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Jüdische Rundschau · 1936-09-08 · Heft 72 (8.9.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 72 (8.9.1936)
Date
1936-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 72, 8. IX. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Die Kulturtagung des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland Die Kulturtagung des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbunde in Deutschland wurde am 5. September abends in der Aula der loset Lehmann- Schule in Berlin unter starker Beteiligung aus'Berlin und dem Reiche eröffnet. Nachdem der Chor des Kulturbundes unter Leitung von Kapellmeister Berthold Sander einen Choral von Mendelssohn zu Gehör gebracht hatte, eröffnete Dr. Singer die Tagung. Er wies darauf hin, daß die Zusammenkunft «ine Arbeitstagung sein soll, und betonte die Zusammenarbeit aller jüdischen Richtungen auf der Basis des Kulturbundes, die auch in der Zusammensetzung der Leitung der Tagung zun Ausdruck kam, die aus I)r. Singer, R.-A. Benno Cojjn und Rabbiner Dr. Max Wiener (der an diesem Abend am Erscheinen verhindert war) bestand. Er begrüßte sodann die erschienenen Gäste, insbesondere Reichskulturwalter Hinkel. Ferner begrüßte er die Delegierten der Reichsvertretung der 61dcn in Deutschland, der Zionistischen Vereinigung für eutschlancL des Jüdischen Central-Vereins, des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten, der Vereinigung für das religiösliberale Judentum, der Frauenbünde, Logen, Vertreter der jüdischen Presse und die anwesenden Vertreter der jüdischen Gemeinden. Er wies auf die von der Berliner Zionistischen Vereinigung veranstaltete Ausstellung ״J e m e j B i a I i k“ hin, die ein Symbol für das Zusammenstehen aller jüdischen Menschen aut diesem Boden sei. Mit einem Bekenntnis zur jüdischen Solidarität in bezug auf Palästina und zu dem Heroismus der dort lebenden und kämpfenden Menschen schloß er seine Ausführungen. Es folgte ein Referat von Dr. Singer über: ״Die Arbeit der jüdischen Kulturbünde — Rückblick und Vorscha u“. Dr. Singer wies einleitend auf die großen Wandlungen der Kulturbundarbeit hin, wie sie sich im Laufe der vergangenen drei Jahre ergeben haben. Es sei der Sinn der Tagung, die Gefahren des Still- Standes trotz dem Gelingen der Arbeit zu erkennen. Die Kulturbünde sollen die großen unpolitischen Organisationen sein, die alle Juden einigen. Der Jugend müsse ein größerer Platz in ihrem Rahmen eingeräumt werden. Dr. Singer wies weiter darauf hin, daß die Kulturbünde der Kontroiie und dem Schutze aes Staates unterstehen, woraus sich für sie Pflichten und Rechte ablciten. Er schilderte sodann die geistige Wandlung der Juden seit 1933, die zunächst isoliert waren und allmählich neuen Formen ihrer Gesamthaltung zustrebten. Es fehlte ihnen das jüdische Wissen und der Glaube an die Existenz gegenwärtiger jüdischer Kulturlcistungen; obwohl sich Orthodoxe und Zionisten seit langem um die Judaisierung bemüht hatten, blieb der Erfolg nur auf eine kleine Gruppe beschränkt. Das Publikum war ohne Sehnsucht nach jüdischem Stil. So beschränkte sich die erste Arbeit auf die Organisierung der Mitglieder, die überaus gut gelang, ohne daß konstruktive Theaterideen vorhanden waren. Erst im Jahre 1934, das die Umwandlung des Namens in ״Jüdischen Kulturbund“ brachte, trat auch das Problem der Judaisierung stärker in den Vordergrund. Es wurden damals Stücke mit jüdischen Themen gegeben; Symbol war der große Erfolg des ״Jeremias“. Dennoch brauchte das Publikum auch jetzt noch die Stücke der Weltliteratur, und es war klar, daß der Versuch, ein jüdisches Tendenztheater zu schaffen, wirtschaftlich untragbar gewesen wäre. Dr. Singer wies darauf hin, daß Gesinnung und Abstammung des Autors allein ein Stück noch nicht zu einem wirklich jüdischen machen. Im Zielpunkt unserer Arbeit müssen die Werke jüdischer Dichter stehen, die eine jüdische Idee wirklich gestalten können. Bis wir dies erreicht haben, brauchen wir jedoch noch die Basis des Kompromisses, da das Publikum jetzt erst reif zu werden beginnt, etwas jüdisches von der Bühne her aufnehmen zu können. Wir brauchen dazu Künstler, die vom Judentum besessen sind. Für die Zukunft muß also ein Plan aufgestellt werden, der die Aufführung von Werken der internationalen Kultur, von Werken jüdischer Dichter und von Uebersetzungen jiddischer und hebräischer Dichtungen enthält. Aut dem Gebiete der Musik ist an die Einrichtung eines Plattenarchivs für jüdische Musik zu denken. Ferner ist eine Bibliothek jüdischer und hebräischer Dichtungen zu fordern, ein zentralisiertes Auskunfts- und Vermittiungsbüro für Kunstler und Werke und der Versuch des Austausches von Mensehen und Werken mit Palästina. Dr. Singer betonte die Bedeutung der Kulturbundarbeit im Hinblick darauf, daß 2400 Künstler im Reichskulturbund angemeldct sind, von denen jedoch nur 10 0/0 fortlaufend und weitere 10 <>,0 gelegentlich Beschäftigung finden. Er hofft, daß der Reichsverband allmählich Sitz und Stimme iri den zentralen jüdischen Organisationen erhalten wird und appellierte an die Hilfe der Juden zur aktiven Mitarbeit. Nach diesem mit starkem Beifall aufgenonimenen Referat ergtift Dr. Joachim Prinz das Wort zu seinem Vortrag über: ״Die kulturelle Situation der Juden in Deutschland und das jüdische Theater“. Dr. Prinz wies auf den Kampf des jüdischen Volkes in Palästina um sein Recht auf Freiheit hin, der durch die Lage des Volkes in vielen Ländern der Welt angetrieben wird. Das Judentum Deutschlands habe eine eigene geschichtliche Entwicklung, die dadurch gckcnnzeichnet wird, daß durch eine revolutionäre Aktion seine Lage umgewandelt wurde. Das Programm für die Kulturbundarbeit in Deutschland muß daher auf richtigen Begriffen aufgebaut sein. Wir leben in einer Welt, in der die Nation begonnen hat, alle Bezirke des Lebens zu umfassen. Auch kulturelle Leistungen gehen von den Nationen aus, und der Einfluß, den das jüdische Volk auf die Weltgeschichte in den kulturellen Bezirken genommen hat, konnte nur in einer gesunden!Ration entstehen. Nation, Sprache und Land sind die schöpferische Basis der Kulturleistung. Unter dieser Voraussetzung haben die Juden in Deutschland keine kulturelle Wirklichkeit. Die Rückkehr zur Nation kann durch den Willen allein nicht vollzogen werden, und besonders erschwert ist unsere Lage dadurch, daß uns eine eigene jüdische Sprache fehlt. Kulturen wachsen organisch in einem langsamen Prozeß, und das Judentum Deutschlands, das dem Auswandcrungsdrang unterliegt, hat wenig Aussicht, eine Volkskultur zu scharfen. Wir müssen daher von dem bereits Vorhandenen leben, von der jüdischen Kultur des Ostens und 1 aiästinas und werden nur reproduktiv und pädagogisch arbeiten müssen. Auf dem Gebiete des Theaters läßt sich unsere Vt-rknüpfung mit den großen Leistungen der Weltkulturen nicht beseitigen. Es kann auch im 1 heater kein Sichverbergen in einem engen Eigenbezirk gehen. Wenn wir jüdische Stoffe verlangen, so tun wir dies in einem pädagogischem Sinne. Wir wollen die Brücke von einem entj *Nieten Judentum zum jüdischen Leben schlag c n, Das Theater kann dabei eine grolle Lehrineisterfunktion erfüllen, indem es versucht, in der Sprache der Bühne zu den Juden zu sprechen und sie wieder zu Juden zu machen. Dazu ist es nötig, daß der Schauspieler selbst Jude wird, und zu diesem Zwecke fordern wir eine Ausbildung der Schau- Spieler, die sie zu Volljuden machen soll. Der Schauspieler muß den Weg zum jüdischen Lehen und zu seinen aktuellen Fragen finden, wenn er zu Juden sprechen soll, und er soll sich den tragenden Kräften des Volkes hinzugehen wissen. Der Schauspieler muß den Glauben an unser Volk haben und muß die Schönheit der Aufgabe empfinden, die ihm in dieser Zeit gestellt ist. Dr. Prinz schloß mit der Hoffnung, daß die Zukunft auch dyn jüdischen Künstler bringen wird, der das Erleben dieser Zeit zu gestalten vermag. Dies könne man jedoch nicht künstlich herbei führen, obwohl es nötig ist, daß die Dramaturgen des Kulturbundes Anregungen für die schaffenden Künstler gehen. Nachdem Dr. Singer dem Vortragenden für seinen mit starkem Beifall aufgenonimenen Vortrag gedankt hatte, ergriff Rcichskulturwaltcr Hinkel das Wort und bemerkte, daß er von deutscher Seite nichts zu den beiden Referaten hinzuzufügen oder von ihnen wegzunehmen habe, sich jedoch vorbehalte, im weiteren Verlaufe der Tagung das Wort zu ergreifen. Pr- Singer gab sodann die Zusammensetzung der Arbeitskonimissionen bekannt und teilte mit, daß er im Namen der Tagung Telegramme an die ״Habiim“ und das ״Hebräische National-Orciicstcr“ in Palästina gesandt habe. Hierauf wurden die Beratungen auf Sonntag vormittag vertagt. Die Theater-Kommission Die Theater-Kommission des Reichs Kulturbundes trat am Sonntagmittag zur ersten Arbeitssitzung zusammen, der auch Rcichskulturwaltcr Hinkel beiwohnte. Mit dem ersten einleitenden Referat war Dr. Borodianski betraut. Der Redner bezog sich auf eine tags vorher von Dr. Joachim Prinz, ausgesprochene Warnung, daß der jüdische Stoff allein nicht das jüdische Stück macht, und er schloß daran die andere Warnung, daß man die Forderung der künstlerischen Qualität nicht fallen lassen dürfte. Der Kulturbund sollte sich eine breitere Uebersicht verschaffen von historischen jiidischen Stücken wie von Zeitstücken und sich zu diesem Unsere nächste Ausgabe vom Freitag, dem II. September 1936, enthält eine 16 Seiten starke PALÄSTINA-BILDBEILAGE Zweck mit den Stätten in Verbindung halten, an denen volkhafte Kräfte gesammelt und von unten auf tätig sind, sei es Polen, Amerika oder Palästina. Hebräische oder jiddisch e Quellen sind offen zu halten; dazu gehört die Gründung eines dramaturgischen Archivs. Diese Ausfiihrungen wurden durch Fritz W i s t e n vom Standpunkt des lebendigen Theaters ergänzt. Der auf der deutschen Bühne vorgebildete Schauspieler wird mit der Zeit immer seltener. Wer sich jetzt dem Theater widmet, hat vosn Fundament aus zu seinem Aufbau beizutragen. Der Schauspieler will geführt sein, darf es aber nicht zu sehr merken. Einzuführen ist er in die jüdische Kultur, der er eine vielseitige Ausbildung an'Leib und Seele schuldet. Das Theater ist keine isolierte artistische Erscheinung mehr, nicht mehr nur Unterhaltung, sondern ein großer Anspruch der Nation. Aus dem Zusammenwirken von Dichter, Schauspieler, Publikum entsteht die kultische Verbundenheit"; für den jungen Schauspieler, der an ihr mitschaffen darf, ist Freude an der Sendung vorauszusetzen, also auch eine Art chaluzisclier Gesinnung. Als unumgängliche Voraussetzung braucht er die Kenntnis des Hebräischen, als zweite vielleicht auch die des Jiddischen. Die ersten Resultate solcher Erziehung könnten sich an einem Studio und durch gelegentliche Aufführungen erweisen. Der Dramaturg des Kulturbundes Rhein-Ruhr, Dr. Levingcr, berief sich auf die drei Säulen, die nach jüdischer Uebcrlieferung jedes Unternehmen zu tragen haben: Lehre, Arbeit, Liebe zur Gemeinschaft- Zur Erhaltung des Spielplans liegt die Weltliteratur und die besonders jüdische Dramatik vor. Der Kölner Kulturbund hat ein Josepliusstück, einen Reübeni, einen Pojaz. gegeben und hat jetzt ein Zeitstück in Auftrag gegeben. Dr. Eloesser plädierte für engere Beziehungen zwischen der Zentrale Berlin und den Bünden, die ein eigenes Theater noch nicht erhalten können. Man so’ite den Thesni karren wieder auf Reisen schicken und sich au! die primitivsten Voraussetzungen, besonders der Sparsamkeit, einrichten. Was den Ruf nach dem jüdischen Drama anbelangt; der Dichter ist ein Glücksfall und läßt sich nicht kommandieren. Der Schauspieler ist immer da und für seine jetzige Sendung erziehbar. Dr. Werner Levie entgegnet den Befürchtungen, daß das vorgcschlagcne dramaturgische Archiv zu einer Pandektensammlung verdorren könnte. Der Zweck einer solchen Sammlung, wenn sie Lehen ausstrnhlen soll, wird von I )r. N u li b a u m näher Umrissen, Der Kulturbund hat eine natioualpädagogisclie Aufgabe zu erfüllen. Daher ist der Darsteller an die Quellen jüdischen Wesens zurückzufülircn, auch jedesmal in die Atmosphäre des vorliegenden Stückes ein/tiffihreti. Dasselbe haben die Blätter der Kulturbünde für das Publikum zu leisten, und auch die Vortragenden sollten sich solche Vorbereitung mehr zur Pflicht machen. In der Diskussion über die Möglichkeit und Wirksamkeit eines Archivs sowie über den Studiengang der Schau- Spieler warnte Dr. Joachim Prinz unter großer Zustimmung vor einer UebennteilektualiMcrung, vor einer lieber- Schätzung aller Arbeit am grünen lösch, I)r. Prinz: machte auch positive Vorschläge mit dem I Imweis auf eine unbekann! gewordene Periode jüdischer Thenterluuist, die im Mittelalter oder an seinem Ausgang von so echter Geburt war wie die aus Volks- oder Laienkunst hervorgogangenen Mysterien und Passionsspicle. Fs gab einmal eine jüdische Thcatralik; sie wird heute aufgehalten durch die Lauen oder Bequemen oder Furchtsamen, die ms jüdische Theater gelten, um jüdische Probleme loszuwerden. Wenn das Theater statt angelernter Lebcnsäu lierting Erlebnis und Bekenntnis ist, wird es auch die Jugend /uruckrufen. Nach der Diskussion nahm Reichskulturwaltor Hinkel das Wort, um für den Vorstand des Reichskulturbundes Anregungen zu!unterlassen, die seine besonderen sozialen Verpflichtungen und vor allem die Losung der immer heiklen Finanzfrage betreffen. Die Musik-Kommission Als erster sprach Arno Nadel über jüdische litur* gische Musik. Fr begann mit dem Altertum; die jüdische Musik zur Zeit des zweiten Tempels sei zwar nicht erhalten, man habe sie sieh aber wie die alte griechische Musik vorzustellen. Die Musik der orientalischen Juden hätte sich an drei Orten bewahrt: in Jemen, bei den Sephardim und in der religiösen Musik der Juden Polens und des Balkan. Nadel zeigte zwei interessante Melodien aus einer fast '200 Jahre alten Sammlung von synagogalen Melodien, die ihm gehört und von ihm den Namen ״Hannoversches Kompendium“ erhalten hat. Nicht nur aus Gründen des Wissens, sondern auch aus denen der künstlerischen Wegbahnung, nämlich um den jungen jüdischen Komponisten Anregung zu geben, erklärte er seine sieben Merkmale der jüdischen Musik. Der Wina wersche Chor führte mit außerordentlicher Diszipliniertheit und östlicher Expressivität einige religiöse Gesänge vor, Dr. Hans Nathan behandelte das Thema Orchester- und Kammermusik. Er ging kurz auf die jetzt lebhaft geführten Diskussionen über die Existenz einer neuen jüdisehen Musik ein. Es ergäbe sich, daß eine Produktion da sei voller jüdischer Fragestellungen und Bindungen, die ausschließlich Juden anginge. Die Vielfalt der Stile sei durch die Vielfältigkeit des Lebens der ülver die Welt zerstreuten jüdischen Gemeinschaften bedingt. Es komme hier, wie bei allen Fragen nationaler Kultur, mir darauf an, ob ein intensiv gelebtes nationales Lehen sich eine künstlerische form geschaffen habe. Nach dieser Linleitung lieferte er Vorschlage, die die praktische Arbeit der Kulturbünde hetrafen; so nannte er wichtige symphonische jüdische Werke, u. a. die Bühnenmusiken für ostjüdische Schauspicifruppen, Am Vorstandslisch während der Eröffnung; von links nach rechts; Dr. Werner Levie, R.-A, Benno Cohn, Ür. Kurt Singer, Dr, Joachim Prinz, Foto; Uetbert Sonneoitld I

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