Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 70 (1.9.1936)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70, 1. IX 1936 Wie gestalte ich den Schabbai? Für Schabbat, 5. September Wochenabschnitt: ״Kl tawo" (5. B. M. Kap. 26, 1 — 29, 8) I. Der erste Teil unseres Wochenabschnittes erzählt vom Akt der Darbringung der Erstlingsfrüclite, der auch einen historischen Ueberbliek über die jüdische Vorgeschichte enthält. Um ein lebendiges Bild von diesem Fest zu geben, ziehe man das vom Keren Kajemeth in Deutschland herausgegebene Buch ״Zählet die Tage“ heran, in dem ein großer Teil der einschlägigen IJteratiir enthalten ist. Im gleichen Buche findet nun auch eine Darstellung der Wandlung, die dieses Fest im neuen Palästina erfahren hat und wie es im jetzigen Jischtiw gefeiert wird. II. Wir setzen unsere Unterhaltung über die Sselichot- Tage fort und empfehlen hierzu die ausführliche Darstellung im Arbeitsplan ״Jamim Norairn“ von Bernhard S. Jacobson, zu beziehen durch die Bundesleitung des Brit Hanoar schel Zeire-Misradii, Berlin-Charlottenburg 2, Joacliimsthaler Str. 7-8. In diesem Abschnitt befinden sich auch weitere wichtige Quellen. Wir möchten hier noch hinwciscri auf den Abschnitt ,,Slichof“ in Zu!1z’ ״Svnagogale Poesie der Juden“, wo eine große Anzahl von Slichot übersetzt ist. Fine schöne Uebertragung der bekanntesten Slicha vom Erew Rosch Haschana ״S’chor B'rith“ findet man in ״Israel, Volk und Land“. III. Wir empfehlen diesmal das ausführliche Studium der Haftarah, die man zum Abschluß in der Buber Rosenzweigsehen IJebersct/uiig vorlesen soll. Ais Haftarah wird gelesen: Jeschajnhu, Kap. 60. 1. E. JUdische Kultur in Deutschland Im Zusammenhang mit der Ausstellung ״Jemej Bialik‘* der BZV. wollen wir einen Rückblick auf die Kulturleistungen des letzten Jahrhunderts im jüdischen L׳׳bcn<be/irk in Deutschlartd werfen. Wir gehen von der Zeit der Aufklärung und ihren Ideen aus und behandeln die zentrale Figur dieser Bewegung, Mo;es Mendelssohn. Wir werden den geistigen (jclialt der Aufklärung, ihre Bedeutung für die spätere F׳ntwirkhmg des Judentum-, besonders fiir die Renaissance ׳der hebräischer! Sprache und ihrer Kultur zu analysieren und hcrauc/uarheiten haben. Wir werden von den Anfängen des 1! e h r ä i s c b e n II u m a n i s ni!1 s unter den Aufklärern sprechen und die l'iitwit klung bis in unsere Tage zu verfolgen liahi'n. Vor allem müssen in diesem Zusammenhänge die sog. M e a s s j 1 ח!, jene < iruppc* von Mitarbeitern und lungern Mer.de' o'uw, die -.ich um die hebräische Zeitschrift ״Hanteaswf״ (I)er Sammler), die im Jahre 17S3 zu erscheinen begann, konzentrier haben, erwähnt werden. Die Mcassfim, an deren Spitze die namhaftesten Schriftsteller der Zeit und die treuesten Mitarbeiter Mendelssohns wie Isaak Euchel und Naftali Hirz Weisel (Wesselv) standen, verfolgten ein zweifaclies Ziel: 1. Verbreitung der Aufklärungsideen unter den Juden und 2. Kultivier!!!!״ der hebräischen Sprache durch Rückkehr zur Sprache der Bibel und der alten Kultur. Zu diesem Zwecke wurde auch eine Gesellschaft zur Förderung der hebräischen Sprache (״Dorsche Leschon Ewer“ 1782) gegriindet. — Wir werden dabei auf den damals entstandenen M tt s s i v s t i I (״Mc-Iizah“) hinweisen, der sich bewußt an die Sprache der Bibel anlehnt; das Späthebräische, die Sprache der Misclinah, der spanischen Blüteepoche und der Rabhinen, wurde fast ganz umgangen und vernachlässigt. Zusammen mit dem kritischen Denken und dem Auflehen der biblischen Snrache begann die Renaissance der jüdischen Wissenschaf t, zu der der Lemberger Gelehrte Salomo Rappoport das Fundament gelegt hatte. Wir werden in diesem Zusammenhänge auf die außerordentliehen Verdienste für die Erforschung der jüdischen Geschichte, der literatur und anderer Zweige der jüdischen Kultur, die mit dem Namen (.eonold Zunz verbunden ist, hinweisen. Fr war zweifellos der Begründer der historisch-kritischen Forschungsmethode auf dem < iebiet der jüdischen Wissenschaft, die ihren Niederschlag in den meisterhaften Werken wie ״Die gottesdienstlichen Vorträge der |!1den“, ,.Die svnagogale Poesie des Mittelalters״ u,;!. m. gefunden haben. Iin Geiste Zunz’ wirkte .־uicli der erste jüdische Historiker der neueren Zeit Isaak Markus Jost, der 11. a. die ,,Allgemeine Geschichte des israelitischen Volkes" und die ״Geschichte des Judentums Seliinendriek, das jüngste Pferd, warf den Kopf zurück und kräu-ehe die Oberlippe, daß inan die Zähne sah. Noah Pandre m hien es, als lauschte Sehmendrik auf das F.nde der (I eseliu litt• und grinste über den Spaß, er gönnte ihm das nicht. Kr zog an den Zügeln und rief: ,,!lü! Hü! So ein Balg1 Gellt das dielt was an? tlCi-.h' Hü!“ Und er merkte nicht, daß er nach und nach in Senclers 'Fon verfiel, wenn er mit den Pferden redete. Kr war böse, daß Sehmendrik seine Aufmerksamkeit nhlenktc, wiihrend er eifrig Senders Geschichte zuhörte; und er sehmitzte mit der Peitsche über Sehmendrik s Fell und wendete sich neugierig an Sender: ״Und euer Vater ist ganz, und heil geblieben?“ ״Heil und ganz wie eine Hübe, Gott lud» ihn selig! Die Pelze haben ihn beschützt, Kin heutiger Kutscher mit den heutigen Pelzen würde das nicht nushalten, wenn er so viele Stiche in den Leib kriegte. Hackfleisch würden sie aus ihm machen. — Was sagst du? Die Pakete? Waren olle ganz, keins lint gefehlt. Als der Postmeister in Mohilcw hörte, was geschehen war. wie die Postkutscher ihr Leben eingesetzt hatten, um das Krongut zu retten, gab er meinem Vater zehn Silherrubcd, und Abrahams Witwe kriegte einen blauen Fünf und/, wanziger. Sie konnte ihn brauchen, sag ich dir! Der nrme Abraham hat von der Belohnung nichts mehr geballt. Kr liegt auf dem Friedhof in Kopust, sic haben ihn in den blutigen Kleidern begraben, der Rabbi hat es angcordnet.“ ״Na!“ rief Pandre und kratzte sich mit dem Peitschenstiel unter der Pelzmütze den K«pf. ״Das hätte mir passieren sollen! Diese Räuber! Denen hätte ich’s aber gezeigt!“ ״Hör auf mit Prahlen!“ befahl Sender. ״Es wird schon finster. Du kannst nie wissen, was kommt. — Hüoh! Hü!“ schrie er plötzlich Sehmendrik an. ״Schau dich nicht um wie eine neue Magd! Du kriegst doch keiner! Hafer, ehe wi 1• in Kopust sind, mein Junge!“ SIFBENTKS KAPITEL DIE GESCHICHTE WIRD WAHR I. Hinter Kopust wurde der Wald dichter und die Nacht fiel ein. Senders hochbepackte Kutsche glitt zwischen den Mauern von grünen schneebeladenen Tannen dahin. Die Pferd« spürten alle drei, daß sie den größeren Teil des Weges hinter sich hatten und trotteten fröhlich, besonders Schmnrwoz, der Fresser, der im Gespann in der Mitte ging, zwischen Djirka, der Stute, und den» jungen Sehmendrik. und seiner Sekten“ schrieb. — Nach und nach wurden fast sämtliche Gebiete des jüdischen Geisteslebens von den Jüngern und Nachfolgern Zunz’ durchforscht. Sowohl die Bibel, Talmud und Midrasch, die Religionsphilosophie, Ethik und Pädagogik, die Mystik, Liturgie, die hebräische Sprache usvv. wie die sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen jüdischen Lebens wurden einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Neben dem großen Historiker Heinrich Grätz sollte man noch den Namen des bedeutenden jüdischen Bibliographen Moritz Steinschneider und des Verfassers der ״Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden“ G. Caro erwähnen und sich über ihre Bedeutung fiir die jüdische Forschung unterhalten. — Allein, man sollte sich auch über die Grenzen dieser großangelegten Wissenschaft des Judentums und ihre Einseitigkeit klar werden. Für diese Generation der Forscher war das Judentum bereits ein abgeschlossener Prozeß, das keine geistig-schöpferische Kontinuität mehr aufzuweisen hatte und das daher fiir diese Wissenschaftler nur noch archäologisches Interesse hatte. Die lebendigen Kräfte des Volkslebens, den organischen Zusammenhang mit der Gegenwart und die noch vorhandene Vitalität wollte man nicht mehr sehen und wahrhaben. Das jüdische Volk und seine Kultur wurde zu einem Objekt der Forschung, zu einem Gegenstand der Untersuchung, ohne die potentiellen Kräfte des Volkslebens zu berücksichtigen. Nocn war die nationale Bewegung mit ihrer Umwertung aller bisherigen Werte nicht auf den Plan getreten, und so konnte wenigstens die Wissenschaft des Judentums die alten Werte pflegen und sie konservieren. Man sollte in diesem Zusammenhang über die schöpferische Leistung und die Bedeutung von Franz Rosenzweig und Martin Buber für die Entwicklung des Judentums in Deutschland sprechen und ihre bleibenden Verdienste herausarbeiten. An Literatur wäre u. a. zu empfehlen: Jüd. Lexikon, Fnc. Jud., Dubnow, Geschichte Bd. X: Klausner, Ocsch. der rieuhebr. Literatur und Müller, Der Weg in die jüdische Neu* zeit (1936). J. M. Die Liederkarten des KKL Der Keren Kajemeth Lejisrael (Jerusalem) gibt fortlaufend Postkarten heraus, die neue Lieder des Landes enthalten. Bis jetzt liegen acht Serien vor; eine neunte, ältere, ist vergriffen. Von diesen Karten sind leider nur zwei Serien, jede nt zehn Karten, nach Deutschland gekommen. Es sind die besten der Reihe. Es wäre leicht, diese billigen Karten in Massen zu verbreiten, und es wäre sehr wichtig. Es sind in letzter Zeit in Deutschland Liederbücher erschienen, deren Verfasser das Verdienst haben, sehr viele nur mündlich überlieferte Lieder aufgezeichnet zu haben. Menschen aus Berlin und anderen europäischen Städten haben sie mitgeteilt. Diese Art der Mitteilung und Ueberlieferung ist keine sichere Basis und kann es nicht sein: die Menschen stellen den Liedern ihres Geburtslandes — wenn auch häufig unbewußt — nahe; und wenn sie auch, wie B. in Polen, immer von ostjüdischer Melodik umgeben waren, so müssen sie sich das Verständnis für das neue palästinensische Lied erst erarbeiten. Sie verändern so die Lieeier, die sie gelegentlieh von Palästinensern hören mögen, sie ״zersingen“ sie. Das wäre keinesfalls ein destruktiver Faktor, wenn nicht dabei ein fremder Geschmack mittäte, und wenn das Lied edler und besonnener gesungen würde, als im allgemeinen in den Bünden. Auch fehlt ihnen als typischen Europäern des sich noch in voller Breite auswirkenden 19. Jahrhunderts der Sinn für eine einfache, in sich ruhende Melodie, die allein, ganz ohne Begleitung — wie so viele palästinensische Lieder — bestehen kann. So ergehen sich Varianten, die die Ursprungliehe Gestalt der Lieder vergröbern und europäisieren. Zum Olück leben die Liederkomponisten noch; sie haben meist ihre Melodien von Rabinowitz, dem Kritiker" des ״Dawar“, aufschreiben lassen und die originale Form auf den KKL- Karten veröffentlicht. W’ir finden viele bekannte Lieder wieder. Bei fast allen müssen wir feststellen, daß wir sie bisher entweder melodisch oder textlich nicht ganz richtig gesungen haben. In den Liederbüchern sind palästinensische von älteren ostjüdischen und überhaupt hebräischen Gesängen nicht getrennt. Auf den KKL-Karten dagegen sind fast nur neue Lieder des Landes aufgenommen, und wo z. B. jeminitische hinzugenommen wurden, ist es genau angemerkt. Dr. Hans Nathan In Moskau ist der frühere Wiener Universitätsprofessor der Anatomie, Dr. Julius Tandler, gestorben. 81־■•hmnrwoz witterte den wurmen Stall auf zehn Meilen, und die Krippe voll ungemischtem Hafer ohne Häcksel. Begeistert schlug er mit dem braunen Schweif die weißgefleckten Weichen. Er tat sein Bestes, um nur rasch nach Hause zu kommen. Noah Pandre, der jetzt: schon gelernt hatte, die Pferde genau so zu behandeln wie Sender und auch so mit ihnen zu reden, berührte Sehmarwoz’ Rücken mit der Peitsche und sagte: ״Schau an, was der für Eile hat! Kann’s Fressen nicht erwarten!“ Sender nahm eine Prise und sagte nichts dazu. Es verdroß ihn ein bißchen, daß Noah anscheinend von der Geschichte von seines Vaters Wunden und dem Tod des Kutschers nicht tiefer berührt war. Pandre hotte sehr gut zugehört, mit beiden Ohren, aber er war nicht außer sich geraten. Wahrhaftig, dieser Junge hatte gesagt, er wollte, er ■wäre an Abrahams Stelle gewesen und hätte es den Räubern geizen können! — Er ist «in Stück Stein, dachte Sender, mit einem Seitenblick auf Pandres breite Schultern und seinen geneigten Kopf. Alles nn ihm war fest und hart, wie aus Bronze. Der war und blieb ein Metzgerjunge. An einer Seite der Straße traten die Bäume zurück und ein kahles Feld breitete sich dort aus. Es war noch finsterer geworden, noch unsichtiger. Vorher hatte der Schnee, der 7,u beiden Seiten des Weges an den Zwei gen hing, ein bißchen geleuchtet Nun war es traurig geworden. Kein Laut war in der Dunkelheit als das Traben der Pferde, die liefen wie Geister. Wie drei kurze Wellen wiegten sie sich im Lauf, eins hoch, zwei herab. Zwölf Hufe kloppten im Takt, Senders Schlitten machte eine Kehre, und plötzlich blies ein kalter Wind von hinten her, vom gefrorenen Dnjepr. Die Pferde stellten die Ohren auf und atmeten schwerer durch die großen Nüstern. ״Wunder genug", dachte Sender, ״daß man heutzutage nichts mehr von Wölfen hört in dieser Gegend; das wäre sonst ein verflucht gefährlicher Wind — so von hinten her. Die Pferde würden nichts von den Wölfen wittern.“ Aber anscheinend hatte er sich an diesem Abend in den Kopf gesetzt, Pandre zu erschrecken, die steinerne, stumpfe Gelassenheit des Flcischerburschcn zu stören. Und er vergaß, daß er ein paar Minuten vorher Pandre beschimpft hatte, weil er die Rauher ״beschrien“ habe, als er ihnen Kampf ansagte. Und er fing eine neue Geschichte an. ״Hör mal, Pandre, du weißt doch, wer Miron war, der Waldhüter? Du warst zu seiner Zeit noch ein Säugling, aber du wirst schon von ihm gehört haben. Er war ein Umkehr Oedanken im Monat Elul Ein alter Midrasch erzählt, daß die Engel Gott einst fragten, auf welchen Tag denn eigentlich in diesem Jahre das Versöhnungsfest falle, und C!ott antwortete; ״Wir wollen hinabsteigen zum beth-din, zürn jüdischen Gerichtshöfe, um uns zu erkundigen, für welchen Zeitpunkt er diesen Tag festgelegt hat.“ Gott selbst unterwirft sich der Entscheidung des jüdischen Gerichtes bei der Festsetzung des höchsten Bußtages. Damit soll symbolisch ausgedrückt werden, daß Gott die Zeit der reuigen Umkehr nicht selbst bestimmen kann, sondern daß der Mensch allein über diesen Termin zu entscheiden hat. Denn aus der Tiefe der Seele muß die Buße kommen, muß der Wille zur Umkehr aufsteigen. Der menschliche Wille aber ist nach jüdischer Auffassung frei und entzieht sich dem göttlichen Einflüsse. Damm entscheidet Gott nicht selbst über den Augenblick der jüdischen Buße, sondern legt diese Entscheidung in die Hand der obersten jüdischen Richter. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Versöhnungstag als solcher die Kraft habe, die Sünder, zu sühnen, vielmehr müssen nach jüdischer Anschauung die verursachten Schäden wieder gutgeniacht worden sein, wenn der Jude der Wohltat der Vergebung teilhaftig werden soll. Wer Menschen am Eigentum geschädigt hat, muß den Schaden ersetzen, wer andere gekränkt hat, muß sich mit ihnen attssöhnen, wer die Ehre des Nächsten verletzt hat, muß sie wiederherstellen. Für diese Wiedergutmachung zugefügten Unrechts ist der Monat E I u I bestimmt. Dem Juden, der diese Wiederherstellung unterläßt, bringt auch der Versöhnungstag keine Vergebung seiner Sünden. Aus tiefster Kenntnis der menschlichen Seele heraus Ist die Betätigung der reuigen Umkehr nicht an einen bestimmten Tag gebunden, sondern es ist dafür der Spielraum eines ganzen Monats bestimmt worden. Denn an dem betreffenden Tage könnte der Jude trotz guten Willens möglicherweise nicht in der Seelenverfassung sein, die Voraussetzung für die religiöse und ethische Umkehr ist. Darum läßt ihm die jüdische Religion Zeit für die t’scluiwah, die Buße. Wie oben dargelegt wurde, muß ja die Reue aus vollem Herzen kommen, muß die Kraft haben, den ganzen Menschen zu erfassen und umzugestalten, wenn sie eine sinnvolle Bedeutung haben soll. Die Buchstaben des Monats Elul sind die Anfangsbuchsiaben der Worte des Satzes aus dem ״Hohen Liede“: ״an! l’dodi, w’dodi li.“ ״Ich strebe meinem Freunde zu, und mein Freund kommt mir entgegen.“ Wir verstehen diesen Satz im Zusammenhänge mit dem Wort, das wir beim Zurückstellen der Thora-Rolle in die heilige Lade sprechen: ״Führe uns, o Herr, zurück zu Dir, und wir wollen umkehren in Buße.‘* Der sündige Mensch bedarf der Hilfe, um zu Gott zurückzufinden. Die Bereitschaft zur Umkehr hat er zu bekunden, aber die Kraft, sein sündiges Tun zu überwinden, kommt ihm von Gott. Daran! beten wir: ״Führe 11ns zu Dir zurück!“ Ani l’dodi, w’doli li. Strebe ich Gott entgegen, dann nähert sich Gott auch mir, zeige ich die Bereitschaft z.ur Umkehr, dann läßt Gott meine guten Vorsätze zur Tat werden. Noch eine Deutung sei uns gestattet. — Dem Juden, der sich zu seinem Volksgenossen hingezogen fühlt, der sich mit ihm aussöhnt und ihn als Freund betrachtet, kommt auch Gott als Freund entgegen. So verleugnet sich auch in den Tagen des individuellen Erlebens nicht das jüdische Gemeinschaftsbewußtscin, und die ״versöhnte“ Gemeinde aller Juden erscheint als jüdisches Ideal. Wenn wir uns nun im Monat Elul .auf uns selbst besinnen und unserem Leben eine religiösere Note verleiben*^, wenn wir 1ms selbst prüfen und unseren Schwächen die Tendenz zu einem ״gottgefälligen“ Wirken geben, so müssen wir uns auch der Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft bewußt werden. Wie der Angeklagte nach ״Entlastungszeugen“ Ausschau hält, bevor er vor den Gerichtshof tritt, so sammelt der gläubige Jude im Monat Elul ״gute Taten“ ,die am Tage des Gerichts vor Gottes Thron Fürsprecher für ihn sein sollen, und zu den guten Werken gehört auch die Pflichterfüllung gegenüber der jüdischen Gemeinschaft. Das ganze Jahr hindurch haben wir gesündigt, aber das Ende des Jahres wollen wir wenigstens bewußt nach Gottes Wort und in Gottes Geist leben, um den Argumenten des Anklägers am ״Tage des Gerichts“ ihre ganze Schwerkraft zu nehmen und ihnen gegenüber auf die im Geiste jüdischer Tradition verbrachte Zeit des Monats Elul hinweisen zu können. Der Mensch ist sündig in seinem Tun, aber der Schofar- Ton des Monats Elul soll unsere Bereitschaft zur Umkehr wachrufen. Dr. E r w׳ i n Hamburger boshafter Kerl; er erlaubte keinem Kind auch nur eine Beere im Wald zu pflöcken. Siehst du, wie du dich erinnerst! — Welches Kind könnte widerstehen, am Feiertug in den Wald zu gehen und Beeren zu suchen, statt; zu Haus zu sitzen und die Weisheit der Väter zu lernen. — Miron war vom Gutsherrn und vom Förster angesiellt. Er sollt« die Bauern verhindern, Holz zu stehlen, und die Juden, Laub für die Laubhütten zu holen. Man hatte ihm ein llaus im Wald gebaut. Es muß ungefähr fünf Meilen von hier gewesen sein, gegen Schklow zu. II!\b ich gesagt ein Haus? — Der Gutsherr, und dem Waldhüter ein Haus bauen! Das war ein schäbiger Hund, der gab keinen Stock her. Es »vnr eben noch eine Hütte, halb in den Erdboden versunken, und der Kamin war eine Blechbüchse ohne Boden. So einen Palast hatten sie dem Miron gebaut. Und eine alte Büchse gaben sie ihm, die machte mehr I,8rm als Schaden. ,Da hast du‘, sagten sie — ,und wenn du einen Bauern beim Holzfällen erwischst, schieß ihn tot, auf der Stelle, ich befehle es!‘ Aber Miron hatte es mit den Juden. Jeder weiß, daß die Juden nie Bäume fällen, kein Bauholz stehlen. Sie machen das eben nicht. ,Sie haben gar keine Beile und Sägen und Schlitten, um die Stämme wegzuschaffen. Aber Miron fing immer Krach an. Wenn die Leute auf dem Wege vom Markt durch den. Wald kamen, versteckte er sich hinter den Bäumen an der Straße und schoß in die Luft. Bloß um sie zu erschrecken; weil es ihn freute, wenn die Pferde scheuten und stiegen. Und wenn Kinder in den Wald kamen, um Erdbeeren zu suchen, tnuchte Miron mit seiner Slubsnase und seiner Büchse plötzlich aus dem Nichts und lief ihnen nach. Zuerst brüllte er: ,Ich will euch lehren! Ich hol euch, wartet mal!' Und wenn sie außer sich waren, feuerte er in die Luft und lachte sich schief Ober ihren Schreck. Die armen Kinder kamen zu Tode erschreckt nach Haus, meist mit nassen Höschen. Das waren Mirons Späße. Aber einmal um Weihnachten, als die Bauern anfingen, hin und her zu fahren, zur Kirche und heim, und auch die Juden ihre gewohnte Fahrt zum Rabbi antraten, denn um diese Zeit sitzen sie bei ihm um den Tisch und singen chassidische Lieder — da wurde Miron schlimmer als je. Er soff viel Schnaps, um warm zu werden, und dann lud er seine Büchse mit Schrot — nicht mit Kugeln, denn er wollte nur verwunden, nicht töten. Ich glaube, man hat die Büchse später gefunden, sie lag nicht weit von den Schaftstiefeln. fFortsetzung folgt) t