Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 68 (25.8.1936)
- Date
- 1936-08-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 25. VIII. 1936 JOSEF JIAZADDIK SICHT I>K\ BECHER BEI SEINEN BRÜDERN Spricht der Bote: ״Mein Herr und Fürst! Mir haben die Bande gepackt, Wohl sieben Meilen Wegs von hier, Fast schon am ,Gritzer Trakt‘.“ Drauf Josef llazmldik streng und ergrimmt: ״Bringt mir die Bande herein! Mich schert nicht wie und mich schert nicht wo — Aber der Becher 11111 IS sein!" Sprechen die Brüder: ״llerre und Fürst! Wir alle sind ehrliche Leut’! Wir wissen alle, (iott Loh und Dank, Was ,DL SOLLST NICHT STEHLENT bedeut'.‘‘ Dieweil unser \ ater der Jakob ist, Lin gollesfürcliliger Mann. Er ist wohl Obei rahbiner itzund Im heiligen Land KSnaan.“ Drauf Josef lla/addik streng und ergrimmt: ״Schwatzt mich nicht kurz und klein! — Ob Ihr ehrliche Leute seid, Sch ich gar bald allein." Sprechen die Brüder; ,,Herre und Fürst! W ir horchen auf deinen Befehl!" I 11d sie lösen behende das Knotenseil An den Säcken mit Weizenmehl. •— ,,Und wer ist jener Kleine, wer'.' Der dorten stellt an der Wand, Und hält ein Tfillin-Siirkelein ln seiner rechten Hand?" Sprechen die Brüder: ,,Ilcrre und Fürst! 's ist Benjamin, wie Ihr wißt, Der unsres Vaters jüngstes Kind, Sein Trost und Kleinod ist,“ ״Komin, kleiner Bursche, zu mir 11er, I nd öffne dein Slick lein schnell, Auf daß wir sehn, oh nichts drin sei Wie reines Weizenmehl!“ I nd Josef nimmt den Tefillin-Sack Aus Benjamins Kinderhand. — Und seine Gestalt im Dunkel wird So groß und unverwandt. Aus der Urgeschichte der Juden Als nächste Veröffentlichung 11er Jüdischen Buch-\’ereinigung erscheint Anfang September das Huch eori Ernst F ü r s t e n t h u I: ,,.1 h r a h a r>1". 11 11׳ bringen mit (leuchmigung der JlJL. folgenden Abschnitt daraus zum Abdruck. 7a iin 1 erstöndnis des 7 usuninu'nhtinge sei gesagt: Das Kintl Ahnen wurde eon eiraun!,!i'-sier des Marduh-Tempel vor den 1 erlolgungen des hahehmis• hen Königs ,\imrod in Sicherheit gebre.eht. Tagelang trainierten sie durch di<< I.autle. Lines spaten Abends kamen oc 111 ein enges und dusteres I al. Schwarze Wasser ipiolicii ans l׳eis~pa ten hervor und tränkten stachliges ( iras und hochragende Kakteen ״־ sonst nichts. In den Kelsen waren sclt-a:ne Kodier eingehauen. Gedorrte Schädel und Gebeine lagen verstreut. Vor einer Hohle bheb d••!׳ ( irt'is stehen. Neben ihr rieselte ein kleine!־ Bach und lo.ehte die Hitze. Da sagte der Alte: ,,.Morgen sind vir am /!cl I״ ׳ ״An welch, 7 ׳1׳!el?" 15a beginnt der <!reis /n spreeheil, er schaut zu den Felseit hinüber, als ob er von dort abiese, was er sagt: 1111״ Norden dieses Tales liegt ein herrliches 1 and das Land der fhracr. Dreimal im Jahre ist da Frühling, Sommer und llerb-t. Hein Hot* «011:110 dort - auch mein Gott. Die I.hr.ier waren von ihm gesegnet. Sie bedeuten die Felder, die Weinberge. Sie errichteten Städte. Sie webten köstliche Stoffe und schmückten sieh mit Gold, Silber und Edelsteinen. Schön war, was ihre!lande schufen und weise, was sic dachten. Denn Gott hatte sich offenbart und ihnen die l ehre des Hechts, der Sittlichkeit und der Wahrheit gegeben. Die Lbraer verwahrten diese lehre 111 ihrem Herzen und lehrten sie ihre Kinder von frühster Jugend an. Wenn fremd(.־, wilde Stämme ins Land eindrangen, um ihnen die Schönheit und die Weisheit zu rauben, half ihnen Gott, sie zu besiegen. So lebten sie lange, lange Jahre im Gluck. Linst prüfte Gott ihre Treue und verschloß den Himmel, damit kein Regen sei. Die Nachbarländer aber hatten Regen. Viele Lbraer zogen in ihrer Not dorthin. Sie begannen Addu, den Götzen des Regens, an/ubeten, der ja dem fremden Lande gnädig war. Ais die Gefluchteten in die Heimat zurückkehrten, verführten sic die andern, an Gott Addti z.tt glauben. Da erwachte der Zorn des Linen ־- Einzigen. Er ließ fremde Horden ins fand einfallen und die Ehra er besiegen. Statt Buße zu tun, sagten sie zueinander: Samatna, der Gott der Schlacht, hat den Siegern geholfen. Samatna wurde ihr Gott. So ging es weiter. N'ibib, der Gott der Kraft, Nergal, der Gott des Kampfes, Bel, der (iott <1 er Herrschaft, Sin, der Erletuhtcr der Nacht — ach, du launist sie ja alle von Babel her — wurden von den Lbraern angebetet. Da verließ Gott das untreue Fand. Die Lbraer wurden von den chamäischcn Stammen, von den Kanaanaertt, Ainoritern und Chetitcrn ver-!lichtend geschlagen. Sie flohen gen Süden, gen Osten. Durch dieses Tal hier ond sie gezogen, da sind ihre Grabhöhlen, da liegen ihre Knochen. Viele starben vor Erschöpfung und I iunger." Abrams Seele saugt schmerzvoll das Leid dieses großen Volkes ein, das sich einst von Gott abgekehrt hatte. Der Greis fährt fort: ״Die Ebräer brachten den Völkern, welche sie aufgenommen hatten, die Lehre des Rechts, der Sittlichkeit und der Wahrheit als Gastgeschenk mit, aber auch die Götter brachten sie ihnen. Jahrhunderte lind Aber- Jahrhunderte verlöschten die Erinnerung an den Ursprung der göttlichen Lehre, die Ebräer vergaßen, daß sie Ebräer sind. — Du bist ein Ebräerknabe, Abram, und ich bin ein Ebräergreis.“ Abram erschauert tief. ״Andre durchstreifen noch heute in Karawanen heimatlos die \X;üsten und Oasen, sie haben Sehnsucht im Herzen und wissen nicht, wonach sie sieh sehnen. Das ist die bitterste Strafe, die Gott einem Menschen schicken kann. Auch den Namen des Landes hat er ausgelöscht, damit nichts mehr an die Untreue seines Volkes erinnere. Kanaan heißt dieses Land nun. Aber der Fluch Gottes lastete auf ihm. Kriege und Kriege rasten jahrelang durch die fruchtbaren Eböneu und Täler. Die Aegypter gönnten den Eindringlingen den neuen Besitz nicht. Sie machten den Süden von ihrer Macht abhängig. Vom Norden her drangen die Babylonier ein, und der Norden wurde ihnen bis zum ,Meere des Sonnenuntergangs‘ ztt eigen.“ Die Worte des Greises ersterben, seine Augen starren immer noch zu den Felsen hinüber, als ob sie weiterlcsen wollten, doch Tränen machen es unmöglich. Weint er über das Schicksal seines Volkes, oder weint er über die enttäuschte Liebe des barmherzigen Gottes? Nachdem er sielt beruhigt, erzählt der Greis weiter: ״Es gab unter den Ebräern einen Stamm: die Schemiten. Sie w׳areu das Priestergeschlecht Jalts und ihm treu geblieben. Als die Kanaanner ins Land entfielen, zogen sie sich auf Gottes Geheiß in eine einsame Gegend zurück. Sie blieben vor aller Welt verborgen. Alter mancher von ihnen ertrug die Einsamkeit nicht, es trieb ihn fort in die Freiheit der Weite, oder er sehnte sich nach dem lauten Leben der großen Städte. Viele wanderten ins Weite und in die Städte. Dort vergaßen sic bald ihren Gott. —־ So erging es deinen Ahnen, Abram, du bist ein Schemitenknabe, ich hin ein Scliemitengreis, und wenn ich Gott Mardnk diente, so diente ich Jah, dem Einen- Einzigen.“ — Jetzt weiß Abram, warum Gott ihn lieb hat und der Greis sein Führer ist. Ernst Fürstenthal Bei der vor kurzem bei Christie’s in London abgehaltenen Versteigerung hat ein bekannter jüdischer Antiquar ein auf Pergament geschriebenes T’nach (hebräische Bibel) für 1200 englische Pfund (15 000M.) erworben. In der Innenseite des kostbaren — versilberten — Einbandes befindet sich ein Pergamentblatt, aus dem ersiehtlieh ist, daß die Handschrift im Jahre 1400 von Nathan ben Isaac an Moses hen Jacob für 100 Dukaten verkauft wurde. Wie gestalte Ich den Schabbat? Für Sch ab bat, 29. August Wochenabschnitt: ״Kl Tore•• (5. B. M., Kap. 21, 10-25, 19) I. Hat der letzte Wochenabschnitt die staatliche Organisation des jüdischen Volkes zum Inhalt, so beschäftigt sich unser Wochenabschnitt mit dein Recht des einzelnen Menschen im Staate. Wir werden unserer Betrachtung die Elemente eines Arbeitsrechtes zugrunde legen, wie sie insbesondere in den Versen Katt. 23, 25, 26 — Kap. 24, 14—15 zum Ausdruck kommen. Umfassend werden die in diesen Versen ausgesprochenen Gesetze iin Talmud Traktat Baba Mezia, Abschnitt 7 behandelt, welcher mit den Worten anfängt: ״Wer Arbeiter mietet.“ Wir schlagen vor, an Hand der Goldschmidtschen Uebersetzimg die Arbeitsgesetzgebung zu besprechen. II. Wir möchten hier den ausgezeichneten Arbeitsplan und die Stoffsammlung von Bernhard 'S. Jacobson empfehlen, die unter dem Titel ״J a tn i m Nora im" von der Leitung des Zcire-Misrachi herausgegeben wurde. Sie ist zu beziehen von der Bundcsleitung, Berlin - Charlottenburg 2, Joachimsthaler Straße 7—8. In Ergänzung des hier zum fetzten Schabbat angegebenen Materials behandle man an Hand dieses Arbeitsplanes den Monat Ehtl und die Slichottage. (S. 15—20.) Es sind dort eine ganze Anzahl weiterer Queller* angegeben, die man zur Vorbereitung hinzuziehc. Ztim Vorlesen empfehlen wir aus Martin Buber ״Die chassidischen Bücher“ das Kapitel ״Von der Umkehr“. Als Haftarah wird gelesen: Jcschaja, Kap. 54, 1—10. Der Monat Etui Der Monat Ehtl, als der letzte Monat des Kalenderjahres, hat im jüdischen Leben seither seine besondere Steilung. Er gilt als der Monat der Einkehr, in dem der Mensch sich innerlich sammelt und auf die bevorstehenden hohen Festtage am Beginn des neuen Jahres vorbereitet. Nach der Ueberlieferung gilt der Elul als die Zeit der großen Gnade und der Barmherzigkeit Gottes. Die Töne des Scholar ermahnen den Menschen zur Sammlung und Einkehr. Gewöhnlich wird in den Bethäusern nach dem Morgengebet Schofar geblasen, wobei die sonst vorgeschriebenen Benediktionen hier keine Anwendung finden. Neben einer Reihe von Bußgebeten, die an diesen Tagen gesprochen werden, verdient besondere Beachtung der Psalm 27, der in der Zeit vom 1. Elul bis nach Hoschana- Rabha atu Schluß des Gebetes eingeschaltet wird. — Wir werden gut tun, diesen Psalm in der Bttbersche/t lieber- Setzung ztt lesen und zu besprechen. Dabei werden wir auf den Geist der Demut und der voraiissetzungsiosen Oottergebe n heit hinzuweisen haben, mit dem dieser Psalm besonders ausgezeichnet ist. — In diesem Zusammenhange wären einige Grundfragen der Psalmen, ihre Ent- Stellung, die Zeit und ihr tieferer Sinn zu behandeln, wobei insbesondere auf die synagogale Bedeutung der Psalmen hingewiesen werden kann. Am letzten Sonntag vor den hohen Feiertagen beginnt inan in den Synagogen und Bethäusern, und zwar in frühen Morgenstunden, die poetischen Bußgebete, die sogenannten Ssclichoth zu sagen. Die Sselicha als solche ist in der jüdischen Liturgie zu einer feststehenden insiitiitioii geworden, wobei das Wort selbst Verzeihung (סליחה), die Vergebung von Sünden durch Gott bedeutet. Sie ist allgemein zum Gebet der Fasttage und als Vorbereitung darauf geworden. Die Sselicha ist aber in späteren Zeiten derart erweitert wor den, daß sie auch an Bußtagen Anwendung findet, wie etwa in unserem Falle liier. Es wäre gut, sielt einmal in unserem Kreise über derartige Gebete und deren Anwendung zu unterhalten, wobei an Hand eines Sselicha-Gebetbuches manche poetische Stücke gemeinsam gelesen und besprochen werden könnten. An Literatur empfehlen wir 11. a.: Zobel, Das Jahr des Juden, S. 55 f.; Elbogen, Der jüd. Gottesdienst, § 33. Hier besonders ausführlich. J• M. Der Jüdische Kulturbund Hamburg hat einen Aufruf zur Förderung seiner Arbeit und Schaffung eines Attfbaufortds erlassen und aus diesem Anlaß eine Zusammen- Stellung der von ihm bisher durchgeführten Veranstaltungen in einer kleinen Broschüre gegeben. ohne einen grauen Enden im Haar oder Bart. Wenn er betete, aei/fe er eine Brille mit langen Messingbügeln auf, die ihn!io! h hleieher machte. Pardon war nicht sein Familienname, sondern ein Spottname. AK er einmal um Orselia nach Sehklow einen Tran- Zosen gelahrt■״!:alte, einen Ingenieur, mit steifem Hut und hohem Kragen, hatte er ihn ein paarmal seiir höflich angeredet mit ״Pardon, Pardon!“ Sender hatte das Mort gefallen und er halte angefangen, es zu eebrauehen, in der Gilde, seinen Kunden gegenüber, und die ganze Stad! hatte gelacht: ..Sender lernt Tranz.ösis111lud daher bekam er den Beinamen Sender Pardon, und seine Frau hieß. Madame Pardon, und seine Tochter Iräulein Pardon. Alifr Sender Idieb Sender, Und war geachtet in der ganzen Stadt, sogar der chassidisehe Bald)! achtete ihn, zu dem er immer, wenn er in der Stadt war, hinging, tun die heiligen M orte zu hören. Sender nun hatte sieh einen Bruch geholt, als er Wagen und Pferde einen lehmigen, schlüpfrigen Weg bergauf zerrte und schob. So etwas passiert Fuhrleuten, wenn sie sich zuvitd zumuten. Sender mußte wochenlang im Bette liegen, gerade solange, bis die Bekrtil ierung vorbei vor. Seine Pferde standen im Stal! und fraßen Haler, ohne dafür zu arbeiten, und keiner war da, sie ein/.uspannen. Aber kein Mensch dachte an die Pferde, weil der ariwe Sender nach Mohilew ins Krankenhaus kommen und da operiert werden sollte. Gott war gnädig, und es ging ohne Operation ab. Sender genas und konnte wieder auf seinen alten Beinen stehen. Natürlich hatte er nicht seine alte Stärke zurückbekommen, aber das erste, was er tat, war, daß er nm Schnbbat nach dein Abendgebet zum Rabbi ging, um die chassidisehe Lehre zu hören. Der Rabbi sprach ihn an, fragte, wie es ihm ginge, und dann riet er ihm, sich doch einen Kutscher zu nehmen. ״Und weißt du ich habe den richtigen Mann für dich! - (ierad ist er uim Militär freigekommen. Du kennst ihn doch . Noah!'andre'” Sentier war erstaunt. ״Aber, Rabbi! Das ist, doch ein Fleischer?“ ״Nein! Fr will jetzt lieber Fuhrmann werden.“ Sender fragte nicht weiter. Wenn der Rabbi es sagte, so war es richtig. Und so stieg also Pandrc zu Senders Kutschersitz auf. Und keiner aus der Fuhrmannsgilde sagte einen Ton dagegen, und gegen den Neuling, der sich da eindrängte. Denn Sender war ein großer Mann in der Gilde, und wenn er etwas sagte, so war es richtig. FÜNFTES KAPITEL SENDER ERMAHNT SEINE PFERDE I Seit Noah Pandre auf den hohen Kutschhock von Senders Wagen geklettert war, war er ein anderer Mensch. Alle sahen das. Sein wildes Fleisehcrblul hatte sich geläutert. Er trieb keine Streiche mehr, und wenn ihn einer mal mit einem Mädchen hinter den Hecken und Heuhaufen erwischte, so schien er sich zu schämen und wurde nicht wütend, wie in früheren Jahren. Fr wurde anständig. Er trank nicht mehr so oft, und mit Simcha Tureru hatte er nichts mehr zu tun. Senders Kunden konnten den neuen Kutscher gar nicht genug loben. Mit. freigebigen Händen breitete er das Stroh unter ihre Füße. Den alten Juden und Jüdinnen mit ihren Körben half er beim Ein- und Aussteigen. Wenn cs bergauf oder bergab ging, führte er die Pferde mit starker Hand. Wenn Noah Pandre seine Schultern gegen das Rad stemmte, dann gab es kein Sehüttcrn und kein Rutschen — und er tat das, sooft die Straße schlecht war und der Schnee geschmolzen. Er ließ nicht, wie andere Fuhrleute, seine geehrten Passagiere aussteigen und nebenher im!,chm slolpern. Zehn Bauern kriegten nicht fertig, was er mit einer Hand machen konnte. Elte noch ein anderer Kutscher ein paar vorübergehende Bauern hätte bitten können, ihm zu helfen, die Räder aus dem Schlamm zu ziehen, war Pandre allein schon fertig, brauchte keine Hilfe. ״Hfl, Hü!“ schrie er seinen Gäulen zu und wuchtete die Schulter gegen den Wagen. Und der Wagen rückte vorwärts und kroch heraus aus dem tiefsten Dreck. Die feinsten Leute in Sehklow rissen sich mit einemmal um einen Platz, in Senders Kutsche. Schwächliche und zartbesaitete Leute, kränkliche Männer, schwangere Weiber, die fürchteten, im Wagen hcrumgeschleudert z.tt werden, oder auf der lehmigen Straße auszusteigen und bergauf zu Fuß laufen zu müssen, sie alle drängten siah dazu, von Noah den Weg nach Orsclui gefahren zu werden. Sogar wenn es ein paar Gulden mehr kostete als bei anderen Fuhrleuten. Sender machte das Fuhrwerk geräumiger, kaufte noch ein Pferd dazu, und noch immer war seine Kutsche zu eng. Sender kann sich nun ausruhen auf seine alten Tage. Er steht beim Einspannen dabei und kommandiert: ״Reich mir das Kummet! — Da, zieh den Riemen fester! — Schmier die Achse liier! — Schütte mehr Hafer in den Sack!“ Und bei Noah ging alles wie geschmiert. Bei schönem Wetter setzte sich Sender auf den Bock neben Noah und sie kutschierten zusammen. Er lehrte Noah die Kunst zu fahren, auf den erdigen Feldwegen und der steinigen Landstraße und auf der Chaussee; er zeigte ihm, wie man die Pferde bergab führt. Er mußte ihm zum zehntenmal zeigen, daß er der Meister war und Pandre selber nur ein Knecht. Als sie aber eine Meile weit gefahren waren, merkte Sender, daß Noah die Arbeit schon so gut konnte wie er selber, so alt und erfuhren er ■war, das äitesto Mitglied der Gilde! Und trotzdem hörte ihm Noah ehrerbietig zu, als hörte er lauter Geheimnisse. Sowas nennt man Respekt! Der ehemalige Metzger weiß, was sich gehört — so gehört es sielt auch! Sender ruht aus. Er wirft einen Seitenblick auf Pandre, zieht das zerlesene Geltet buch aus der Brusttasehe, sattelt seine Nase mit der Messingbrille und fängt an, vor sich hinzumurmeln. Die Kutsche schwankte und schaukelte, und Sender mit seinem Gebetbuch schaukelte mit, bis er einnickte, den Satz im Munde. Er fuhr plötzlich auf, murmelte weiter, hob den Blick von den Psalmen und schaute um sich. Schön war das, 80 ein bißchen einzunicken und noch besser, aufzuwnehen und zu sehen, daß alles in Ordnung war. Das ist ein Genuß für die älteren Jahre. Der Fuhrherr und sein Kutscher waren sehr zufrieden miteinander. Jeder sah den Segen des Rabbi wirken und jeder ineinte, der Rabbi hätte ihn auserwählt für seine Gnade Sender verfehlte nicht einen einzigen Sehabbes- Abend in des Rabbi Haus zu gehen. Er war immer einer der Ersten und war schon einige Maie zum Rabbi gegangen, um ihm zu danken. ״Rcbbe“, sagte er, ״ihr habt mich einfach gerettet! Der Pandre, das ist ein Junge! Glaubt mir, Robbe, er läßt mich keinen Finger naß machen!“ Der chassidisehe Rabbi nickte und lächelte geheimnisvoll, als ob er sagen wollte, man sollte von solchen Sachen am besten gar nicht reden. Sender war ülrerzeugt, der Heilige (!eist hätte es dem Rabbi eingegeben, daß er ihm riet, Pandre als Kutscher einzustellen. Woher hätte der Rabbi sonst wissen können, daß der Metzgerjunge ein so guter Kutscher werden würde, der mit den Pferden umzugehen verstand, wie nur ein geborener Fuhrmann? Pnndres Dankbarkeit gegen den Rabbi war gleich groß, er wußte nur nicht, wie er das ausdrücken sollte. F,r konnte doch nicht einfach hineinplatzen in des Raboi Stube, in seinem Schafpelz und mit der Peitsche in der Hand, während der Rabbi still dasaß und mit der Gänsefeder seine Weisheiten niederschrieb- — und ihm sagen — was sollte er überhaupt sagen? Wie würde das ausschen! (Fortsetzung folgt) 1 Ü d d. aüaäidii *