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Jüdische Rundschau · 1936-09-01 · Heft 70 (1.9.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 70 (1.9.1936)
Date
1936-09-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 70, 1. IX. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Antisemitismus in USA» Geistliche antworten dem ״Radiopriester“ Pariser Brie! Von unserem Berichterstatter K. Paris, Ende August Verbot antisemitischer Zeitungen in Marokko Der Generalgouverneur des französischen Protektorates Marokko hat sich entschlossen, den Verkauf der französischen antisemitischen Zeitungen in Eranzüsisch-Marokko zu verbieten. Es handelt sich um die rovaiistisch-antisemitische Zeitung ״L’Action Fraiifaisc“, 11m die '״Libre Parole“, sowie um die Zeitung ״Rasseinblemeiit", die von der Parti Social Fran^ais, der Nachfolgerin der verbotenen ״Croix de Feu“ in Casablanca publiziert wird. Die Kampagne dieser Blätter hatte das an sich gespannte Verhältnis zwischen den Eingeborenen und der jüdischen Minderheit weiter verschlechiert, so daß es in der letzten Zeit zu zahlreichen Zus am men stoß e!1 kam. Die Richtlinien der Flüchtiingsarheit In Erklärungen an die Presse hat sich der europäische Direktor der American Joint, I)r. Bernhard Kahn, über die Richtlinien der künftigen Flüchtiingsarheit in Frankreich ausgesprochen. Seit 1933 hat der Joint 2 Millionen Dollar für diese Hilfsarbeit ausgegeben. Die tlilfsarbeit des Joint in Frankreich kann heute mit der vollen Sympathie der Regierung rechnen. Auf der anderen Seite setzen sich auch führende französisch-jüdische Familien wie die Rothschilds für die . Flüchtlinge ein. Das neugegründete ״Comite d’Assistance aux Rcfugies Allemands“ wird sich in den Richtlinien seiner Arbeit von der bisherigen Hilfstätigkeit unterscheiden. Die Gesichtspunkte der Arbeit dieses Comites weiden folgende sein: 1. Die unbegrenzte Unterstützung der notleidenden Flüchtlinge muß aufhören und einer konstruktiven Hilfe Platz machen. 2. Die individuellen Fälle müssen während einer bestimmten Periode systematisch bearbeitet und zu einer produktiven Lösung gebracht werden. 3. Die Dezentralisation muß unter der Kontrolle einer autorisierten Stelle in möglichst kurzer Frist durchgeführt werden. Das neue Comite stellt sich als vornehmste Aufgabe die Beschaffung von Arbeitsmöglichkeiten für die Flüchtlinge. Man hat Grund zu der Hoffnung, daß die französische Regierung eine Anzahl von Arbeitserlaubnisscn zur Verfügung stellen wird. Dadurch würde endlich eine wirkliche und dauerhafte Einord-!Hing der Emigranten in die französische Wirtschaft möglich wwien. Palästina in französischer Beleuchtung In der Zeitung ״Le T e m p s“ behandelt Y. M. Ooblet in zwei ausführlichen Artikeln das Palästina-Problem von der geographischen und geopolitischen Seite aus. In dem ersten Artikel bezeichnet Gohlet Palästina als den Kreuzweg des Vorderen Orients. Der Krieg und die Neuverteilung des Kolonialbesitzes haben die geographische Rolle Palästinas, das bisher abseits der großen Verkehrsstraßen lag, grundlegend geändert. Die historischen Wege des Altertums haben jetzt ihre reale politische und wirtschaftliche Bedeutung wiedergewonnen. Palästina hat eine besondere Bedeutung für die Luftlinien sowie als Endpunkt der Petroie Umleitungen. Die Bedeuttmg Syriens für Frankreich ist kaum geringer als die Palästinas für England, Aus diesem Grunde müssen die Fragen der beiden Mandatsgebiete von beiden Mächten im engen Zusammenhang behandelt werden. Palästina liegt heute im ״Mittelpunkt der aktivsten arabischen Staaten, derjenigen, die ’sich am stärksten ihrer Nationalität bewußt geworden sind. In' Palästina tritt ihnen aber eine neue junge Nation, das iüdische Volk, entgegen. In dem zweiten Artikel behandelt Gohlet das jüdische Palästina und gibt eine eingehende und objektive Darstellung der jüdischen A u f h a 111 e i - s tun gen. ״Durch seine wirtschaftliche Entwicklung wie durch seinen nationalen Geist ist in Palästina der jüdische Staat im Entstehen.“ Die arabische Agitation hat aber einen latenten Kriegszustand in Palästina geschaffen. Glücklicherweise liegen aber die Mandate von Palästina und von Syrien in der Hand von zwei Großmächten mit großer kolonisatorischer Erfahrung, die beide alles Interesse haben, Unruheherde auf ihren ״imperialen Routen‘‘ zu verhindern. ״Palästina stellt eine neue Art von Staat in googrnnhisch-politischcr Hinsicht dar. Es ist eines der großen geograp'iisch-poli isehen Experimente, die vielleicht später einmal ais charakteristisch für unsere Zeit angesehen werden.“ New York, 26. August. (JTA.) Führende Geistliche aller Bekenntnisse wenden sich mit entschiedenen Erkiärungen gegen die a 111 i j li d i s c 11 e Propaganda, die der durch seine zahlreichen Rmidfuiikanspracheii als ״Rad i 0 p r i e s t e r“ bekannte Pater Charles E. G o 11 g ii 1 i 11 seit einiger Zeit treibt. Den unmittelbaren Anlaß zu diesen Erkiärungen bot eine Rede, uie der aus Detroit stammende Priester auf einer Tagung der Vereinigung für soziale Gereehtigkeit (Union for Social Justice) in Cievcland gehalten hat. Er führte hierbei u. a. aus: ״Wir sind eine christliche Organisation, weil wir an den Grundsatz. ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ glauben. Gestützt auf diesen Grundsatz richte ich an jeden Juden in diesem Lande die Aufforderung, mir zu sagen, ob er an diesen Grundsatz glaubt oder nicht. Ich verlange von den Juden der Vereinigten Staaten nicht, daß sie das Christentum und alle seine Grundsätze annchmen, wohl aber, daß sie sich den christlichen Grundsatz, der Brüderlichkeit zu eigen machen, nachdem ihr System des ,Zahn um Zahn und Aug 11111 Aug“ Schiffbruch erlitten hat.“ Zu den Persönlichkeiten, die diese Rede des Pastors Coughliu verurteilt haben, gehören der Professor der Kirchengeschichte an dem Allgemeinen Theologischen Seminar in New York, Dr. Frank G a v i n, Mgr. John A. Ryan von der Amerikanischen Katholischen Universität in Washington, Rev. R. A. McGowan in Washington, stellvertretender Direktor der Abteilung für Sozialarbeit bei vier katholischen Reichskonferenz für Wohlfahrtswesen, Prof. Louis Fink eiste in, Mitarbeiter des Präsidenten des Jüdischen Theologischen Scminars, und der New-Yorker Rabbiner l.oiiis I. N e w m a 11. In der Erklärung Prof. Gavins heißt es: Fs kann keinem guten Zweck dienen, den Juden als Popanz hiuzustellen und ihn verhüllt oder fast offen für die Augiasställe in den heutigen Angelegenheiten der Welt verantwortlich zu machen. Wir brauchen keine ״Inquisition“, um die Juden aufzufordern, einen Grundsatz anzunehnicn, den sie als erste die Welt Der Prophetismus. Auf die Juli-Ausgabe der ״Zeitwende“, die als Sonderheft über das Alte Testament erschienen ist, wurde bereits in Nr. 54 kurz hingewiesen. Einige Darlegungen in diesem Hefte über den P r o p ii e t i s in 11 s verdienen noch besonders liervorgehobeii zu werden. Karl Witte führt in seinem Aufsatz ״Die Schau der Geschichte bei den Propheten“ aus: ״. .. Die Propheten haben keine Erlebnissc|gchabt, sic hatten Begegnung mit dem lebendigen Gott, mit dem sie sich durchaus nicht identifizierten. Sie blieben Menschen — in dem vollen Sinne des Wortes — in der Spannung ihres Wesens und Charakters zu dem Auftrag, der ihnen wider ihren Willen wurde. Sie waren gerufen und gefordert, einem Angriff ausgesetzt, hcrunigeho't von einem anderen, der ihnen zu stark geworden war. In ihrem Wort, das doch nicht ihr Wort war, traf der Wille Gottes auf den Willen der Menschen. Aber darum wissen sie, daß von Gott her Neues geschieht; darum wissen sie um echte Ent- Scheidung, um Gericht, um Sünde, um Begnadigung und Befreiung. Sie wissen um ״Geschichte“. Darauf beruht die ungeheure Uebcrlcgenheit der prophetischen Verkündigung gegenüber jeder Religion, die von der Natur her genonimen ist.“ (S. 196.) — Gottfried lioitz erörtert in seinem Aufsatz ״Zum Problem des Sozialen in der Botschaff der Propheten“ die Frage, ob das Wort der Propheten zu den Schäden des sozialen Lebens uns Heutigen noch, etwas zu bedeuten habe, und bemerkt hierzu: ״Wieviel höher stellen die Propheten als soziale ,Reformatoren‘ wie Thomas Müntzer oder die Wiedertäufer in Münster! Da begegnen uns Männer, die Propheten sein wollen und die eine soziale Botschaft mit einem festen Programm bringen. Sobald sie die Macht in Händen haben, beginnen sie mit der Verwirkliclnmg ihres Programms. Republiken und himmlische Königreiche werden ausgerufen und in ihnen soziale Gerechtigkeit proklamiert. Und das Ende? Weil jede Sachkenntnis Fehlt, reißt man das Gesunde mit dem Morschen ein und richtet ein Chaos a.11, an dem die Teufel in der Hölle ihre Freude haben! Die alttestamentlichen Propheten stellen groß da, weil sie ihr Amt, das ein Amt am Worte Gottes ist, rein gehalten und gelehrt haben, und der in jeder jüdischen Synagoge der Welt gepredigt wird. Ich hin sicher, daß die hochverehrte und erleuchtete Kirche, der Pater Coughliu angehört, einer so irreführenden und betrüblichen Aeuiierung, wie er sie getan hat, nicht zustiirimen wird. Mgr. Ryan erklärt kurz und bündig: Pater Cougblins Hinweis auf ״Aug um Aug und Zahn 11111 Zahn“ ist schlechte Exegese, schlechte Geschichte und ein schlechtes Argument Er ist eine Ungerechtigkeit gegenüber den Juden und ein unglückliches Argument im politischen Kampf. Pater McGowan fuhrt aus:!,ater Coughliu vergißt die von der Zenfralkonferenz amerikanischer Rabbiner in den letzten fünfzehn Jahren, in denen ich sie kenne, geleistete bemerkenswerte Arbeit im Dienste wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Die Abteilung für Sozialarbeit bei der katholischen Rcichskonferenz für Wohlfahrtswcsen hat in diesem Zeitraum mindestens zwölfmal gemein-am mit der Zcutralkonfercnz der Rabbiner Kundgebungen für soziale Gerechtigkeit veranstaltet. Prof. Pinkelst ein stellt fest, (laß es nicht nötig sei, die Juden zum Bekenntnis ihrer Nächstenliebe oder ihrer Treue zur amerikanischen Flagge heratiszufordern. Selbst in zweitausend Jahren seien die Juden nicht erbittert geworden gegen diejenigen, die sie verlästern. Die I rem: der Juden zur amerikanischen Flagge, fügt Prof. Fi1;hcU1cin hinzu, sei über allem Zweifel erhaben; wenn andere Amerika nur als ihr Geburtsland lieben, so werde Amerika von den Juden nicht mir geliebt, sondern auch als heilige \ 01 kmperuug des von ihren Vorfahren den Propheten dm־ Welt verl.uiuleten grundlegenden Prinzips verehrt, daß ״alle Mcn-chvn im I.beniälde Gottes geschaffen“ sind. Audi die amerikanische iiidmciu׳ mul niehljmbsdu׳ Presse nimmt gegen die ״I Ienu1>f..rdc 1111g•• Pater Coiighüns Stellung. Die ״New York Post“ schreib:, daII es sich hier um den Versuch handele, Zwietracht .statt Brüderlichkeit und Haß statt christlicher Barmherzigkeit 111 eine ohnehin schon genug erbitterte Kampagne zu tragen. den Weg des sozialen i)ilcttnntiMiius und Utopismus verworfen Italien. An TI1 oinas Müntzer, Jan Matthys und Knipperdolling kann die Welt nur mit Grauen denken, weil sie größere Wirren lu;,auf! ׳e-iluvoi e:1 haben, als sie vorfanden und überwinden sollten. |);e Propheten des Alten Testaments stehen turmhoch nber ihnen, weil sie sich bescheiden, allein Gottes Gebot nie/itrichU 11, und weil sie der Versuchung widerstehen, der Welt Geschäfte zu treiben. Darum kann sie die Welt nicht in ihr Räderwerk zielten und in ihrem Getriebe zermalmen.“ (S. 225.) Rabbiner Dr. S t e c k e 1111 a c!1 e r Horrah von Postolski, v. E. W, Sternberg für Chor gesetzt (J i b n e h - V e r 1 a g, Wien). Die meisten palästinensischen Horrahs sind im chnssidischen Nigunstil erfunden, wenn nicht überhaupt ihr Text älteren Melodien angepaßt ist. ״Kumu cclia“ (Auf, Bruder) von Postolski gehört zu den ganz wenigen Weisen von eigenem Charakter. Erich Walter Sternberg hat sie für siebeiistimmigeii gemischten Chor bearbeitet. Er macht aus der Melodie kein Thema: er verarbeitet, variiert nicht. Es kommt ihm auf die Wiedergabe der liorrah an, wig sie wirklich vor sich geht, — mit den endlosen Wiederholungen bis zur Erschöpfung der Tanzenden. Daher setzt er die Melodie sechsmal unverändert, immer neu, unversehrt von Anfang bis Ende. Das Einzige (und eben Wichtige), was er dazu hiingt, ist eine klangliche und stimincnmäßige Belebung, die der elementaren Melodie eine den Massen und Gesetzen eines Kon/ertsaales entspreeilende Steigerung verleihen soll. Der Schluß wird von einem ganz gefußten, kompakten Satz gebildet. Die Melodie erscheint einmal in der Liefe, einmal in der Hohe, die anderen Stimmen sind sehr lebhaft, kanonbeli meid nur im Rhythmischen; sie sind weniger konstruktiver ab ״naturalisfisclier“ Art. Einige von ihnen wirken wie Schreie atemloser Tänzer. Die grolle SchlulSwii iaing ist da: rasendes Tempo, das sich wild gegen die Schwere des Satzes durchsetzt, F ortissimo, Exaltiertheit aller Stimmen. Dr. H, N. 'Autorisierte Uebersetzung von Grete Fischer 4» Fortsetzung Nachdruck verboten Sie reichten bis über die Knie. Und dann alle die Gürtel. Um ,jeden Pelz einen anderen Gürtel in anderer Farbe, damit ihm der Bauch nicht kalt würde. Und dann natürlich nahm er nicht: weniger als zwei Paar Handschuhe, lederne und wollene. Mit drei Paar kann man ganz sicher sein, daß einem die Finger nicht nhfrieren. Die wollenen trug man drunter, die ledernen obenauf; Fifustfinge, mir den Damnen extra. Wenn der Lederdmimen sich etwas bewegte, sali es immer aus, als wenn eine blinde Mähre mit dem Ohr wackelt. So dachte ich immer, wenn ich es als Kind sah. Siehst du, Noah, mein Junge, so pflegte man einmal» herauszufahren. Nicht wie diese seidenen Fuhrleute heutzutage, die eine Weiberjackc tragen mit ein bißchen ausckrochonem Pelzkragen drauf und eine Thentermütze. Und ünnc Handschuhe mit fünf Fingern, daß ihnen die Pfoten erfrieren, den feinen Herren! So cingepelzl und umgetan fuhr mein seliger Vater in diesen Wold, in dem wir eben jetzt, sind. Er saß steif wie ein Heuslock auf seinem Bock, und Abraham, der Kutscher, kauerte neben ihm und hielt die Zügel. Es war kein Platz für Passagiere in der Kutsche, denn sie war vollgestopft mit Paketen und versiegelten Kisten aus dem Orscbaer Postamt. Sie fuhren ruhig bis mitten in den Wald, da auf einmal heißt es ״Halt!“ Vier gewaltige Kerle in Schafspelzen und hohen Stiefeln sprangen von beiden Seiten aas dem Maid und griffen in die Zügel. Sie schreien meinem Vater irgend etwas zu, aber sie hätten bis zum jüngsten Tuge schreien können und er hätte sie nicht gehört, so eingemummt wie er war, mit drei Kragen um die Ohren und dem Bnsehlik noch darüber. Nur die Nasenspitze schaute heraus. Mein seliger Vater nlso dachte, sie wollten ein Stück weit bis Koptist aufsitzen, auf dein Weg nach Sehklow. Aber er dachte gar nicht daran, wo doch die Kutsche so voll mit Post bepackt war, die er für die Regierung fuhr. So blieb er still, stupfte seinen Kutscher in die Hippen und sagte nur zu ihm, er sollte sich auf nichts einlimsen und zulnhren. Da erst merkte er, daß dem Kutscher vor Schreck die Augen aus dem Kopfe quollen. Er schaute also zu den vier Bauern hinunter und sah, daß sie große Messer aus den Stiefelschäften zogen, und die Zügel nicht losließen. Ehe er den Kopf wenden konnte, waren zwei auf die Kufen ge- Sprüngen und fingen an, die Kutsche auf beiden Seiten aufzuselineiden. Und wie sie das I.eder schlitzten, .schossen die Pakete in den Schnee, wie aus einem Aepfelsack, der Löcher kriegt. Als Abraham, der Kutscher, das sah, riß er sich zusammen. Er stand auf dem Book auf, riß an den Zügeln und peitschte uns aller Kraft, auf die Pferde ein, um sie aus den fremden Händen herauszureißen und in Galopp zu bringen. Im gleichen Augenblick sprang einer der Halsabschneider von hinten auf ihn los und stieß ihm das Messer in den Nacken. Das Messer drang durch alle Mantel, Denn Abraham war nicht so gut eingehülll wie mein Vater, seine Kapuzen waren nur aus Wolle, und das Messer traf eile Schlagader. Abraham warf beide Anne in die Höhe und gurgelto wie eine geschlachtete Gans, Zilgel und Peitsche fielen ihm aus den Händen, dann fiel er selber nach und Ing still, mit dem Kopf unter der Deichsel zwischen den i’fcrdehufcn. Wie ein Schwimmer, der ins Wasser taucht, fiel er, und gab keinen Laut von sich. Als das mein Vater sah —- Gott 11 ah ihn selig! — stürzte er sich in seiner ganzen Länge, mit allen drei Pelzen und dicken Wollsachen, in den Wagen, warf sieh mit dem Bauch auf die Pakete und hielt sie mit allen Kräften fest. Dazu schrie er durch alle seine Kragen hindurch ununterbrochen mit überschlagendcr Stimme: ״Ein־^ für allemul! Das ist kaiserliche Post! Nicht anrühren! Kaiserlich! Der Zar!“ Das Wort Zar erschreckte die Räuber zuerst, aber dann besannen sie sich, daß sie ja im tiefsten Walde waren, man sah nur Büurne und Schnee ringsum. Da war kein Z:1r, vor dem man sich fürchten mußte! Die Räuber nlso fuhren fort, die Kutsche aufzusclililzen, sic brachen die Kufen ah, und dann versuchten sie, meinen seligen Vater von den Paketen wcgzurollen. Aber ebensogut hfülen sie einen Baum aus dem Wald rollen können. Er war groß und schwer — ich hin wie ein kleines Kind gegen ihn. Und die drei Pelze und die Stiefel und die wollenen Sachen! Was denkst du, was die wiegen? Er klemmte sich über die Pakete und brummte wie ein Bür. Die Räuber machten also gar keine (iescliiehten mit ihm, sondern linsen an, ihn mit den Messern zu bearbeiten. Sic sine.her. au! ihn ein, wo sie trafen. Einer in den Rücken, einer in den Nacken, einer in die Beine, einer in den — du weißt schon! Sie hackten mit ihren Ger Messern wie in Kohl, aber sie konnten nicht durch die drei Pelze und die gefütterten Westen und Jacken, Kragen und Unsen. Diu Klingen bogen siel!, wurden schartig; der helle Schweiß lief an ihnen herunter, aber sie ritzten meinem Vater nur die Haut. Und er lag da in all .seinen Pelzen, 1 türken nach oben, und fühlte, wie ihm das Blut unterm Hemd in kleinen warmen Rinnsalen himmferrann. Aber er rührte sich nicht und schrie immer weiter: ״Hilfe für den Zaren! Kaiserliche Post!“ Und Gottlob, es kam Hilfe. Sc hellen klingelten, und ein zweiter Post schlitten kam aus der entgegengesetzten Riehtung, von Sehklow nach Orscha, und in dem Schütten saß kein anderer als Jeskel Kazjol mit seinen Söhnen. Kennst du Kusehke Brand״ Nun also, das ist einer davon, der jüngste Sohn, geboren lange nachdem das passiert war. Aber sie waren schon ohne ihn genug. Gnade Gatt, wer ihnen in die Hände fiel! Die Räuber warteten es lieber nicht ob, sie liefen wie gejagt und weg waren sie — such den Schnee vom vorigen Jahr! Joskel Kazjol und seine Sühne fuhren meinen Vater und den armen Abraham nach Kuppst, zwölf Meilen vor Sehklow. Nun, Abraham war nicht mehr zu helfen. Er war längst verblutet. So bemühten sie sich um meinen Vater, Gott hab ihn selig! Er war bewußtlos. Als sie ihn aus den blutbefleckten Pelzen schälten, kam er zu sieh und fing an zu jammern: ״Meinen neuen Pelz haben sie zerschnitten, den neuen Pelz!“ Die anderen Kutscher, Joskel und seine Söhne, sagten ihm: ״Laß gut sein mit dem Pelz, Zimmol! Sorg dich lieber um deine eigene Haut!“ ״Meine Haut wird bald wieder heilen, mit Gottes Hilfe“, sagte mein Vater. ״Aber der Pelz, der Pelz!“ Und er fiel wieder in Ohnmacht; Schmerzen und Aufregung ließen ihn . . ■ ' '־' ־־ , , den nackten Körper mit Branntwein ein — das ist ein altbewährte» Mittel! Der Geruch und das Brennen brachten ihn zu sieh, und er sagte: ״Seid ihr verrückt? Was gießt ihr soviel Schnaps außen auf mich aus? Gießt ihn lieber hinein! — Ifc liehe!“ Das hat er gesagt, Gott hab ihn selig. ״Was gießt ihr den schönen Schnaps aus?“ fragte er. ו

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