Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1936)
- Date
- 1936-08-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653985--29330-2690854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 66 18. VI«. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seit« 7 Wie gestalte ich den Schahbat? Für Schabbat, 22. August Wochanabschnitt: ״Schoftim“ (V. B. M. Kap. 16, 18 — 21, 9) J. Unser Wochenabschnitt enthält die wesentlichen Teile der ״Staatsverfassung“ des jüdischen Volkes. Es ist die Frage des Gerichtswesens, des Königtums, der Kriegsführung in ihr geregelt. Man versuche, ein lebendiges Bild vom Aufbau des jüdischen Staates an Hand unserer Sidra herausruarbeiten, wobei wir als wertvolle Literatur das Buch von Adolf Jacobus ,,Der Gottesstaat“ empfehlen möchten. II. Im Anschluß an die Verse Kap. 17, 14—20 sprechen wir ausführlicher über die Steilung des Königtums in Israel. Wir werden dazu lieranziehen die berühmte Rede im 1. Buch Schmucl, Kap. 8, 4—22 und eine weitere wichtige Stelle im Buche Schoftim, Kap. 8, 22—24. Alle Probleme, die mit der Frage des Königtums in Israel Zusammenhängen, haben eine ausgezeichnete Darstellung gefunden in dem Buche von Martin Buber ״Königtum Gottes“ (Schocken-Verlag). An Hand dieses Buches läßt sich über dieses Thema ein besonders schöner Oneg Schabbat gestalten. III. Unser Schabbat ist der erste iin Monat E I u I. Dieser Monat nimmt eine Sonderstellung וווו jüdischen Kalender ein. Er hat seine besonderen Gesetze und seine besondere Stimmung. Uin ein Bild vom Wesen des Monats Eiul zu geben, empfehlen wir das gemeinsame Lernen des § 131 des ״Chaje Adam“. Zum Vorlesen empfehlen wir in diesem Zusammenhang aus dem Buche: ״Die Stunde und die Erkenntnis“ von Martin Buber den Aufsatz: ״Gericht und Erneucrung". Als Haftarah wird gelesen: Jcschajahu Kap. 51, 12 — 52, 12. J• E. Achad Haam Die jüdische Welt beging in den letzten Tagen den Kl. Geburtstag Achad Haams, und wir nehmen die Gelegenheit wahr, um diesen großen Denker und Schriftsteller in unserem Kreise zu würdigen. Vor allem werden wir Achad Haam aus seiner Zeit und aus der geistigen Situation des osteuropäischen Judentums im letzten Drittel des 19. Jahrhimderis heraus zu verstehen versuchen. Achad Haam kam aus der Eigenständigkeit und Abgeschlossenheit der osteuropäischjüdischen Welt mit ihrer spezifischen Geistigkeit und eigenen Gesetzmäßigkeit. Der Einbruch Westeuropas in diesen Kulturbezirk hatte sich bereits zu vollziehen begonnen und hatte zunehmende Auflösung und Auflockerungserschcinungen im Inneren zur Folge. Aber auch nach außen hin hatte, besonders unter den russischen Juden, ein starker Verfall eingesetzt, zumal Not und Leiden überhand nahmen. Die damals, eine Reihe von Jahren bevor der politische Zionismus auf den Plan trat, entstandene Chibbat-Zioii-Bewegung mit ihren Kolonisationsplänen und Tendenzen in Palästina, die nach einer Lösung aus der verzweifelten Lage suchte, fand breitesten Widerhall. Achad Haam konnte in seinem echten Wahrheitsdränge nicht still bleiben. Er mußte zu den brennenden Tagesfragen Stellung nehmen, auch dann, wenn er unbequeme Wahrheiten aussprach. Sein erstes Debüt im ״Haineliz“ (1889) mit dem epochemachenden Aufsatz ״Lo se ha-Derech“ war Programm und Kampfansage'zugleich. Er sieht die Mängel der damaligen Palästina-Bewegung, die zu einer äußeren philan- -thropischen Angelegenheit herabgedrückt zu werden droht, und übt vor allem schärfste Kritik an dieser geistigen Haltung. Für ihn ist nicht das Land das Primäre, sondern das Volk. Die Idee Palästinas muß zum Gemeingut des Volksganzen werden und das kann sie nur dann sein, wenn dem die Wiedergeburt des Volkes vorangeht. Man muß nach Achad Haam nicht das Land für das Volk, sondern das Vo I k zuerst für das Land vor her eiten. Das Palästina-Ideal kann nur Mittel zur Vertiefung d.cs nationalen Seihstbewußtseins sein. In der Folgezeit hat Achad Haam diese Gedanken noch mehr vertieft und sie zur Theorie vom geistigen Z i o 11 i smus ausgebaut. Die nationale Renaissance kann nur dann vollständig sein, wenn sie von innen kommt, wenn sie von starken positiv-jüdischen Kräften getragen wird. Daher ist vor allem die Vorbereitung und Erweckung der Herzen notwendig, die, wie sie Achad Haam nennt, Hachscharat Halewawotii. — Man soll nicht vergessen, daß rieben der äußeren Judennot noch eine Not des Judentums, Bizzur Haarez Der Geechüftsführende Ausschuß der Zionistischen Ver* einigung für Deutschland hat eine Oberste Vertrauenskommlssion für die Aktion Bizzur Haares eingesetzt, die aus den Unterzeichneten besieht. Wir fordern hiermit die Ortsgruppen der ZVfD. und die Vertrauensleute der Bizzur Haarez*Aktion auf: 1. soweit es noch nicht geschehen ist, die Abrechnung mit der ZVfD. sofort vcrzunchmen, 2. alle Zeichnungen und Zahlungen daraufhin durchzuprüfen, ob sie der Forderung ״Ertrag eines Arbeitstages“ entsprechen, 3. an diejenigen Mitglieder, die bisher noch keine Zahlungen geleistet haben, mit der Aufforderung heranzutreten, ihrer Pflicht zu genügen. Wir beginnen mit dem heutigen Tage die Prüfungsarbeit. Berlin, den 18. August 1936. Die Oberste Vertrauens-Kommission der Aktion Bizzur Haarez Benno Cohn Otto Eskclcs Adolf Michaelis eine geistige Not vorhanden ist, die nur dann behoben werden kann, wenn in Palästina ein geistig-kulturelles Zentruin entsteht, dessen Ausstrahlungen auf die Golah zu einer Verjüngung und Erneuerung der Volkskräfte führen wird. Die geistige Renaissance ist demnach nicht Nebenzweck, sondern Hauptzweck der nationalen Bewegung, sie muß für sie ziel- und richtunggebend werden. Wir wissen, daß Achad Haam zum politischen Zionismus in Opposition stand und Herzi mit seiner Kritik nicht verschonte. Wir werden gut tun, den Standort Achad Haams zum Ausgangspunkt einer Aussprache zu machen und auf die Bedeutung der geistigen Erziehung innerhalb des Zionismus himveisen. Vor allem kommt es dabei nicht auf die Menge des Wissens an, sondern auf das Wissen um die Dinge selbst. Auch in der von uns erhofften Freiheit kann es Unfreiheit gehen, wenn wir innerlich zu den Dingen beziehungslos stehen. — Man vergegenwärtige sich in diesem Zusammenhange, daß der Palästina-Gedanke nur einen Teil des Zionsgedankens, der uns als Ziel und ewige Aufgabe gegeben ist, ausmaeht. Literatur: Klausner, Gesell, der neuhebr. Literatur. Dubnow Bd. X §36. — Enc. Jud. I, 683. — A. Böhm, Die zionistische Bewegung (1920). — ״Jüd. Rundschau“ Nr. 65 (14. 8. 36). _ J. M. Emigrantentragödie In Paris. Unser Pariser Ka.-Berichtersfatter schreibt uns: In Paris hat sich in diesen Tagen ein bedauerlicher Vorfall ereignet, der ein Licht auf die seelische Zerrüttung wirft, der viele jüdische Emigranten zum Opfer gefallen sind. Unter den jüdischen Emigranten, die nach dem Umsturz nach Paris kamen, befand sich auch der frühere Ministerialrat Dr. S e e I i g, der im Preußischen Kultusministerium die Tlicaterabteilung geleitet hatte. Dr. Seelig, ein Mann von über 60 Jahren, lebte in Paris sehr zurückgezogen und nahm trotz seiner schweren wirtschaftlichen Notlage die Fliichtlingskomitees nicht in Anspruch. Dieser stille und zurückgezogen lebende Mann hat jetzt zu einem Vorfall Anlaß gegeben, der nur als Zeichen eines schweren seelischen Zusammenbruchs zu verstehen ist. Als Dr. Seelig sich vor einigen Tagen in dem Restaurant befand, in dem er seit Jahren seine Mahlzeit einzmiehmcn pflegte, zog er plötzlich einen Revolver aus der Tasche und gab mehrere Schüsse ab, die erfreulicherweise niemand verletzten. Ob Dr. Seelig, wie er behauptet, die Absicht hatte, Selbstmord zu begehen oder ob er, wie von anderer Seite mitgeteilt wird, ein Eifersuchtsattentat auf eine ihm befreundete französische Dame vorhatte, ist bisher nicht aufgeklärt worden. Dr. Seelig wurde sofort verhaftet und in Untersuchungshaft abgeführt. Im Kreise der Bekannten Dr. Seeiigs vertritt man die Ansicht, daß diese völlig sinnlose Verzweiflungstat nur durch den Seclenztistand zu erklären ist, den die jahrelange Emigration bei ihm geschaffen hatte und der zu dieser plötzlichen Explosion führte. Brief aus Holland Von unserem Berichterstatter Den Haag, 15. August 1936 1 Rechtsprechung zur deutschen Ehegesetzgebung Ueber zwei Fälle der Eheschließung zwischen einem holländischen Juden und einer nichtjüdischen Deutschen sowie zwischen einem Deutschen und einer österreichischen Jüdin war, wie bereits berichtet (vgl. Nr. 50 und 55 der ״Jüdischen Rundschau“),!furch holländische Gerichte im Sinne der Zulässigkeit entschieden worden. Jetzt hat das Landcricht Dord recht den Fall der beabsichtigten Ehcschlieung eines Juden deutscher Staatsangehörigkeit und einer Deutschen lutherischer Konfession entschieden. Das Landgericht stellte fest, daß der Mann Jude und die Frau eine Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes im Sinne des deutschen Gesetzes ist. Die beiden Antragsteller dürfen daiier, so urteilt das Landgericht Dordrecht, nach den Bestimmungen ihres Heimatgesetzes keine Ehe miteinander schließen. Audi liier in Holland dürfe die Ehe nicht geschlossen werden, nachdem nach dem Eliereclitsvertrag mit Deutschland nur diejenigen LIieliindeniLsse liier nicht anerkannt zu werden brauchen, die ausschließlich auf Beweggründen religiöser Art beruhen. Das Llieliiudernis, das hier in Frage steht, beruhe jedoch ausschließlich auf Rassenunterschied. Handel mit Palästina Die holländischen Vertreter auf der Levante-Messe in Tcl-Awiw haben jetzt über die Möglichkeiten des iiolländischen Exports nach Palästina Bericht erstattet. Palästina sei ein lange verwahrlostes Land, das die Möglichkeit für bcschränkte Landwirtschaft und Gartenbau, eine beschränkte Industrie, eine beschränkte Gewinnung von Mineralien und einen hierauf beruhenden beschrankten Handel biete. Der . . eingewändert sind, zu danken gewesen. Wenn diese Ein- Wanderung zum Stillstand kommen sollte, wurde Palästina einer ernsten Krise gegenüber■;,teilen. Im übrigen sei eine Vergrößmmg des holländischen I xpoits nach Palästina wohl möglich. Holland habe in Palästina einen guten Namen und könne viele Artikel liefern, an denen Palästina Bedarf habe. Holland habe aber in Palästina auch den Ruf, ziemlich teuer zu sein. Das sei aller nicht richtig. Die Qualität der iiolländischen Waren sei sehr viel besser als die der von anderen Ländern auf den Markt gebrachten. Fine gröbere Nachfrage nach diesen Qualitätsproduktcn könne jedoch erst erwartet werden, wenn das Land sich konsolidiert halte. Ausführlich wird über die schlechten Erfahrungen mit Agenten in I’alästina berichtet, dabei aber hinzugefügt, daß es auch eine große Zaltl geeigneter Agenten gebe. Schließlich werden Vorschläge zur Belebung und besseren Organisierung des holländischen Handels mit Palästina gemacht. Geistiges Leben Henri F r a 11 k f o r t, Professor der Archäologie und Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Amsterdam, berichtet in seiner Eigenschaft als Leiter der archäologischen Expedition im Irak, die von der Universität Chikago ausgeht, über die Resultate der letzten Winterkmnpagne. Die Funde von Teil Asmar halten die kulturellen Zusammenhänge im alten Orient weiter aufgehellt. Der kürzlich verstorbene bedeutende Orientalist Prof. C. Snouck Hurgronje iiat seine Bibliothek, die etwa 900 orientalische Handschriften und etwa 10 000 Bände enthält, der Universität Leiden vermacht. fn den Sommermonaten empfängt das internationale wissenschaftliche Leben alljährlich ,»■Jacsondere Anregungen durch die Kurse der Academic de [Droit International, die Dozenten und Hörer aus allen Ländern der Welt zusammenführen. In diesem Jahre hat auch der früher in Berlin wirksame jüdische Gelehrte Prof. L, Baiogh eine Vorlesung über die Bedeutung der Reditsvergleidumg gehalten. Prof. Baiogh ist zugleich Generalsekretär der Internationalen Akademie fiir vergleichende Rechtswissenschaft, über deren Tätigkeit er auf einer Sitzung unter Teilnahme eines Vertreters des holländischen Außenministeriums Bericht erstatten konnte. Die sehr geschlitzte jüdische Schauspielerin Esther de Bo er van Rijk, die jetzt ihren 83. Geburtstag unter all gemeiner Beteiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung feierte, hatte Palästina besucht und sielt in bewundernden Worten über die Leistlingen der jüdischen Jugend dort ausgesprochen. R. L. SAIMAN SCHNEUR (Autorisierte Uebersetzung von Grete Fischer Nachdruck verboten ERSTES KAPITEL: Pandre I Schwer zu sagen, ob Pandre sein Familienname war oder ein Beiname oder ein Hinweis auf sein unjüdisches Aussehen. Sein Geschlecht ist ausgestorben, dieser Stamm von Schlächtern mit seinem Geruch nach rohem Fleisch und brutaler Kraft. Sicher ist aber, daß er Noah hieß. Er war Schlächter und der Sohn von Schlüchtern. Das rohe Fleisch steckte in seinen Rindlleisehbaeken und er hatte die Kraft eines Ochsen in den Sehnen. Er handhabte die große Fleischeraxt wie ein feines Instrument in Meisterhänden. Der Haublock zitterte, wenn ei darauf zuschritt. Er konnte einen halben Ochsen wenden, als wäre es ein halbgebackener Osterkuchen. Alle Schlächter zitterten und bebten vor ihm, als er kaum neunzehn war. Sie sagten ihm nach, er hätte zwei rote Reifen auf dem Leib, als Zeichen seiner gewaltigen Kraft. Simehe Tureru, der Säufer, Noah Pandres Nachbar auf dem Fleischmarkt, bekam es manchmal nicht fertig, die zähen Knochen eines alten Ochsen durchzuhncken. Meist, wenn er die Nacht vorher zuviel getrunken hatte. Dann sang er mit seiner Schnapsstimme: ״Hilf mir mal, mein Junge!“ Und Noah, ohne ein Wort zu sagen, ging hinüber, schwang die Axt ein-, zweimal — und der Knochen war durch. Simehe Tureru stand da, die Pelzmütze über die Ohren gezogen, und gaffte, die Trief aug m quollen ihm bald aus dem Kopfe. Vor Noahs Stärke verging ihm der Atem. Und er machte seiner Bewunderung in echter Schlächterspräche Luft, etwa so: ,,Der Teufel soll dich holen, Pandre! Ich will dir das Beuschel dafür ausnehmen!“ Noah wurde rot bei dem 1.0h und grunzte verlegen: ״Aber merk dir, Simehe, dafür bist du mir einen Schnaps schuldig, du alter Gauner!“ lind Simehe versicherte zärtlich: ,,Kriegst auch einen! Kriegst ihn sicher genug in deinen verdammten Bauch!“ Aller all die harte Arbeit im Schlachthaus und in seines Vaters Fleischerladen, und alles, was er den schwächeren Zunftgenossen am blutgetränkten Ilaublock half, war nicht genug, um Noahs Riesenkräfte zu erschöpfen. Jedes Dienstmädelien, das mit ihrem Einkaulskorb hereinknm, blitzte er an mit seinen großen grauen Augen und seinen weißen Zähnen, und dann zwickte er sie. Den Mädchen war’s eine Ehre, von einem solchen feinen strammen Jungen wie Noah Pandre. Und wenn einmal eine ärgerlich kreischte, so brummte Noah: ״Hast wohl nicht genug? Dumme (!ans, du! Also da hast du noch eins!“, und er zwickte Sie nach einmal. Und die gutgenährten Dienstmädchen aus den wohlhabenden Häusern kamen nach Hause mit Flecken an ihren Blusen und blauen Flecken an den Armen, und sie beschauten die Andenken an Noah mit Entzücken und waren alle verrückt mit ihm. Eine beklagte sich bei der anderen Über ihn: ״Blau und braun hat er mich gezwickt, dieser Pandre, der verfluchte Kerl!“ Wie sich Soldaten voreinander rühmen, wer die meisten Punkte geschossen hat: je mehr solcher sichtbaren Zeichen seiner Neigung sie aufweisen konnten, desto näher fühlten sie sich ihm ־— Noah, dem verfluchten Kerl! Es war ein Zeichen, daß sie Gnade vor seinen Augen gefunden hatten. Und nicht umsonst waren die Mädchen so angetan von seinen ״Ehrenzeichen“. Er w׳ar nicht nur ein Samson, sondem auch ein auffallend hübscher Junge. Sein schwarzer Haarschopf hing ihm wie ein Ungewitter in die weiße, viereckige Stirn, seine klaren grauen Augen waren von langen schwarzen Wimpern umrahmt. Seine Lippen waren fest und teingeschnitten unter dem seidigen schwarzen Schnurrbart. Wie ein kleiner Regenbogen war das — sehwarzer Schnurrbart, kirschrote Lippen, weiße Zähne und rosiges Zahnfleisch. Zugegeben, seine Wangen waren ein bißchen zu rot, aber man kann das nicht als Fehler rechnen. Wie soll denn ein Schlächter aussehen? Und seine Schaftstiefel mit Lackspitzen, die er an Schabbat und Feiertagen trug, stachen die feinsten Stiefeletten mit Gummizug aus, die die reichen jungen Leute zu ihren eleganten Hosen trugen. Alle die Dienstmädchen und Näherinnen verloren ihr Ilerz, wenn sic sie nur sahen. W enn man nachts ausging und hörte irgendwo in den schmalen \\ iesenpfuden zwischen dun Kohihcclen und den Obstgärten Noahs Baß leise murmeln und das erstickte Lachen einer Frau, dann wußte man, er hatte seinen Spaß mit einem seiner Mädchen. Wie viele er halte? Eine ganze Menge, sagten die Leute. Säuerliche, gil'iinüulige Hausfrauen lästerten über dm, und die Moral«arterinnen sagten, man sollte seinen Fleischerladen in Bann tun. So einem Kerl war doch nicht zu trauen. - Aber die Dienstmädchen ließen sich nicht verbieten, in seinen Faden zu gehen. Man konnte cs ihnen noch •so oft sagen, sie gingen doch immer zu Noah Pandre Da kann man reden, soviel man will, sie werden noch immer sagen, es gäbe keinen unständigeren Menschen in Schklow. Er zw ickte, das w ar richtig, der verfluchte Kerl — aber nie würde er ein Mädchen in Ungelegenheiten bringen. So konnte man Noah aus den Heuschobern und einsamen Ställen hinter den Häusern sich hinausstehien selten, Leute mit guten Ohren konnten sogar den l.am von Frauenstimmen erwischen, die leise hinter Noah herriefen, sehnsüchtig, betrübt: ״Komm morgen wieder, Noah, Schatz!“ Aber man kann nicht verlangen, daß diese Leute stehen bleiben und sich erkundigen sollten, mitten in der Nacht, was da los war! Ein paar Neugierige hatten es einmal versucht, aber sie hatten eine solche Kopfnuß gekriegt, daß sie jedem abrieten: ״Wenn du bei Nacht irgendwo Pundrcs Schatten siehst, rück aus!“ II Mädchen zwicken und im dunklen Garten knutschen war natürlich nicht genug für einen Kerl wie Noah. Aber wenn er mit einem Mädel mehr vorgehabt hätte, so hätte er sie heiraten müssen. Und wie konnte Pandre heiraten, wenn er seine Zeit noch nicht abgedient hatte? Wenn also Noah auch ein dralles Weibsstück selber gern hatte, so ärgerte er sieb doch, wenn er andere bei dem Spiel erwischte ... Einmal kam er im Morgengrauen vom Schlachthaus lind witterte hinter ein paar Büschen einen Bauernjungen und eine Bäuerin. Er hielt sie mit einer Faust fest, wie zwei schlüpfrige Aale, und mit der anderen Hand bancl er sie mit seinem langen Schläehlergürtel zusammen, gerade so, wie er sie gefunden hatte. Er warf sich das Paar über die Schulter und trug sie, die zappelten und kreischten, durch die Stadt; wie Phincas, des Eleazar Sohn, den israelitischen Mann wegtrug, den er mit seinem Degen durchbohrt hatte, als er