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Jüdische Rundschau · 1936-09-11 · Heft 73 (11.9.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 73 (11.9.1936)
Date
1936-09-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 73, וו. IX. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Kongreßstadt Wien Von unserem Berichterstatter JR Wien, 6. September Man kann sie kaum registrieren, so zahlreich sind die Kongresse, die innerhalb weniger Wochen Wien zu ihrem Tagungsort gewählt haben. Nach den internationalen Tagungen des vorigen Monats, dem Zahnärztekongreß und dem Esperantistenkongreß hat die letzte Woche einen Rekord an Kongreßveranstaltungen gebracht. Innerhalb der letzten 48 Stunden allein sind nicht weniger als vier Kongresse von den Spitzen der österreichischen Regierung eröffnet worden, um nur die bedeutendsten unter den zahlreichen Tagungen zu nennen. Augenblicklich stellt Wien im Zeichen zweier besonders interessanter Tagungen: des von der ״Union internationale des avocats, Paris" cinberufenen 7•. Advokaten ko ngresscs und des von der ״Soc! e t e Universelle du T h c a t r c, Paris" vcranstalteten IX. internationalen Theaterkon gresses, der, noch durch eine grandiose Theaterausstellung unterstützt, eine außerordentliche Bereicherung und Kenntnis über die Entwicklung des Theaters der verschiedenen Länder, Völker und Zeiten vermittelt. Gegenwärtig tagen aber auch noch zwei medizinische Kongresse, der Urologen- und der von der Ocsterreichischen Röntgengesellschaft voranstalfete I. R ö n t g c n o I o g e 11 - K o n g r e ß, ferner der ״J u - ristinncn-Kongrcß“ und der ,,Kongreß der Eisz e i t f 0 r s c h e r“. All diese Tagungen, zumal die bedeutendsten unter ihnen, verdienen auch vom jüdischen Standpunkt eine entsprechende Beachtung. Nehmen doch an den meisten Kongressen auch za hlreichcjuden als Delegierte teil, an manchen sogar, wie dies insbesondere bei den medizinischen Kongressen und dem Anwaltskongreß der Fall ist, in recht aktiver Weise. So war es der frühere langjährige Präsident der österreichischen Anwalts kämm er Dr. Siegfried Kantor, der ebenso als glanzvoller Repräsentant des öster- Türkisch $ ZI6ARBTT6 reichischen Barreaus international berühmt, wie als aufrechter und mutiger Jude geschätzt wird, der den Anwaltskongrcß in Anwesenheit des Bundeskanzlers Schuschnigg sowie des Finanz- und Justizmiriisters eröffnete. Dr. Kantor, der seine Eröffnungsrede in Französisch (der Verhandlungssprache des Kongresses), Englisch, Italienisch und Deutsch hielt, sprach über Wesen, Bedeutung, Ziele und Standesauffassung der Rechtsanwaltschaft, wobei er insbesondere auf den inneren Zusammenhang des internationalen Rcclitslebens hinwies. Sein Referat über ״Die grundlegenden Prinzipien eines modernen Zivilrechtes", das Dr. Kantor am Nachmittag des Eröffnungstages hielt, machte auf den Kongreß besonders starken Eindruck. Dr. Kantor wurde zum Vizepräsidenten des Kongresses gewählt. — ln diesem Zusammenhang verdient es festgchalten zu werden, daß diesem internationalen Anwaltskongreß in Wien eine politische Auseinandersetzung zwischen dem ״Verband der deutsch-arischen Rechtsanwälte“ und der offiziehen Anwaltskammcr vorangegangen war, die damit endete, daß die gegenwärtigen Präsidenten der Anwaltskammer, Dr. Mayer und Dr. Krasser, sowie andere Rechtsanwälte, die bis dahin auch Mitglieder des arischen Verbandes gewesen waren, diesen verlassen haben, mit der Begründüng, daß der ״Arische Anwaltsverband“ auf die Agenden der Anwaltskammer in einer bestimmten politischen Tendenz Einiluß nehmen wollte, während das Präsidium der Anwaltskämm er den Standpunkt vertrat, daß für die Tendenzen des arischen Anwaltsverbandes die gesetzlichen Grundlagen fehlen. Es wurde der Meinung Ausdruck gegeben, daß, wenn der ständische Aufbau im Amvaltsstand durchgeführt sein wird, auch der Verband der deutsch-arischen Rechtsanwälte seine Grundlagen verlieren würde. Anscheinend als Antwort auf diese Stellungnahme der offiziellen Anwaltskreise hat der Präsident des Verbandes deutsch-arischer Rechtsanwälte, Dr. Viktor Tschadesch, eine Schrift an fast alle Wiener Rechtsanwälte versenden lassen, in der er die Advo- Patenschaft auf fordert, dem Kongreß, für dessen Abhaitung in Wien sich die offizielle Anwaltskammcr sehr bemüht hat, f e r 11 z u b I e i b e n. Dr. Tschadesch, der Autor dieser Schrift, verficht die These, daß ״alles, was sich international“ nennt, schon durch diese Bezeichnung als jüdisch oderjiidisch-becinflußt zu erkennen sei. Er schreibt u. a.: ״Wir wissen nicht, was wir mit den jüdischen Anwalten zu besprechen haben und sehen keine Notwendigkeit, uns mit ihnen an den Tisch zu setzen." Es sei kein Zufall, heißt es weiter, daß W i e n als Kongreßort gewählt wurde, da hier ״d i e jüdischen Anwälte die Oberhand hätten". Dieser Schritt des Obmannes der arischen Anwalte wird von der überwiegender! Mehrheit der Wiener Anwaltschaft mul, über diese hinaus, von der großen Oeffentlichkeit abgelehnt. Denn es wird von maßgebender Seite darauf hingewiesen, daß Oesterreich es als eine Ehre für das ganze Land betrachtet, daß seine Hauptstadt Wien zum Tagungsort der bedeutendsten Vertreter des internationalen Barreaus erwählt wurde. Die Anwaltskammer erklärt durch einen ihrer Präsidenten, daß sie fürdas Zustandekommen des Kongresses mit aller Energie und mit Aufwendung bedeutender Mittel sich ei ngesetzt hat und "daß das Vorgehen Dr. Tschadesch als durchaus abwegig zu bezeichnen ist. Besondere Beachtung verdient vom jüdischen Gesichtspunkt aus der R ft 111 g e n o 1 o g e n - K o!1 g r e ß, an dem die jüdische M i t a r b ei t e i n e eklatante ist, wie denn überhaupt Juden an der Entwicklung dieser Wissenschaft hervorragenden Anteil haben. Ueberaus zahlreich sind auch die jüdischen Opfer dieser Wissenschaft, die in Ausübung ihres Berufes als Tribut für die Erkenntnisse der neuen Wissenschaft ihr Leben ließen. Insbesondere sind es jüd i s c h e Röntgenologen in Wien, die diesen B1> rufstod erlitten haben. Unter den bedeutendsten Wiener Röntgenforschern, die ihr Suchen nach der segnenden Hilfe der geheimnisvollen Strahlen mit dem Tod bezahlen mußten, sind nächst dem berühmten nichtjüdischen Röntgenologen Guido Holzknccht die Juden Freud, m Palästina vorstorben, und Pordes, über dessen tragischen Tod in diesen Spalten erst vor wenigen Monaten berichtet wurde. An dem vom Bundespräsidenten Mi k las cröffneien 1. österreichischen Rontgenologen-Kongreß nehmen auch heute Juden Anteil. Der Altmeister der'Wiener Röntgenscbiile, Professor Dr. Leorld Freund hielt den Festvortrag über 40״ Jahre öntgenologie in Oesterreich“. Aus Oesterreich, dem in der Röntgenwissenschaft bahnbrechend wirkenden Lande, das als erstes die Röntgenologie als habilitationsfähiges medizinisches Sonderfach offiziell anerkannt hat, uimrnt der international bekannte jüdische Röntgcnologe, der I rimarius des Rothschildsnitals Dr. Borak teil Ferner keteihgen sich auch vier jüdische Aerzte aus Palästina an den Arbeiten dieses österreichischen Röntgenologen-Kongresses. Schließlich darf im Bericht über die Teilnahme der Juden an den verschiedenen Wiener Kongressen nicht der mternationale Theaterkongreß vergessen werden, der in der Hofburg tagt, und an dem ebenfalls zahlreiche j&diache Delegierte, insbesondere aus Amerika, teilnehmen. Alijah der Siebenhundert Marseille, den 2. September 700 Menschen, die größte Alijah-Gruppe, die jemals deutschen Boden gemeinsam verließ, schiffte sich am vergangenen Mittwoch in Marseille ein. Dieses Ereignis verdient nicht nur wegen seiner historischen Bedeutung Beachtung; es stellt zugleich ein organisatorisches Meisterwerk des Palästina-Amtcs und seines Passageieiters, Dr. Lindenstrauß, dar, welches diesen riesigen Transport innerhalb von drei Tagen zusammenstelite. Es gelang dies unter Anspannung aller nur verfügbaren Kräfte und der tatkräftigen Mitarbeit des Palestine and Orient Lloyd in Berlin, der den schwierigen Transport dieser Gruppe organisierte und durchführte. Ein Sonderzug verließ am Tag zuvor Berlin: Und wieder das nun schon gewohnte Bild auf dem Anhalfer Bahnhof, wieder diese unbeschreibliche Stimmung des Abschieds, die jeden erfaßt. Im davonfahrenden Zuge bereitet man sich auf lange Fahrt vor. Noch liegt Abschiedsschmerz auf den Gemütern, die Mädchen haben tränenfeuchte Augen, und es will noch keine rechte ,,Stimmung“ aufkommen. Da ertönt Gesang und Spiel aus einen! Abteil, der Bann ist gebrochen, die Lähmung dahin, und schon in Halle ist man ״drüber weg"! Jeder kennt jeden, und sei es auch nur seit erst zwei' Stunden. Aus allen Teilen Deutschlands zusanimengeströmt, versucht man sich (in den verschiedensten Mundarten) bereits auf Hebräisch zu verständigen. (Hebräisch mit sächsischem Akzent gibt einen ganz aparten Klang!) Diskussionen kommen in Fluß, Chawerim und Chaweroth, Agudisten, Misrachisten, Mitglieder der Jugend-Alijali, sie alle bewegt naturgemäß nur ein Gedanke: Erez Israel! Einwanderungssperre, ja oder nein, Araberfrage, so oder so gesehen, das alles wird lebhaft erörtert und, da man jung an Jahren, werden 4|Je Probleme selbstverständlich gelöst. Sie haben alle recht! Man macht sich Gedanken über das zukünftige Leben, über die Arbeit bis in alle Einzelheiten, angefangen von der Ideologie des Kibbuz bis zur Frage der zweckmäßigsten Arbeitskleidung, Auf jeder größeren Station kommen neue Menschen zu uns, sie werden mit inniger Fret)de begrüßt, meist kennt man sich schon von der Hachscharah her. Auf allen Bahnsteigen die gleichen schmerzlichen Szenen wie in Berlin, die Trauer der Zurückbleibendcn und die schmerzlich-frohe Erregung der Davonfahrenden. Stets erwartet eine große Menschenmenge unseren Zug, wie ein Magnet zieht der ״Zug nach Palästina“ Freunde und Gesinnungsgenossen an. Unvergessen bleibt der herzliche Empfang auf dem Bahnsteig in Frankfurt, unvergessen die Gaben der Gemeinde Karlsruhe und unvergessen die begrüßende Hatikwah bei der Einfahrt in Straßburg. — Ein Einzelschicksal erregt die Menschen, die es miterleben: Auf einer Station in Süddeutschland wartet ein Eiternpaar auf seine Tochter in unserem Zuge. Ein Jahr schon ist sie von Hause fort; die alten Augen der Mutter suchen den Zug entlang, — doch seltsam, der Vater blickt zu Boden. Er wird seine Tochter nicht mehr erkennen, fürchtet er. Vor zehn Jahren sah er sie zum letzten Male, damals erblindete er an den Folgen einer Kriegsverletzung. Nun, da er durch ärztliche Kunst wieder sehend wurde, sieht er seine Tochter für kurze vier Minuten und abermals für lange Zeit nicht mehr. Das klingt wie aus einem Roman, nun, das Leben schreibt solche Romane. Marseille! Mit großer Verspätung erreicht der Zug den Anschluß an das Schiff, ״Patria" heißt cs. Welch ein Symbol! Das Schiff fuhrt Juden in das Land ihrer Väter zurück, — Juden, die ihren Kindern ein alt-neues Vaterland schaffen wollen. Das riesige Schiff wird bestaunt, klopfenden Herzens besteigen 700 junge Menschen die schmale Schiffstreppe, die steil nach oben führt. Einer hinter dem anderen in langer, langer Reihe steigen sie hinauf, ihre Alijah gleichsam verbildlichend. Schon mahnt die Schiffs- Sirene den letzten säumigen Chawer. Noch einmal ertönt sie, das Fallreep wird einge/ogen, nichts mehr kann das Schiff, das sich langsam in Bewegung setzt, zurüekhaltcn. Auch nicht der aufgeregte Herr an der Reeling, der anscheinend irgend etwas vergessen hat. — ,.Zurüekgelassen" haben wohl alle etwas, die dort auf dem Schiff davonfahren, die einen ihre Angehörigen und Freunde, die anderen die Gefilde der Kindheit, sie haben die Fahrt ins Lehen angetreten. Wenn diese Zeilen in Druck gehen, haben unsere Freunde wohl schon Erez Israel erreicht. Die verwirrende Fülle der äußeren Eindrücke wird aber sie lünw egbrausen und sie berauschen. An der Schwelle des neuen jüdischen Jahres erfüllt sich an ihnen, was Jahr um Jahr von allen Juden der Welt seit Generationen erfleht und erhöht wird: ,,In diesem Jahr in Jerusalem!" Herbert Sonnenfcld Zu diesem Alijah-Transport wird uns ferner geschrieben: Am 2. September ist die Alijah aus I )eutschland von Marscille und Triest abgefahren. 700 Menschen haben an diesem Tag Europa verlassen, um in Palästina cm neues Leben aufzubauen. Sehr viele dieser Menschen haben wenige Wochen, manche sogar wenige Tage vor ihrer Ausreise nicht gewußt, daß ihre Alijah so schnell vonstatten gehen würde. In äußerster Eile und mit Anspannung aller Kräfte haben sie selbst ihre Alijah vorbereitet, haben ihre Wohnung aufgelöst, haben Abschied von ihrer Familie genommen. Es ist wichtig, in diesem Augenblick auszusprechen, wie sehr wir, die wir auf die Mitarbeit jedes einzelnen Alijah- Anwärters angewiesen sind, den Mut, die Tatkraft und die Entschlossenheit aller jener Menschen bewundern, die mit dieser Plötzlichkeit zur Alijah gekommen und die alle die Schwierigkeiten auf sich genommen haben, die ihnen dadurch entstanden sind. Wir geben den Chawerim, die in diesen Tagen zur Alijalt gegangen sind, unsere Grüße mit auf den Weg. Lucie Zobel Bild, 3—5; Urei Generationen. — BUa 0 und!: Fötal*. Beibfrt SonuenfeWI Bild 1: Das Schiff fährt ab. — tfitd Z: »or uc,n nnbordgehen, Jugend’ Alijah nutzt die Reise zu Gesang und Arbeit, ... ׳*WT%?r. ״SM§i

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