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Jüdische Rundschau · 1936-08-28 · Heft 69 (28.8.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 69 (28.8.1936)
Date
1936-08-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 69, 28. VIII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Die Welt des Jizchok Leib Perez USA Zur Aufführung der ״Goldenen Kette" im Kulturbund In der Reihe unserer großen ostjüdischen Dichter war Jizchok Leib Petcz bis vor kurzem derjenige, dessen Dichtungen dem westlichen Juden am leichtesten zugänglich waren. Schon hingst gab es deutsche Atiswahlsammiungen seiner Erzählungen und Dramen; das kleine Pere/.-Bändclien des Insel-Verlages war weithin verbreitet, auch hatte man vorn Granovsky-Theatcr eine jiddische Aufführung eines seiner Dramen auf der Bühne gesehen. Und dennoch ist gerade dieser Dichter im Kern seines Wesens dem westlichen Juden nicht leicht erfaßbar. Was damals den westlichen Leser zy Perez’ Dichtungen hinzog, das war vielleicht nicht so sclrr seine jüdische Substanz, sondern seine Verwandtschaft, mit den Strömungen der Zeit im westlichen Kulturleben, seihe eigene Hinneigung ztim Symbolismus der Jahrhundertwende und ähnlichen dichterischen Erscheinungen. Wer aber den innersten Kern und den eigentümlichen Reiz seiner vielgestaltigen Dichtungen verstellen will, der muß in ihm den Enkel uralter jüdischer Kämpfe und Gedanken erkennen. ״Jeder seiner Menschen ist Jahrtausende alt — und noch der niedrigste unter ihnen ist ein Bruder Jirmijahus“, sagte Martin Buber einmal von ihm. Im Zentrum jüdischer Gcistesgeschichte seit ihrem Beginn bfs zum heutigen Tage steht der. Kampf zwischen Gesetz und Gefühl. Der Prophet kämpft diesen Kampf, wenn er dem Manne der Buclistabenfreue die Forderung Gottes nacli ״Liebe — und nicht Opferdienst; Gotteserkenntnis — und nicht Brandopfer'‘ entgegenhält; wenn er statt des Fettes der Kälber und des Blutes der Farrcn verlangt, daß der Gottesfürchtige die ״Fesseln der Ungerechtigkeit löse, dem Hungrigen sein Brot breche und seinem Fleische sich nicht entziehe“. Die Aggada setzt den Kampf gegen ihre strengere Schwester, die Halachah, fort, wenn sie dem Schihon Ha• sechel, der Herrschaft des Verstandes, die Thorath Ha-Lew, die Lehre des Herzens gegeihiberstellt; ja — ihre Kühnheit greift unmittelbar das Gesetz Mosis an, wenn sie im Kamen Korachs die Gebote über Opferktiehen und Priestcrgesclienk anzweifelt, ״denn n 11 r die zehn Gebote iiaben wir vom Sinai herab vernommen“. Das Erbteil der Aggadisien, der Männer des Volks, die gegen die Aristokratie der Geleinten sich erhoben, trat dann die Kabbalah an; und nach ihr war es die große Volksbewegung des Chassidismus, die den Ungelehrten, den einfachen Mann aus dem stamme der ^eehsumkireißig verborgenen Gelehrten“ als Lehrer und Meister erkannte. Aus dieser Welt nun stammt Jizchok Leib Perez; aber ungleich Acliad ilaani, der, wie Perez selbst Sohn einer alten chassidischen Familie, mehr und mehr in die Welt des Verstandes hineinwuchs, h li Perez. den alten Kampf der Lehre des Herzens gegen die Haiaclia, den Kampf der einfachen Leute gegen die Rabbanim anfgenomnien und in Leben und Dichtung verkörpert — in allen Phasen seiner Entwicklung, die über Skeptizismus und fast Vorzweifln!!״ endlich zur Versühnung führen sollte. In seinen Lebcnscrinnerungen hat Perez selbst einmal erzähl(, wie er schon als ein kleiner, blasser Junge von drei Jahren, der die hebräischen Buchstaben nocli gar nicht richtig aiissprechen konnte und statt ״Wajikro“ immer noch ״Wajitro“ sagte, vom Großvater auf den Tiscli gestellt ‘wurde und unter dem Beifall der Familie die Sidra ״Wajitro“ auswendig hersagte. Auch daß er als Zwölfjähriger den Rambam fast auswendig wußte, war in seiner Umgebung nichts Au fiergewöhnliches. Zu seinem falmudischen "Wissen fügte der junge Mann dann in ebenso hungrigem Wissensverlangen eine Fülle von Kenntnissen aus dem Kulturbereich Europas hinzu; und als er in seiner Geburtsstadt Samosz seine Amvaltsiätigkeit ausi'ibte, war Perez ein Maskil wie die Mehrzahl seiner Altersgenossen. Aber es steckt ein Geheimnis in diesem scheinbar gradlinigen Leben. Nach vielverheißenden schriftstellerischen und dichterischen Anfängen in polnischer und hebräischer Sprache verstummt der junge Dichter fast zehn Jahre lang. Und als er den Mund wieder auftut, da — ist er ein Verwandelter. Aus dem Gelehrten, aus dem Aufkiärcr ist der Mann des Volkes geworden; aus dem Mithnaged der Freund des Chassidismus, den er von nun an immer wieder künstlerisch damistellen versucht. Die Kunst des jizchok Leih Perez wohnt in zwei Weiten. Bald ist sic Wirklichkeitstreue in letzter Anschaulichkeit: da ist kein Riß in der Wand, keine Maus Im Schrank dieser windschiefen Judcniiäuser im ostjüdischen Städtel, die er uns erspart. Man muß an manche Bilder von Joseph Budko oder an die seiir frühen oder sehr späten Gedichte Bialiks denken, In diesen Häusern leben die Menschen, deren Leben so eng eingelicgt und 11111/irkt ist wie die Gasse, in der sie zur Welt kamen; voll schwerer Pflichten gegen Gott und den Nebeiiiueiischeii, voller bitlerer Kämpfe mit der Not des Tages, mit der Feindschaft der Völker da draußen — aber auch schon voll schlimmerer Kämpfe gegen die engstirnige Strenge der Nachbarn da drinnen. Denn Perez sieht diese Menschen vorwiegend als ein ״Aufklärer“: er sicht das schwere Schicksal der Frau, die man als Mädchen an aller Liebe und an aller Schönheit des Jiidensehicksals nicht teilnehmen ließ •— nur ״Challe und Buttergebäck mit Safran verlangte man von ihr“ — und die dann willenlos dem Zauber der Fremden erliegt, der Lockung von Sonne und ßhunen, Freude und Liebe.... immer von neuern kehrt er zu den Tragödien jüdischen Fraucnlebcns im Ghetto zurück: sei es, daß er das Los der allzu früh gegen ihren Willen Verheirateten oder der ״reinen jüdischen Tochter“ beklagt, die, von der Mutter ängstlich gehütet, um die Lust der Jugend betrogen wird. Gegenüber diesen harten und gefährdeten Mädchetiscliieksalcn erstellen in gedämpften Tönen die Sorgen und gern getragenen Müllen der jüdischen Ehefrau: sie muß die Last der Tagesarbeit auf sicli nehmen, während der Mann ״lernt“, um dereinst in ״jener Welt“ ihren Lohn zu ernten: ״Fußschemel seiner Füße zu werden‘‘. Es ist nicht der Blick des wehmütig Erinnernden, sondern der Flammen־ blick des Anklägers, der auf all dem Verfallenden in diesen uralten, eingeengten Dascinsformen haftet. Aber dabei entgeht dem Beschauer nichts von dem eigentümlichen Reiz und der heimlichen Würde dieses Lebens in der Judengasse. Dort wachsen neben den Krämern und Selbstgerechten jene merkwürdigen Judcngestaitcn auf, die Martin Buber einmal gekennzeichnet hat, als er von Perez’ Dichtung sprach. Da ist einer, der duldet, ohne zu klagen: den ״Knecht Gottes“ nannte ihn der Prophet; .aber bei Perez heißt er etwa ״Bonze Schweig“ — und der Ankläger seihst muß ihm gegenüber verstummen, wie er seihst es sein Leben lang getan hat. Von Hiob aus dem Lande Uz erzählt uns die Bibel, der grübelte und den Grund des göttlichen Waltcns erkennen wollte; in den Augen des Skeptikers ist er in unseren Tagen zum ״Batlen“ geworden, zum Narr, der sich über die verschiedenen Erscheinungsformen seines eigenen feil — den Frommen, den Bösewicht, den Nichtstuer — seinen armen Kopf zerbricht. Und dennoch — gerade dieser Narr, der mehr als einmal in Perez’ Werken auftaucht, ist es, der immer von neuem nach dem ״Messias“ fragt und seiner harrt... ״Stumme Seelen“ sind sie alle, und das Wort kommt ungefüge und träumend nur aus ihrem Mumie. Aber wenn sie nicht sprechen können, dann singen sie. Und ihr Lied wird zum Ausdruck der Einheit, die hinter all diesem Wcltwirrwarr stellt; zum Ausdruck der Freude, die nach der Ueberzeugung der Cliassidim die Welt erlöst. Noch einmal stellt Perez den Zwiespalt seiner Jugend dar in der Geschichte vom Briskcr Row, der ein großer Talmid Chaeham war, aber ein Mithnaged, der ״trockene Thora“ lernte, und dem Bialcr Rebbcn, dessen Thora so hell und warm ist, daß die Engel durch die Stube fliegen, ״man hört ihre großen weißen Flügel rauschen“. « Es ist derselbe Gegensatz zwischen den Cliassidim und Mithiiagdim, der in Perez’ tiefstem Drama, der ״Golde- 11 en Kette“, zum Ausdruck kommt. Der Urahn des Geschlechtes, der hochgewachscne Rabbi Schclomoh, der in seinem weißen Gewand und weißen Bart das Bild des chassidischen Robben verkörpert, will die gequälte Welt durch eine verwegene Licbestat erlösen; er macht die Hawdalah nicht — der Schabbat darf nicht aufhören. Aber sein ״schwarzer Sohn“ Rabbi Pincbas durchkreuzt seinen allzu kühnen Plan; mit dem Licht der Kerze beginnt von neuem Druck und Not des Alltags. Es ist die typische ostjüdische Familie, wie wir sie aus Perez’ Dichtung kennen. Gegeneinander wogen die Neigungen der strengen Verstandesmenschen und der fmelltlosen Wundertäter, die eine Welt durch Liebe erlösen l Gio&e Shipping co.. ine. 11, Broadway New York Verzollung und Ablieferung aller Art insbesondere von Umzügen an alten PI Alien Amerikas und Canadas AtiSKünite uwrden gern, auch in deutscher Sprache, erteilt wollen. Audi liier fehlt nicht die junge Tochter, die, ver• lockt vom Duft der Ferne, hinauszielit und gebeugt und enttäuscht zui'iickkelirt. — Aber über Zweifel und Zwiespalt hinaus schlingen sich die Glieder der ״Goldenen Kette“: Almen lind Enkel vereinen sich in höchster Not — ״Jonathan ist Rabbi“. Der Urenkel wird das Werk des Ahns aufnehmen und weitcrfiihren. Bertha Badt-Strauß Ein Gebot der Stunde Zur urnbistlicn Frage Die Aussprache über das arabische Problem, die bei uns mit viel Eifer dtircligefülirt wird, leidet an einem Grundübel: der U 11 w i s s e n 11 e i t. Dieses Uebel sitzt so tief in uns, daß es sogar vor unserem Bewußtsein versteckt bleibt. Wir merken nicht einmal, daß wir im Bereich des Arabischen weder ein noch aus wissen. Dieses Nichtwissen um die Unwissenheit ist eine unverzeihliche Leichtfertigkeit. Die Fremdartigkeit und der Kraftreichtiim der arabischen Welt erfordern hohe Wisscii-vorausselzungeii für jede potitische Betrachtung über das jüdi-di-arabi-etie Thema. Indessen merkt man, daß die armseligen Blocken Aniberkimde, die in unseren I)iskussioiien herum-chu 1111 ׳!. ihre (Quellen in mageren und flüchtigen Zcitungsanfsat/cn haben. Ls muß ein für allemal klar au-, gesprochen werden: Wir sind in uns e .־׳ e m V e 11: 11 ׳ I 111 i s zum a r a b i - sehen Problem w 0 I 1! r c!11 1! und gegeiistandsferii. V ir sind für vieles in der Welt, nur nicht für Araberkmide zuständig! Die bescheidenste Forderung i-t, daß jeder, der in der zionistischen Politik mit reden will, eine allgemeine Ausbildüng in Araberkmide erhallen soll, Wer. in irgendeiner Funktion für den Zioni-nms taiig ist, muß dieser Grund- Voraussetzung für das Ver-tamlins der arabischen Welt entsprechen. Um diese Ausbildung in einer angemessenen Weise zu ermöglichen, muß durch die ZVtl). ein Institut tür a r a b i s c 11 e < i c g e n w arl > k 11 11 d e gegründet werden. An diesen! Institut werden sv-iematisehe Kurse über arabische Sprache, Gegenwartskunde. Volkskunde, Religion, politische und geistige Geschichte ein/iirieh.ten sein. Daneben sind Arbeitsgeme in Schäften über aktuelle I inzelfragen zu schaffen. Die Leitung dieses Instituts hat einer besonderen, von der ZVfD. zu schäftenden Kommission zu unterstehen, da dessen kulturpolitische Aufgaben sich von denen der Kulturabtcilung der ZVfD. überhaupt wie denen der Lehrstätte Bialik unterscheiden. Einzelne besonders wichtige Referate sind durch Vervicifältigung dem breite« Publikum und namentlich den Clialuzim und Auswanderern zugänglich zu machen. Die Herausgäbe einer dem arabischen Problem gewidmeten Zeitschrift oder Schriftenreihe wie insbesondere einer ״Einführung in die arabische Gegenwartskunde“ ist in Aussicht _ zu nehmen. Die Ausbildung einer Gruppe arabisch gebildeter Zionisten wird in der Folgezeit die Gründung von ״Jüdisch-Arabischen Gesellschäften“ außerhalb Palästinas ermöglichen. Fis wird nieiit schwer sein, geeignete Fachleute zu fin* den, die die einzelnen Fächer am Institut vertreten könnten. Die ZVfD. kann dabei der tätigen Mitarbeit und dankbaren Zustimmung gewiß sein. Aber nur ein großzügiges, mit Gründlichkeit und Frust errichtetes Werk kann Früchte bringen. Dieser Plan — das sei mit stärkstem Nachdruck ausgesprochen — involviert keine irgendwie geartete politische Ideologie und maßt sieh auch nicht an, die arabische Frage zu beantworten. Ohne jede Tendenz und Vorwegnahme Wird lediglich die Vorbereitung tur eine direkte Aussprache beabsichtigt. Fs ist höchste in eine aktf ׳e Position ubci zugeln für lins, aus der passiven n. i >r. A b r a!1 a tu I I e s c h e I SALMAN SCHNüUR ׳er Autorisierte Ucbersctz.ung von Grete Fischer 3, Fortieinun# Nachdruck verboten Pandre konnte sieh den Rabbi nie anders verstellen als im Talles und mit den Tcfillin und mit der Feder in der Hand, wie damals, als er ihn gesegnet hatte. Also wartete er auf eine Gelegenheit für seinen Dank, und die Stunde kam. Der Rabbi wurde eines Tages sehr krank und war schwach und mußte zur Behandlung nach Mohiiew ins Krankenhaus. Sender stellte seinen Wagen, ohne Kosten, mit allen drei Pferden im Gespann. Und Noah Pandre trug den ltablii auf den Armen aus seinem Zimmer, wie ein Siebenmonalskind in Watt« gepackt, hob ihn sorglich in den W agen und wickelte ihn in seine Decken. Nur der Vorsteher Israel begleitete den Rabbi nach Mohiiew. Und Noah führte die Kutsche den ganzen dreißig Meilen langen Weg. Ehe Israel sieh umsah, waren sie schon in Mohiiew, Die Wärter in weißen Kitteln liefen aus allen Türen, um zu bellen, aber Noah ließ keinem die FJire, »einen Rabbi zu tragen! Er trug ihn zart bis in seine Kammer im zweiten Stock. Und noch die ganze Woche danach fühlte er die Berührung des heiligen, vermauerten Leibes wie eine Büße Mattigkeit in allen Adern. II Pnndrcs Veränderung vollzog sich nieiit mit eincmninl. Der Schnee in den Wäldern kühlte sein Blut. Nach und nach jagten die freien Winde über den Feldern den Dunst des Sehlachthauses aus ihm heraus, und der weite Himmel machte seine stallblimlcn Augen scharf. Früh am Morgen.im beginnenden Winter kletterte Noah auf den Kutschbock, es fror, und der Straßensehmutz war obenauf vereist. Man konnte noch nicht mit dem Schlitten fahren, aber wenn ״,an auf Rädern fuhr, rüttelte es einem das Herz aus dem Leibe. Damals, während er noch unter Senders Aufsicht fuhr, wurde Noah seekrank von dem Schlendern und Schwanken. Er biß die Zähne zusammen und kutschierte weiter. ״IIü! llil!“ schrie er den Pferden zu. Aber eigentlich hätte er lieber geschrien: ״Mutter — hilf mir!“ /Aber schon eine Woche später, als der Schnee die Straßen deckte, und ein Schneesturm ilm gesiebt und der Frost ihn gehärtet halte, glitt der Schlitten wie auf Butter. Und Pandre fühlte zum erstenmal im I/cbcn, was es heißt, Kutscher zu sein. Zum ersten Male fuhr er eine Anzahl von Passagieren zur Bahnstulion nach Orstha. Dreißig Meilen weit trieb er die Pferde durch die blendenden Felder, und die Wege waren wie mit Daunen bedeckt und mit Gtasslaub gepudert. Weiße Sternchen glitzerten auf den dürren schwurzen vorjährigen Büschen, und Silberohrgehiinge schwankten an den Birken. Haufen von Daunen klebten an den Pfählen und an den Telegraphenstangen, an den Meilensteinen längs des Weges. Wo ein Stück Eisen, ein rostiger Nagel war, starrte er von weißen Borsten, von gläsernen Nadeln, durchsichtigen gefrorenen Strahlen um eiserne Sterne. Und über alles und allem leuchtete die eisige Sonne. Statt Feuer strömte sie Frost aus; statt zu schmelzen, vereist sie, was sie traf. Bei je 11 er Kehre auf dem glatten Weg sang der Schlitten wie eine Riesengitnrrc. Dann wurde es mit einemmnl finster, eine grünlichweiße Wolke rückte an. Der Schlitten kam in den winterlichen Tannenwald. Die breiten Zweige der Nadelbäume waren beladen mit Reif, wie Eierschaum, aus dem die futen Hausfrauen Zuckerzeug für die Feiertage machen. Durch en Waldweg sali man wie durch ein Fernrohr in den noch tieferen Waid hinein, Mauer Rauch hing darüber und kühle Beklemmung. Atemraubend war das. — Und dann sauste der Schlitten aus dem Walde heraus wie aus einer Räuberhöhle, und wieder war alles rundum Licht. Kristallen« Sternchen «erstrahlen hundertfältige Schönheit, winken mit myriadenfachem Lächeln. Tausende kleiner gefrorener Regenbogen leuchten auf und löschen aus. Die vorjährigen Kohlpflnnzen wehen wie Riesenfächer mit Straußenfedern und OrilliantFlitter besetzt. — Erstaunlich ist das! Bauernweiber mit Weidenkörben nähern sich, irgendwo aus der Weite schwimmen sie heran auf breitnasigen Holzpantinen, um den Kopf haben sie Pakete von roten 'Volltüchern wie Turbans gewickelt, und die leuchten über den weißen Schnee wie lebendige Mohnblumen. —■ Hexen sind das, keine Bauernfrauen. Aus ihren Körben quellen Klumpen von gefrorenen, rubiiiro'.cn Beeren, Näscherei für die verschmachteten Mäuler, die der ewigen Wintcrkartidfcln und säuern Gurken müde sind. Aber hier, ininillcn des Weges, *wischen all dein Ikmneuv. eilt ]eiiclüen die Beeren wie heiße Kohlen, die die Hexen in ihren St rohköi Feil tragen können, ohne sie zu verbrennen. IIo! Hol Kamine rauchen in der Ferne, .Schwarze Krähen schreien. Ah! das sind keine wirklichen Krähen, die sind mit den Hexen im Bunde, mit den Beeren, mit den inten Kopliiichern. Was isl das für ein Krächzen, Sch i 111p len, Fluchen! Gott weiß, oh die Bierde nicht auch im Spiel sind, wenn sie so mit den S< liwcilen schlagen! In Alexandria, das auf dein halben "ege liegt, trank man ein Glas Branntwein und Fand den Bierden den Halersack unter die Nasen. Sender verlangte das. Und sie dnrilen nieiit gefüttert werden, che sie abgekühl! waren, sonst bckamen sic zittrige Beine, So sagte Seniler. Die ]1lenk׳ kannteil den allen Fuhrmann am Geruch, er mochte selbst hinter ihnen stellen. Aber wenn Pandre ihnen nahe kam, richteten sie ihre bhuischwarzen Augen auf ihn, legten die Ohren zurück und schnaubten. Sie witterten immer noch an seinen Unterkleidern den Geruch aus dem Schlachthaus, von getrorknetem Blut. Obgleich Pamlrc aus dieser Zeit nur noch ein Hemd behalten hatte, und das trug er unter dem wollenen Leibchen und unter dem Schafspelz. Aber Senders Plerde, an die freie Luft der Felder gewöhnt, rochen es doch. Man sollte nicht glauben, was Pferde für einen 'erstand haben! Pandre verdroß es. Von Kind an war er gewöhnt gewesen, vierfüßige 'Tiere als eine Sache zum Schlachten anzusehen, gut für Fell oder Fleisch. Und da kam Sender Pardon und behandelte seine Tiere wie menschliche Wesen! ־ klopfte ihnen den Hals und sprach mit ihnen wie mit seinesgleichen! Wenn das jüngere Pferd, das Sender Schmcndrik genannt hatte, sich anstelhe, als wollte es seinen Aermol fressen, so blaffte Sender es an: ״Laß das sein!“ Und Schmcndrik wendete den Kopf weg, wackelte mit den weichen schwarzen fefzen und zeigte die großen weißen Zähne — es sah aus, als lacht« er. Er wußte, es war Spaß Dos ältere Pferd, Sclimnrwoz, ein großes, braun und weiß geflecktes Tier, war höchst wühlerisch mit seinem Futter. Wenn Sender gelegentlich ein bißchen Häcksel unter den Hafer mischte, so stund der Nascher, der langohrige, den Froßsack unterm Kinn, drehte die Ohren und schaute seinen Herrn an, als wollte er sagen: ״Nicht» für mich!“ und dachte nicht daran, zu fressen. Sender tat, als wäre er wütend, hob den Fuß, als wollte er ihn in den Bauch stoßen, und sagte: ״So! Du willst keinen Häcksel fressen? Was? Marzipan möchtest du vielleicht? Bist ein Eidam auf Kost bei mir?“ Und Schmarwoz nickte gravitätisch mit dem großen Kopf und

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