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Jüdische Rundschau · 1936-09-04 · Heft 71 (4.9.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 71 (4.9.1936)
Date
1936-09-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 71, 4. IX. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Jüdisches Theater in Deutschland Die goldene Kette / Ausführung im Kulturbund Von Dr. Werner Levie Die eigenartige Kultursituation der Juden in Deutschhnd, das Fehlen einer jüdisch-eigenartigen dramatischen Literatur in deutscher Sprache, sowie die Tatsache, daß jüdisches Theater in Deutschland in der ersten Zeit nur der Versuch war, allgemein übliches Theater im nur mehr jüdischen Rahinen zu spielen, zwingt bei der nahezu Allgemeingut von Publikum und Künstlerschaft gewordenen Ansicht, daß jiidisches Theater in Deutschland eine spezifisch jüdische Note haben müsse, zu Maßnahmen, diese theoretisch gebliebene Anschauung zu realisieren. Dm Stoffproblem Es ist sicherlich ein Denkfehler, der auch ein typischer Fehler der vielen Diskussionen um den Kulturbund war, zu glauben, daß jüdischer Stoff allein als Inhalt einer dramaturgischen oder theatralischen Leistung die Basis eines jüdisch-kulturellen Theaters abgebc. Die Habimah oder eine der vielen ausgezeichneten jiddischen Theatertruppen des Ostens und Amerikas konnten allein kraft der sprachliehen und volksmäßigen Verwurzelung ihrer geistigen Initiatoren, Schauspieler, Regisseure und Dramaturgen eine jüdisch-eigenartige Leistung auf die Bretter stellen, selbst wenn sich ihre Kunst an nichtjüdischen Stoffen jüdischer und nichtjüdischer Autoren erprobte. Dem jüdischen Theater in Deutschland, das trotz der Darstellung einer Reihe jüdischer Stoffe zunächst in der Hauptsache eine Sammlung jüdischer Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen und sonstiger künstlerischer Kräfte ohne eine bewußte Zielsetzung auf ein jüdisch-eigenartiges Theater darstellen mußte, fehlt zwar die Basis der eigenen Sprache, es fehlt ihm aber nicht die Fähigkeit, sich jenseits des rein Sprachlichen zu einem jüdischen Theaterinstitut eigener Prägung zu entwickeln, Gewiß wird hierbei, da in deutscher Sprache gespielt wird, die große deutsche Theatertradition in vielfacher Hinsicht mitbestimmend seit! (so wie bei den ostjüdischen und palästinensischen Theatern der slawische Einfluß unverkennbar und unvermeidbar war). Dies ist aber lediglich ein« Frage des sich erst entwickelnden Stils. Weit wesentlicher sind und bleiben die Probleme der äußeren und inneren Vorbereitung des Unterfangens, wirkliches jüdisches Theater in der Enge des jüdischen Raumes in Deutschland sich entwickeln zu lassen. Wenn man sich auf Grund dreijähriger Erfahrung, dreijährigen Ringens und dreijähriger Diskussion überlegt, in welcher Richtung angesetzt werden müsse, um dem verschwommenen Ziele eines jüdischen Theaters in Deutschland näherzukoinmen, so sieht man, daß immer wieder der eingangs bezcichnete Denkfehler, daß mit der Materialbeschaffung (um eit! prosaisches Wort für eine wesentliche geistige Tätigkeit zu brauchen) die Hauptaufgabe gelöst sei, alle Bemühungen unfruchtbar gemacht hat. Die verdienstvolle Bemühung, jüdisches Stoffmaterial zu schaffen, ist eine Arbeit, die noch in den Anfängen steckt. Ihr Erfolg ist aber nur eine Frage des Arbeitstempos und eine Frage der Finanzierung von Ueber- Setzungen und Bearbeitungen, kurz eine dramaturgische Frage, eine Personenfrage und letzlich, hinsichtlich des Tempos, eine wirtschaftliche Frage. Die Stoff- Sammlung ist zwar ein wichtiger Weg, der beschritten werde« muß, um aus der Enge, in der sich bisher die Programmarbeit vollzog, herauszukommen. Gewiß einer der wesentliehen Wege, denn ohne theatralischen Stoff, ohne die Materie, an der sich der künstlerische Geist manifestieren soll, ist kein Theater möglich. Ein entscheidender Faktor der Gestaitung des jüdischen Theaters ist aber bisher ständig vergessen worden, und wie mir scheinen will, der wesentlichste. Vom einfachen Aufzählen jüdischer Stoffe über den Versuch einer jüdischen Dramaturgie bis zur Forderung eines jüdischen Zeittheaters auf Bestellung hat man immer wieder das (strittige) Material diskutiert, ohne dem lebendigen Oestalter dieses Materials, den geistigen Trägern der Erneuerung, einen (und wahrscheinlich den zukunftsträchtigsten) Teil der Debatte zu widmen. Bildung des Künstlers Ein Stoff kann stets vielfältig gestaltet werden. Erst der Geist, in dem der Stoff gestaltet wird, die gesamte Gefühls- und Wissenswelt, die <lcr 'Gestaltung zugrunde liegt, bestimmt die charakteristische Eigenart der Leistung, Der Künstler, der jüdische Schauspieler in Deutschland, bis vor kurzem gewohnt, im Rahmen eines allgemeinen Theaters zu spielen, ist der Faktor, der allein den Stoff in diesem oder jenem Sinne, unter jüdischen Gesichtspunkten positiv oder negativ gestalten wird. Zwei Beispiele, um diese eigentlich selbstverständliche These zu erhärten: Die Aufführung des ״Jeremias" von Stefan Zweig war ein außerordentlicher Erfolg, nicht nur deshalb, weil dem jüdischen Publikum im Jahre 1034 in seiner Situation das Gleichnishafte aufging. Vor allem auch deshalb, weil Regie und Darstellung diesem mit Ausnahme der Themenwahl ja durchaus nicht jüdischen Drama (mit allen Stilmerkmalen europäischer Literatur) in jeder Hinsicht gewachsen waren. Es gab keine geistigen, historischen, Wissensmäßigen Probleme für diese Aufführung. Sie war eine techirisch und finanziell schwierige Aufgabe, aber sie war lösbar, und gut lösbar, weil sie keinerlei irgendwie geartete Um- Stellung innerer Art von den an ihr Beteiligten verlangte, keinerlei Bruch mit dem Hergebrachten zugunsten einer anderen geistigen Welt. Der Gegensatz hierzu: Die bevorstehende Aufführung des ״Schah'bathai Z’wi“ von Bistritzki. Das Drama eines hebräisch schreibenden Autors, das auch in der deutschen Uebertragung einen Geist atmet, der von dem des nichtjüdischen Dramas grundverschieden ist. Es erfordert die Vertrautheit der Darsteller und des Regisseurs ebenso wie des Bühnenbildners mit einer jüdischen Materie, die erst erarbeitet und erlebt sein will. Die Kenntnis des jüdischen und des allgemein-historischen Hintergrundes, von dem sich die Geschichte Schabbathai Z’wis abhebt, das Leben von Juden m Smyrna, Saloniki, Kairo, Lemberg, Deutschland im 17. Jahr- Der Kulturbund hat einen herzhaften Entschluß gefaßt und ein Werk von Jizchak Leib Perez aufgeführt, das dieser selbst als ein chassidischcs Familiendrama bezeichnet. Bei dieser Gelegenheit erinnern wir uns eines denkwürdigen Abends, an dem Granowski das jiddische Original von Perez׳ ״Nacht auf dem Markte" bracht«, das man wiederum als ein jüdisches Mysterium bezeichnen konnte. Man hörte aus dieser Gespenstersonate den Herzschlag eines Dichtertalents, das vor allem das des Traumes war, aber auch das Vermögen, ihn nach dem Erwachen zu gestalten. Die Aufführung war — damals — ein isoliertes literarisches Unternehmen, eine Kunde von Vorgängen, die sich weit draußen an einer dämmernden Peripherie abzuspielen schienen. Inzwischen ist uns alles, was die jüdische Problematik anbelangt, näher an die Seele gedrungen oder durch erzieherische Not auf den Leib gerückt worden. Als ich klein war, hörte ich, daß es merkwürdige jüdische Sektierer geben sollte, die sich mit Schnapstrinken und Tänzer! in einen Rauschzustand versetzten und die auch eine so genährte Ekstase für eine fromme Handlung hielten. Auch in Berlin, dieser aufgeklärten Stadt, sollten solche Ausschweifungen vorgekommen sein, die sich glücklicherweise auf kleine Kreise von frisch eingewanderten Ostjuden beschränkten. Wenn heute der Chassidismus in unser geschichtliches Bewußtsein eingestellt ist, so verdanken wir diese verbesserte Einsicht hauptsächlich Martin B u b e r, der seinen Aufgang im 18. Jahrhundert und auch seinen Niedergang gedeutet hat als eine tief volkhafte Bewegung, als einen Aufschwung der Seele, des ganzen triebhaften Menschen gegen verknöcherten Rabbinismus und einen mechairisierten Kult. Buber bezeichnet als eine wesentliehe Eigenschaft des Judentums das Pathos, und das heißt: das Unmögliehe wollen; er hat sich auch durch die Gemütskraft von Perez ergreifen lassen, aus der leidende, grübelnde, traumende Juden hervorginischelomo (Fritz Winten) gen, und er hat an der Uebergangserscheinung dieses Dichters nur den heroischen, den wieder der einigenden Tat fähigen Juden vermißt. Die ״Goldene Kette“ ist vom Baal-Schern, dem Begründer des Chassidismus, geschmiedet worden. Auf diesen Urahnen, auf seine einfache Kraft berufen sich die Nachfolger, wenn ihnen die Kette zu entgleiten oder zu zerspringen droht. In diesen kurzen drei Akten läßt Perez vier Generationen auftreten, die sich gegenseitig ablösen oder nach dem Willen des Volkes absetzen. Der erste gilt dem Rabbi Schclomo, der noch der reinen Ekstase fällig ist, und seinem mystischen Unterfangen, einen ewigen Schabbat zu diktieren, eine messianische Welterlösung, und wenn es auch eine Zerstörung dieser Welt des Scheins sein sollte. Der alte Rabbi weigert sich, die Hawdalah zu sprechen und damit wieder den Alltag in die Welt einzusetzen, mit dem Handeln und Wägen hier unten und dem Richten da oben. Ein einfaches trockenes Wort, das ״Gut Woch" des Schammes stürzt ihn auf die Erde und bricht ihm das Herz. Perez hat nicht eigentlich Kulturbilder malen oder Zustandsschiiderungen betreiben wollen — dazu stand der iiddische Dichter seiner Herzenssache zu nahe —, er versuchte vielmehr, die Ausbreitung eines ekstatischen Zustands in lyrisehen Ausbrüchen mit Einzelstimmen und chorischem Echo anschwcllcn zu lassen. Das gelang ihm einmal im ersten Akt, der auch einen außerordentlich starken Eindruck machte und der eigentlich der letzte Akt oder die Schlußkatastrophe eines Dramas hätte sein sollen, das man nach berühmtem Muster ״Ueber unsere Kraft“ hätte nennen können. Die Energie dieses Aktes sammelte sich vor allem in der Sehelomo-Figur von Fritz Wistcn, er hatte mit der Würde die Kraft der Milde, diejenige Verklärtheit, die man im chassidischen Sinn als Freude in Gott bezeichnen kann. Wenn aber seine Enkelin Mirjam von ihm bis zum Visionären mit hingerissen sein soll, so widersprach dem in Jenny Bernstein-Schaffers Darstellung bei aller Innerlichkeit doch eine etwas mondäne und in diese Welt noch zu gut eingepaßte Haltung. Die folgenden Akte, schon weil sie bei aller Variation des Motivs sich rein handlungsmäßig doch wiederholen, konnten die gedrängte Kraft des ersten nicht erreichen. Dem Sohne Sclicfomos, der in entgegengesetzter Art wieder mit richtcrlieber Strenge regieren will, war überhaupt nur ein kurzes hundert, das Wissen um ihre politische, religiöse und wirtschaftliche Situation, dies alles bildet nur den Fond für die Aufführung eines dramatischen Textes, in dem Kabbala, das Hohelied, Tischa beaw-Liturgie, religiöse Ekstase, die sich zu erotischer Verzückung steigert, eine entscheidende Rolle spielen. Wie sollen diese Rollen gestaltet werden, wie Regissetir und Schauspieler dieser Aufführung gewachsen sein, ohne die geistige Grundlage hierfür mitzubringen und ohne die innere seelische Fühlung mit dem Stoff? Das Problem des jüdischen Theaters in Deutschland scheint also mehr ein B i l d u n gs p ro b I e m als ein Stoffprobleni zu sein. Der innere Umstellungsprozeß des jiidisehen Kuiturarbeiters in Deutschland wird im Vordergrund der Bemühungen stehen müssen. Wer heute und in Zukunft als Schauspieler, Regisseur, Dramaturg, Bühnenbildner usw. in Deutschland jüdisches Theater mitgestalten will, der wird seiner selbstverständlichen Allgemeinbildung die jüdische Erscheinen vergönnt, von dem allerdings die strenge Auf• richtung durch Sigmund Nunberg in guter Erinnerung bleibt. Dessen Sohn Mosche, bei dem die goldene Kette in zweiflerischem und gottvcrsudierischcm Grübeln wieder zu springen droht, wird schon von Perez aus nicht recht deutlieh, woran auch Herbert Grün bäum nichts zu ändern vermochte. In dieses zweiten Erben Herrschaft spielt ein« etwas bürgerliche Handlung hinein. Die Tochter Lea geht mit einem assimilierten, der Gemeinde entfremdeten Arzt durch und kommt gebrochen wieder. Das Licht da draußen, wie sie sagt, ist kalt wie Schnee. Auch diese Episode wird in einer gehobenen, versöhnlichen Sprache abgemacht, eine schwere Aufgabe für die Darstellerin, der aber Gerda Klein mit einen! Einsatz von Herztönen standhielt. Deutlicher wird wieder der letzte Mann dieser chassidischcn Familie, SchcJotnos Urenkel, der junge Jonatlian, der von neuein die Gabe der Vision hat, und dem sich das Volk zuwendet. Mit der Demut seines Herzens, das zugleich stark und milde, könnte Jonathan wieder ein Glied der goldenen Kette sein. Walther Finch,7s (Siegmund Nunherg) Herz hat sich in und Jonathan (Walter Merz} der Rolle ausgezeichnet; er hat seine Vision, die ihm den Himmel öffnete, glaubhaft gemacht, und er ist auch richtig aut der Erde wieder angekommen, zugleich jung im Wollen und auch reif nach solchem Erlebnis. Soll der Zuschauer mit diesem Drama, das zwischen Himmel und Erde spielt, vertraut werden, 90 ist sprachlich« Deutlichkeit die erste und letzte Forderung. Nimmt man ,Mosche (Herbert üriitihaum), Lea (Gerda Ktein-Wei fimartn} und Mirjam (Jenny Schaffer) Foto•: j. At״״!״«; erfahrene Darsteller wie Fritz Lion als Schammes oder Willi Prager und S i e g I r 1 e d U r i a s in kleineren Rollen aus, so müßten die einzelnen Stimmen noch prägnanter werden, da dieses Werk nun einmal durch eine Art Chor in Schwebe und Schwung erhalten wird. Daran könnte vielleicht noch gefeilt werden, Fs lohnt sich: denn das Publikum hat sich höchst bereitwillig zum Hören und;Miterleben gezeigt. Die Darsteller, wie sic es im ganzen verdienten, wurden zum Schluß mit ihrem Regisseur Lutz Weltmann alle gerufen. Der Kulturbund hat sich für diese Spielzeit ein großes Programm gestellt, und es muß anerkannt werden, daß er mit der wohl schwierigsten Aufgabe angefangen hat. Arthur Eloesscr Bildung an die Seife stellen müssen. Die mnere Ernstelhmg zum Judentum, zu seinem Geist, seiner Geschichte, seinem Kulturgut wird entscheidend sein, wenn auch selbstverständlich das künstlerische Können stets ein wesentlicher Maßstab des Wirkens sein muß. Der jüdische Künstler muß in svsteniatischer Arbeit r e i f g e m a c 111 werden für seinen hohen Be» ruf, dem jüdischen Publikum die Kulturwerte seines Volkes vermitteln zu dürfen. Es wird von seiner Aufgeschlossenheit und Bereitschaft für diese ihm vielfach neue Welt abhätigen, inwieweit er sich diese Welt erarbeiten, inwieweit er sie zu «inen! inneren Erleben für sich gestalten kann, um sie an das Publikum weiterzugeben. Der Einwand, das Publikum sei nicht reif für diese Dinge, ist abwegig, denn die geschlossene Leistung wird immer überzeugend, interessierend, wenn nicht gar pädagogisch wirken. Nur die unvollkommene Darbietung, unvollkommen aus dem Mange! an seelischer und Wissensmäßiger Beziehung zum Dargestellten, wird Ablehnung, unter Höhepunkt der jüdischen Sportsaison Leichtalhlelische Nakkabl ~ Melsferschafien 6. September, 6r«mewald»Sp0rtplat*• Vorkämpfe: 10 Uhr. Hauptkämpfe 15 Uhr. Am Start: Die besten Leichtathleten des Deutschen und Tschechoslowakischen Makkabikreises Ansprache( Rabbiner Dr. Joachim Prinz Eintrittspreise im Vorverkauf: RM —.75 bi« RM 2.50, an der Kasse: RM 1.— bis RM 3.— 20,30 Uhr, Brfiderverefnahana, Eintrittspreis RM 1.— Abschlußfeier und Preisverteilung Kurfürstcnstr. 115/116 Im künstlerischen Teil u. a.: Max Ehrlich u. Clalre Arnstein Vorverkaufsstellen: Reisebüro Palestine & Orient Lloyd, Meinekestrafie 2, Bar Kodiba-Büro, Meinekestraße 10, lwria-Bank, Dircksenstraße 26/7

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