Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1936)
- Date
- 1936-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73, 11. IX. 1936 Abraham Reisen / Ein Dichter des Ghettos Londoner Brief Von unserem Berichterstatter J. K, London, im September Um da■ Sonntagsruhe-Gesetz Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht die Londoner Abendpresse das allgemeine Interesse, aas die Judenfrage hier neuerdings in allen ihren Aeul’erungeti erregt, ausbeutet und an erster _ Stelle in sensationeller Aufmachung jüdische Nachrichten bringt. Au Stoff d,־uu fehlt es auch in England wahrhaftig nicht. Einmal sind es antijiidisclic Ausschreitungen und ihre Folgen, ein andermal der erregte Kampf um das neue S o!1 n t a g s r 11 h c - Ci e s e t /., der immer wieder andere Gruppen für und wider auf den Plan treten laßt, (Hier die viel diskutierten Palästina-Ereignisse. Kürzlich kam es zu einem Ehiell zwischen der allgemeinen Bäckergewerkschaft und den jüdischen Bäckern, das in der Presse ausführlich berichtet wurde und auch als Symptom Aufmerksamkeit verdient. Der Präsident begrüßte in seiner Ansprache auf der Jahrestagung der (iewerkschaft das neue Sonntagsruhe-Gesetz, aa cs den unlauteren Wettbewerb jüdischer Bäcker am Sonntag ausschließen werde. Nachdem er erklärt hatte, daß keine Volksschicht den Juden größere Rechte und Freiheiten zubilligen könnte als die organisierten Arbeiter fuhr er fort: ,.Ich würde meine Pflicht vernachlässigen, wenn ich nicht die in der Backindustrie beschäftigten Juden auf das ernsteste davor warnen würde, zu sehr au? das Cleschäft aus zu sein, ohne Rücksicht auf unsere englischen Gewohnheiten und Bräuche.“ Pie jüdische Bäck e r s c 11 u t z g e s e 11 - Schaft erklärte daraufhin, daß Juden, die am Sonntag ihre Geschäfte öffnen, mit sehr wenigen Ausnahmen am Sonnabend geschlossen halten. •- Diese wenigen Ausnahmen genügen aber, die Sacht• in die breiteste ()Öffentlichkeit zu tragen und die Juden gegen die englischen Sitten und Gewohnheiten abzugren/en. Der Oxforder Lehrstuhl für Hebräisch Im neuen l '111 v er >! <:! t - .jalir wird Canon Herbert Danbv in den Lehrkörper der ()xfonk-r Universität als Professor für Hebräisch cintrefcn. Mit Dr. Danbv kommt ein Mann nach (Mord, der auch mit der modernen liel'r.nsehen Literatur, der Hebr.!i«el1en Universität in Jerusalem und den ['ragen des neuen jmlociien Palästina eng vertraut ist. Nach einer glänzenden Ab-״,Vierung der (Mörder Universität in orientalischen Sprachen kam I >r. Danbv im Jahre 1hl'׳) als Bibliathekar der St. George's Cathedra! nach Jerusalem. Er wurde dann Sekretär und später Präsident der Palest ine Oriental Societv lind <111:׳ deren Zeitschrift heraus. Unter dem Einfluß jüdischer Gelehrter in Jerusalem wandte er sich der jüdischen Wissenschaft zu. Im Jahre 1914 veröffentlichte er eine monumentale Ucbcroi/ung der Misclma ins Eugiische, die ihn! internationalen Ruf verschaffte. Canon Danbv, der das moderne Hebräisch perfekt beherrscht, hat Professor Klausners ״Jesus von Nazareth“ und kur/,lieh auch dessen ״Kurze Geschichte der modernen hebräischen Literatur“ übersetzt. Neben dieser akademischen Arbeit war Dr. Danbv Jerusalemer Korrespondent der ,,Times•׳ und steuerte oft in der ״Palestine Post“ aul'n!!politische Artikel bei. Dr. Danbv, der die Hebräische Universität von den kleinsten Anfänge» hat wachsen sehen und selbst mit dem Ausbau der hebräischen Fakultät verbunden war, wird jetzt ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der jüngsten und einer der ältesten Universitäten der Welt darstellen. Die Bodleianische Bibliothek in Oxford mit ihren unerschöpflichen Schätzen an hebräischer Literatur wird Jjwiß durch ihn der hebräischen Wissenschaft leichter zugänglich gemacht werden. Darüber hin,ms werden auch weiter die praktisch-politischen Erfahrungen des Oxforder Gelehrten für eine Palästina-Politik, in der englische und jüdische Interessen zusammenfallen müssen, von besonderem Wert sein. Einige Zahlen Der Board o f D c p u t i e s, die zentrale Organisation der englischen Juden, ist bekanntlich ein loser Dacnverband, zusammengesetzt aus den wichtigsten englischen Synagogen. Darauf, daß diese Organisation infolge der religiösen Grundläge nur einen Aursschnitt des englischen Judentums umfaßt, ist hier bereits hingewiesen worden. Die wichtigste Stütze des Board of Deputies (neben dem Synagogtnverhand des Londoner Eastends) sind die im Verband ״United Svnagogue“ zusammcngeschloseenen Londoner aschkenasischcn Synagogen. Es ist erstaunlich, wie verhältnismäßig schwach auch diese Organisation ist. Einem vor kurzem veröffentlichten Bericht für Zu seinem 60. Geburtstag Ahraham Reisen (um 1876 zu Kojdanowo in Weißrußlatid geboren) ist einer der populärsten Dichter und Schriftsteiler des jüdischen Ostens. Der Beginn seiner literarischen Laufbahn fällt in eine der härtesten Epochen innerhalb der Geschichte der russischen Juden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, da ein Strom von Pogromen sich über die Judenhcit Rußlands ergoß, da die Verarmung die jüdische Kleinstadt zerstörte und ihre Bewohner zwang, um des armseligen Stück Brotes willen in fertie, unbekannte Länder auszuwandern, in die Länder des Westens und vor allem nach Amerika, um jene Zeit beginnt Reisen ztv schreiben. Zunächst sind cs seine zwar unproblematischen, aber von innigem Empfinden und leiser Wehmut durchdrungenen Gedichte, in denen er die untergehende Judenkleitistadt besingt, Volkstiimliche Rhythmen, die von dem harten Los der verarmten Juden erzählen, jenen verelendeten kleinen Handwerkern und Händlern, den vereinsamten Jeschiwa-Bachtirlnt und herumgestoßenen Dienstmädchen. Diese Lieder von den Vereinsamten erscheinen zum ersten Maie gesammelt in einein Gedichtband um 1901, und es dauert gar nicht lange, so kennt man sie überall auswendig in den jüdischen Werkstätten und Läden, singt man sie in allen Häusern, und sie gehen, Volksliedern gleich, ein in den Besitz der ost jüdischen Volksmassen. Nicht minder bekannt ist Abraham Reisen als Prosa- Schriftsteller. Er gehörte zu den ersten in der jiddischeu Literatur, die die Kurzgeschichte zu kultivieren begannen, und, wenngleich seine Erzählungen denen eines Pcrcz gewiß nicht gleichzustellcn sind, so galt er doch einer ganzen Generation als liebevoller Schildcrer des jüdischen Ghettos im ״Städtl“ und in der Großstadt. Mit klugem, dichteriseh beobachtendem Auge verstand es der Realist Reisen, das Leben der Juden seiner Zeit aufz.uspiiren und iebensdas Jalir 1935 entnehmen wir zwar, daß die United Synagogue an Mitgliedern, Einnahmen und Tätigkeitsbereich gewachsen ist. So betrug die Mitglicderzahl aus allen angeschlossenen Synagogen 17 850 Seelen, 1307 Personen mehr als im vorangegangenen Jahr. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, daß in London beinahe eine viertel Million Juden leben, so’ bleibt die Zahl der organisierten üemeiiuleinitglieder hinter den Erwartungen weit zurück, selbst wenn man berücksichtigt, daß die United Svnagogue mit allen ihren konstituierenden, angeschlossenen und Distriktsgemeinden nur etwa ein Drittel der 150 verschiedenen Londoner Synagogengemeinden erfaßt. Unter Zugrundelegung des Maßstabs der United Svnagogue würden in London also im ganzen nur etwa 50 000 Juden irgendwelchen Svnagogengemcinden angeschlossen sein. In der Provinz ist der Prozentsatz der in den Gemeinden organisieden Juden natürlich viel höher. Schottland und Nordirland hat bei einer jüdischen Bevölkerung von 120000 Seelen ISO Synagogengemeinden, das heißt eine Gemeinde für etwa je 700 Seelen gegen etwa je 1100 Seelen in London. Manchester und Sallord mit 33 000 Juden hat 36 Gemeinden, und die 7000 Juden in Liverpool verteilen sich auf nicht weniger als 15 Svnagogengenteinden, d. 11. eine Gemeinde auf 450 Seelen. Man kann bei allen diesen Ziffern davon ausgehen, daß fatsiiehlieh die durchschnittliche Svnagoge überall gleich groß ist und erhält dann die größere Organisationsfreiktigkeit der Juden, je kleiner die Anzahl der jüdischen Seelen an einem Orte ist. Die Einnahmen im Berichtsjahre beliefen »ich auf 77 000 Pfund, davon wurden 10 000 Pfund für Religionsunterricht und 9414 Pfund für soziale und wohltätige Zwecke ausgegeben. Das Oherrabbinat des Britischen Weltreiches kostete 4034 Pfund, davon wurden 3158 Pfund von der United Synagogue getragen, während sich der Rest auf einen Sonderbeitrag der Firma Rothschild ft Söhne und Beiträge von den Gemeinden des ganzen Weltreichs verteilt. Jüdlieh« A«r*te aaa Deutschland Dem Jahresbericht der jüdischen medizinischen und zahnärztlichen Notgemeinschaft entnehmen wir, daß bisher 147 jüdische Aerzte aus Deutschland die Erlaubnis erhalten haben, sich in England niederzulassen. Hinzu kommen ungefähr 00 Zahnärzte. Diese Zahlen wurden verbreitet, um Gerüchten und falschen Nachrichten entgegenzufrefen, die in gewissen Kreisen verbreitet werden, wo von einer ״lleberflutung“ Englands mit Refugee-Aerzten gesprochen wurde. nah darzustellcn. Zahlreiche Novellen schildern echt empfunden das lichtlose Dahiuvegetieren all der ״kleinen Leute“ in der großen Stadt, das freudlose, gehetzte Dasein der jüdischen Heimarbeiter in ihren muffigen Elendsquartieren, die haltlose, schwankende. Existenz der sogenannten ״Halbintelligenzler“, ־־־ jener Schicht von jüdischen Lehrern. Büro- und Handels- Angestellten, die in den Wirrjahren nach der ersten russisehen Revolution aus dem Boden der Wirklichkkeit entwurzeit war, in den neugeseliaflenen Verhältnissen aber auch noch nicht Fuß fassen konnte und so, in ihren Idealen enttäuscht, der Verzweiflung anheimfiel. In Amerika, wohin das Schicksal den Dichter selbst später verschlug, und wo er noch jelzt in New York lebt, wurde Reisen auch bald zum Sänger des jiddisch-amerikanischen Proletariats, zum Dichter der Ausgestoßenen und Verlorenen. r5ie Lebensnähe seiner Novellen, seine klare und eindringliche Sprache, der leise schwebende Humor und nicht zuletzt das Sujet Reiseiischer Erzählungen trugen ihm Popularität und Beliebtheit bei allen jiddischlesenden ein. Auch in andere Sprachen wurden die Gedichte und Prosaschriften Reisens übertragen. In hebräischer Sprache hat der Dichter nur wenig geschrieben; außer einer Anzahl von Gedichten ist nur ein Band ״Sippurim“ im Verlag ״Moria“ erschienen. Als Herausgeber verschiedener literarischer Zeitschriften, so z. B. ״Das jiddische Wort“ (1905), ״Die europäische Literatur“ (1909) — eine Zeitschrift, die sich in der Haupt- Sache mit Uebersetzungen aus der Weltliteratur befaßte, — .,Dos naje Land“ (New York 1911), hat Reisen für die jiddisehe Literatur gewirkt, die er durch eine Reihe von eigenen Uebersetzungen aus anderen Sprachen bereicherte, von denen die bekanntesten die Uebertragungen von Heine, Lenau, Konopnitzka sein dürften. Dr. S. Kaie ko Jubiläum in Budapest Von unserem Berichterstatter Budapest, 4. September Am 2. September feierte Ungarn die 250. Wiederkehr des Tages, an dem seine Hauptstadt Buda (Ofen) 1686 von den Türken zurückerobert wurde. Vertreter aller ״Kaiserlieben Verbündeten“, die seinerzeit den Sieg errangen, waren erschienen, unter ihnen der italienische General Romane! 11, der sich zur Zeit der proletarischen Diktatur große Verdienste um Ungarn und das Judentum erworben hatte. Sogar die Mohammedaner Ungarns, die einstigen Feinde, waren anwesend. Die jüdische Bevölkerung nahin natürlich überall am Freudenfeste der Nation teil; neben den offiziellen Gottesdic-nstcn fanden auch in den Poster und Ofener Hauptsvnagegen Feierlichkeiten statt, bei denen die Behörden vertreten waren. Im Tempel am Festungsberge gedachte Großrabbincr Dr. Arnold Kiss der seit dein 13. Jahrhundert blühenden Ofener Judcngcmeinde, die am Leben und Sterben der Stadt so bedeutenden Anteil hatte. Waren die Juden es doch, die durch ihre große Scelenzahl, ihre geistige und kommerzielle Vcrmittlungstätigkcit zwischen Ost und West Ruhm und Reichtum Ofens förderten und als treue Diener ihrer Herren auch deren Los teilten. Die einzige, lebensvolle Schilderung eines Augenzeugen von der Einnahme der Stadt ist bekanntlich die Megillath Ofen des R. Isak Schul- 11 of, deren Abschrift sich in der. Prof. Kaufmann-Sammlung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften befindet. Htmderfe von Juden fanden in den Flammen und in der Donau ihren Tod, 270 wurden durch die Mitwirkung eines edlen Junglings, Sender Taus k, durch den Wiener Hoffaktor, 0. Oppenheim, und die Spendefreudigkeit der europäischen Großgcmeimlcn ausgclöst, die Namen von 72״ Märtyrern Ofens fanden auf einem Blatte des Wormser Meinoirbiiches einen idealen Friedhof“. Die Sieger sahen in den Juden die einflußreichen Verbündeten der Verteidiger 11!1d ließen sie auf einer recht interessanten, doch seltenen. Gedenkmünze, die zu Ehren Leopolds f. geprägt wurde, gleichmäßig Hohn, Bedauern und Anerkennung fühlen. Dr. A. F. In Horazdowitz starb der Hauptzeuge in dem bekannten Polnaer Prozeß gegen den des Ritualmordes beschuldigten Leopold H i I s n e r, Alois Brezina. SAlAlAfUSCHNEUR!Autorisierte Übersetzung von Grete Fischer f. Port*«Huag Nachdrudt verboten Ein junger Fuchs läuft vorbei, steht, ein Bein in der Luft, wedelt mit dem Schweif und trabt davon. Sieht aus wie ein Pelz, der dem Kürschner Schoinme aus der Werkstatt weggelaufen ist. Und rennt herum und ist lebendig Und schaut sich nach Freundinnen um. Manchmal trifft man euch einen jungen Wolf, aber die sind nicht gefährlich im Sommer, sie haben genug zu fressen und weichen den Mensehen aus. Und am Abend, wenn man am Entenpfuhl vorbeikommt, wo morgens die Heuschrecken getagt hatten, hört man Suakon und Gurgeln und Kluckern im gelblichen Licht es Mondes, der aussieht wie die blankgeputzten Messingleuehter am Schabbat. Das sind die Frösche, die sich vergnügen, die verschiedenen Violinen zu spielen, manche hohe, manche Celli, immer weiter, herunter, hinauf. Nie scheint ihnen der Atem auszugehen. Man kann die älteren Frösche unterscheiden, die stöhnen und ächzen wie alte Sünder, noch voller Gelüste, aber ohne Stimm«, als wollten sie mit ihrem heisern Schreien sagen: Wir können das Gequak« ar nicht mehr aushalten. Aber wir müssen! Die Konurrenz! Sonst nehmen uns die jungen Männer alle Weiber weg! Quak, quak, quak. Manche der großen Frösche überschreien sich mit aufgeblasenem Hals und bellen, daß man kein Wort mehr verstehen kann. Es gibt ein Mischmasch von Stimmen und Instrumenten, von jungen und alten Sängern, und jeder will Solist sein —׳ und trotzdem klingt alles zu einer Melodie zusammen. Und hoch über all diesen Tönen hört man einen klaren, kühlen, edlen Klang, wie wenn man mit zagem Finger an ein kristallenes Glas schlägt. Klingling-klingling —. Das sind die Unken, die können nicht hüpfen, nur kriechen, und wenn man sie anfaßt, brennen sie den Finger wie Scheidewasser. Gott der Herr hat ihnen nur eine herrliche Stimme gegeben, und sie verstecken im feuchten Grase all ihre llftftlichkcit, und lassen nur ihre Schönheit hören. Klinglang. Klinglang! Pandre lauschte und ließ die Zügel hängen. Der edel traurige, glockenhelle Klang inmitten dea Quakens und Brummen« zerrte an seinem Herzen. Der Ententeich erinnerle ihn an den Storch mit seinen langen roten Beinen, der frühmorgens an den Ufern auf- und abspa/.iert auf langen hohen Beinen — und der Storch erinnerte ihn an Meri mit ihren roten Strümpfen. Alle Abneigung gegen sie war dahin, und das Herz tat ihm weh. Ach daß sie ihm gegenüberstünde, lang und schlank wie ein Storch! Oh, wäre sie jetzt da und beugte sich über ihn, daß der lange Zopf ihn am Halse kitzelte! 0 Meri! NEUNTES KAPITEL ßlE LIEBT MICH - LIEBT MICH NICHT! I. Wenn Pandre nach eines solchen langen sommerlichen Fahrt nach Hause kam, fühlte er, daß die letzten Ueberbleibsel des Schlächterladens ausgedunstet waren. Pandre fand, daß seine eigene Nase sich verfeinert hatte. Er merkte, wie seine Fuhrmannskleider rochen nach Kümmelbrot, Wagenschmiere und *Wald. Einmal, nach einer Fahrt durch Wälder und Felder, war er ins Schlachthaus gegangen, um seinen früheren Kameraden Simche Tureru zu besuchen. Der fade Gestank verschlug ihm den Atem, ihm wurde übel. Er wich Simches überschwenglicher Freundschaft aus, seiner Branntweinbuddel, seinen schmutzigen Händen, die nach alter Gewohnheit ihm auf die Schulter schlugen — und er ging weg. Simche zog ein saures Gesicht, ater Noah ging weg. Herrgott im Himmel, wie hatte «r nur alle seine Sommertage im Dunst des Schlachthauses verbringen können! Er verstand jetz,t, warum die Pferde geniest hatten, wenn er ihnen in seinem alten Schafpelz in die Nähe gekommen war. Er wußte jetzt, warum Schmendrik den Kopf zurückzuwerfen und die Unterlippe zu kräuseln pflegte, als wollte er sagen: Dich mag ich nicht zum Kutscher! Die fleischige rote Farbe schwand aus Pandre« gesundem Gesicht, und seine festen Wangen und das runde, blaurasierte Kinn mit dem Grübchen bekamen ein tiefes Braun wie eine Nuß, so daß, wenn er den Mund auftat, seine Zähne schimmerten wie frischgeschälte Mandeln, bäuerisch und appetitlich. Seine Augen und Zähne hatten Glanz wie hei einem gesunden Tier. Der Wald hatte das Schlachthaus in ihm lange bekämpft, und er hatte gesiegt. Nun hatten die Dampfer auf dem Dnjepr angefangen zu verkehren und Fahrten mit dem Magen nach Orscha wurden seltener. Die Pferde fraßen ihren Unter und mußten nicht dafür arbeiten. Also schickte man zwei auf die Weide, dort wurden sie nngepflockt und humpelten im Grase am Seeufer herum, und nur das dritte wurde eingespannt. Manchmal Djirka, die Stute, manchmal Schmarwoz, und zuweilen Schmendrik. Zue! müßig auf dem Grase, und wer arbeitet, kriegt Hafer. Die Britsehka brachte Passagiere zum Dampfer oder vom Dampfer. Nur wenn die großen Frachtkähne den Dnjepr herunterkamen, mit Mehlsäcken, Ziegeln und Tongeschirr hclnden, oder leere Kähne, die hier mit Bauholz befrachtet wurden, das nach Kiew ging, dann arbeiteten alle drei Pferde, und wenn Sender noch ein viertes gehabt hätte, wäre es auch nicht überflüssig gewesen. Dann werkte Pandre den ganzen Tag am Flusse und die Fuhrleute bewunderten seine Stärke. Mit welcher Leich• tigkeit hob er die Zentncrsiicke, kegelte er volle Heringsfässer die Planke hinauf, auf Senders Karren! Niemand bemerkte, daß Noah mit einer Art von verbissenem Starrsinn arbeitete, wie ein starker Mann, der etwas Zuschüßen, verdecken, nicht mehr sehen will. Wirklich war es Pandre, als häufte er oll die schweren Sin ke, die Ballen, die Kisten über Meri und ihre Zöpfe. Aber sie war ja so groß, lang wie ein Storch, und ihr Kopf mit den harten braunen Augen schaute unverdeckbar unter jeder Ladung heraus, die er aus den Kähnen hob und schleppte. Es war nicht möglich, das widerspenstige, blasse Mädel so zuzudecken, daß man sie aus dem Gedächtnis bekam. Unter den Ileringsfiissern, den Mehlsäcken, den Flachsbündeln, den Schnüren voll getrockneter Pilze — überall lugte ihr Vogel• köpf heraus. Der heiße Schweiß rann an Pandre hinunter und immer noch hörte er sie sticheln: ״Da schau, wie er seinen toten Wolf herumzerrt wie einen Bettelsack!“ n. Am Nachmittag, während Noah an den Dampfer fuhr, saß Sender Pardon, die Brille auf der Nase, schaute in ein Büchlein und wartete auf sein Glas Tee. Er hatte gemächlich die wunderbaren Geschichten vom Baal Schein gelesen und dabei mit einem Ohr zugehört, wie seine Tochter in der Köche draußen mit dem großen zinnernen Teekessel hantierte. Sie schien merkwürdig schweigsam in letzter Zeit, sein Mädel. Viel zu schweigsam! Hatte ihr am Ende dieser Kutscher den Kopf verdreht? Pandre war ein strammer Junge, keine Frage! Aber sie würde nie zugeben, wie es stand — sie war Sonders Tochter. Stolz. Wenn Noah sie haben wollte, würde sie ihn nicht mögen. Und wenn er nicht wollte, würde