Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1936)
- Date
- 1936-08-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6 JÜDISCHE RUNDSCHAÜ Nr. 69, 28. Vltl. 1936 Heine — verändert Heine. Gedieht und Gedanke. Auswahl und Nachwort von Werner Kraft. Sdiockcn-Büchcrei / 57. Der erste Satz des Nachworts von W. Kraft verspricht, daß diese Auswahl aus Heines Lyrik, Prosa, Briefen ״ein konzentriertes Bild des Mannes gehen will, dessen Geist seit 100 Jahren ,unfeststellbar‘ unter uns weilt“. Auch die wenigen Seiten des nachdenklichen Nachworts erschienen mir prägnant und vieles sagend. Dann aber «geriet ich an den Kern des Buches, an die Auswahl seihst. Daß Kraft den Hauptwert bei seiner Auswahl auf die Zeit des Romanzero und nicht auf die Romantik des Buches der Lieder legt, das sei ihm wohl zugestanden. Denn wir alle haben uns in den letzten Jahrzehnten zu dieser Heine-Wertung entwickelt. Vielleicht weil wir älter wurden... wenn auch wir noch heute in dieser neuen Auswahl einzelne zarte Lieder, die wir alle aus unserer Mutter Liederbuch seit unserer Kindheit kennen, schmerzlich vermissen — etwa ״Leise zieht durch mein Gemüt“ und das nicht durch eine sangbare Melodie, sondern durch seinen eigenen Biidgehait unvergeßliche ״Mein Kind, wir waren Kinder...“ oder das niederländische Kleinbild ״Das ist ein schlechtes Wetter...“ Aber das ginge noch an. Schlimmer wird unser Vermissen, wenn unter den Balladen, die uns Heines große weltgeschichtliche Visionen offenbaren, Gedichte wie Ritter Olaf und der Schelm von Bergen fehlen. Ja — ich wollte meinen Augen nicht trauen: auch die ״Beiden Grenadiere“ und ״Belsazar“ suchen wir vergebens hier — zwei Gedichte, die doch Heines scharfgeschnittcnes Bild in aller Welt wesentlich mitgeformt haben. Wenig kann uns darüber trösten, daß W. Kraft seinen Grundsatz, mir ganze Gedichte und nicht — wie es früher etwa Stefan George in seiner Anthologie und R. Borchardt in seinem ״Ewigen Vorrat deutscher Poesie“ taten — Fragmente aus den einzelnen Gedichten zu gelten, wohl verteidigen kann. ,Aller was hilft die vollständige Form der einzelnen Gedichte, wenn das < i;1 11 / e ein Fragment geblieben ist! — Man erkennt seinen Heine nicht wieder. Ich wollte es nicht glauben: auch die Gedichte des? u - den Heine, der um, halte noch mehr zu sagen hat als vielen Geschlechtern . busim Haft in seiner Schwache und in seiner Rückkehr: auch sie fehlen /um allergrößten Teil. Weder das erschütternde und zeitgeschichtlich wichtige ״An Edpm“, noch die Hebräischen Melodien findet man hier.. . nicht einmal die Prinzessin Sabbath, — Sind diese Gedichte wirklich von dem ״kon/enirierten Bild“ des Dichters, des ,Menschen, des Juden Heine zu trennen? — Auch die ״Loreley“ scheint dieser Dichter nicht geangen zu halten... Vergeblich habe ich sie in diesen 77 Seiten der Auswahl gesucht. Aber nun wird Werner Kraft vielleicht entgegnen: ״Anders lesen Knaben den Tercnz...“ Und er wird meinen, er habe nicht für die Dreizehnjährigen diese Heine-Auswahl geschaffen; und nicht für die Auswanderer, die fern von allen vollständigen Heine-Ausgaben leben... Ja: aber warum hat er das nicht getan? Ware das nicht eigentlich seine Aufgabe gewesen? Bertha Badt-Strauß Kurz an gezeigt Rudolf Geck: So war das. Societäts-Yerlag Frankfurt a. M. Rudolf Geck hat 36 Jahre lang das Feuilleton der Frankfurter Zeitung geleitet; jeder Leser dieses Blattes erinnert sich an seine prachtvoll geschliffenen kleinen Beobachtungen ohne Pointe, Kurzgeschichten aus Leben, Landschaft und Kunst, die er ״—cl<“ zu unterzeichnen pflegte. Nach seinem Tode sammelten seine Freunde eine Anzahl seiner schönsten Kurzgeschichten und nannten sie ״So war das“. Dies Wort, das ein Lieblingswort des Toten war, wenn er am Schlüsse seine Beobachtungen zusammenfassen wollte, kennzeichnet die schmucklose und wahrlieitstreue Art dieses Mannes, der in allem, was er schrieb, der Sache diente und seine Person darüber in den Hintergrund rückte. Es ist ein erlesener Genuß, das kleine Buch zu duichblättern. Nicht mir, weil es die Ereignisse der letzten Jah rzehnte in Kunst, Natur und Menschenleben mit wachen Sinnen verfolgt und mit reifer Kaust wklerspicgeit. Sondern weil es einer Natur entsprang, die in allem, was ihr begegnete, zum Kern der Erscheinungen strebte und der es gegeben war, im scheinbar Geringfügigen das Größte zu sehen. bs. Walther V ictor, Puzzl, Geschichte eines Wunderknaben. Verbano-Yerlag, Locarno 193(1. Das reizend mia'aTdtefe Buch trägt auf der Umschlagseife das ״nach der einzigen erhaltenen zeitgenössischen Daguerrotypie“ ge/eiclm etc Bildchen eines verspielten, halbwüchsigen Knaben mit zierlichem Gewand und langen Locken. Das ist der Wunderknabe Pu/zi, Schüler und Nacheiferer Franz Lis/ts. Mit m!!in!! bürgerlichen Namen: Hermann Cohen, Sohn des 1 Gmhurger Kaufmanns David Abraham Cohen, eines ,,!!;<>d Juden au-, dem Kreis der Bc-sntdier des neuen Tempels, der seinen Söhnen eine fortschrittliche, mehr ׳Kirr weniger unjüdische Erziehung zuteil werden läßt. Walther Victor, dun wir schon einige I b iiie-Buclier verdanken, schildert uns den Weg dieser halb fort.gr/ogenen, halb hinsinkenden Figur aus dem Zeitalter da Emanzipation mit leichter Hand und wutldi! kemler Kenntnis der Zeit und ihrer iuden. Der kleine Pu//!, verwöhnt von den Männern und esonders den I ramm, «loch nicht stark genug, um durch produktive Begabung die Lockungen der Umwelt zu überwinden, verfallt den tausend Schlingen des Virtuosenlebens und wird schließlich in d<e katholische Kirche geführt. Victor stellt sein iahen, das dem Juden von heute manchen Keim zum Nachdenken bietet, auf Grund zeitgenössischer Dokumente höchst anschaulich dar, leider nur in einem seitsam verschnörkelten Stil. Eine wahre Erfrischung darin sind die zahlreichen Zitate aus den Schriften eines jungen Mannes, der damals zur gleichen Zeit wie ״I’irzzi“ in Hamburg sieh aufhielt. Der junge Mann, den der Wunderknabe dann auch in Paris wieder fand, hieß — Heinrich Heine. bs. Rudolf Häla: Christoph Plantin. Herbert Reichner Verlag, Wien. 1936. Diese Broschüre über einen Meister der Buchdruckerkunst, der im 16. Jahrhundert in Antwerpen lebte, stellt eine intcressante Monographie dar, die für all diejenigen, die an der historischen Entwicklung der ״schwarzer! Kunst“ Interesse haben, bedeutsam ist Dr. Gerhard Herz: ״J. S. Bach im Zeitalter des Rationalismus und der Frühromantik“ (Paul Haupt-Verlag, Bern— Leipzig 1936), Mit dieser Arbeit hat der Verfasser sauberste Tat- Sachenforschung geleistet. Eine Unmenge von Literatur hat er herbeigeholt und mit Fleiß gesichtet. Er sagt selbst im Vorwort, daß seine Aufgabe wesentlich kornpilatorischer Art war. So hat er eine Fülle von Belegen in Fußnoten und ein langes Literaturverzeichnis geliefert. Die Bachbewegung wird von ihren Anfängen bis 1829, dem Jahr der Wiederaufführung der Mntthüuspassion durch Mendelssohn, verfolgt; es wird geschildert, wie das Wesen Bachs sich in den Lebensanschauungen verschiedener Generationen spiegeh — was man an ihm verehrt und auszusetzen hat, was man von ihm kennt und aufführt und wie man es tut. Dr. H. N. Die dreißig Helden Davids / n. Bud! Samuel Kap. 23 Eine geographisch-historische Studie Von Ludwig Feuchtwanger Die 40 Jahre der Regierung Davids, wie sie ln den beiden Samuel-Büchern bis zu seinem Tode im 2. Kapitel des ersten Kölligsbuches geschildert sind, umfassen einen Abschnitt so echter und lebendiger G e s c 11 ic 111 s - er Zahlung, wie sie 1000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrcchnung nirgends wieder begegnet. Aus diesen Kapiteln leuchtet ein in diesen früheren Jahrhunderten sonst in keinem Land oder Kulturkreis zu beobachtender Sinn für unvoreingenommene, ungefärbte Geschichtlichkeit ohne Tendenz und Mythos. Der Sinn echter, die wahren Hergänge der natio- Halen oder religiösen Glorifizierung voranstellender Geschiehtliclikeit kann aber gerade der jüdischen Gemeinschaft nicht nachdrücklich genug eingeprägt werden: Denn die Tiefe der Aneignung der Vergangenheit bleibt für das jüdische Volk die eigentliche Quelle der Zukunft. Nicht weniger als 42 biblische Kapitel (oft betrachtliehen Umfangs) sind der unruhigen Bahn dieses Usurpators und echten Königs von den frühesten Anfängen bis zum Tode des altersschwachen Fürsten inmitten von Palast- und Faniiiienintrigen gewidmet, jedes Kapitel angefüllt mit Taten und Zeichen menschlicher Stärke und heilloser Schwäche, erfüllt von verschuldeten und unverschuldeten Geschicken, nur selten unterbrochen von moralisierenden oder theologisierendcn Deutungen, angefüllt mit Handlungen und Planen brutalster und zartester Gesinnung! In jedem Kapitel eine Fülle von Angaben über Land und Leute des alten Palästina, von Orts-, Personen- und Herkunftsnaincn, so beziehungsreich und beredt, daß sich dem geschulten Leser und Kenner, Abschnitt für Abschnitt, ein Lehrstück nach dem anderen über unser Land und unsere Geschichte bietet. Eine unscheinbare Namenslistc, eine auf den ersten Blick kaum fruchtbar zu machende Arf/ählung von Eigen- und Herkunftsnamen, in listenmäßiger Dürre ohne Tatenbericht oder sonstige Beisätze, öffnet hei sach- und sprachkundiger Durchforschung und literarisch-stilistischer Analyse einen tiefen Einblick in historisch-geographische Tatbestände von Ercz Israel in alter Zeit. Die Liste steht am Schluß des zweiten Samuelbuches (23, 24—39) und .enthält die Namen der ״Dreißig Helden Davids“. Wir verdanken Problemstellung und Lösung dem Forschcreifer des Theologen Lic. Kar! Eiliger in Leipzig, der im letzten ״P alästina-Jahrbuc h“ (31. Jahrgang) des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (S. 29 bis 75) die trockene, meist überschlagene und bisher wenig ergiebig gehaltene Liste trotz ihrer scheinbaren Schweigsamkeit zum Reden gebracht bat. Die Notizen über die Leute Davids, die sich durch ihre soldatischen Bravourstücke im Dienste des Königs früher und spater ausgezeichnet haben, stehen im 2. Sainncl-Buch zwischen den Erzählungen von der Blutrache der Gibeoniten (21, 1 bis 14) und dem Musterungsbefehl (24, 1 ff.). Der Dankpsalm Kap. 22 und ״die letzten Worte Davids“ (23, 1 bis 7) sind mitten in diese Angaben über die ״Helden“ und die ״Leibwache“ eingesprengt. Zuerst kommen (21, 15 ff.) die vier Helden aus den Philisterkriegen, deren Taten im Detail genannt werden. Nach der Llnterbrechung durch das seine späte Entstehung nicht verleugnende Wunschbild des jüdischen Monarchenideals (״Die letzten Worte Davids“) wird die Heldenreihe wieder aufgenommen (23, 8 ff.): Joschew Baschcbeth Tachkcmoni, Eleasar-ben-Dodo und Schamma-ben-Age, drei durch Heldentaten um David besonders verdiente Rcckengestalten! Es folgt die Erinnerung an die ״Drei von da. Dreißig“ aus der früheren Jungheldenzeit Davids und an zwei wieder mit Namen genannte verwegene Kriegsmannen: Joabs Bruder Abisai und Benaja! Jetzt erst (23 , 24 ff.) beginnt die lange Liste der ,,Dreißig“, streng gesondert von den übrigen mit Namen und Taten herausgehobenen Helden. Während vor Beginn der Liste der ״Dreißig“ jedem Namen eine Notiz über die I laupitat mit begleitenden Umständen beigefügt ist, reiht sich jetzt, bei Aufzählung der 30, Name an Name. Mit der Liste (Vers 24) beginnt in der Tat auch stilistisch etwas völlig Neues, das ursprünglich keine Verbindung nach rückwärts batte. Wenn von den ״Dreißig“ (wie öfters in den Samnielbiiehern) die Rede ist, so ist damit an eine bestimmte ständige Einrichtung gedacht: darauf deutet vor allem die Art, in welcher der Abschnitt 2. Sam. 2), 8 bis 39 den Ausdruck ,,die Dreißig“ regelmäßig gebraucht. Als den Verfasser der Geschichte Davids hat man mit guten Gründen einen Vorzuglieh unterrichteten Zeitgenossen des Königs seihst angesehen, der zu Anfang der Regierung Salomos zum Teil auf Grund schriftlichen Materials wie Listen, Annalen usw, sein Geschichtswerk formte; man (Eduard Meyer, Elias Auerbach) hat den Priester Abjathar, den Salomon zu Beginn seiner Regierung auf sein Landgut in Anathoth verbannte (1. Kön.2, 26 f) als den Verfasser angenommen. Aegyptischc Analogien für die ״,Dreißigerschaft“ 'als feste Einrichtung, namentlich auch im kanaanäischen Stadtkönigtum, sind von Eiliger namhaft gemacht worden, joabs Bruder Abisai hatte jedenfalls die Führung; die ״Scheloschim“ müssen ein besonderer Stab militärischen Charakters, eine Art Leibgarde, gewesen sein; das Vertrauen Davids zu einzelnen alten, treuen Kämpfern .. nicht mehr erwähnt Die Liste selbst verrät durch die Art ihrer Zusammen- Setzung und durch die Herkunftsbezeichnung der einzelnen Angehörigen ihre Echtheit, ja ihrer! Ursprung aus der Zeit, bevor David in Hebron zum König von Groß-Juda gesalbt wurde. Nicht mit Unrecht hat Eiliger in seiner sehr eindringliehen und weitläufigen Analyse der Herkunftsbez.eichnungai das Ordmingsprinzip der Liste aus dem Ablauf der historischen Ereignisse auf dem Hintergrund von Davids Lebet(, wie es 1. Sam. 19 ff. erzählt wird', glaubhaft gemacht. Aus der Liste sind die turbulenten Ereignisse, besonders die Ent- Stellung des davidischen Charisma, seit der Trennung von Sau! verfolgbar; das Verzeichnis der Gegenden, aus d.enen die treuesten Waffenkameraden stammen,* spiegelt den aufregenden Ortswechsel der Tätigkeit und des Rekrutierungsgebietes des jungen David wider. Von der Niederlassung in der Festung Adullam über die verschiedenen Operationsegenden gegen die Philister, sei es in der Gegend von ngedi, in der Steppe von Siph, in der Steppe von Maon oder in Kegila, wo immer David sich mit seinen Leuten aufhalten mochte, die Aecker und Herden vor den rauberischen Einfällen der südlichen Beduinen, besonders der Amalckiter und Philister zu schützen, überall hatte er Zuzug, Und unsere Liste ist ein echtes Zeugnis des unbedingten Vertrauens seiner Anhänger, die ihm aus allen Richtungen zuliefen. Und selbst als der Tag kam, an dem David, um seine Existenz zu retten, sich entschied, zu den Philistern überzugehen, folgten die alten Getreuen willig dem Führer. Als dieser in der Folge vom phiiistäischen Oberkönig mit dem Stadtstaat Z i k 1 a g belehnt wurde, berief sich der neue König eine neue ״Schar der Dreißig“ und wählte sich dazu seine treuesten und besten alten Kämpfer aus: auf dem Hintergrund von Davids Leben zu Sauls Lebzeiten gewinnt die dürre Liste in der Tat Leben und Bewegung. Die literarisch-stilistische Analyse des trockenen Bibelstückes 2. Sam. 23, 24 bis 39, wie sie Eiliger im Verein mit einer sehr fruchtbaren historisch-geographischen Untersuchung bie« tet, führt zu dem Ergebnis, daß die Liste der dreißig Heiden Davids in ihrer gegenwärtigen Form wahrscheinlich aus Davids Hebroner Zeit stammt, daß sie aber den größten Teil einer etwas älteren Liste enthält, die diejenigen unter seinen besten Beschützern und Kriegsbeuten verzeichnete, die von ihm für würdig befunden wurden, einen Teil seines Gefolges, den Stab der ״Dreißig“, zu bilden, als er König von Ziklag wurde (Eiliger a. a. Ö., Seife 75). Unter dem Königtum Davids trat Israel endgültig ln die Reihen geschichtlicher Völker ein. Unter seiner Herrschaff wurde der Grund zu dem historischen Wunder von Israels Bewahrung unter den Völkern gelegt. Die Gestalt des Fürsten hebt sich aus den Wolken von Geschichten und Sagen ganz scharf, fast grell ab. Auf den mühseligen, wechselvollen, uns so anschaulich überlieferten Etappen zur Königskrone Davids spielen die ״Dreißig“ eine ausschlaggebende Rolle, sie sind der verkörperte Machtgcdankc m diesen blutigen, gott- und moralfernen Abschnitten der altorientalischen Geschichte. Erst als die Macht mit allen Mitteln kalter Verschlagenheit und ungeziihmter Kraftentfaltung errungen war, wächst David in die Rolle des vön Gott geliebten Harfenspielers und Psalmensängers: ״Er schuf Gesetz und Gerechtigkeit für sein ganzes Volk.“ — Eine stumme Namenliste wurde zum Reden gebracht. Die wissenschaftlichen Fragestellungen und Lösungsversuche gehören nicht in diese Blätter, wer noch weiter in die Rätsel der lierangezogenen, lakonischen Bibelstellen eindringen will, sei auf zwei wiciitige ergänzende Arbeiten verwiesen, die Eiliger noch nicht benutzen konnte: die rhythmische und textkritische Untersuchung der Saniuelis- und Königsbücher, die Arvid Bruno unter dem Titel ״Das hebräische Epos“ vor kurzem (Upsala 1935) veröffentlicht hat. Darin wird zu zeigen versucht, daß die gesamten geschichtlichen Bücher im wesentlichen nach denselben metrisehen Gesetzen gebaut sind wie die lyrischen Bücher der Bibel. Die Bücher Samuel und Könige bestehen nach Bruno, soweit es sich nicht um sekundäre Hinzufiigungen handelt, aus zwei Epen, von denen das erste (I. Sam. bis I. Kön. 2, 46) aus Doppclstrophen von zwei Fünfern, das zweite (I. Kön. 3 bis II. Kön. 25) aus Doppclstrophen zu drei Fünfern bestellt. Die Selbständigkeit unserer ״Heldenlisie“ findet bei dieser Annahme ihre Bestätigung. — Die zweite hierher gehörende Arbeit stammt von dem holländischen Gelehrten Professor Johann de Groot: ״II. Samuel“, Groningen 1935 (mit acht Kartenskizzen). Auch durch dieses streng wissenschaftliche Werk erstehen ״Die dreißig Helden Davids“ in neuer Beleuchtung. Begabung und Rasse Prof. Dr. Josef Somogyi: Begabung im Lichte der Eugenik. Franz Deuticke-Verlag, Leipzig und Wien 1936. Von dem S/.cgeder Professor Dr. Somogyi ist eine umfangreiche Untersuchung über die Probleme der Biologie, Psychologie und Soziologie der Begabung erschienen. Im Rahmen seiner Untersuchung behandelt Somogyi auch die Probleme der Verteilung der Begabung und kommt in diesem Zusammenhang auf den Einfluß der Rasse zu sprechen. Er wendet siel! dagegen, daß einzelne Völker und Rassen zur Führcrrolle!auserkoren seien, während andere zu ewiger Knechtschaft verurteilt seien, und hält es für wahrscheinlich, daß die Rangordnung der einzelnen Rassen vom Standpunkt der Begabung keine ewige Kategorie ist. In diesem Zusammenhange kommt er auch auf die Stellung des jiidisehen Volkes unter den Kulturvölkern zu sprechen und hebt die Begabung auch der heutigen Juden hervor. Andererscits weist er auf den Anteil der Juden an den /.ersetzenden Elementen des Vülkerlebens hin und glaubt, daß diese antikulturellen Eigenschaften die Ursache der Antipathie gegen die Juden seiet!. Der Verfasser meint, daß um die wirfschaftliche Macht die Völker nordischer Rasse und das Ittdentum kämpfen; dieser Kampf um die Macht, der von den Juden als isolierte Minderheit geführt wird, freie zum rassischen Unterschied als Ursache für die Abneigung gegen die Juden hinzu. Was die Frage der Rasse nmischung an belangt, so weist der Verfasser auch in diesem Zusammenhänge aut die Judenfrage hin. Er glaubt, daß die endgültige Lösung der Jtiden.rage in der Christianisierung und der folgenden allmählichen Verschmelzung gegeben sei. Eine andere menschenwürdige Lösung sei die Anerkennung des Judentums als selbständiges Volk bezw. als selbständige ״Minderheit im Sinne des Zionismus. Der Verfasser glaubt jedoch, daß diese Lösung mit nicht geringen praktischen Schwierigkeiten verbunden sei. ’ —n. Cola di Rienzi Die Vergangenheit liegt nicht still. Die Geschichte eines Volkes bleibt gegenwärtig und fortwirkend mächtig. Uns Juden, die wir die längsten Rechnungen haben, wird diese Erkenntnis leicht zugänglich sein. Es wimmelt jetzt von Ge- Schichtsschreibung, die mit den Spannungsreizen des Romans, die mit der sinnlichen Gegenwart eines Bühnenstücks wetteifern. Im an ständigen Gegensatz dazu beweist eine neue Biographie des Cola di Rienzi von Herbert Vielstedt (S. F i scii er- Verlag) die Vorzüge der Enthaltsamkeit und Zuverlässigkeit. — Der Plebejer und Gastwirtssohn warf sich im 14. Jahrhundert zum römischen Volkstribunen auf; er kam! so jämmerlich um wie alle Männer, die vor der großen Revo lufioii das Volk aufrülirten. Aber er gewann den Nimbus eines fernen Vorläufers der Mazz.ini, Cavour, Mussolini, weil! er von der früheren Größe des Römertums, von einer italienischen Einheit schwärmte. Dieser Rhetor und Demagoge war kein Staatsmann, am ehrwürdigsten in der Rolle eines Latinisten und Archäologen, der aus den antiken Trümmern der Vaterstadt ihre einstige Größe Und dauernde ‘Verpflichtung ablas. Damit begeisterte er sich an der Vorstellung vom Imperium Romanum, nur daß er die realen Machtfaktoten einer zerrissenen Uebergangszeit nie in seine Hand bekam. Seine vorübergehende, nach antiken Mustern ausgestellte Macht war die Anhänglichkeit einer politisch ungeschulten Masse; sein Untergang beschleunigte sich, da er den inspiratorischen Zusammenhang mit ihr verlor. — Diese wohl Zu eng an damalige Einzelheiten gebundene Rechenschaft hat die zeitgenössischen Quellen sowie spätere Betrachtungen mit redlichem nüchternen Ernst benutzt; aber trotz vermehrten Einzelkenntnissen Hegt sie wohl noch zu Füßen der lieberschau von Jakob Burckhardt, der das staatsmännisch Unzulängliche, das Komödiantische an der Erscheinung Rienzis verwarf, um seinem verfrühten Auftreten doch den Ruhm zu lassen, daß es von der einstigen Größe Roms eine Vor- Stellung gab, daß es eine Sehnsucht nach rückwärts hinterließ, die sehr viel später «neu einigenden Tatwillen her vorrufen konnte. A. E.