Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1936-09-11 · Heft 73 (11.9.1936) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 73 (11.9.1936)
Date
1936-09-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2653922-2653992--29467-2690998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr 73 11. IX. 1936 JODISCHF RUNDSCHAU Seite 7 Der Abschluß der französischsyrischen Verhandlungen Von unserem Berichterstatter K. Paris, 1'm September Die langwierigen und mühevollen Verhandlungen, die die syrische Delegation mit der französischen Regierung geführt hat. und über deren Verlauf bereits mehrfach a!1 dieser Stelle berichtet wurde, sind jetzt abgeschlossen worden. Staatssekretär Vienot hat den neuen Allianzvcrtrag, der das französische Mandat über Syrien ersetzen soll, in der letzten Sitzung dem Ministerrat vorgelegi, der den neuen Vertrag gutgeheißen hat. Mitte dieser Woche wird daher das Sclilußprotokoli zwischen der svrisdicu Delegation und den französischen Vertretern unterzeichnet werden. Der Vortrag tritt aber mit der Unterzeichnung dieses Schlußprotokolls noch nicht in Kraft, vielmehr!null er erst von einem aus gültigen _ Wahlen entstandenen syrischen Pariament ratifiziert werden, wonach die französische Kammer den neuen Allianzvertrag ihrerseits ratifizieren wird. Die syrischen Wahlen werden aller Wahrscheinlichkeit im Nov c rn b e r dieses Jahres stattf inden. Sie werden über das Schicksal iks neuen Vertrages entscheide». Das syrische Volk muß dem Ergebnis der Pariser Verhandlungen seine Zu- Stimmung geben. Der vorliegende Vertrag ist seinem ganzen Aufbau nach a.n .^en? en£l'-schirakischen Vertrag orientiert. Er sieht eine Uebergaiigsperiode von drei Jahren vor, in der die Entwicklung Syriens aus einem Mandatsgebiet in einen unabhängigen Staat vollzogen werden soll. Nach dieser Uebergangsperiode wird Frankreich dom Völkerbund die Aufnähme Syriens Vorschlägen. Nach der dreijährigen Periode tritt der _ 25jährige Allianzvcrtrag zwischen Frankreich und Syrien in Kraft, der eine enge außenpolitische Verkiüipfung beider Staaten Vorsicht. Die Interessen Frankreichs in Syrien bleiben auch im Rahmen der neuen Souveränität gesichert. Frankreich erhält das Monopol, der syrischen Regierung Berater zu stellen. Eine permanente französische M i I i t ä r in i s s i o!1 wird die syrische Landesverteidigung überwachen lind für eine Uebcreinstimmung des syrischen Militärstatus mit dem französischen sorgen. Ein Köntinge nt französischer Truppen wird in Syrien aufrechterhaiten, doch wird ihr Standort auf bestimmte Gebiete beschränkt. I!1 die innersyrischen Verhältnisse werden die französischen Truppen nicht mehr zu intervenieren haben. Die realen politischen Interessen Frankreichs bleiben also auch im Rahmen der neuen syrischen Souveränität im vollen Umfange gewahrt. Wenn der französisch-syrische Vertrag in diesen Punkten eng dem englisch-irakischen Allianzvcrtrag folgt, so stellen die in den Vertrag aufgenommenen Garantien für die rassischen und religiösen Minderheiten eine Neuerung dar. Die Minderheiten erhalten, soweit sie kompakt gesiedelt sind, einen weitgehenden autonomen Status auf administrativem und finanziellem Gebiet. Die Rechte der verstreuten Minderheiten werden durch Garantien, die der neue syrische Staat Frankreich gegenüber übernimmt, gesichert. Nur unter diesen Bedingungen hat Frankreich der Aufnahme der Alouiten und Drusen in den neuen syrischen Staatsverband zugestimmt. Die größte Schwierigkeit in den syrisch-französischen Verhandlungen ergab sich aus der Sonderstellung des Küstengebietes mit der Hauptstadt Beyrouth, der sogenannten Libanesischen Republik. Entgegen den Wünschen der Syrer hat es Frankreich kategorisch abgelelmt, das Küstengebiet in den neuen syrischen Staat einzubeziehen. Frankreich wird in kurzer Zeit mit der Libanesischen Republik Sonder- Verhandlungen nach den gleichen Richtlinien wie mit Syrien führen. Die Verwaltungstrennung zwischen der Libanesisclien Repifblik und der Syrischen Republik wird durchgeführt und die bisherige einheitliche Zollverwaltung aufgelöst werden. Syrien wird mit der Libanesischen Republik unter der Kontrolle Frankreichs von Staat zu Staat verhandeln müssen. Man kann wohl annehmen, dal! in dieser staats- und verwaltungsrcclitliehen Trennung Syriens lind des Libanons eine der stärksten Garantien für die Aufrcchterhaltung des französischen Einflusses im Vorderen Orient zu sehen ist. Die Periode der Verhandlungen zwischen Frankreich und der syrischen Delegation hat zwei für die Geschicke des Nahen Ostens einschneidende Ereignisse gebracht: den Aufstand der Araber in Palästina 11 ml den englischägyptischen Vertrag. Gegenüber den Tendenzen der syrischen Politiker, sich in die palästinensischen Verhältnisse einzumisclien, hat die französische Regierung eine feste Haitung eingenommen. Sie hat der Delegation zu verstehen ge- Jüdischer Urheberschutz? Am 0. September feierte man in verschiedenen europäisclieri Ländern das fünfzigjährige Bestehen der Berner Uebereinkunft zum internationalen Schutz des Urheberrechts und hob in Zeitungs- und Zeitschriftaujsätzen hervor, wie jungen Datums auch sogar die Beiniihungen um Urheberschutz sind. Offenbar war Luther der erste, der die Unwürdigkeit der Ungesdiiitztlieit der Autoren hervorhob, die ״arbeiten und kost sollen dratiff wenden und andere sollen den gemis und vvvr den Schaden haben“. Aber erst im 19, Jahrhundert bekannten sich die deutschen Staaten allmählich zum regelrechten Schutz des geistigen Eigentums, und erst 1886 kam in Bern auf deutsche Initiative die Konvenfion zustande, der heute vierzig Staaten angehören. Die Berner Ko 11 v e n t i o n garantiert auch heute noch keinen idealen Zustand im Urheberseliutzwesen der Welt, und von ihren Lücken wird gerade die jüdische Literatur, besonders soweit sie durch die Universalität ihrer Hauptsprachen international verwertbar ist, empfindlich getroffen. Die Länder, in denen z. B. die meisfen jiddischen werke und Uebersefzungen ins Jiddische erscheinen, sind Rußland und die USA., die der Berner Konvention nicht angeboren. Infolgedessen ergeben sich Mißstände mancher Art, wovon hier nur ein eklatantes Beispiel genannt werden soll. Vor dem Krieg erschienen die jiddischen Werke von Mendele Mochcr Sforitn ordnungsgemäß in Europa, der Autor war durch Verträge mit seinen Verlegern mehr oder weniger gesichert. Ein amerikanischer Verleger aber druckte alles nach, machte eine besondere und schon dadurch, daß er Mendele nicht verpflichtet war, ja ihn nicht einmal darüber informiert hatte, um so billigere Gesamtausgabe und warf diese Bände auf den amerikanischen und den europäischen Markt. So erhielten Mendeles tantiemepflichtige Ausgaben durch die tantieinefreien amerikanischen Ausgaben der gleichen Bücher im eigenen Lande die schärfste Konkurrenz, und der Autor wurde eine Zeitlang durch die Ueberflutmig des Marktes mit seinen Werken, au denen er selbst kein Recht hatte, aufs seinve rste geseh ä di gt. Glücklicherweise gibt es nicht viele so krasse Fälle, lind die Verhältnisse auf dem internationalen Büchermarkt haben sich mittlerweile ein wenig verändert. Aber die Chancen auf diesem Markt, besonders auf dem jüdischen, haben sich in den letzten zwanzig Jahren sehr verschlechtert, und je geringer die Kaufkraft des'jüdischen Publikums und die Absatz-!Höflichkeiten des jüdischen Buches werden, desto nötiger wird, Hin wenigstens die vorhandenen .Möglichkeiten voll zu nutzen, so etwas wie eine i n n e r j fi d 1' s c he Ko n v e!11 i o n nach dem Berner Vorbild. Die maßgebenden Unternehmungen und Organisationen sollten sich auch damit einmal befassen. Die Intcrnationalität der liiicherprotluktion ist durch die Berner Konvention entschieden gefördert ■worden. Die Internationalitüt der jüdischen Buchproduktion, die es etwa im rabbinischen Schrifttum bis nun Kriege gegeben bat, ist heute nicht mehr vorhanden. Selbst die jiddisch lesenden Juden eines Landes wissen kaum mehr, was in einem anderen Lande jiddisch gedruckt wird, von verscliiedenspracliigeii Produktiönen und Konsumenten ganz zu schweigen. Auch die devisenpolitischen Maßnahmen vieler i.nnkr wirken sich auf die Vermittlung jüdischer Literatur noch einschränkender aus als auf die Vermittlung jeder anderen. h. Xll'lOAIOPl ALLIGATOR das sind gute. U־ da r w u re n UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE: Berlin, Tauent2ienslraß« 16 Hamburg1, Jungferastleg 43 Köln n. Rh., Hohe Straße 115 Essen, Limbc-ckerstraße!0 E * s c 0 , Am Houptbahnhof 10 B&elium, Kortumstmöe 67 F r ank f u rt *M., Roßmarkt 15 Zentrale: Offenbach a. M. Wuppertal-Elberfeld, Hcrzogstrnße 36 geben, daß sie jeden Vorstoß in dieser Richtung als gegen ihre Autorität gerichtet ansehen würde und daß ein Anschluß Syriens an die palästinensische Bewegung den Abbruch der französisch-syrischen Verhandlungen zur Folge haben würde. Diese energische Stellungnahme Frankreichs hat ihre Wirkung nicht verfehlt; von vereinzelten ßoykottversuchcn gegen palastinensische Waren abgesehen, ist Serien während der Verhandlungsperiode ruhig geblieben. Die französische Re- Rierung wird sicherlich' alles tun, damit dieser Zustand der Nichteinmischung Syriens in die palästinensischen Verhältnisse auch in Zukunft aufrechtcrhaltcn bleibt. Auch der englischägyptische Vertrag hat auf die Haltung der Syrier in Paris cingewirkf, da die Delegation den neuen französisch-syrischen Vertrag dem englisch-ägyptische!! Vertrag, der Aegypten eine erheblich weitergellende Unabhängigkeit gewährt, angleichen w01־ltc. Auch dieser Vorstoß der Syrer ist von der französischen Regierung mit dem Hinweis, daß Aegypten niemals Mandatgebiet gewesen ist und sich stets in einem viel weiter fortgeschrittenen Stadium der Souveränität befunden hat, zurückgewiesen worden. Die Frage ist nunmehr, ob die syrische Delegation in ihrer Heimat die notwendige Autorität besitzen wird, um den neuen Vertrag gegenüber der Propaganda der radikalen Nationalisten durenzusetzen. Die Delegation hat sich der realpolitischen Notwendigkeit, nur einen Teil ihrer Unabhängigkeitsforderungen durchsetzen zu können und auf den Anschluß des Libanons verzichten zu müssen, gefügt. Wird sich auch in der nationalistisch überhitzten Atmosphäre von Damaskus die Vernunft durchsetzen? Von der französischen Oeffenfllchkeit wird der Abschluß des Vertrages mit Syrien und die Aufgabe des syrischen Mandates durch Frankreich iui allgemeinen 7. ti s t i m!11 e n d begrüßt. Man ist der An.-ieht, daß auch in der neuen Form des Verhältnisses zwischen Frankreich und Syrien die Interessen Frankreichs genügend gewahrt bleiben, und da(! die Aufgabe der unmittelbaren Verwaltung Syriens durch die französisehcT! Behörden viele Vorteil in ':,ich schließt. Außerdem gibt, wie 7. B. auch der ,,T e in p s“ betont, die dreijährige Uebergangsperiode bis zur völligen Unabhängigkeit Syriens der französischen Regierung 'die Möglichkeit, die Eignung der Syrer zu einer geordneten öc!h-tvcrwa!tu!1g zu prüfen. 9 Der französische Minidorrai hat verschiedene Dekrete beschlossen, die einen weiteren Schritt zur Aiigleichung Algeriens an den politischen Status de; Mutterlandes bedeuten. Das erste Dekret führt dm französische Kinder- und Jugendlichen-Gerichtsbarkeit in Algerien ein, das zweite bestimmt eine Reform der Wahlkrciscinviluiig des Landes und das dritte gibt den Eingeborenen Algeriens das Recht, sich zu allen zivilen und militärischen Acniterii zu präsentieren. In Oran ist es in diesen Tagen wieder zti blutigen Zwischenfällen gekommen. Eine Emgeborenenbande versuchte die Weinernte zu stören und griff die Winzer an, von denen einige verwundet wurden. Herbeigerufene Polizei und Militär stellten nach einem längeren Gefecht mit den Eingeborenen, die gut bewaffnet waren, die Ordnung wieder her. Ein Gendarmerieoffizier wurde in dem Gefecht schwer verletzt. Die Truppe nahm 35 Verhaftungen vor. Auch der französische Ministerrat hat sich mit diesen Vorfällen beschäftigt, über die der Kolonialminister M o ti t et berichtete. Gustave Kahn gestorben. Unser Pariser K.-Berichtcrstatter schreibt uns: In Paris starb in diesen Tagen der französischjüdische Dichter Gustave Kahn im Alter von 77 Jahren. Gustave Kahn war ein geschätzter Lyriker und Romanschrift• steiler und zugleich einer■ der führenden Theoretiker der Schule des französischen Symbolismus. Er war einer der ersten, die den freien Veis in der französischen Dichtung anwandten. Gustave Kahn bat auch als Kunst- und Literatur- Kritiker eine bedeutsame Rolle in der französischen Literatur gespielt, am bemerkenswertesten ist seine Biographie Baudelaircs. In seinen Dichtungen lmt Gustave Kahn auch verschiedenilich jüdische Stoffe behandelt und hat in seinen letzten Jahren auch den Bestrebungen zu einer Renaissance des Judentums freundlich gegenübergestauden. Er gehörte aber einer Generation des französischen Judentums an, der es nach ihrer geistigen 'Tradition schwer wurde, den Weg zu einem positiven Judentum zuruckzulinden. eie wollen — das machen die Mädchen manchmal solange, bis sie graue Zöpfe kriegen. Sender kannte sic doch! Stelzte durch die Welt wie ein Storch und kratzt« wie eine Katze. — Als Leibei, der Damenschneider, sie nnzufassen wagte, hatte sie ihm das ganze Gesicht zerkratzt. Eine ganze Woche hatte er sich nicht auf die Straße getraut — jeder hatte ihn gefragt, wie teuer bei ihm ein Meter Kratzer von MBdchcnfingern wlirc. Sender war sicher, daß P,andre nichts dagegen haben würde, wenn mir Meri wollte. Sender hatte Augen im Kopfe. Als Pandre an jenem Wintermorgen den toten Wolf heimgehracht hatte, und Meri hinnuslicf, hatte Pandre sich zu groß getan. Und er war für gewöhnlich ganz bescheiden. Er war kein Prahler — und er halte sh■11 nicht mifgcsnieL, ehe eie kam. Das war Sender aufgefallen. Und dann hatte er bemerkt, daß das Mädchen der Mutter etwas?!!geflüstert halte, und Noah rot geworden war wie ein Puter und finster und wild. Und seitdem wurde er zornig, so oft er sie sah. Irgend etwas stimmte da nicht. Wenn Pandre das langbeinige Mädel nicht gefiel, warum iirgerto er sich über sie? He! He! He! Ile! Gerade da kam Meri mit dem (!las voll heißem Tee herein. Sie stellte cs vor ihn hin, neben das Buch. Sender schob mit einem Ruck die Messingbrillen auf die Stirne, wandte der Tochter seine gescheiten blauen Augen zu und 6agte plötzlich: ״Gefüllt er dir nicht? Was?“ Meri wurde rot. Aber sie zuckte nicht. Sie hielt des Vaters Blick aus. Sender freute sich, daß sie rot geworden war. Sie wußte sehr gut, wen er meinte. Und ohne eine Sekunde zu zögern schmiedete er das Eisen, solange es glühte. ״Ein guter Junge. Denkst du nicht an die Zukunft?“ Meris Wangen wurden noch röter. Sie konnte des V'alers Augen nicht Ringer stßndhallen. So warf «ie den Zopf zurück, wie ein Pferd, das mit dem Schweif schlägt, drehte sich utn und stelzte aus der Stube in die _ Küche hinaus. Und dort, hinter der Tür, fand sie wieder Worte: ״Dein Kutscher? Der kann lange warten!" Sender machte sich nichts daraus. Er war auch mal jung gewesen, ein blonder, kräftiger Bursch, den die Mädchen gern hatten. Er erinnerte sich ganz put, <laß Mädchen oft etwas Aehnliches sagen und genau das Gegenteil meinen. So lüchelte Sender listig, die Brille auf der Stirn, steckte di® rauhe Hand in die Hosentasche, holt® ein Stück glashellen gelblichen Kandiszucker heraus, sprach langsam den Segen, biß ein Bröckchen Zucker mit »einen alten starken Zahnen ab and schlürft« vergnügt seinen Tee. Ehe er den zweiten Schluck tat, lüchelte er und sagte spöttisch gedehnt, wie ein Erwachsener, der ein Kind neckt: ״Du magst ihn also nicht, Meri? Nein?‘‘ Und gleich ahmte ihn Meris Stimme jenseits der Tür nach: ״Nein!“ ״Na, dann wollen wir nicht mehr darüber reden“, sagte Sender, sehr gemütlich seinen Tee schlürfend. Die Art, wie Meri geantwortet hatte und das gedehnte Nein bewiesen ihm zur Genüge, «laß alles in Ordnung war; er durfte jetzt nur nichts verderben und zu sehr eilen. Er durfte sie nicht zu viel necken. Er sollte vielleicht zum Rabbi gehen und heut abend mit ihm reden. Ileut. Denn am Schabbos waren zu viele Leute da. und er wollte über die Sache nicht vor allen Leuten sprechen. Aber ehe er das Haus verließ, um zum Abendgottesdienst zu gehen, konnte Sender doch nicht widerstehen, sein« Jüngste noch einmal auf/.uzichen. ״Also, was hast du gesagt? — Nein? — also gut! Reden Wir nicht mehr davon!“ Und er küßte die Mezuzah und ging weg. III. An diesem selben Sommorabtmd kam Noah mit der Biitschka nach Hause, nachdem der letzte Dampfer obgefertigt war, spannte Djirku aus und schaute in die Remise, oh Sender da wäre. Niemand war zu Haus. Sender war in der Synagoge, seine Frau auf dem Markt, und Meri war fortgegangen, um Brot zum Abend z.u holen. Stille stand int Hau». Eine sonderbare Leere war darin, die Noah nach tlcm Tagesltirm bedrückend schien. Er wurde traurig. Keine Spur von Meri. Er hatte das Gefühl, als hätte er sie eine Ewigkeit nicht gesehen. Er fing an, das Geschirr zu putzen,!־ich dns Messing mit Ziegelstnub, in verbissenem Eifer, in der finstersten Ecke des Stalls. Aul einmal erschien Meri. Sie selber! Mit ihren langen zierlichen Beinen. Sie kam aus dem Licht der Gasse ins Halbdunkel, sie sab Pandre nicht und ging gerade auf ihn 7,u, einen großen Laib Kümmelbrot unterm Arm. Noahs Geruchssinn, den die Fahrten durch die Felder verfeinert hatten, fing den Hauch «109 frischgehnekenen Brotes auf, zusammen mit dem Hauch des frischen MüdchcnkUrpers. Es dtirehdrang ihn wie ein Zauber, wie ein Liebestrank, und süßer Schwindel (Iberkam ihn. Und wie ein Mann sich ins Feuer stürzt, um etwas zu retten, was ihm teuer ist, so riß er plötzlich, seine Stärke vergessend, Meris schlanken Leib in »eine eisernen Arme. Das frische Brot kracht«. Meri stieß einen erstickten Schrei au». War’« Schmerz, war’» Schreck, wnr's Keuschheit? Vielleicht alles zusammen. Aber: sogleich kam sie zur Besinnung, merkte, was geschehen war, wand sich wie eine Katze, die man gefangen hat., I׳ekam ihren linken Arm frei und schlug Pandre mitten ins erhitzte Gesicht, mit einer Kralle, fiher Aug und Nase. Noah sah Funken tanzen, und etwas fing an, ü!x?r seine Nase zu tröpfeln. Diese Kraft um einem solchen!)lassen, dünnen Ding von Mädchen kam unerwartet! Meri war Senders Tochter, das stimmte, und Sender war zu seiner Zeit der Stärkste in der Fuhrmannsgildo gewesen, Meri merkte gleich, daß sie zu grausam gewesen war, zu tinwcihlieh, und daß sie ihre Nägel gebraucht lind ihr» Nase und Braue zerkratzt hatte. Es fiel ihr aufs Herz, Trotzdem säuselte sie noch an seinem Ohr: ״Na? War dns gut?“ Durch das Tohuwabohu von Sternen und Betäubung sah' Noali gerade noch, daß sich Meri seinen Armen völlig entwunden hatte und dabei vor, den zerquetschten Brotlaib und die roten Flecken auf ihrer Schürze zu untersuchen. Also waren ihr das Brot und ihre Schürze wichtiger als seine Augen und Nase! Wilder Zorn flackerte in Noah auf, die Wut seiner alten Zeiten, wenn er im Schlachthaus die großen Stücke Fleisch nul dem Ifmiblock zerhackt hatte, zusammen mit Simche Turcru. So packle er Meri am Arm, geratle ül>erm Ellenbogen, zeigte seine weißen Zähne und hob mit der anderen Hand einen «licken Riemen von dera Geschirr, das er gerade geputzt halte. In der nächsten Sekunde hätte er sie damit geschlagen, das lange Ding mit ihren Zöpfen. Al>er Meri stand da, bloß wie Kreide, schaute in »ein gesundes Auge, und ihre stahlgewordenen Augen blitzten wie Katzenaugen. Und sie flüsterte langsam, sanft und fast verwundert: ״Mich willst du schlagen? Ein Mädchen?“ Noah wurde sofort nüchtern. Sein Zorn verflog. Seine Hand wurde schlaff und sank herab. Vor ihm stand ein Geschöpf, dns stärker war als er. Sie trug Röcke und ein® Schürze, ober trotzdem war sie viel stärker als er. Er fühlte sich schwach. Seine Lippen zitterten wie l>ei einem gedemütigten Schuljungen. Lhul er fing an zu betteln: ״Liebe Meri! Heirate mich doch!" Er mi'rkte gar nicht, wie närrisch er Meri Vorkommen mußte mit seinem verschwollcnen Auge und der blutenden Nase. Im Gegenteil, er war sonderbar vergnügt. Sie sollte ruhig sehen, dieser Halm von einem Mädchen, wie schwach und nichtig er gegen sie war. Er war nicht mehr Pamlre, ihr gegenüber — er war ein Hund, ein Wurm — mochte sie ihn treten mit ihren Vogelbeinen! (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.