Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1936)
- Date
- 1936-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 69, 28. VIII. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Italien und der Nahe Osten Es hat viele Erörterungen über die Rolle Italiens in Palästina gegeben: im englischen Unterhaus haben die Abgeordneten eindeutig oder doch mit bezeichnenden Anspielungen gefragt, in der englischen Presse gab es Anklagen, in der Weltöffentlichkeit hat man die Dinge erwogen und die Tatsachen gedeutet. Es ging darum: Ist Italien in irgendeiner Weise aktiv an den Unruhen in Palästina beteiligt? Unterstützt es die streikenden Araber mit Geld? Treibt es Propaganda gegen England? Welches sind überhaupt seine Interessen im Nahen Orient? Sind sie durch die Gründung des römischen Imperiums, durch die Eroberung Abessiniens verändert worden? East alle diese Fragen sind bisher offengebliebcn oder doch nicht restlos geklärt. Im Unterhaus ist nie eine eindeutige Erklärung von Regicrungsscitc darüber erfolgt, ob Italien wirklich seine Hand in den Palästina-Wirren habe. Höchstens hat man zugegeben — und das ließ sich angesichts der offenkundigen Tatsachen nicht leugnen —, daß die englische Regierung aufmerksam die italienische Rundfunkpropaganda durch den Sender von Bari verfolge, wo man in verschiedenen Sendungen in arabischer Sprache die englischen Soldaten in Palästina verunglimpft hatte, und daß sie hiergegen Vorstellungen erhoben habe. Sonst wurde von den beteiligten Ministern nur davon gesprochen, daß auswärtige Propaganda bei den Unruhen eine Rolle spiele, und daß Anzeichen dafür vorhanden seien, ausländisches Geld werde zur Unterstützung der streikenden Araber verwendet. Aber weiter ging man nicht. Namen wurden von den Ministern niemals genannt. Einmal ist sogar deutlich von Kolonienminister Ornisby-Gore erklärt worden, es liege nicht im öffentliehen Interesse, detaillierte Angaben zu machen. Dafür haben englische Abgeordnete und die englische Presse Italien als diejenige Macht genannt, die ein Interesse daran habe, daß England in Palästina und in der arabischen Welt Schwierigkeiten habe. Die italienische Presse wies alle diese Verdächtigungen zurück. Die Argumente wechselten. Ein Blatt wie das ״Giornale d’Italia“, das Organ des Außenministcriums, führte dabei aus, es sei ein Widerspruch, wenn man Italien unterstelle, es sei mit seinen Finanzen am Ende, und dann gleichzeitig behaupte, es unterstütze die Araber mit Geld. Darüber hinaus hat man in Italien auf die Vorgcschichte und die tieferen Gründe des Aufstandes hingewiesen. Für die jüdischen Belange ist es unwesentlich, Für und Wider all dieser Behauptungen zu erörtern. Dennoch ist es notwendig, sieh klarzumachen, welches Interesse Italien bisher schon im Nahen Orient gehabt hat und in welcher Weise sich die Lage im Vorderen Orient durch den Ausgang des ahessinischcn Konflikts geändert hat, und wie davon Palästina berührt wird. Alle in den letzten Monaten über das Verhältnis Italien Palästina aufgeworfenen Fragen sind nur eine Reflexerscheinung dieses einen Problems. Die Lebensbedürfnisse des italienischen Volkes erforderteil nach Ansicht Mussolinis eine Ausweitung des Lebens- und Wirtschaftsraumes, damit Italien nicht die ״proletarische Nation“ bleibe. Das historische Bedürfnis des Faschismus mit seiner Vorstellung vom Imperium Romanum tat ein übriges. So besteht schon seit Jahren, deutlich wahrnehmbar, ein Drang Italiens zum östlichen Mitt e I m e e r. Italien hat seine Stützpunkte in den Inseln des Dodekanes und hat die Insel Rhodos. Es hat hier seine Flotten- und Luftflottenstützpunkte. Es kann damit strategisch ein Gegengewicht gegenüber dem englischen Malta und dem englischen Stützpunkt in Haifa aufrichten. Es kann damit auch einen Blick auf Aegypten und insbesondere auf Alexandrien tun. Zu diesem bisher schon gegebenen Tatbestand ist nun Abessinien hinzugekonmieii. Seine ungemein wichtige politische und strategische Lage ist offenkundig. Mit dem nach Süden vorgeschobenen Libyen und Abessinien ist der angloägyptische Sudan in der Zange. Italienische Kolonien umklammern eine Zone, die für England lebenswichtig ist. Hinzu kommt ein italienischer Einfluß in Aegypten, der allein dadurch gegeben ist, daß 60 000 Italiener dort leben und damit die zweitgrößte europäische Kolonie hinter den politisch bedeutungslosen Griechen bilden und noch vor den dort lebenden 25 000 Engländern und 220(1) Franzosen kommen. Italien hat bei jeder passenden Gelegenheit seine Bcziehungen zu Aegypten betont freundschaftlich gestaltet und immer gezeigt, wie sehr ihm an Aegypten gelegen ist. Mit seinen Menschen steht so Italien als realer Faktor in Aegypten. Aber darüber hinaus hat es dort und im gesamten Vorderen Orient bedeutende kulturelle P o s i - tionen. So manche englische Regierung hat schon Anfragen über die italienischen Schulen in Aegypten bekommen. Unter klugem Verzicht auf territoriale Ansprüche hat Italien in den arabischen Staaten durch seine kulturellen Werke, auch hier vor allein durch seine Schulen, festen Fuß gefaßt. Die italicnisehen Universitäten und technischen Hochschulen sind ja auch räumlich nicht allzu weit. Italien tut alles, um ihren Besuch von Angehörigen vorderasiatischer Staaten zu erleichtern. Kulturelie Positionen hat Italien auch im jüdischen Interessen kreis. So manches jüdische Kind besucht die itaiienisehen Schulen nicht nur in Tunis und Griechenland, sondern auch in der Türkei, in Syrien und in Palästina. Bereits seit 1934 treibt Italien Kulturpropaganda in Palästina. Besondere Lehrer sind für seine Schulen dorthin entsandt worden. In Jerusalem ist ein Institut für italienische Kultur gegründet worden. Der Minister für den Auslandsfaschismus, Parini, bat im November 1935 über aile diese Dinge ausführlich in einem Interview gesprochen und betont, daß Italien nach wie vor ein großes kulturelles Interesse an Palästina nehme. Die Propaganda Italiens geht sogar so weit, daß über den Sender Bari in hebräischer Sprache Vorträge zur Förderung der italienischen Touristik gehalten werden. Auch wirtschaftlich tut Italien alles, um seine Be- Ziehungen zu Palästina und den arabischen Staaten auszuhauen. Die Le van fern esse in Bari diente ausschließlieh diesem Zwecke. Die Messe in Tripolis hat den Blick auf das Wirtschaftsverhältnis zwischen Italienisch-Nordafrika und Palästina gelenkt. Wie sehr propagandistisch Wert auf diese Beziehungen gelegt wird, geht schon daraus hervor, daß der italienische König und auch Mussolini besonders eingehend den Palästina-Pavillon auf der Messe von Bari besichtigt haben. Die Gewinnung Abessiniens wird trotz der damit verbundenen wirtschaftlich konzentrischen Erfassung dieses Landes die wirtschaftliche Durchdringung der arabischen Welt durch Italien fördern. Günstige Wirtschaftsverträge haben hier vieles angebahnt. Italienische Händler haben schon seit langem die griechischen Zwischenhändler aus Positionen gedrängt, die sie seit Jahrhunderten innegehabt haben. Diese wirtschaftliche und kulturelle Verbundenheit Italiens mit dem Nahen Osten geht Hand in Hand mit einer politisehen. Bei vielen Gelegenheiten drückt sich das aus. Statt aller anderen Tatsachen soll hier nur angeführt werden, daß r.. B. T r a n s j o r d a 11 i e n sich nicht an den Sanktionen gegen Italien beteiligt hat. Die politische Linie der italienischen Mittclmeer- und Kolonisationspolitik erreichte ihreii Höhepunkt in den Ten• denzen, die auf die Uebertragung eines Mandatsgebietes an Italien abzielten. Man sprach in diesem Zusam- Türkisch $ menhange auch von Palästina. Die Diskussionen darüber haben insbesondere das Jahr 1935 und den Anfang des Jahres 1936 erfüllt. Wiederholt sind Erklärungen italienischer Fhiblizisten erfolgt, die sich mit dem Stand der Dinge in Palästina nicht zufrieden geben wollten, im Zionismus einen Gegen- Spieler italienischer Interessen sahen und eine neue Regelung der palästinensischen Frage im Hinblick auf den itaiienisehen Einfluß im Nahen Osten und aut das Gleichgewicht Voraussetzungen Es tue der Mensch gute Werke, denn erst erbitte er Tora von Gott. Es tue der Mensdh gerechte und taugliche Werke, dann erst erbitte er Weisheit von Gott. Es betrete der Mensch den Weg der Demut, dann erst erbitte er Einsicht von Gott. Seder Elijahu rahba Ul Uebers. v. N. N, Glaizct der Kräfte unter den Mittelmeerrnächten verlangten. Sympathiekundgebungen mit den Arabern gab es in den letzten Jahren wiederholt, wenn man sich auch bemühte, sie nicht zu foreieren, damit die in den italienischen Kolonien lebenden Araher nicht hellhörig würden und der arabische Selbständigkeitsdrang nicht zu sehr gefördert würde. Nun hat Italien sein Imperium. Und Mussolini hat wiederholt erklärt, daß Italien nunmehr keine territorialen Ansprüche mehr habe, daß cs jetzt zu den saturierten Mächten gehöre und sich ganz und gar auf die Entwicklung seines kolonisatorischen Neulandes konzentrieren wolle. Damit ist auch zur Mundaisfrage eine klarere Sicht geschaffen worden. Schon im Februar hat der italienische Senatspräsident Federzoni Andeutungen darüber gemacht, daß Italien seine Ansprüche auf Uebertragung eines Mandatsgebietes fallen lassen werde, wenn es in Abessinien freie Hand bekomme. Nachdem die Tatsachen eindeutig in dieser Richtung entschieden haben, mag wohl auch entsprechend sich die Lago geändert und die italienische Politik eine andere Tendenz erhalten haben. Dafür spricht, daß nach Abschluß des abessinischen Feldzuges und auch m den Gesprächen und Erörterungen über die Aufhebung der Sanktionen Erklärungen über die Mandatsfrage in der italienischen ()Öffentlichkeit kaum mehr aufget,nicht sind. Dr. Arno H erzberg Jüdisches Lehen in Abessinien Von unserem Berichterstatter Kr. Rom, 24. August in der italienischen Pre-.se erschienen dieser Tage ein amtliches Communique und einige größere Beiträge über die a be s s i n i sc h e n Juden, die Falaschas, die in der Gegend des Tana-Sees beheimatet sind. In «lein amtlichen Comnmnique hieß es: ״Die 1 Lmptlinge der Falaschas jüdischer Religion haben der neuen italienischen Regierung ihre Ergebenlicit zum Ausdruck gebracht um! «lein Gouverneur Pirzio Biroli einen schriftlichen Tretiscliwur geleistet. Per Gouverneur seinerseits hat erklärt, daß die italienische Regierung den jüdiselten Falaschas nicht mir die gleiche Kulturfreiheit und den gleichen Respekt einräunie, wie sie «len anderen Religionen in Italienisch-Ostafrika eingeraumt wird, sondern daß sie mit Interesse die Entwicklung dieser friedfertigen und arbeit- Samen Minorität verfolgt, die auf dem Territorium der Amhara ansässig ist. Die Häuptlinge der l aiasehas wurden dem itaiienisehen Gouverneur durch eine der einflußreichsten Persönlichkeiten der Gegend, den Grasinatsch Telia, vorgestellt. Ehe Bezirksregierung von Gomlar hat an arme Juden der dortigen Gegend Lebensmittel und andere Unterstützungen austeilen lassen.“ Soweit das amtliche italienische Communique. Wie wir schon kürzlich gemeldet hatten, befindet sich zur Zeit ein Delegierter des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens in Abessinien, um dort die nötigen Vorbereitungen zur Gründüng eigener jüdischer G e m e i n d e n in Addis Abeba und Dire-Daua zu treffen. Wie wir erfahren, ist dieser Dolegierte, der Advokat V i t e r b o, bereits in Addis Abeba eingetroffen und hat die Arbeiten dort aufgeiiotninen. Er wird sich anschließend auch nach Gondar am Tana-See begeben, um den Falaschas einen Besuch abzustatten. Nadi sieben Jahren Von unserem Berichterstatter Zürich, den 25. August Wieder einmal in Zürich. Genau vor sieben Jahren haben wir in dieser Stadt, deren Trambahnwagen blauweiß gestrichen sind (naive Gemüter hielten das vor sieben Jahren für eine zarte Huldigung an die Zionisten, deren Farben blauweiß sind), den XVI. Zionisteiikongrell abgehalten, der seine Krönung in der Begründung der erweiterten Jewisl! Agency fand. Alte Bilder tauchen auf. Im Hause ״Zur Kaufleuten‘• hat man den Kongreß begonnen, itn Theatersaale hat man ihn fortgesetzt, und schließlich fanden die Tagungen in der Tonhalle ihren Abschluß. Das ganze Stadtbild von Zürich stand damals 1m Zeichen dieser Ereignisse. Heute handelt es sich um eine kleinere Tagung. Die fälligen Jahresversammlungen des Aktions-Comites der Zionistischen Organisation und des Administrative Committees der Jcwish Agency sollen abgehalten werden. Merkwürdigerweise finden die Sitzungen in der Tonhalle statt, deren Ausmaße, verglichen mit Theatersaal und dem Versammlung«- raum des Gebäudes ״Zur Kaufleuten“, sehr groß sind, im Jahre 1929 wuchs täglich die Zahl der nach Zürich strönienden Kongreßteilnehmer dermaßen, daß man vom kleinsten der drei genannten Säle bis zum größten fortschreiten mußte. Diesmal ist die Zahl der Beratenden im Aktions-Coinite und im Administrative Committee klein. Trotzdem hat man sich für die Tonhalle (freilich ohne den großen Saal) entschieden, und das ist gut so, denn der große, schöne Vorgarten dieses (wie man mir erzählt, zum Abbruch verurteilten) Gebäudes, der wegen der Ferien von den Einheimischen nur wenig besucht wird, steht den Teilnehmern an den Beratungen ganz zur Verfügung, und man kommt sich, unter dem Schatten der großen Bäume sitzend, wie ein Kurgast vor. Man kann natürlich die Tagung des Ausschusses nicht mit der eines Plenums vergleichen, und es wäre abwegig, in dieser Sitzung all die Gestalten zu suchen, die an den Tagungen im Jahre 1929 tcilgenommen haben. Aber wenn man sogar für den 25, August dieses Jahres nach Zürich einen Kongreß einberufen hätte und das Plenum des Councils der Jcwish Agency, so würde man sehr viele markante Köpfe vermissen. Denn seit dem Jahre 1929 sind viele, die dem Zionismus und der Jcwish Agency ein besonderes Gepräge aufgedrückt haben, für immer verschwunden. Sofort nach der ersten Tagung des Agcncy-Councils starb Louis Marshai. Ihm folgten nach kurzer Zeit Lord Melchett und der Amerikaner Lee Frankel. Und im Laufe der letzten sieben Jahre nahm der Schnitter Tod Leo Motzkin, Chaim Nach man Bialik, Dr. Victor Jacobson, Schmarjah Lewin und vor einigen Monaten Nahum Sokolow mit sich. Alle diese Gestalten fehlen. Und vielleicht schmerzlicher noch als das: Man sieht nur wenig neue Gesichter. Die Bewegung ist seit 1929 größer und breiter geworden. Das wissen wir alle, das weiß die׳ ganze Welt, wo bleiben die neuen Repräsentanten der zweifellos vor sich gegangenen Vergrößerung? Einige Tage nach dom Züricher Zionisten-Kongreß 1929 kam die Nachricht von dem Ausbruch der schweren U n - ruhen in Palästina, die aus dem Streit um die Klagemauer entstanden waren. Jene Unruhen leiteten eine Periode tiefer Depression in der zionistischen Bewegung und eines Rück- Schlages in dem Aufbauwerk in Palästina ein. 180 (MX) Juden zählte damals Palästina. Das Weißbuch des Lord Paßfield, der Abschluß der Untersuchung durch die Shaw-Kommission im Lande, drohte das jüdische Siedltingswerk und die hochfliegenden Pläne des Zionismus in Palästina zu vernichten. Welch ungeheurer Gegensatz zu den Blütenträumen, die man unmittelbar zuvor an die Gründung der erweiterten Jewish Agency geknüpft hatte! Nunmehr versammelt sich das Aktions-Coinite in einer Zeit, da in Palästina schwere Unruhen herrschen. Aber die Zahl der Juden in Erez Israel beträgt heute mehr als 400 000. Das Werk ist gewachsen. Kommissionen, mögliche einschränkende Maßnahmen und sogar Weißbücher würden heute, wenn sie gegen die Juden Stellung nähmen, auf eine ganz anders geartete Gemeinschaft in Palästina stoßen und auch auf einen ganz anders gearteten Widerstand des gesamten jüdischen Volkes in allen Erdteilen. Denn mittlerweile hat die Palästinabewegung im jüdischen Volke sich durch gesetzt, weil ihre Unentbehrlichkeit sich erwiesen hat. Wir sind zahlenmäßig, wirtschaftlieh und auch organisatorisch stärker geworden. Trotzdem herrscht tiefer Ernst auf allen Gesichtern, die an den Sitzungen des Aktions-Comites teilnchmen, und dieser Ernst verläßt diese Gesichter auch nicht an den Tischen im grünen Vorgarten der Tonhalle. Nicht mir Umfang und Aussehen des jüdischen Siedlungswerks in Palästina haben sieh in den letzten sieben Jahren geändert. Die ganze Welt hat eine ungeheure Wandlung erfahren. Man muß sich nur erinnern, was für eine heitere, lebenslustige Stadt Zürich vor sieben Jahren war und den Zustand von damals mit dem von heute vergleichen. Sicherlich, es ist derselbe wundervolle Zürichsee, es ist dieselbe bezaubernde Landschaft, es herrscht dieselbe Sauberkeit, ja es sind wundervolle neue Gebäude hinzugekommen — aber die Menschen gehen nicht mehr mit so lachenden Gesichtern durch die Straßen der Stadt, wie sie es vor sieben Jahren getan haben. Man bedenke: auch die Schweiz, verglichen mit anderen Ländern noch immer eine Insel der Seligen, hat sich in den vergangenen sieben Jahren verändert. Wie ungeheuerlich, wie kaum wiederzuerkennen, sind die Verhältnisse in der ganzen übrigen Welt geworden, wenn man sie mit den Zuständen von anno 1929 vergleicht. Gewiß, rückschauend wissen wir, daß cs sich im Jahre 1929 um eine Scheinblüte gehandelt hat, um eine Hochkonjunktur, die nicht begründet gewesen ist, um Hoffnungen auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete, die sich nicht erfüllt haben. Damals aber wußte man es nicht und war heiter und hoffnungsfroh. Heute sieht es in der ganzen Welt trübe aus, und trimer noch als überall in allen Ländern jüdischer Massensiedlungen, Man freut sich selbstverständlich, wenn inan liebe Freunde aus Ost und West auf der Züricher Tagung wiedersiehf. Wehmütig stellt man fest, daß sic alle älter und nicht frischer geworden sind. Und — merkwürdige Umkehrung eines Aus- Spruches von Schmarjah Lewin! Dieser sagte einst, man wird nicht nur alt durch Sorgen, somlerii auch durch Jahre. Bei den gealtert aussehemieu Freunden aus 1*01011, aus Rumänien und Lettland, aus Amerika und ()Österreich sicht man, daß sie nicht nur durch die Jahre, sondern durch besondere Sorgen älter geworden sind. Und Sorgen gibt es überall. Allgemeine und speziell jüdische. Ist es notwendig, diese Sorgen detailliert zu beschreiben? Ernste Gesichter haben vor allem die Vertreter, die aus Palästina gekommen sind. Die Zahl der Erschienenen ist nicht groß. Jeder, «1er nicht unbedingt mußte, ist zu Hause geblieben. Find auch diejenigen, die erschienen sind, warten mit Ungeduld darauf, daß die Beratungen ihren Abschluß finden, um nach Hause zurück/ukchrcn. Aktioiis-Coinite-Sit/ungeii sind nüchterne Arbeitssit/ungen und von Feierlichkeit ist da gewöhnlich sehr wenig« zu merken. Daß auch in der vor sich gehenden Tagung keine besondere Pracht entfaltet wird, d. h. daß keine!־?ihnen wellen und keine repräsentativen Sitzungen stattfinden, fällt nicht aus der Regel. Trotzdem aber kann man den Eindruck nicht von sich weisen, daß diesmal die Tagung bewußt nüchtern und effehtlos in Szene gesetzt wurde. Grund genug: Palästina, das unruhige, von Terror durchzogene, ist heute sichtbarer als es sonst der Fall war, hineingezerrt in das Gewirr der internationalen Spannungen und Kämpfe. Was will Rußland? Was wird in Spanien geschehen? Wie wird Frankreich darauf reagieren? Und schließlich, wie wird sich England entscheiden? Und so auf Umwegen, durch mehrere Fragen, kommt man zur Einsicht, wir alle und unser Werk in Palästina sind hineingestellt mitten in das Getriebe der internationale״ Spannungen. Und all das ist so undurchsichtig, so ineinander verwoben und verflochten, daß es niemanden gibt, der auch mir für einen Zeitraum von einem Jahre etwas voi at1<sehe11, etwas vorausberechnen könnte. Es kann so, es kann aber auch anders kommen. Hier in Europa und drüben in Palästina. Vielfach unbewußt, bei einzelnen aber bewußt, beherrscht diese Erkenntnis die Gemüter. Wo ist ein Weg? Und was kann man, was soll man tun? Grenzen, politische Konstellationen, sind zeitgebunden. Im Vergleiche damit sind Völker ewig. Warum übersieht man, verstrickt in Nöte und Sorgen des Alltags, diese historische Wahrheit? Das jüdische Volk ist einige tausend Jahre alt, und es will leben. Die Aeußerungen dieses Willens sahen wir in den vergangenen fünfzig Jahren. Fs ist heute nicht zeitgemäß und auch nicht möglich, Pläne auf weite Sicht, konstruktive Gedanken für Dezennien hinaus, in Jahresversamm« lungen bis in das letzte zu entwerfen und zur Darstellung zu bringen. Man muß sich mit den Fragen des Alltags beschattigen, die Taktik in den Vordergrund rücken. Man muß, weil man den Eventualitäten von morgen begegnen will, den Wunsch von übermorgen zurückdrängen. Das ist verständlich und kann auch nicht anders gehandhabt werden. Aber darüber hinaus ist es notwendig, daß sozusagen als Uchcrbau über allem, was beraten und beschlossen werden wird, zweierlei zu unzweideutigem Ausdruck kommt: der Wille des jüdischen Volkes, in Erez Israel sein nationales 'T״ntrum unter allen Umständen zu errichten und der Wunsch, ״s im Frieden und im Einvernehmen mit dem gesamten ■” Volke bis an die Grenzen Indiens zu tun.