagsszene auf dem menschenleeren Friedhof. — Wie sie sieh beugen, wie sie den teuren Grabslein küssen! Der Hügel ist mit kleinen Zetteln (״Quitteln“) übersät. Regen hat die Schrift, die Wünsche verwischt. Mag das Papier modern; solange Ostjuden in Prag sind, wird es diesem Grab nicht an Besuchern, kleinen Sternchen und hingelegten Grasbüscheln fehlen. Die vornehmen antiken Tempclchen und Sarkophage einiger Prager Millionärsfamilien stehen unbeachtet beiseite. Dem Geiste, dem Geiste wird Ehrfurcht und ewigjunger Dank gezollt. Mag sein, daß Ezechiel Landaus Ansichten uns Heutige fremdartig, ja bekämpfenswert anmuten würden — wenn sie uns bekannt wären! Aber auch diese Ostjuden stimmen ja durchaus nicht mit ihm überein. War er doch ein ״Misnagid“, ein Feind des Chassidismus... Es wird erzählt, daß seine Mutter trotzdem Anhängerin des Baalscbem war und häufig zu diesem fuhr. Natürlich fürchtete sie jedesmal, daß ihr der Baalschem Ue'bles über ihren Sohn sagen würBe. Um so größer war ihr Erstaunen, als er eines Tages in sanftem Tone zu ihr sprach: ״Weißt du auch, daß auf deinem Sohne ein Drittel der Welt steht?“ Es ist die absolute Potenz des Geistes und der reinen Gesinnung, vor der der echte Jude sich beugt — von Meimmgsverschiedenheiten ganz, abgesehen. Der Baalschem in dieser Geschichte, die Ostjuden am Grabe ihres großen Gegners — es ist stets dasselbe Leitmotiv der Verehrung echter Geistesgröße. Wir können das Rad nicht zurückdrehcn. Die Beter am Grabe, die vielleicht nicht ganz frei von abergläubischer Ichsucht sind, können uns kein Beispiel sein. Aber wer hindert uns, in unserer Art und W e i s e dasselbe unmitteibare innige Verhältnis zur geistigen Vergangenheit Israels zu suchen wie sie? Haben wir immer unsere Pflicht gegen den jüdischen und gegen den allinenschlichen Geist getan? — Wenn wir mit dieser Frage in der Seele zur Zeit der Bußtage die Gräber unserer Gcisteslielden aufsuchten: wer weiß, ob es dann nicht in der Tat wahre ״Bußtage“ für uns würden? Unser Teil ist, den langen, der! schweren Weg zu gehen, im Aufbau unseres eigenen nationalen Lehens die Rerlile des unmittelbaren Nachbarn zu achten, zu fördern, miserem Werk bewußt einen Doppelsinn zu geben: es soll unser Volk befreien und zum geschichtlichen Schöpfertum wieder befähigen, dies aber als Beitrag für Völkerfrieden und -glück. Frieden und Glück aber sind kein schwächliches Zu- Stands bild idyllischen Schlaraffentums, sondern sind gekettet an Erhöhung der sittlichen und religiösen Werte, die über das bloße, wenn auch ernste Bekenntnis hinaus echteste Gesinnutig und «leiste Tat werden müssen. So mag das Wort von der Erwählung Israels noch einmal geschichtlich aktuell werden. Das neue Schodken-Almanadi Almartach des Schocken-Verlags auf das Jahr 5697 (1936/37), Berlin, Die bisheT erschienenen drei Alinanadie des Schocken- Verlags waren ״best-seller“, weil sie billig und gut waren, und dieser neue ist es nicht minder. Solch ein Almanach ist sonst nicht viel mehr als eine jährlich erscheinende, mit einigen Hors d’oeuvres des neuen Verlagsjahrs illustrierte Hauszeitung dieses oder jenes Unternehmens, aber da unser Haus ja sehr enge und dieser Verlag sehr weit geworden ist, so gibt sein Almanach uns von allem uns ans Herz Gehenden einen Extrakt und jedem etwas Besonderes. Da sind Talmud und Ghetto, alte Pijutim und neue Gedichte, Archäologie und Geschichte, Erzählung und Deutung, Briefe und Statistik und was man nur will. Baeck und Buber übertragen und bringen uns Midraschim näher, Goitein gibt eine historische Skizze über die Herkunft der palästinensischen Araber, Erich Brauer eine recht augenscheinliche Schilderung palästinensischer Fellachen, Adolf Reifenberg einen knappen Fundbericht mit zwei Bildern von Nawc, einer antiken jiidisehen Stadt, Leo Baeck stellt in ״Die Wüste“ Palästina und Hellas einander gegenüber, und eine Aeußorung Ernst Curtiiis’ nebst einem Brief von Jacob Bernays sind besondere Zeugnisse zum gleichen Thema. Das ewig Aktuelle kommt in besonders schöner, edler Gestalt zur Geltung. Karl Wolfskehl, der in einer Prosaskizze ״Das jüdische Geheimnis“ eine große Gesamtschau des Judentums: ״voll Wirklichkeit und durchaus Idee“ kurz aufleuchtcn läßt, vermittelt in deutschen Umdichtungen geistliche hebräische Dichtungen und ergänzt sein eignes lyrisches Werk mit neuen Versen. Hier muß gesagt werden, wie wichtig uns Wolfskehls Uebcrlragungcn mittelalterlicher jüdischer Poesie sind: Wenn wir von Rosenzweigs Jehuda Halcwi absehen, haben wir überhaupt keine wortgetreuen und dichterischen Uebersetzungen aus dieser Poesie; Geiger, Zunz, Kayserling können nicht mehr gelten; Wolfskehl macht uns wirklich Neuland urbar. — Und wie zeitgemäß in hohem Sinn wirken Moritz Spitzers Uebersetzungen von Abschnitten des Maimonides und des Hohen Rabbi Low! Das Historische ist vorzüglich vertreten in J. F. Baers Vertreibung der Juden in Spanien, Schmaryalui Levins Darstellung des Ordens der Bne Mosche und Gerhard Scholems weitergreifendeil Beitrag zum Verständnis des Schabhalianismus. Zur ״Literatur“ und ihrer Wirkung: Ernst Simons Versuch über die Geschichte der Bibelsprache bei Schiller und Bialik, Glatzer über die mündliche Lehre, Gractz über Talmudismus; ein Arbeitsbericht des Forschungsinstituts für hebräische Dichtung, , Salman Scliockens kurze Geschichte seiner Sammlungen und Intentionen. Und einige wertvolle Originale, ein Gedicht von Mombert, ein Eposabschnitt von Ludwig Strauß, ein jüdisch-deutsches ״Nachtleinen“, eine )eine Erzählung Agnons. Mit Recht ist Martin Buber der meistvertretene Autor des Almanachs. Als Uebersetzer von Midraschim, von Sätzen des Rabbi Nachman von Bratzlaw über Ercz Israel und vor allem des ersten Abschnitts der Vätersprüche; man kann nur bewundern, wieschöpferisch wandelbar, wie neu sich Bubers Sprach kraft hier wieder erweist. Dann teilt Buber zu einem neuerdings besonders strittigen Thema Aeußerungen Rosen* zweigs über ״Das Lernen und das Tun“ und eigene Briefe an Rosenzweig über ״Offenbarung und Gesetz“ mit, die besonders beachtenswert sind; denn die Briefe enthalten keine Verteidigung von Bubers Haltung, sondern die private Geschichte ihres Werdegangs und ihre Abgrenzung gegen Rosenzweigs Forderungen m ״Die Bauleute“. Zum neuerliehen Streit der Meinungen über diese Haltung ist also, da er sieh in dieser hier publizierten Korrespondenz bereits einmal auf solchem Niveau abgespielt hat, nichts mehr hinzuzufügen. H.