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Jüdische Rundschau · 1936-09-04 · Heft 71 (4.9.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 71 (4.9.1936)
Date
1936-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 71. 4. IX. 1936 J 0 DI S CHE RUNDSCHAU Seite 3 Die Berliner Kultur-Tage Aus der Haftarah für Sdiabbat, den 5. September 1936 Volk, Kultur und der Einzelne Zwei Ereignisse lenken in den nächsten Tagen den Blick der Judenheit Deutschlands auf sich: die von der Berliner Zionistischen Vereinigung veranstaltete große Kultur-Ausstellung ״Jemej Bialik“ und die Berliner K u.l t u r - T a g u n g des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde. Mancher stellt vielleicht die Frage, ob es in dieser Zeit berechtigt ist, ein großes Maß an Kraft und Mitteln für Zwecke dieser Art zu verwenden, in einer Zeit, in der das äußere Schicksal der Judenheit Deutschlands und die Neufundierung seiner materiellen Existenz alle Kräfte erfordert, ir einem Augenblick, in dem das jüdische Aufbauwerk in Palästina erneut vor seine Lebensfrage gestellt ist. Wir glauben, daß diese Frage schon durch ihre Stellung beweist, daß man von falschen Voraussetzungen ausgeht. Es ist ja nicht so, daß die Neuschaffung von Lebensmöglichkeiten für uns Juden eine Sache der äußeren Mechanik ist. Die neue Lebensgrundlage, die wir uns erobern müssen, wird nur dann gefestigt sein, wenn sie nicht willkürlich und gleichsam anorganisch uns auferlegt wird; unsere ganze Persönlichkeit müssen wir mit ihr verbinden und mit ihrer Schaffung einen Wandel unseres eigenen Wesens verknüpfen. ״Ja-sagen zum Judentu m“ war die erlösende Formel, die der Zionismus dem Judentum Deutschlands entgegenrief, als es vor der grundlegenden Neugestaltung seiner äußeren Lebensbedingungen stand. Dies Wort war in der Tat eine revolutionäre Formel; ein großer Teil der Juden Deutschlands hatte das Judentum bis dahin als eine quantite negügeable betrachtet und es nach Möglichkeit an die Peripherie ihres Bewußtseins gerückt. Das Judentum war ihnen eine Angelegenheit weniger Feiertage geworden, der sentimentalen Rührung bei einigen feierlichen Gelegenheiten im Jahre oder gar im Leben, und wenn man draußen in der großen Oeffcntlichkeit wirkte, so suchte man es möglichst zu verbergen. Die Besten unter jenen, die diesen Weg gegangen sind, empfanden wohl eine Regung des Stolzes, wenn sie von der Umwelt als Juden attackiert wurden, und säe bekannten sich zu ihm mit einem aufrechten ״Trotzdem“, das sie der Welt entgegenhielten, wenn sie nicht für voll genommen wurden. Welch eine Wendung bedeutete es, wenn die Juden Deutschlands nun, aus dem Leben der Allgemeinheit ausgegliedert, zum Judentum Ja sagten! Sie rückten in den Mittelpunkt ihres Bewußtseins etwas, was ihnen vorher beinahe nur dämmerhaft und in Um* Warum dies alles? — Die Juden Deutschlands waren seit Generationen hoch kultiviert. Sie nahmen an allen geistigen Bestrebungen aktiven Anteil, und sie fühlten sich wohl in einer Lebenssphäre, die sie für die ihnen eigene hielten. Sie waren die besten ״Europäer“ — vielleicht die einzigen; heute haben wir alle erkannt — was einst nur wenige wußten und aussprachen —, daß diese Sphäre auch eine Emanation des Judeseins war, und daß es irn Grunde eine Art von Ersatz für das darstellte, was uns fehlte, nämlich ein ureigenstes, von den eigenen, tiefen Kräften getragenes kulturelles Schaffen und Empfinden. Jetzt wissen wir, daß unser Leben leer war, weil jener Betrieb vielleicht klug und geistig subtil gewesen ist, aber seelenlos; ihm fehlten die Kräfte des Volkstums, die bewußte und unbewußte Verknüpfung mit der Kette der jüdischen l.Jcberlicferung und mit den ringenden Kräften der Gegenwart. Diese Zeit ist vorbei. Viele haben ihre Grenzen erkannt, und sie sind es, die den Ruf des Ja-sagens zum Judentum als das empfinden, was er wirklich ist, nämlich als Hinwendungzu uns selbst, zu dem Eigensten, was wir in der Weit einzusetzen haben und was uns eine Stellung im Chor der Völker zu geben vermag. Heute sind wir dem Schicksal gestellt, und seine Frage lautet: Werden wir es, das Judentum Deutschlands als Ganzes bestehen? Wird aus dieser Zeit ein Funke des Geistes her- Vorgehen, der in unseren Herzen Raum greift und sie wieder im Rhythmus des Volkes schlagen läßt? Niemand weiß, wie diese Entwicklung in den Jahren vor uns und besonders in der jungen Generation verlaufen wird. Aber an uns ist es, ihr die Bedingungen zu schaffen, die die Erneuerung unseres Seins und Wesens ermöglichen. Der Blick in die Vergangenheit unserer Geschichte und auf die großen geistigen Schöpfungen unseres Volkes in allen seinen Entwicklungsperioden tut not und zugleich die Verbindung mit all den Kräften im jüdischen Volke in der Galuth und in Erez Israel, die heute schaffen, die an der Renaissance unserer JürkiscM Nicht muh dir mehr die Sonne da sein zu einem Licht am Tag. noch zu einem Glanz der Mond dir leuchten. ER selber ist dir da zum Wellzeil• Licht, dein Gott zu deiner Pracht, Nie mehr hinab kommt dir nun deine Sonne, und dein Mond, nie wird er eingezogen, denn ER ist dir da zum Wellzell-Llcht. die Tage deiner Trauer sind nun vollendet. Jesdtajahu 60, 19 — .20 Ueherseizt von Marlin Bubcr nationalen Kultur wirken. Die Sammlung der Elemente unserer zukünftigen Kultur ist die primäre Aufgabe, die vor uns liegt, nicht um ein ״Museum des Judentums“ zu bauen, sondern um uns selbst und unseren Kindern die Elemente der Bildung als jüdische Menschen zu liefern. Chnim Nachman B i a 1 i k, unter de-sen Svmbol die Berliner Ausstellung steht, empfand in der letzten Epoche seines Schaffens diese Aufgabe der Sammlung, des ״Kinns“, als die vordringlichste, und er hat auf wichtigen Gebieten Grundlegendes dafür geleistet. Und dies — so scheint uns — i׳-t auch der Sinn der Vera n s t a 11 u n g e 11, die jet/t stuttfmdvii. Es gilt, uns selbst Rechenschaft über 11:0 ab/ulegen, was auf bestimmten Teilgebieten des judi-rhen Kultursehaffens im all gemeinen in Deutschland wie in den Ländern der Galuth und in Ercz Israel verbanden ist, und was auf dem großen Leide der Kuno( vor uns liegt. Diese Rechen- Schaft muß naturgemäß in erster Linie eine Bilanz über uns selbst sein, über das, was das Judentum Deutschlands geleistet hat, und über die Aufgaben, die es zu bewältigen hat. Die Bilanz kann und wird uns nicht befriedigen. Wir wissen, daß bisher nur weniges von dem, was not tut, erreicht worden ist, daß die Verbindung der Juden Deutschlands mit den! lebendigen jüdischen Dasein und seinen Inhalten auch heute noch schwach ist. Für die Die Londoner Agency-Sitzung Von unserem Berichterstatter rissen erschienen war, und sie fanden damit einen neuen Standpunkt gegenüber der Flut der alldrängenden Ereignisse. Dennoch lag in dieser Wendung eine Gefahr. Ja-sageu war leicht und unverpflichtend, da es sich um die Hinwendung zu etwas handelte, was einem selbst noch fremd und fern war. Das Wissen um das Judentum, die Verbindung mit den konkreten Inhalten seiner Kultur, das Wirken an den großen Aufgaben der Erneuerung seines Wesens war in den letzten Generationen bei uns immer mehr geschwunden oder zur Angelegenheit eines kleinen Kreises geworden. So komiten manche nicht an der Gefahr vorüber, die darin lag, daß Ja-sagen eine Formel blieb, gleichsam ein Fetisch, mit dem man die neuen und unbekannten Ereignisse und Erlebnisse zu bannen suchte, aber kein Weg zu sich selbst, kein Pfad, der aus den Wirrnissen der Gegenwart wirklich zu einem neuen Bild jüdischen Lebens und jüdischer Menschen führte. Der Zionismus hat diese Gefahr stets erkannt, da er selbst weiß, daß ein formelhaftes Bekenntnis nicht zur Renaissance des Volkes führt. Wir sind dagegen, daß der Betrieb im jüdischen Leben überwuchert, und so sehr wir den Wert der Organisation und des planmäßigen Handelns einzuschätzen wissen, so empfinden wir auch die Gefahren, die darin liegen, daß vieles geschieht, ohne daß die Menschen selbst im Innersten davon berührt werden. Wir wissen auch, daß diese Gefahr am Judentum Deutschlands nicht spurlos vorübergegangen ist. Für manche war und ist ihre jüdische Entscheidung ein Problem der neuen E x i s t e n z. b i 1 d u n g und damit vielfach eine Angelegenheit der Emigration. Dagegen wenden wir uns, weil wir glauben, daß die Not, die über uns gekommen ist, auch das Resultat unseres eigenen Lebens in den vergangenen Generationen ist, und weil wir wollen, daß nicht nur eine momentane Erleichterung für Einzelne geschaffen wird, sondern eine grundsätzliche Umkehr auf einem Wege erfolgt, dessen verhängnisvolie Folgen wir alle zu spüren bekommen haben. Darum kann zum Beispiel die Werbung für die hebräische Sprache, die wir im Judentum Deutschlands führen und die uns heute dadurch erleichtert wird, daß ihre Kenntnis für die Auswanderung nach Palästina nützlich ist, nicht Propaganda für irgendein ״Volapük“ sein, das der Verständigung mit den Juden Palästinas dient, sondern dies ist ein Teil der großen Aufgabe, die vor uns steht, den Geist und die Seele des Volkes wieder zu beleben, im Herzen eines jeden Juden das nationale Gefühl wachzurufen und ihn zu den großen Gütern und Offenbarungen unseres Volksgeistes hinzuleiten. London, 2. September Das Administrative Committee der Jewish Agency traf heute in London zu seiner ursprünglich nach Zürich einberufenen Sitzung zusammen. Die Sitzung wurde vom Vorsitzenden des Administrative Committee, Professor Speyer (Brüssel), eröffnet. Er hielt einen Nachruf atü Nahtim S o k o 1 o vv und gedachte der Opfer der palästinensischeri Unruhen. Die Eröffnung schloß mit einer Minute des Schweigens, die der Ehrung der Toter! gewidmet war. Das erste Referat hielt Eileser Kaplan über Wirtschafts- und F i n a n z f r a g e n. Er berichtete über die Entwicklung im ahgefaufenen Jahre seit dein Kongreß, speziell über die Maßnahmen, die zur Ucbcrwindüng der Schwierigkeiten getroffen worden sind, die der italienisch-ahessinische Krieg in Palästina hervorrief, und schilderte die Vorkehrungen zur Stärkung der Siedfungsarbeit, die durch die Unruhen im April unterbrochen wurden. Infolgedessen wird außer dem ordentlichen Budget des Keren Hajessod mit einem Ausgabenbetrag von '£ 357 000 ein auberor deutliches Budget vorgelegt. Zur Deckung des ordentlichen Budgets hat der Keren Hajessod £ 200 000 beizutragen. Der Rest der Einnahmen stammt aus der Rcalisierung von Außenständen, Einkünften aus Bodenverkäufen usw. Andererseits wird versucht, die Mittel für die Siedlungsarbeit durch Absatz von Obligationen der vom Keren Hajessod gegründeten Landwirtschafts-Gesellschaft zu erhöhen. Vom Berichterstatter wurde hervorgehoben, daß trotz den Unruhen einige Siedlungen mit den Rückzahlungen an den Keren Hajessod schon vor dem ursprünglich festgesetzten Termin begonnen haben, um die «׳eitere Finanzierung der Siedlungsarbeit zu erleichtern. Kaplan berichtete ausführlich über die Folgen der Unruhen, wobei er ähnlich wie vor dem Aktions-Comite in Zürich in eindrucksvoller, sachlicher Weise den Widerstand des Jischuw gegen Terror und Streik schilderte. Der Jischuw kämpft nicht für sich, sondern im Interesse des ganzen Volkes, indem er sich weigert, den Preis für die Herstellung der Ruhe zu zahlen, der mit der Einstellung der Einwanderung gefordert wird. Zu Schulz und Sicherheit, Eroberung der Arbeit, die die Erhaltung lebenswichtiger Dienste bedeutet, Hilfe für die Geschädigten usw. muß man durch eine Kollektiv-Aktion einen außerordentlichen Fonds in Höhe von ,£ 300 000 aufbringen. In der Diskussion sprachen Dr. Deiches, Dr. Werner Senator und Dr. Michael T raub, die die Frage behandelten, wie das außerordentliche Budget aufgebracht werden kann, ohne den ordentlichen Etat zu gefährden. In seiner Antwort betonte Kaplan, daß das außerordentliche Budget unter allen Umständen aufgebracht werden muH. Es wurde eine Finanz-Kom in ission gewählt, bestehend aus vier Zionisten und vier Nichtzionisten, nämlich den Herren Harzfeld, Trau b, Reiß, Nu rock, van den Bergh (Holland), Ritter von Anhauch (Rumänien), Lady Re ading (England) und Morris Waldmann (USA.). Sodann erstattete Harzfeld einen Bericht über die ökonomische Lage in Palästina. Er führte aus, daß der direkte Schaden der Unruhen bisher noch nicht zu ermitteln ist. Am schwersten sind ungefähr .40 landwirtschaftliche Siedlungen betroffen, die seit zwei Jahren vom Keren Hajessod geschaffen worden sind. Ebenso ist der Bodenbesitz gefährdet, auf dem bisher noch keine jüdischen Siedlungen geschaffen worden sind. Die Fertig- Stellung der Verbimhuigssfraßen zu ungefähr 40 Siedlungspunkten gestattet aus Sicherheitsgründen keine Verschiebung. Dazu kommt die Aufgabe, den jüdischen Arbeitern in den Kolonien eine W״hn!11*־>g!lehkcit zu sichern. Harzfeld schloß mit einem leidenschaftlichen Appell an das A d in i n i - strative (, o 111 111 j t 11: e, die ganze Kraft einzusetzen, um in politischer und ökonomischer Beziehung die in harter Arbeit geschaffenen Positionen des Jischuw vor Zerstörung zu bewahren. — Anschließend beleuchtete. Dr. Werner Stn ator eine Reihe allgeiiuimu irtschaftlicher Probleme der Entwicklung des Landes. Die Naciimittagssit/ung begann mit einem politischen Bericht Dr, Welzmanns, dem mit großer Spannung eiitgcgengcschcn wurde, da am Vormittag der Kabiiuttsrat der Regnerung die 1 age in Palästina beraten sollte. I)r. W e i / tu .1 11 11 erklärte einleitend, daß er noch nicht im Besitze der endgültigen Resultate der Kabinettssifznng sei. Er sprach über die gesamte weltpol!- tische Situation, in deren Rahmen sieh die Ereignisse in Palästina abspicicii. Sodann lielismleite er die Stellung der palästinensischen Verwaltung, wie sie sich in den ahgelaufeiien Monaten entwickelt hat.! >r. Wci/maim erörterte auch das Verhältnis der Zionistischen Organisation zu den palästinensisehen Arabern und stellte fest, daß das Verhältnis durch E. i n f 1 ü s s c v o n a u li c 11 vt rgiftet worden ist. Absc hließend betonte er, daß in dieser schweren Zeit die K o a I i t i o n s - Exekutive harmonisch /usammeiigearbeitet hat, und erwähnte mit besonderem Nachdruck die große Leistung Moshe Schertoks. Lr schloß mit der Versicherung, ’daß wir unseren Kampf fortfuhren werden, weil wir an den Sieg des Rechtes glauben. Nach der Rede von Dr. W ei z mann beantragte der Vorsitzende, Prof. S p e y e r, einen beso 11 d c r e n I) a n k an die Exekutive für ihre hingebungsvolle Arbeit unter Anerkennung der Leistungen Moshe Schertoks und bat um die Ermächtigung, ihm diese Anerkennung telegraphisch zu übermitteln. An der folgenden Debatte beteiligten sich B o g r a t s c h o f f, Dr. S e n a t o r, llarzfel d, | e f f 1׳ o y - kin, Dr. Baeck, Locker und zum Schluß Lord Melchett. Dieser unterstrich, daß die zionistische Politik fast das ganze Parlament hinter sich habe. Die wahren Auseinandersetzungen werden erst beginnen, wenn der Bericht der Kgl. Kommission vorliegen wird. Daun werden wir, auf unsere moralische Kraft gestützt, erfolgreich bleiben. London, 3. September, 17 Uhr (telephonisch) In der heutigen Sitzung des .Administrative Committee wurde zunächst der Brief Ornishj'-Uorcs an Dr. Weizmann bckanntgegehen. Sodann wurde die Diskussion fortgesetzt. Es sprachen S p r i n z a k, Dr. 11 e x t e r und Dr. G o I d m a n n. Hierauf behandelte Dr. \V e 1 / tu a 11 n in einer groß angelegten Rede die politischen Fragen und analysierte die» Verhältnis der drei Faktoren: Juden, Araber und Engländer.1 Diese Rede bildete den Höhepunkt der Tagung und machte* außerordentlich starken Eindruck. Im Augenblick behandelt das Administrative Committee das Budget, worüber Lady Erleigh berichtet. Dieser Debatte wird der Bericht der politischen Kommission folgen. Eis ist anzunehmen, daß die Tagung heute abend beendet wird.

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