Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1936)
- Date
- 1936-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 71, 4. IX. 1936 Frage der Kunst ist dies Problem oft genug an dieser Stelle erörtert worden. Wir kennen zugleich die Grenzen, die dieser Bemühung überhaupt gesetzt sind; darum sind wir ja Zionisten, weil wir neue, grundsätzlich andere Bedingungen der kulturellen Entfaltung schaffen wollen, die nur auf dem Boden P a 1 ä s t i 11 a s gegeben sind. Diese Erkenntnis kann für uns jedoch nur ein Ansporn sein, unsere Kraft zu verdoppeln und den Willen der Judenlicit Deutschlands zu stärken, Emst zu machen mit der Rückkehr zum eigenen Wesen, über die Grenzen von Formeln und Bekenntnissen hinaus an sich zu arbeiten. 4c Heute erlebt das jüdische Volk eine Zeit besonders schwerer Entscheidungen. Seine größte Hoffnung, der Aufbau Palästinas, ist vor Existenzfragen gestellt. Desto bedeutsamer ist es, uns auf das Wesen der Dinge zu besinnen, die wir Vorhaben; nur die ()nippen im jüdischen Volke werden auf die Dauer die Kraft haben, aus dem Bilde, das ihnen von Palästina vorschwebt, gegen die Widerstünde der Welt und des eigenen Volkes eine Realität zu machen, die mit sich selbst zur Einheit gelangt sind und in denen jene unselige Zerspaltenheit des ,.judesein im Innern und Menschsein draußen“, wie man es einst formuliert hat, überwunden wurde. Kein äußerlicher Nationalismus, keine Bekenntnis-Formel allein wird uns die Sorgen des Aufbaues überwinden lassen und uns die Anerkennung der Welt erzwingen, wenn nicht hinter dem Bekenntnis ein Volk steht, voller Eigenart, in sich ruhend, als Menschen durch und durch Juden, und als Juden durch und durch voll menschlicher Werte. Die Besinnung auf dieses Jude-Sein steht darum am Quell auch unserer Kraft nach außen, und sie wird gerade in dieser Zeit zu dem zentralen Problem der Vuik.wr/iediiing. Der Weg zu den Wurzeln unserer Art Bt e* *, den wir antreten müssen, und wir werden dabei all den Problemen der Erkenntnis und des Glaubens nicht auswciclien können, die auf dem Gang des jüdischen Volkes durch die Jahrtausende in ihm entstanden sind, die aus seinem eigensten Wesen fließen und seine Art bestimmen. Die Gefühlskräite des Volkes wollen wir wieder in uns spüren und erleben, wir wollen uns ihnen mit der ganzen Liebe hingeben, die der Einzelne zum Volke zu empfinden vermag, und die neben die Liebe zum Lande, zu Zion, treten muß. Dabei wird es nicht ohne Konflikte abgehen, nicht ohne Reibungen zwischen den Gruppen und Schichten des Volkes, nicht ohne Opfer für den Einzelnen, der den Uebergang zu ganz neuen geistigen Haltungen finden muß, aber zugleich wird sich der Jude Deutschlands, ein Fremdling bisher in seinem eigenen Volke, wieder zu Hause zu fühlen beginnen, er wird in sich den schmerz- und zugleich lusfvollen Prozeß der Wiederein wurzclu ng in dem Boden durchmachen, #r durch eine unendliche Kette der Geschlechter geistige Heimat seiner Vorfahren gewesen ist. Die Kette reißt wohl manchmal in der Geschichte, sie wird durch äußere Gewalt zersprengt, heute aber ist es an uns, sie wieder zu schmieden und nicht als verlorene Söhne des Volkes allein und isoliert der Welt ausgeliefert zu sein. * Wohin führt dieser Weg? Die Richtung ist klar, weil -le /um Volke und seinem organischen Leben leitet; die Resultate i n u 11 > e r e m e i g e n c 11 Kreise sind ungewiß, da niemand Voraussagen kann, welches unsere wirklichen Kräfte sind, wie weit wir in dieser Generation gelungen, wie sehr wir zum Judentum wirklich Ja zu sagen vermögen und uu die Grenzen unserer Kraft liegen. Das alles ist ungewiß. Der Weg aber ist alles, und der Anfang bedeutet — so scheint es uns — zumeist schon die Entscheidung. Darum ist es gut, wenn durch weithin sichtbare Veranstatt ungen unser Gewissen geschärft wird, und wenn wir uns selbst die Frage vorlegeti, ob wir, jeder Einzelne für sich selbst, auf dem rechten Wege sind. Hier gilt, es, mehr noch als anderswo; Auf dich wartet das Volk, du bist sein Träger, in dir allein kann es Realität werden, und darum ist deine Tat, so klein sie im einzelnen sein mag, zugleich Symbol für die Renaissance des Volkes In allen seinen Teilen! K. L. Griechisch - orthodoxe Kirche und Zionismus Athen, 30. August. (JTA.) Der Erzbischof von Athen, Mgr. Hrissostomos, das Oberhaupt der grieduschen Kirche, erklärte in einem längeren Gespräch mit Obcrrahbiner Dr. Zwi Koretr, daß die griechisch-orthodoxe Kirche dem Zionismus und seiner Arbeit in Palästina mit freundschaftlichen Gefühlen gegenübcrstche. Der Erzbischof sagte weiter, er freue sich zu sehen, daß die in Griechenland zwischen der griechischen und der jüdischen Konfession bestellenden freundschaftlichen Be- Ziehungen auch in denjenigen Ländern zum Ausdruck kommen, in denen es griechische Kolonien gibt, insbesondere in Aegypten und Amerika. Zwischen den Griechen griechischorthodoxen und jüdischen Glaubens bestünden in diesen Ländem die herzlichsten Beziehungen. In diesem Zusammenhang hob der Erzbischof Palästina besonders hervor, wo, wie er erklärte, die griechische Geistlichkeit! da* jft״ dische Aufbauwerk moralisch unterstütze. Vojtn französischen Judentum Von unserem Korrespondenten K. Paris, Anfang September Ber Kampf gegen den Antisemitismus Zweifellos hat die Tatsache, dal! ein Jude heute die politisehen Geschicke Frankreichs leitet, der antisemitischen Propaganda eine leichte und für die Massen faßbare Argumentation in die Hand gegeben. Aber die ,Ministerpräsidentschaft Leon Blums ist keineswegs der wirkliche Grund für die verstärkte antisemitische Agitation in Frankreich. Es sind letzten Endes dieselben Probleme wie in anderen westlichen Ländern, die zu einem erneuten Aufrollen der jüdischen Frage in Frankreich geführt haben: die anormale, historisch bedingte beruf liehe Schichtung der Judenlicit, die erhebliche zahlenmäßige Vergrößerung der jüdischen Bevölkerung in den letzten Jahren usw. auf der einen Seite und die Verschärfung des Wirtschaftliehen Kampfes, insbesondere auch in den intellektuellen Schichten auf der anderen Seite. Das französische Judentum hat sich bisher in seiner Mehrheit darauf beschrankt, die Existenz des Problems zu leugnen und den Abwehrkampf in der Weise zu führen, in der er seit Jahrzehnten — und mit dein gleichen Mißerfolg — in den meisten Ländern geführt wurde: durch Hinweis auf die jüdischen Leistungen für Frankreich, durch Appelle an die öffentliche Meinung und an die Regierungen und schließlich — am bedenklichsten — durch die Scheidung zwischen den ״guten“ eingesessenen und den ״schlechten’‘ cingewaiulerten Juden. Die praktische Konsequenz dieser letzten Haltung hat eine große Anzahl von Juden zum völligen Ablegen aber ihrer jüdischen Bindungen, ja in das Lager der Judengegner geführt. Es gibt heute in Frankreich bereits eine ganze Literatur getaufter und 11 n getauft er Juden, die den Gegnern des Judentums in ihrem Kampf — natürlich nur gegen die ״schlechten“ Juden — Beifall spenden und ihnen neue Argumente liefern. Die jüdische Geschichte hat genügend Präzedenzfälle geliefert, um den Ausgang eines mit diesen Methoden geführten Abwchrkampfcs gegen den Antisemitismus voraussehen zu lassen. Das französische Judentum steht daher heute vor der dringenden und für seine Zukunft entscheidenden Aufgabe, seinen Gegnern mit neuen ״positiven“ Methoden der Abwehr entgegennitreten. Diese Methoden können nur in einer tiefgehenden Reform des jüdischen Lebens in Frankreich bestehen, in deren Rahmen das jüdische Selbstbewußtsein gestärkt und gleichzeitig an einer Lösung der bestehenden Probleme, die in der sozialen Struktur der jüdischen Gesellschaft entstanden sind, gearbeitet werden muß. Um eine Führung Eine erfolgreiche Durchführung der Reform im franzöaischeu Judentum ist aber!für möglich, wenn das französische Judentum eine Führung erhält, die dem heute bestehenden Zustand der Zersplitterung und der Richtungslosigkeit ein Ende macht ״Wo sind heute die Theorien, das Programm, das Ideal des französischen Juden? Wo sind die Menge, die Anbänger, um seinen Kampf (gegen den Judenhaß) zu unterstützen? Es gibt irr Frankreich' viele Juden, aber sie haben keine Führer, sie haben keine gemeinsame Aktionsbasis, weil sie niemals den Versuch gemacht haben, sich eine solche Grundlage ru schaffen“, schrieb kürzlich die ״Tribüne Juive“, die den zionistischen Ideen nahesteht. Aber auch in dm Kreisen, die dem Pariser ״Consistoire“ nahestehen, wird Heute der Mangel einer würdigen Vertretung des französischen Judentums empfunden. Bezeichnend ist in dieser Richtung der Vorschlag li, R. Lamberts im ״Univers Israelite“, der für die Gründung einer Spitzeuvertretung des französischen Judenturns nach dem Vorbild des englischen ״Board of Deputier'* eintritt. So sehr aber heute noch die Hoffnung auf Bildung einer wirklich repräsentativen jüdischen Vertretung, die nicht nur jüdische Notabein umfaßt, utopisch zu sein scheint, so sprechen dexh manche Anzeichen dafür, daß die Vereiniteitlichung der verschiedenen Gruppen des französischen Judentums in letzter Zeit Fortschritte gemacht hat. Die Tatsache — deren Bedeutung nicht überschätzt werden soll —- daß heute die Hilfsarbeit für die Emigranten von einem Comih* getragen wird, in dem sowohl die französischen, als die ostjüdischen und die jüdischen Kreise aus Deutschland vertreten sind, ist als Zeichen einer begrüßenswerten Annähe• rung und Zusammenarbeit zwischen den jüdischen Gruppen zu werten. Von einer solchen Hilfsarbeit zur Bildung einer Spitzeuvertretung des französischen Judentums ist natürlich noch ein weiter Schritt. Die zionistische Bewegung in Frankreich, die Palastina-idee haben es bisher nicht verstanden, Einfluß auf die Entwicklung des französischen Judentums zu gewinnen und zur Vereinigung der jüdischen Kräfte beizutragen. Die Protest-Bewegung ^9 Cf Aktion In Holland Von unserem Berichterstatter Den Haag, den 1. September 1936 Im Haag fand am 30. August eine Zusammenkunft der Vorstände zahlreicher jüdischer Organisationen und Vereinigungen aller Richtungen unter Vorsitz von A. A s sehe r. Vorsitzendem der Permanenten Kommission der Niederländisch-Israelitischen Kireliengenossen- Schaft und des• Komitees für besondere jüdische Interessen, statt. Der Vizepräsident des Hohem Rats der Niederlande, Mr. L. E. V iss er, sprach über die Lage in Palästina und die Gefahr der Einstellung der jüdischen Einwanderung. Die Ver- Sammlung nahm einstimmig eine Resolution an, in der der großen Besorgnis Ausdruck gegeben wird, mit der sie von den Erklärungen des englischen Kolonialministers Kenntnis genommen hat, und in der auf* schärfste protestiert wird gegen die Erwägung der zeitweiligen Einstellung der jüdisehen Einwanderung nach Palästina. Die Versammlung appelliert an die britische Regierung und das britische Volk, ihren Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Volk in vollem Umfang nachzukommen. Es wurde beschlossen, die Resolut km dem britischen Gesandten zuzustellen. Am letzten Schabbat wurde in allen holländischen Synagogen ein von der Versammlung der Oberrabbiner abgefaßtes Gebet gesprochen, das den Terror der Araber in Palästina und die drohende Gefahr der Einstellung der Einwanderung durch die britische Regierung zum Gegenstand hatte. * Der Direktor der Angfo-Palcstine Bank und Konsul der Niederlande in Tel-Awiw, E. S. Hoofien, wurde zum Ritter des Ordens von Oranje-Nassau ernannt. R. L. Delegation beim englischen Botschafter in Warschau Warschau, 1. September. (JTA.) Am 1. September empfing der englische Botschafter in Warschau, Sir Howard Kennard, eine unter der Führung von Senator Oberrabbiner Dr. Moses Schorr, dem Abgeordneten Dr. Emil Sommerstein und dem früheren Abgeordneten Hartglass stellende Abordnung der Judenlicit Polens, die ilim eine Denkschrift über die Stellungnahme der polnischen Judenheit zu der gegenwärtigen Lage in Palästina übtt• reichte. In dem Memorandum wird die WiederhersteWiftßr von Ruhe und Ordnung in Palästina gefordert und gegen den Plan einer Einstellung der jüdischen Einwanderung Protest erhoben. Der Botschafter nahm die Denkschrift entgegen und versprach, sie an die Regierung in London wciterzuleitem. Er erklärte bei dieser Gelegenheit, daß nicht nur die englische Regierung, sondern aucli die öffentliche Meinung. Englands starke Sympathie für das jüdische Aufbauwerk in Palästina empfinden. Memorandum an Staatssekretär Hüll New York, 1. September. (JTA.) Zwanzig jüdische Dranisationen, unter ihnen der American Jewish Congress, ie B’nai B'rith und die Hadassah, haben a!s Vertreter von zwei Millionen amerikanischen Juden dem amerikanisehen Außenminister Cordeil Hüll einen Protest gegen die englische Politik in Palästina überreicht. In der Protestkundgebutig der großen amerikanisch-jüdischen Verbände wird der englischen Regierung der Vorwurf gemacht, ■daß sie an der Fortdauer der Unruhen in Palästina schuld sei. Wegen fudenfeindlicker Ausschreitungen bestraft Warschau, 1. September. (JTA.) Vor dem Appellationsgerieht in Posen wurde ein Prozeß'gegen die Teilnehmer an judenfeindlichen Ausschreitungen durchgeführt, die anläßlieh eines Wochemnarktes in dem Städtchen K r o b i a am 4. Februar stattgefundeu haben. Fünfzehn jüdische Marktfahler, die mit ihren Wagen aus Kongreßpolen zu dem Markt gekommen waren, wurde« von einem Haufen Arbeitsloser angegriffen und mißhandelt. Die etwa 400köpfige Menge wandte sich später aucli gegen die eingreifende Polizei, die genötigt war, von der Waffe Gebrauch zu machen. Einer der Angreifer wurde hierbei verwundet. Das Kreisgericht hätte fünfzehn Teilnehmer an den Ausschreitungen zu Gefähgnisstrafen von acht bis zwölf Monaten verurteilt. Das Berufungsgericht sprach einen der Verurteilten frei und setzte die Strafe bei einem zweiten herab, während die übrigen vom Erstgericht verhängten Strafen bestätigt wurden. In Czenstochau wird demnächst der Prozeß gegen 33 ״Nara-Leute“ eröffnet, die am 27. Januar an dem Aufisere Inserenten *arten, daß unser• ser ihren Bedarf an Ge־ lenken bei ihnen decken le ״Jüdische Rundschau :tet und erwartet, daßbclm F.lnul auf de Bezug genommen wird. lauf in Truskolus teiluahmen, bei dem die Polizei von der Menge mit Steinen beworfen, die Fensterscheiben der jüdischen Häuser zertrümmert und mehrere jüdische Läden demoliert wurden. Zu dem Prozeß sind 40 Zeugen geladen, darunter 30 Juden. Das Judentum in der Rechts- und Wirtschaftswissenschaft Die ,,Deutsche Juristen-Zeitung“ vom l.SepL veröffentlicht das folgende Programm fiir die Tagung der Reiclisgruppe Hochschullehrer der Deutschen Rechtsfront über ״Das Judentum in der Rechts- und Wirts c h a ft 5 w iss e n s c h a f t“ am 3. und 4. Oktober in Berlin: ״I. Pas Judentum in der Rechtsphilosophie, Staats- und Ver. waltungslchre: Prof. Dr. Jung, Marburg, Positivismus, Freireehts. lehre, neue Kcchtsqucllenlchre; Prof. Pr. T a t a r i!1 - T a r n h t y - den, Kosteck, Das Judentum in StaaUrccht und Staat sichre i l’rot, Dr. Mau tu, Freiburg, Das Judentum im Verwaltungsrccht. II. Dm, Judentum im Recht»verkehrsr echt, in der WiitsePuftswftsensrhaft und im Handelsrecht: Dozent Dr. Bart hol omeye*lk, Breslau, Da» Judentum im Zivilprozehrecht; Dozent Dr. Rath. Göttingen, Da* Judentum in der Wirtschaltswissenschaft; Prot Dr. Wkrdinger, Breslau, Das Judentum im Handelsrecht III. Da* Judentum im Strafrecht und Strafverfahren: Senats- Präsident Prof. Dr. Klee, Berlin, Das Judentum im Strafrecht: Prof. Dr. S leger t, Göttingen. Das Judentum im Strafverfahrensrecht; Prof. Dr. Mikorey, München, Das Judentum in der Kriminalpsycholögie; Dr. von Leer 1, Berlin, Judentum und Kriminalität. IV. Das Judentum im zwischenstaatlichen Recht: Dozent Dr, Gflrke, München, Der Einfluß der jüdischen Theoretiker auf die deutsche Völkerrecht sichre; Prof. Dr. Müller, Freiburg, Das Judefttum im internationalen Privatrecht.“ Ein Bataillon der ״Scottish Bor der er s“ aus Malta traf in Haifa ein. Mit demselben Schiff kamen auch die Frauen und Kinder der Offiziere der in Palästina bereits stationiertem Bataillons.