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Jüdische Rundschau · 1936-08-28 · Heft 69 (28.8.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 69 (28.8.1936)
Date
1936-08-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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1, י! <! UP ׳,. «V■־ j I *׳ י**.. «י*• ffi#1 ( 1»''%; '■!%!11 frgfrli 1 I t . , 5SK55SSBB i - ־ Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 69, 28. VIII. 1936 PaI«l*4ina Am4 Berlin SKR. 3CWISH AtINCV *Oft PAkltTINE Berlin W 15, Meinekestraße 10. Telefon: Sammd-Nummer J 1 (Bismarck) 9031. Das Berliner Palästina-Amt teilt mit: Wir werden von der Einwanderungs-Abteilung der Exekutive der Jewish Agency darauf aufmerksam gemacht, dal! alle Visa und Zertifik a t e nur eine b e g r e n z t e Gültigkeitsdauer haben und daß die Erneuerung eines abgelaufenen Zertifikates oder Visums nur erfolgen kann, wenn die im Zeitpunkt des Er• ncuerungsantrages gültigen Einwanderungsbestimmungen dies zulassen. Die neueste Entwicklung zeigt, daß ungeachtet des von den Instanzen der Jewish Agency geführten Kampfes die Gefahr einer nahen f:inwandeiungssperre immer drohender wird, wenn auch über den Termin und den Umfang der Sperre Genaues noch nicht gesagt werden kann. Aus diesem Grunde ist größte Beschleunigung der Durchführung der Alijah aller Kategorien, am Platze. Juden und Jüdisches im Rundfunk Freitag, 28. August: T. 11 i 11 .(648[) י: IT, ״, Mendelssohn: Fingils- ״reise. — K.1!11u׳l!><׳rg (12(13), 14.30: M׳,-״k.ov<ki: Zwei spanische ’l.!n?e. ״— Rieh׳ :2045 .12811 ■'111') (׳h .1 iS ן d a t ton ד Heöernian spielt. — Wien 1518 1, 23; Mu-zk .w ■ k 1. Sonnabend, 29. August: \V.11.. leei 11!3••!. 12.25: Mendelssohn: Lied ohne \Y.!>>,-. . - W:- :: (5:18.. 111״: ■v 3.5:: 3 1! 1, n : M.-1nlcK-״>l1״: Simonie \1. 4. \V,.r...h,1״ ilsoi. 18: Mi ״de!,.oim: Ronde Hm- •־2 ,־1322 1״: I". a. M .- I.iiwrubiirg (1304), 22,4r• Sonntag, 10. August: H!,! ־;.!■! I 13511, 2 5 I . .1. Ol!cnl־a41־. Montag, 31. August: R17.5 .15,1<'.) 1.;,׳•'■: I'. .1. Mio erlu-er, de, (;, ׳׳. Ausbildung für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen. Vf ic die Prcsscabtcilnng der Peichsvertretung der Juden in Deutschland mitteilt, wird in! Jüdischen Seminar für Kinderg.irf net innen und! i! irtnerinnen, Berlin W 15, Meinekestr. 22, im t rttlijahr!0>7 cm neuer zweij.duiger Ansbildungskursns tu-;rinnen, nir dc!1 mich einige .Anmeldungen entgegengenommen werden können. Voraussetzung für die Aufnahme ist abgeschlossene I.v.׳e11t11.3- (()liersektimiareife) oder Mittelseluilbildung, einige Krtmtnis des Hebräischen und gediegenes lianswirtschattlielies Können. Schülerinnen, die nicht vorher eine I latishahsi hule besucht halten, müssen bei Aufnahme in das Seminar eine haiiswirtschaitliche Prüfung ahlegcn. Schließlich '.erlang! das Seminar, dal! vor Beginn der Ausbildung sechs Monate in einer Kamille mit Kindern (nicht der eigenen) gearbeitet worden ist. Adressen von geeigneten Familien werden anl Wunsch nacligewiesen. Im Internat des Seminars können zu diesem Kursus keine Schülerinnen aufgenommen werden: das Seminar ist aber gern bereit, bei der Lösung der Wohnfrage behilflich zu sein. Auskünfte bei der Seminarleilung. Anmeldung an die Geschäftsstelle des Seminars: Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Aht, Zentralwohlfalirtsstelle, Berlin-C11ar!ottenburg 2, Kant- Straße 158. Die Breslauer Vorbereitungskurse für hebräische Lehrer- Seminare in Palästina haben am 2t, Juli ihr 3. Semester beendet. Der Unterricht, der in hebräischer Sprache erteilt wird, umfaßte T’nacfi, Miscbna, Agada, hebräische Sprache, Grammatik, Aufsatz, mittelalterliche und neue Literatur, Geschichte und Literaturgeschichte, Liturgie und Pädagogik. Die Kursusteilnehnier sind nach ihren Kenntnissen in drei Gruppen eingeordnet. Begann des Wintersemesters am 12. Oktober. Erforderlich ist die mittlere Reife und ein guter Gesundheitszustand, der den Anforderungen des Klimas und des Berufes entspricht. Schulgeld monatlich 20 RM. Die Reichsvertretung hat die Kurse für bedürftige Scluiler für zuschußfahig anerkannt. Meldungen an Dr. Albert Lewkowitz, Breslau, \V':11Ktr. 14. Neuer Rabbiner in Heidelberg. Nach dein Fortgang von Re/irksrahbiner 1 )15 (ritz PinkuP; hallen Synagogenrat und Be/irkssvi'agoge Heidiiiierg Rabbiner Ullrich Steuer '/um Br/irksrabhmcr gewählt. Aus dem Reich Von unseren Beri c hier statte rn Hamburg. Am 6. August sprach in der Zionistischen Stammgruppe XIST l'hanan Ilerskowitz über: ,,Drei Meister jiddischer Literatur: Mcndolc Mtx־her Stonm, Perez, Scholen! Alejchem‘‘. Herne. Am 15. August veranstalteten der Hcchaluz und die ZOG. Herne einen .Vvrhut für die zur Aiijah gehenden Chaluzim. Koblenz. Am 17. August sprach Georg G u t h m a n n, Düsseldorf, .,Zur gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage in Pa* la stina“. Mainz. Vor kurzem verstarb Herr Jako!) T s r 11 o r n i c k i, der sich um das hiesige (dcnieindtdebeu große Verdienste erworben hat Regensburg. Die ZOG. veramrtaPcie eine 1 lerzb!der. Die Gedenkrede hielt Studienrat Pr. K e s s 1 c r, München. Ankündigungen Darmttadt: ZOO, Am 31. August, 20.45 Uhr, im Hole! ״Stadl Frankfurt'‘, Hlck'hstr. 22: Pjhistina-Monat-.u-lum. — Köln: Zion, \ ercmigiing. Am 1. S*115 ־>!:;־:,!■ r: Dr. Fritz Ikenberg: ,,Palästina — August 1938“. Am 3. September: Arbeitäkivb. Heide Ycrnn-uiltungcn um 20.45 Uhr im Heim. Carilienst r.iße. — Hctli Seler fwri, (':iciliensir. 18-22 (Tel. 21 22 98). WiedeilR-niim der Chugim am 30. August, 20.30 Uhr, des arabischen Kurses am 1. Srptemlx-r. Hebr;iis>׳he Km-e an allen Abenden im fügend!;) im. Maurititissleinweg. — Leipzig: Am 30. August im Jugendheim, Elsterstr. 7: Tagung des erwii ert-n Vors'andes, der rionis ischen Lehrer und der Tarbuth- Leiter des Zionistischen Gruppenverbandes Mitteldeutschland. Beginn: 10.30 Uhr: R.-A. Benno Cohn, Berlin: ״Die zionistische Situation und die AC.-Sitzung in Zürich". 12 Uhr: Konteren! der zionistischen Lehrer des Bezirkes (Leitung: Hans Gärtner und Dr. Kalüko, Berlin.) 15 Uhr: Dr. Ernst Markowicz, Zwickau: ״Grundlagen einer ilonistischen Kulturarbeit in der Ortsgruppe". 17 Uhr: Sitzung des erweiterten Gruppen!erbandsvorstandes mit Benno Colin: ״Aktuelle Fragen der praktischen Gruppen verbau ,sarbeit". 17 Uhr: Sondersitzung der zionistischen Lehrer und Tarbuthleitcr mit Gärtner und Dr. Kaiüko, Berlin. 19.30 Uhr: Schlußsitzung. — Leipzig: Messe-Sondersitzung der Leipzig-Loge UOBB. anläßlich der Herbstmesse am 31. August, 20.30 Uhr, Leipzig S 3. Arnrltstr. 1. Edith Jlcrrnstadt-Octtingeii rezitiert. Sonderlehrgang in Lehnitz für schulentlassene Mädchen. Die Sorge vieler Eltern ist: wohin mit den schulentlassenen Mädchen? Fast alle Berufsausbildungen (Schwester, Säuglingsschwestcr, Kindergärtnerin, Fiirsoigerin) nehmen junge Mädchen erst im Alter von 17 und 18 Jahren auf und vorlangen eine gründliche hauswirtschaftliche Vorbildung. Das Problem, während einer Uebergangszcit den in der Ent- Wicklung stehenden jungen Menschen zugleich Erholung und Vorbereitung auf die Jahre der Arbeit zu bieten, wird durch die in Lehnitz neueingerichtete Bcrufsvorschulung gelöst. Dieser Sonderlchrgang begann erstmalig Ostern 1936 im Erholungsheim des Jüdischen Frauenbundes am Lehnitzsee. Hier finden die Mädchen alles, was sie brauchen: Leben in Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, körperliche Kräftigung durch Turnen, Gymnastik, Sport im Freien, planvolle Einführung in die heute so wichtige hauswirtschaftliche Arbeit, Fortbildung in allen Zweigen des allgemeinen und des jüdischen Wissens. Nach den ausgezeichneten Erfahrungen des 1. Semesters wird der Lehrgang erweitert, so daß ־zum Oktober wieder neue Schülerinnen aufgenommen werden können. Auskunft erteilt die Leitung des Erholungsheims Lehnitz bei Oranienburg, Viktoriastr. 19 (Tel.: Öranienbürg 2043). ANTWORTEN DER REDAKTION L. H., Paris. Wir können Ihre Zuschrift nicht Abdrucken, wenn Sie uns nicht Ihren vollen Namen und Ihre Adresse mitteilen. Im übrigen sind die Oedankengänge, die Sie in Ihrer Zuschrift dariegen, von der ״Jüdischen Rundschau“ oft betont worden. Gerade wir haben immer wieder darauf hingewiesen, daß in jeder Phase der jüdisch-arabischen Auscinandersetzung gerade die Juden dessen eingedenk sein müssen, daß sie auch in aller Zukunft mit den Arabern in Palästina und um Palästina zusammenzulcben haben und daß die Beziehungen auf gegenseitigem Respekt und menschlieber Achtung, nicht aber auf Haßpropaganda aufgebaut sein müssen. Kultur-Ausstellung 6.-13. Sept. 1936, Berlin, Losenhaus, Kleiststr. 10 JUtHsche Kulturarbeit in Deutschland Sonderaujsteilungen dos Reichsverbandes jüdischer Kulturbünde, der Gemeindebibliothek Berlin * Das jüdische Schulwesen in Deutschland » Die jüdische Erwachsenenbildung * Die jüdische Presse * Die hebräische Bewegung * Das jüdische Verlagswesen * Ausstellung jüdischer Maler über jüdische Themen Die Entwicklung der mod. hebräischen Literatur Das hebräische Schulwerk in Polen Kulturelle Erneuerung in Erez •!Israel Soziologie des Jischuw *׳ Schmelztiegel Palästina * Hebräisch im täglichen loben * Palästinensisches Theater Palästinensisch• Presse * Palästinensischer Film ״ Palästinensisches Musikleben * Die Sprache des werdenden jüdischen Gemeinwesens * Reitgiöses Leben * Die neue hebräische Dichtung * Das palästinensische Verlagswesen Bialik Gedenktialle Das jüdische Erziehungswesen in Palästina Kindergarten Volksschule * Höhere Schule * Fachsdiute * Die Hebräische Universität Die Erneuerung des jüdischen Festes Eintritt«tcartett 50 Rpf., für Mitglieder der BZV 40 Rpf,, Erwerbslose {nur*mit Ausweis) 20 Rpf., Im Vorverkauf: Meinekestr, 10 (Laden), B7V-Heim, Kantitraßo 54, Papierbdlg. Lippmann, Trautenaustraßelö, Buchverleih Rekord, Charlottenburg, Berliner Str. 49, Konditorei Hansa, Flensburger Str. 19, Atlantic Express, Friedrichstraße 100, Buchhandlung Salles, Grenadierstr.3Q, Buchhandlung Gonzer, Oranienburger Str. 26, Papiergeschäft Hepner, Inselstr. 8 a, Restaurant Kimelfeid, Rosenthaler Str. 32, Schwalb, Neukölln, Hermannstr. 46, Feig, Strausberger Str. 24 BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG Der Hilfsverein der Juden in Deutschland teilt mit: Das bereits für einen früheren Zeitpunkt angekündigte Korrespondenzblatt ״Jüdische Auswanderung“ erscheint nunmehr im September und ist von der Auslieferungsstelie in Berlin SW öS, Schiilzcnstr. 52, zu beziehen. Das Heft behandelt sämtliche südamerikanischen Länder und bringt außerdem einige Aufsätze allgemeinen Inhalts. saute in der i’ierti (,*spräche: ,,Ganz richtig. Marzipan! Dil weißt, (las hin ich auch wert!“ 1)jii'ka, die Stute, Senders drittes Pferd, war ein merkwürdiges ( Ihm1! ף">11׳, sanft und um crUinig, halte keine Mlicken, war niilit a11s])1'1u liasoli im Fressen. Ader sie hatte Wieder eine andere Idgenhei! : sobald der W agen stehenblieb, fing sie an zu ziitem. Sie lichte es, wenn man sie in Deeken |:a: kte. Die W elt galt ihr nichts. Aus diesem Grunde halle St nder sie Iljirka genannt, nach einer ulten Bettlerin in Silikiow, die iG11 i gelinkte Kleider übereinander trug, immer eines kürzer als das undcre darunter, und drei zerfetzte .111( keil. Und סי ging sie an die Türen und bettelte immer nur um alle Kleider, ihr sei so kalt, sic sei halb erfroren; mir einen Mantel - einen zerrissenen Schal, alles war ihr recht, sohin ge man es überhaupt anziehen konnte! Sobald die Kutsche stand, fing Djirka, Senders Stute, an, mit dem Huf zu Schlager, und mit dem Fell zu zittern. Sie ließ merken, daß ihr kalt sei, und daß ihr Herr gut daran täte, sie zuzudeeken. Sender deutete sofort die Morsezeiclien, warf ihr eine alte zerrissene Decke flirer und sagte; ״Kannst du nicht ein bißchen warten? Da schau her! — zitier’ nicht! Eine Decke ist nicht genug? Ich werde dir heim Kürschner Sunimy eine Skunksmantille bestellen. Ich laß dir einen Pelzmantel aus Nischnij kommen. Hot! stell! Hot!“ Noah Pandrc lachte aus vollem Halse, ■wenn er Sender mit den Pferden verlnmdeln horte. Aber Sender schaute ihn so würdevoll an, daß Noah Angst bekam, er wäre ärgerlich, daß sein Kutscher sich über seine Familie lustig machte, und Noah wußte nicht, oh Sender wirklich böse war oder nur im Spaß. Also hörte Noah auf z.u lachen und drehte sich weg. Aber nach und nach gewöhnte sich Pandre an die Pferde und lernte von Sender, die vierfüßigen llrotgeber lieb zu halten. Er entdeckte, daß ein Pferd Verstand hat, die Menschen haben es nur verdorben. Und fleißig ist es und getreu. Es kann störrisch sein, wenn es dazu aufgelegt ist. Es kann still dastehen wie ein Makler nach dem Markttag und nnchdenkcn. Es kann zärtlich sein und dankbar für eine Liebkosung und ein gutes Wort. Nie hätte das Pandre für möglich gehalten. Mnnchcr grobe Kerl könnte sich wünschen, soviel Feinheit zu haben wie ein Pferd. Nach und nach lernte er von Sender, den müden Pferden den Rücken zu klopfen, wenn sie von der Arbeit kamen, und fühlte einen Strom von Lust, wenn die glatte Würm« des Pfcrdcleibes unter seiner rauhen streichelnden Hand bebte. Und es ist hübsch zuzusehen, wie nobel ein Pferd au» seinem Eimer trinkt. Es mag noch so brennend durstig seit»• es schlürft nie alles, was man ihm gibt. Es muß klares, kaltes Wasser sein. Man muß den Boden des Eimers durch das Wasser sehen können. Sogar dann nippt es zuerst nur mit gespitzten Lippen, als saugte es durch einen Strohhalm. Höchstens der ״Neue Millionär“ von Sehklow gönnte sich so fein zu trinken. Wenn er Selter mit Himbeer trinkt, schlürft er es durch ein Glasrührchcn, das er n״s Mohilew mitgebracht hat. Anders SECHSTES KAPITEL ABENTEUER MIT DEN RÄUBERN Nach Ostern wird der Schnee auf den Straßen weicher und der Schlitten gleitet nicht mehr gut genug. Da und dort zeigen sich Pfützen, mit kleinen Eisklumpen obenauf wie gesplittertes Glas. Frühmorgens beim Aufstehen sieht man noch die Eiszapfen von den Dächern der Hütten zu beiden Seiten des Weges hcrunterhüngen, und später am Tage, wenn die Sonne hernuskommt, fangen sie an zu tropfen wie Kerzen, die nach unten hängen, oder die man am verkehrten Ende angezündet hat, und die nun wegschmelzen, der Talg klustert, trieft herunter, uuf einmal sind sie weg. Die Straße war voller Löcher. Die Fahrgäste vermieden, soweit nur möglich, mit dem Schlitten zu reisen. Sie vertrauten lieber dem Fuhrmann ihre Pakete an, der sie zur Bahn nach Orscha oder von dort zurückhringen mußte. So fuhr der Kutscher oft ohne Passagiere, bloß mit einer vollen Ladung von Kisten, Ballen, Mehlsäcken und allem möglichen Zeug. Der Fuhrmann benützte die Gelegenheit, nicht bei Tage *u fahren, wenn der Schnee schmolz, sondern zur Nacht, wenn der Frost wieder einsetzte und die Pfützen sich mit Eis überzogen. Der Schlitten fuhr dann leichter und rascher. Man ist seihst ruhiger, wenn man keine Passagiere hat, die einem schlechtgelaunt mit ihrer Eile im Nacken sitzen, und keine seekranken Weiher mit ihren Körben ächzen und jammern. An einem solchen Abend, kurz vor Passah, saß Sender auf dem Bock neben Noah, seinem Kutscher. Das Gefährt war voll beladen mit Waren für die Krämer in Sehklow׳, und kein einziger Fahrgast fuhr mit. Pandre führte die Pferde zwischen Orscha und Sehklow, und Sender saß daneben, gut eingewiekelt, und hatte nichts zu tun. Es war zu finster, um im Gebetbuch zu lesen. Der Schnee drunten und der Himmel darüber hatten die gleiche moorige Farbe, So nahm Sender eine große Prise und fing an zu schwatzen. Er war diese Straße zwischen Orscha und Sehklow gute vierzig Jahre lang gefahren, unberufen 1 So konnte er erzählen, von jodet» Baum, von jedem Stein an der Straße, von jedem Haus, das in der Weite zu sehen tvar. Es ist eine vielen bekannte Schwäche aller Fuhrleute, daß alle Ereignisse, die sie erzählen, immer ihnen selbst passiert, sind, oder ihrem Vater und Großvater. Nicht wie die jungen Kutscher von heutzutage, die die Straßen nur kennen wie die jungen Hengste, und darüber hinaus wissen sic überhaupt von nichts etwas. ״Also das“, sagte Sender, ״ist hier in diesem Walde oassiert, kurz vor Alexandria, wo wir bald liinhornmen. Jetzt ist das nur ein Wäldchen. Aber damals war es ein riesiger Eichenwald. Kein Finger hatte zwischen den Bäumen Platz. Schließlich haben sie ihn ausgehackt, nicht ein Stamm ist geblieben. Alles hat. man als Nutzholz in die Stadt geschafft, angeblich haben sie Möbel daraus gemacht. Statt dessen wachsen jetzt die Tannen da. Damit die Eichkatzein was zum Spielen haben. Durch diesen Eiehwald also kam mein Vater, Zitnmel, Golt hal> ihn selig! und brachte die Post aus Orscha nach Sehklow. Die Bahn ging damals noch nicht nach Orscha. Briefe und Pakete gingen per Achse oder per Schlitten. Nun also, wie gesagt, mein Vater, Gott 11 ab ihn selig, hatte die Kutsche voller Pakete, zugedeckt mit einer Wasserdichten Plache, damit die Pakete nicht naß werden sollten und die Adressen nicht verwischt. Kalt war’s, Ich kann dir sagen! schrecklich! Eiskalt. Die Baume klirrten wie Blech. Man fühlte seine Knochen knacken vor Frost. Deshalb hatte mein seliger Vater sich gehörig eingemummt für den Weg. Er trug eine wattierte Weste und gesteppte ilanellene Unterhosen. Darüber hatte er eine Woll jacke und dicke Fuhrmannshosen. Paßt du auf? Und darüber hatte er einen neuen Schafpelz, an den Hüften hochgeschlagen, der in Falten bis auf die Fersen hinunterfiel. Ueber dem Pelz trug er eine Jacke aus echtem Tuch. Ueber der Jacke trug er noch einen Pelz. Der war schon ein bißchen abgetragen, aller dos war die Sorte, die schon so oft naßgeregnet und wieder getrocknet ist, daß er raschelt, wenn man ihn anzieht und allein im Winkel slehen kann, wenn man ihn abnimmt. So einer ist mollig, kann ich dir sagen! — Dazu batte er ein» pelzgefütterte Kappe, außen Lammfell, innen Katz, bis übdr die Ohren gezogen. Fein! Und über der Kappe hatte er «men Wollschal, unterm Bart zusammengeknotet. Und rund um den Schal gingen die drei Kragen von den beiden Pelzen und der Jacke dazwischen. Und über all das hatte er eine gewaltige Kosakenkutte, mit hochgeschlagener Kapuze. Ein Turm! Und vergiß nicht die breiten Schafts( icfel, inwendig mit Ilasenfell gefüttert und über zwei Paar Wellsocken getragen. (Fortsetzung folgt)

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