Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1936)
- Date
- 1936-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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SeHe 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 69, 28. VI«.!936 Entscheidende Stunden Council-Tagung der Wizo Die Frage der Liquidierung■ der Palästina-Unruhen ist, wie es scheint, in ihr kritische! Stadium ein» getreten. Während diese Zeilen in Druck gehen, sind die Verhandlungen, die in Jerusalem geführt werden, möglicherweise zu einem Abschluß gelangt. Es ist dem Eingreifen des irakischen Außentrunisttrs, N1} ri Said P a s c h a, gelungen, die Besprechungen, di® schon seit längerer Zeit zwischen der Mandatsregierung und den arabischen Führern geführt werden, um ein entscheidendes Stück weiter/uhringer)• Seine Mission, die der Ini* tiative des Königs von Irak entstammt, nach dem die Vermittlungsversuche des Emirs AhdulDh von Trans- Jordanien zu keinem positiven Ergebnis geführt hatten, bewirkte bereits seit Beginn dieser Woche eine gewisse Entspannung der Lage in Palästina, da die Zahl der Attentate und Ueberfälle gegenüber der vorangegangenen Periode etwas nachgelassen hat. Wenn es endlich dazu kommen sollte, daß das Oberste Arabische Komitee beschließt, den Streik abzubrechen und damit — wie zu hoffen ist dem Terror ein Ende zu bereiten, wird die dadurch eintretende Beruhigung des Landes vom Jitchuw und dem jüdischen Volk in seiner Gesamtheit gewiß begrüßt werden. Die gegenwärtige Situation ist in der Tat unerträglirh geworden, und es mußte das Bestreben aller beteiligten Faktoren sein, einen Weg zu finden, der aus der Sackgasse herausfiihrt, in die die Dinge in Palästina geraten sind. Wir sind an nichts so sehr interessiert wie an der Schaffung und Sicherung der Ruhe in Palästina, da der Fortgang unseres Aufbauwerkes von dieser Voraussetzung entscheidend abhängt. Der Fo r t g a 11 g unseres Aufbauwerkes allerdings! Es ist klar, daß der Preis, für den die Wiederhersteltutig der Ruhe erkauft wird, nicht darin bestehen kann, daß unsere Arbeit seihst im wichtigsten Punkt getroffen wird. Nun besteh; .gewiß Klarheit darüber, daß im Falle einer Beendigung der l in ruhen ohne militärische Niederwerfung der Terroristen eine sachliche Verständigung /wischen den Parteien gesucht werden muß (obwohl den arabischen Führern wohl klar gemacht worden ist, das die Mandatsregiernng die Möglichkeit besitzt, auch mit militärischen Mitteln unter Anwendung der äußer st cn Strenge des Terrors Herr zu werden). Wenn es gelingt, um einen Preis, der keine einseitige Belastung darstellt, oh!1e Anwendung der äußersten Zwangsmittel (!es Aufstandes Herr zu werden und dadurch zahlloses Blutvergießen und eine Erscluitterung des Lebens im Lande auf unabsehbare Zeit hinaus zu verhindern, dann um so besser. Klarheit muß jedoch darüber hestehen, daß dieser Preis nicht uns» dem jüdischen Volk und dem Jisqltuw׳, auferlfgt wird. Nach den bisher vorliegenden Meldungen hat es den Anschein, als ob dieser Fall in der Tat eintreten konnte. In dem von den arabischen Führern angenommenen Programm Nuri Said Paschas spielt das Verbot der jüdischen c i n w a n d e r u n g die Hauptrolle Obwohl mm gegenüber Gerüchten, die in diesem Zusammenhänge auftauchten und davon sprachen, daß ein solches Verbot bereits am heutigen iveitag ausgcspiocheii werden würde, die amtlichen Stellen in London erklärt haben, daß mit einer Erklärung nicht vor Mitte knmmender Woche zu rechnen ist, so geht doch aus die-er Formulierung hervor, daß ein Linwanderungsverbot, das wohl auf die Dauer der Kommissionsarbeit gedacht ist, tatsächlich ins Auge gefaßt worden!st. feine solche Maßnahme würde allerdings get ignet sein, das Vertrauen des jüdischen Volkes aufs schwerste zu erschüttern. Dr. W e i z m a n n und Ben Gurion haben hierauf bereits am Eröffnungstage der A.-t!.-Sitzung biiigeWH'srii, die in diesen entseheiduiigsreichen Stunden tagt. Die Erfüllung der arabischen For- (Irrung in diesem [’unkt wifrde nicht nur das britische Prestige aufs schwerste beeinträchtigen, naeluletn zu wiederholten Malen if 11 Parlament und bei vielen anderen Gelegenheiten erklärt worden ist, daß sich die Regierung dem arabischen Terror nicht beugen werde, sondern cs mußte auch zu einer neuen Erschütterung des p a 1 ä s 11 n e n s i s c h e!1 L. e h e n s fuhren, dessen Wirtschait den Fortgang der Einwanderung, den ununterbrocheiieii Zustrom von Menschen und Kapital braucht. Das letzte Wort Ist im Augenblick noch nicht gesprachen. Wir hoffen, daß die Stimmen der englisehen öffentlichen Meinung, die in den letzten Tagen zu dieser Frage gehört wurden, nicht ohne Wirkting geblieben sind. Mit Recht hat die ״S u n d ay Times“ darauf hingewiesen, daß das Bündnis zwischen England und dem Zionismus weiter bestellt, und daß cs unvorstellbar wäre, daß die Arbeit der geplanten Untersuchungs-Kommission damit beginnt, ״daß dem Zürich, 26, August. (JTA.) Ir» Anwesenheit der beiden Präsidentinnen des Wettverbandes Zionistischer Frauen, Frau Rebekka Sieff und Frau Dr, Vera Weiz mann, sämtlicher Mitglieder der Galuth« und mehrerer Vertreterinnen der P#lä« stina-Exckutive, sowie der Council-Mitglieder aus sechzehn Ländern, wurde am Nachmittag des 27• August die vierte C o u n c i I - T a g u n g der W i z « im Kursaal der Stadt Zürich eröffnet. Die einleitenden Worte sprach die Vertreterin der holländischeu Zionist innen, Frau Vromen-Snapper. Nach Verlesung von Begrüßungsschreiben und Depeschen wurde das erste Referat über ״Zukünftige Richtlinien der Wizo-Arbeit“ von der Mitvorsitzenden des Verbandes, Frau Rebekka Sieff (London), erstattet. Frau Sieff trat nachdrücklich für die Verlegung der Londoner Exekutive-Zentrale nach Palästina ein. Dadurch würde eine bedeutende Vereinfachung des. Gesamtapparafes cr/ic-lt und gleichzeitig könnten die Mitglieder der Londoner Exekutive für Organisationsarbeit in England und in anderen Ländern der Galuth freigemacht werden. Schon jetzt hcstcliende Schwierigkeiten der finanziellen . Administratio« würden durch die Zentralisierung der Leitung in Palästina behoben werden. Die Palästina-Exekutive habe int Laufe der Jahre genügend Erfahrungen gewonnen, um die alleinige Verwaltung der Finanzen und Führung der_ Propaganda übernehmen zu können. Audi die Wichtigkeit eines direkten Kontaktes der Wi/o-Fäcimtiouen mit Palästina in den Fragen der Mädchenliachscharah und •ahjah rechtfertige eine Zentralisierung der Leitung in Erez Israel. Die Vorsitzende der Palästina-Exekutive, Frau Hadassa Samuel, berichtete über ״Die Arhcit in Palästina und ihre zukünftige Entwicklung'‘. Sie befaßte sich mit der Art der Durchführung der von der letzten Wizo-Konferenz im März 1935 gefaßten Beschlüsse. Ein besonders energischer Schritt sei zur Regelung der Beziehungen der Wizo zur Jewish Agency unternommen worden. Bevor die Rednerin darauf näher einging, wies sie noch kurz auf die Eigenart der landwirtschaftliehen Lehrinstitute der Wizo hin. Unsere Schulen und Farmen, Verbrechen alles, was es verlangt hat, wenn auch nur vorübergehend zugestanden wird“. Zugleich taucht in der englischen Öffentlichkeit die Frage auf, ob die Araber nicht die gleiche Taktik fortsetzen werden, wenn sie jetzt über die Schwäche der Regierung trimmphieren. Diese Formulierung, die der ,.Manchester Guar d i a n“ anwendet, beleuchte( in der Tat eine gefährliche Perspektive, * Wenn es trat! allen Schwierigkeiten gelingen sollte, binnen kurze! F. isi die Unruhen zu liquidieren und damit die Rahn für die Arbeit der Untersuchungskom■! m i s s i o n freizumachen, so wird eine neue große Aufgabe für die jüdische Seite entstehen. Uns scheint, daß es nicht so sehr Aufgabe der Kommission sein sollte, die Beschwerden im einzelnen zu untersuchen, die von den beteiligten Parteien in Palästina vorgebracht ■werden, als vielmehr auf die großen Probleme Palästinas einzugehen, die Bedeutung dieses einzigartigen Experiments zu erkennen unu sich zu bemühen, auf dieser Basis Vor■! Schläge für die zukünftigen Regierungsmaßnahmen zu machen. Unter diesem Gesichtspunkt verdient die gleichfalls in der ״Sunday Times“ hervorgehobene Tatsache Beachtung, daß Juden und Araber in Palästina nicht natürliche Feinde, sondern natürliche Verbündete sind, da der arabische Nationalismus durch die Juden gefordert worden ist und erst durch ihre Arbeit Erfolgsaussichten bekam Aitf diese Perspektive unseres Werket hinzuweisen und es zugleich als Ganzes in den Zusammenhang der Juden frage zu stellen, erscheint als eine wesentliche Aufgabe, die wir vor der Kommissic! zu lösen haben. Das A.-C, das sich diesem Problem zu gewandt hat und unsere Halbing der Kommission gegenüber erörtert, wird solchen Gesichtspunkten ohne Zweifel Rechnung zu tragen wissen. * Während so die entscheidenden Auseinandersetzungen über die Zukunft der jüdischen Arbeit in Palästina geführt werden, blickt das jüdische Volk fn allen Teiler, der Welt mit Spannung auf diejenigen, in deren Hand die Enfscheidüng liegt. Das Volk weiß aus eigenster Erfahrung, welche Bedeutung Palästina für die Linderung seiner Nöte und für die Erhaltung seines Selbstbewußtseins hat. In einer Zeit, in der die Not der Juden in den meisten Ländern der Weit katastrophale Ausmaße angenommen hat, erscheint dieses kleine Land als die einzige Rettungsinsel, mit der sich daher die Hoffnungen von Millionen verbinden. Wir Juden in Deutschland haben dies besonders eindringlich gespürt, seitdem wir selbst in den Prozeß der jüdischen Wanderung einbezogen wurden. In den zehn Jahren von 1926 bis 1935 sind über ein Drittel aller jüdischen Auswanderer, die ihre Wohnländer verlassen mußten, nach Palästina gegangen, da die meisten Länder der Welt ihre Tore verschlossen hielten. In den letzten drei Jahren war die Auswanderung nach Paläsagte sie, sind Lehrinstitute, haben «her gleichzeitig auch zu ihrem eigenen Budget beizutragen. Es ist schwer und wird längere Zeit dauern, von der Kombination zu einem reinen Lehrsystem überzugehen. Zwar können wir uns nicht auf viele Erträgnisse aus unseren Institutionen stützen, doch ist es nicht schlecht, schon in unseren Schulen etwas von dem Geist de» Lebenskämpfe«, der ja in Palästina eine so große Rolle spielt, zu pflegen. Unsere Mädchen sollen die volle Last der landwirtschaftlichen Arbeit tragen, nicht Landarbeit spielen, Dennoch ist ein angemessenes Budget für alle Schulen zu fordern, damit die Leiterinnen, von dieser Sorge entlastet, sich de« inneren Aufgaben widmen können. Was die Beziehungen zur Jewish Agency betreffe, so sei der Kanfer'-'nzbeschluß, daß zwei Vertreterinnen der Wizo Sitze im Aktions-Comitö erhalten sollen, bereits durchgefiihrt worden. Auf diesem Wega müsse weite!gegangen werde«. Die Rednerin sprach sich für den Vorschlag von Ada Fischmann aus, daß innerhalb der Jewish Agency ein eigenes Frauendepartment errichtet wer״״4׳ soll. Ein Referat über ״Die Arbeit der Londoner und dof Palästina-Exekutive“ hielt Frau Dr. Vera Weizmann. Nach Erörterung von Fragen der Organisation und Propaganda wies die Rednerin auf die große Leistung des Jiscntnv für die Fonds, für den Gtssundheits- und sozialen Dienst hin. Diese Leistungen übersteigen bei weitem die Vorstellungen, welche die Galuth davon habe. Dennoch könne der Jischmv noch lange nicht auf eigenen Füßen stehe!!: in normalen Zeiten deshalb nicht, weil ein ständiger Strom der Einwanderung die Situation fortwährend ändert, in anormalen Zeiten aus leicht ersichtlichen Gründen. Palästina brauche mehr denn je die tätige Hilfe der Diaspora, und es habe um so mehr ein Recht darauf, als die 400 000 Menschen des Jischmv Im Vergleich zu den 15 Millionen der Galuth ganz Außerordentliches leisten. Den Finanzbericht erstattete'Frau Olga Alma n. Sie teilte mit, daß in den letzten drei Jahren außerhalb der regulären Erhaltungsbudgets der Einrichtungen und Arbeitszweige der Wizo in Palästina gegen 50 000 Pfund für neue Gebäude, una Konsolidierungen ausgegeben worden sind. mmmmtmmmmmmmrnmm t/mmmmumL - . 1. j ״־«ויי*^יי^*י^^וי-. stina sogar viermal 3« groß wie die nach Uebersee, Was dies bedeutet, wird 11ns besonders klar, wenn wir die Zahlen einer Broschüre studieren, die gerade in diesen Tagen erschienen ist. Dr. Michael Traub, schon seit langem als hervorragender Wanderungsfachmann bekannt, hat in einer Broschüre: ״D i e jüdische Aus« Wanderung •aus Deutschland“ (Verlag ״Jüdjsehe Rundschau“, Berlin) ei« umfangreiches Zahlenmaterial zusammengetragen, das sich mit den jüdischen Wanderungen in früherer Zeit und speziell mit der jüdisehen Auswanderung aus Deutschland seit 1933 bcschäftigt und ihre Probleme erörtert. In dieser kurzgefaßten, aber nichtsdestoweniger instruktiven Darstellung er» lehe!1 wir die ganze Tragik jüdischen Schicksals von einer sehr nüchternen Seite her, Die Möglichkeiten für jüdische Wanderung nach allen Teilen der Welt werden untersucht und ohne Pessimismus, aber auch frei von Illusionen betrachtet. Das Ergebnis ist für den aufmerksamen Leser ein recht negatives, Wohin unsere Blicke auch schweifen, Überall wachsen die Mauern der Oesefzgebung und der Wirtschaftskrise, so daß sich die Tore der Länder den Juden versperren oder nur g anz schmal öffnen- Und so notwendig es ist, sich zu bemühen, die Chancen der überseeischen Auswanderung zu erweitern, so klar ist es doch, daß die Entfaltungs in ö g 1 i c h - k eit er! in dieser Hinsicht außerordentlich be* schränkt sind. So geht unser Blick immer wieder auf Palästina zurück, nicht nur, weil dieses Land mit unserer Seele und unseren nationalen Hoffnungen untrennbar verbunden Ist, sondern auch, weil es heute das einzige Land ist, das Juden in relativ großer Zahl aufnehmen kann. Lfm so stärker ist der Wille des Volkes, diese Chance seines Lebens sich nicht nehmen zu lassen. Um so größer ist auch sein moralischer Anspruch dar» auf — den der Jischuw nicht zuletzt durch seine ruhige Zurückhaltung in den schweren Monaten des Terrors noch tiefer fundiert hat —, daß die Tore des Landes auch jetzt geöffnet bleiben. Wir wollen den Frieden, und es ist unser Bestreben, an der Lösung der manchmal unentwirrbar scheinenden Probleme mitzuwirken und einen Beitrag zur Aussöhnung im Lande zu geben; aber wir kämpfen zugleich den moralischen Kampf für unser Leben und für die Grundsätze, die an der Wiege jenes großen Werkes in Palästina standen. Mögen alle Beteiligten in dieser Zeit der Entscheidung an jenen Grundsätzen fcsthalten: einem Volke ohne Ausweg und ohne Hoffnung einen Weg ins Freie und eine neue Hoffnung für sein Leben zu geben und ihm die reale Möglichkeit hierzu auf dem Boden Palästinas zu garantieren. K. L. Uaaptschnft Iciter: Dt. Robert Weits c h, Berlin . Charlottenburg 9 (auch verantwortlich lur die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 15. Anzeigenleit er und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F r n n, Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste S vom 1. April 1936. Verlag und An- *eigenveiwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W15, Meinekestr. 1(1 D.-A. Juli 35 077. — Druck: Siegfried Scholetn, Bcrlin-Schöneherg. SdilufKlJcrftiuf ÜBTEN WA*eN AUGUST 1936 IN DEN ERLa BEGINN: 22׳ SPANDAUER K ÖN IG STR. 3 ER L 1 N C GtG'fi. 1815