Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1936)
- Date
- 1936-08-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2653985--29327-2690851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66 18. Vl’l. 1v36 Elefanten auf Bestellung Eine Reminiszenz zum Thema Untersuchung» - Kommission Die englische politische Praxis hat für die Ernennung von Kommissionen gewöhnlich sehr triftige Gründe. Diese Gründe sind zwar aus den ״Terms“, d. h. den offiziellen Untcrsuchmijjsamvcisungcn, die bei der Ernennung einer Kamxnissioti mitgeteilt werden, nicht immer ersichtlich, aber man kann doch annchmen, daß ihnen allen zunächst ein Hauptzweck zugrunde liegt: die Gewinnung von Zeit, die Ueberbrückung besonders zugespitzter Situationen, um später, nach Abklingen der Spannung mit größerer Ruhe und bei größerer Verhandlungsbereitschaft der Beteiligten an die eigentliche Behandlung des Streitgegenstandes heranzugehen. So bekannt dieses Motiv den beteiligten Streitpartnern im allgemeinen zu sein pflegt, so selten verfehlt es seine Wirkung, nämlich zunächst eine beschleunigte Abwicklung des Konfliktes zu bcgünstigen und eine ruhigere Atmosphäre zu seiner Erörterung zu schaffen. Für viele, die durch ihre Berührung mit Palästina rmn erstenmal mit englischen Verwaltungsmethoden bekannt wurden, sei es, weil sie selbst Bürger des Landes geworden sind oder weil sic von außerhalb her seine Geschicke mit größerer Anteilnahme als früher verfolgen, bedeutet diese Verwaltungspraxis eine interessante Bereicherung ihrer politischen Kenntnisse; nicht nur die Methode an sich, die sich wirklich häufig bewährt hat, sondern auch die Veröflentlichung des gesamten Materials, «las von den Mitgliedern der Kommissionen gesammelt und aufgezeiclmct wurde. Mit einer für kontinentale Verhältnisse überraschenden Offenheit werden dabei alle Aussagen, die für die Beurteilung des Konfliktes von Belang sind, wiedergegeben, unabhängig davon, ob diese Aeußerimgen eine Kritik von Regierungsvertrd«» oder anderen Stellen enthielten, Freilich ist damit nicht gesagt, daß die Ergebnisse, die ,.Fimlings“ und Enipfehlunger der Kommissionen auf vollkommen objektiven Beschlüssen beruhen. Für die Auswertung, die Akzentuierung des vorgyfundenen Materials spielen selbstverständlich persönliche Ein- Stellung, politische Wunschbilder tisw. eine maßgebende Rolle. Der Beschluß der englischen Regierung, von neuern eine Kommission nach Palästina zu entsenden, um die Lage 311 Ort und Stelle zu studieren, hat in Palästina keine besondere Resonanz gefunden. Man isf in diesem Land gegenüber der Entsendung solcher Kommissionen schon etwas ab gestumpft, wenn es sich auch diesmal um eine Kommission handeln wird, die schon durch ihre außergewöhnliche Titulierung (Royal Commission) und ihre gewichtige Zusammen- Setzung von früheren sich unterscheiden wird. Für die zionjstischc Arbeit wird die Bedeutung dieser Kommission allerdings sehr erheblich sein, haben doch frühere Kommissionen wiederholt Empfehlungen formuliert, die der zionistischen Auffassung und den zionistischen Problemen iti keiner Weise gerecht geworden sind. Einige der Kommissionen sind dabei, insbesondere was ihre wirtschaftlichen und sozialen Erkenntnisse angeht, zu sehr heftigen 1•chlurtcilcn gelangt; es ist für die zionistische Führung keine geringe Genugtuung, daß sich kompetente und erfahrene Experten in ihren Voraussagen und Kritiken so getäuscht haben. Daß auch auf zionistischer Seile selbst Kommissionen sich gelegentlich heftig vergriffen haben, ist kein Geheimnis. Eine besondere interessante Reminiszenz zum Thema der Untersuchungskomnmsionen soll in diesem Zusammenhang hier vorgebracht werden, weil sie ־zeigt, wie außerordentlich wichtig für das Resultat der Untersuchung die Bedingungen sind, unter denen eine Kommission arbeitet und weil es sich hierbei um eine zionistische Kommission gehandelt hat. Bekanntlich hat der V. Zionistenkongreß (!901) beschlossen, eine Kommission nach Uganda (Ostafrika) zu entsenden, um das von der englischen Regierung den Zionisten dort aneliotene Terrain und die allgemeinen Bedingungen für jtiischc Ansiedlung zu untersuchen. Der Bericht der Kornmission war negativ und hat nicht wenig dazu beigetragen, das ganze Uganda-Projekt, gegen das sich ohnehin d-er Sturm der russischen Zionisten richtete, zu Fall zu bringen. Nunmehr wird in einem vor kurzem erschienenen Blich ״The White Man־ Countrv“ (״Des weißen Mannes Land“) ein interessantes Licht auf die Art und Weise geworfen, unter denen sich seinerzeit die Arbeit der Kommission vollzog. Das Huch ״The White Maus Country“ aus der Feder Elspcth fiuxlevs ist eine Biographie von Lord Dela« m a r e, des Vorkämpfers und Führers der britischen Besiediung von Kenva. Die Verfasserin behandelt in ihrem Werk die Persönlichkeit und 1.ebensarbeit Delamarcs mit großer W arme und geht auch ausführlich auf die Fragen ein, die die Besiedlung des ostafrikanischen Hochlandes mit weißen Kolonisten hervorgerufen hat. Insbesondere auch die Probleme, die sich aus dem Verhältnis der weißen Siedler zu den Lingeborenen ergeben. Das Buch erhält für uns ein besonderes Interesse, weil es in einem eigenen Kapitel, betitelt ״An Antichamber to the H o 1 v Land“ (״Vorzimmer zum Heiligen Land“) die Vorgeschichte und das Auftreten der zionistischen Konimission in Uganda unter de m (i e s i c!11 s p u n k t der Interessen der britischen Siedler schildert. Die Verfa sserin erwähnt in dem betreffenden Kapitel die Vorgesellichte des Projektes auf zionistischer Seite und weist darauf hin, daß die Vorschläge der englischen Regierung an die Zionisten auch in Nairobi, der Hauptstadt Ugandas, einen stürmisch ablehnenden Empfang hatten. Die Siedler, die in der Erlangung ihrer Besitztitel aut die ihnen versprochenen Ländereien dauernd großen Scfiwierigkeiten begegneten oder überhaupt im Zweifed waren, ob sie Ländereien bekommen würden, protestierten heftig dagegen, daß nunmehr plötzlich ein größeres Gebiet, das für die An- Siedlung von Weißen ideale Bedingungen aufwies, frei und als Ganzes den ״Juden aus den Ghettos russischer und polnischer Städte“ übergeben werden sollte, in Massenveranstaltungen wurden Protestbeschlüsse gefaßt und an das englische Auswärtige Amt telegraphiert. Lord Delamare selbst machte sich zum Fürsprecher der erregten Siedler; er betonte dabei in der ziemlich bewegten Auseinandersetzung, daß gegen Juden in Ostafrika keinerlei Vorurteile beständen; die Erregung richte sich nur dagegen, daß die in Frage kommenden Immigranten mittellos seien, eine fremde Sprache sprächen und die Einheitlichkeit des für britische Siedler unter groben Opfern erschlossenen Gebietes stören würden. Es führt zu weit, die Einzelheiten der Kontroverse und der in Kenva geführten Kampagne, die in dem Buch ausführlich wiedergegeben wird, aufztifuhren. Bedeutsamer als all dies war, daß man sich darüber einigte, der angekündigt en jiidisehen Kommission, die die Ländereien besichtigen sollte, einen Empfang zu bereiten, der von nachhaltiger Wirkung für die Beurteilung des ganzen Projektes werden sollte. Der damalige englische Gouverneur. Sir Walter Eliot, der später auch als erfolgreicher Botschafter bekannt wurde, hatte das Projekt ursprünglich loyal aufgenommen; er schien jedoch im Verlaufe der Profestkampagne von den Argumenten der britisehen Siedler beeinflußt zu werden. Als eine Delegation der britischen Siedler bei ihm erschien, um ihm nochmals ihre Argumente vorzutragen und ihn besonders zu bitten, den Kolonisten selbst Gelegenheit zu geben, die jüdische Delegation auf ihrer Reise zu begleiten, gab er ebenso höflich wie zweideutig in folgenden Worten sein Einverständnis: ״Ich habe das Vertrauen, meine Herren, daß Sie imstande sein werden, den Mitgliedern der Kommission viele Dinge zu zeigen, die sie anders nicht zu sehen bekommen.“ Da die englische Regierung indessen ein verbindliches Angebot gemacht hatte und der zionistische Kongreß die Entsendung der Kommission, wenn auch verspätet, beschlossen hatte, war es trotz der geschilderten Haltung der britischen Siedler zu der Entsendung der Delegation gekommen. Der Bericht der Verfasserin überden Verlauf der Reise der Delegierten ist so charakteristisch für die Art und Weise wie die Siedler in Kenya ihre Sache führten und das zionistische Unternehmen Ijeurteilten, daß er hier nun im Wortlaut folgen soll: ״Die drei Mitglieder der Kommission wurden zu dem Uasingishu-Terrain durch einen Beamien, der von dem Foreign Office mit ihnen gesandt wurde, und mehreren Siedlern geleitet. Von Londiani an, an der Bahn, hatten sie zu Fuß zu gehen. Der Weg führte steil in die Höhe, und die Mitglieder der Kommission waren nicht gewöhnt, zu Fuß zu marschieren. Auf der Höhe angelangt, kampierte man am Rande eines Waldes. Während der Nacht hörte man dumpfes Trompeten und Krachen im Walde: eine Herde Elefanten zog in 100 m Entfernung an den Zelten vorüber. Im Lager herrschte große Aufregung. Am nächsten Tage marschierte man weiter in der Richtung auf das neue Zion. Hier traf man einen Zug von Massaileuten ln einiger Entfernung von ihrem Revier. Sie waren in voller Kriegsausrüstung mit langen Straußenfedern, die über ihren sonderbar bemalten Gesichtern im Winde wehten, mit barbarischen Fulispangcn von schwarzen! und weißem Affenleder behängt. Ihre Lippen waren mit glänzendem Rizinusöl und rotem Ocker eingeschmiert, die Spitzen ihrer Speere blinkten in der Sonne. Die Neger umringten die Gruppe mit allen Zeichen der Wildheit, während sie ihre Neues Rezept: Massentaufe! Bemerkungen zu dem Budi ״I-es Juifs en France” Dieses Buch ״eines Franzosen“, das kürzlich in Paris erschienen ist und rasch eine breite Resonanz gefunden hat, ist gewiß nicht das Werk eines Antisemiten. Seinen Namen nennt der Verfasser nicht; in manchen Kreisen wird als Autor ein bekannter Politiker des Neo-Sozialismus vermutet. Wie dem auch sei: Hier spricht zur Judenfrage ein Franzose, dessen Rezept — zwecks schleunigster restloser Assimilation: die Massentaufe — die sozialistische Herkunft kaum leugneu kann, dessen Absicht jedoch eine durchaus nationale, und zweifellos — in ihrer Art — philosemitische ist Wie sieht der Autor die gegenwärtige Situation der französischen Juden? ״Ihr kommerzieller Einfluß ist gewaltig.“ Darüber hinaus ist ein respektabler Teil der großen Presse — übrigens samtlieber Parteirichtungen — in ihrem Besitz. In der Politik und Diplomatie steigt ihre Kurve rasch und steil aufwärts (Leon Blum). Der Weg zu solchen Gipfeln führt über Gymnasien und Universitäten; durch die akademischen Berufe. Statistisch wird erwiesen, daß in Paris von den nichtjüdischen Kimjern insgesamt 26 0״׳, von den jüdischen Kindern jedoch über 60 ״,<> zur Reifeprüfung erscheinen. Auf den Universitäten das entsprechende Bild: Unter zehntausend Nichtjuden studieren in Frankreich 17, unter zehntausend Juden jedoch 134. Auf 130 Franzosen kommt ein Jude. Unter 130 Hochschullehrern (Dozenten, Professoren) aber befinden sich 11 Juden. Jüdische Richter (in ־Paris): 17 0,0. Jüdische Advokaten: 26 ®/o. Jüdische Aerzte: 29 «0. ״Sie haben die beste Durchschnittsbildung. Sie repräsentieren in hohem Grad das Schrifttum. Sie besitzen Geld und Grundbesitz.“ Ist es erstaunlich, fragt der Autor, daß in außerjüdischen Kreisen Nachdenklichkeiten entstehen, die sich bis zum Antisemitismus, einem gesellschaftlictien und einem politischen, steigern? Indes ist der Verfasser objektiv genug, uni die Ursachen klar zu erkennen. Er sieht als Voraussetzung zunächst den Familiensinn der Juden, die Opferfähigkeit jüdischer Eltern. Diese Phänomene wie auch ein immerhin beträchtliches Soli dar i t ä t s be w u ß t s ei n erkennt er als die logische Folge des in Jahrhunderten grundsätzlich gleichgeblicbcnen, wenn auch regional und zeitlich verschiedenen Drucks von außen. ״Es ist der Gegendruck von innen. Der Wille zur überzeugenden Leistung; die Leidenschaft iti deren Verteidigung.“ Ausgezeichnet formuliert: ״Die geistige Verteidigungs-Rüstung eines Volkes ohne Land; der gesunde volklic'ne Egoismus in einem nationalen Organismus ohne staatliche Organisation.“ Ein von Natur aus latentes, nur in Notzeiten und dann von außen gewecktes, dabei patriarchalisch verankertes Rassenbewußtsei 11: dies ist dem Autor die mentale Grundlage der jüdischen Position. Zweite Eigenschaft: ״Die jüdische Intelligenz. Die frühe geistige Reife aller orientalischen Rassen." Bestritten wird hingegen die Behauptung, der Jude sei relativ materieller disponiert als der Nichtjude. Der Materialismus wird als die Ideologie der ״privatkapitalistisch“ fixierten Gesellschaftsordnung bezeichnet; sein Exponent: der ״britische Geschäfts-Imperialismus“. Der jüdische Idealismus wird verteidigt, auf dem schon die absolute und exemplarische Faniilieiigebundenheit beruhe. Gute Worte charakterisieren die Religiosität besonders des Ostjuden. ״Es ist nicht wahr, daß ein jüdisches Spezifikum die Frage ist; Was bringfs ein? Es ist nicht wahr, daß der Geld-Gesichtspunkt im Erwerbs- und Gesellschnftsleben, etwa bei Eheschließungen, unter Juden eine größere Rolle spielt als unter Nichtjuden.“ Andererseits allerdings wird als prägnantes, ja als gefährliches Negativum der jüdische Skeptizismus — ״aas ererbte Liebe! aller alten Rassen“ —- aufgezeigt. Hier, im Geistigen, schildert das Buch eine unübersteighare Kluft zwischen ״der romanischen Helle, ihrem strahlenden Optimismus, und dem dunklen, schweren Pessimismus der semitischen Völker“. Aus diesen elementaren Gegebenheiten und ihrer Verschiedenheit sieht der Autor die Hauptgefahr sich auftürmen. Nicht, daß diese eines Tags in einen Kulturkampf münden würde; ״für einen Ocistcs-Krieg fehlen der französischen Toleranz und der jüdischen Klugheit alle offensiven Kräfte“. Aber die gewalfige Divergenz bleibt dennoch ein ursächliches Faktum, das die ~~ antisemitische — Reaktion auf den jüdischen Emportricb in der Wirtschaft, der Politik, der Literatur, im akademischen Berufsleben unsichtbar begünstigt. Die Kernfrage erhebt sich: ״Wie überbrücken wir die Gegensätze, damit das unverhältnismäßig reiche Reservoir an jüdischer Intelligenz und an anderen positiven Kräften zum Nutzen Frankreichs ausgenutzt, und nicht in einem drohenden Kampf zugeschüttet werde?“ ״Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß nur eine Ueberbrückung möglich ist. Denn es wäre Selbstverstümmelung, wollten wir, wie manche Radikalen predigen, unsere jüdischen Korn- Patrioten, Hundcrtfausende, womöglich unter Konfiskation ihres Vermögeins des Landes verweisen, wollten wir auch nur Ausnahmegesetze gegen sie beschließen. Das wäre irre- Speere und die langen, schmalen, mit heidnischen Emblemen vollbcmaltcn Schilder schwangen und wilde Kriegsrufe ausstießen. Die Siedler besprachen sich mit den Massaileuten. Daraufhin zogen diese ab, aber nur, um gleich danach einen Kriegstanz vorzuführen. Mit zunehmendem Tempo wurden ihre Mienen immer grimmiger, ihr Aussehen von offensichtlichem Zorn immer mehr entstellt. Die Mitglieder der Kommission blickten mit Unbehagen auf diesen wilden Wirbel von roten, fettbeschmierten Gesichtern, Straußenfedern und blitzenden Spceren, der vor ihnen einhertanzte. Schließlich zogen sich die Massai zurück, aber am Abend wurde um das Lager eine doppelte Wache gezogen und die Siedler selbst beschlossen, abwechselnd während der ganzen Nacht mit dem Gewehr auf den Knien zu wachen. So fand man auch in der zweiten Nacht kaum Schlaf. Zwar ereigneten sich keine Ueberfälle von seiten der Einsten Morgen zeigte inan den Mitgliedern der Kommission die Spuren in unangenehmer Nachbarschaft der Zelte, in welchen sie geschlafen hatten. Man erzählte den Juden die bis heute berühmte Geschichte von den Menschenfressern von Tsavo. Die Kommission blieb nur drei Tage auf dem Plateau. Sie kehrte nach England zurück und berichtete, daß das Gebiet im ganzen ungeeignet für die Ansiedlung van Flüchtlingen aus Rußland sei....“ Wenn man auch annehmen darf, daß die Verfasserin und die die Expedition begleitenden Kolonisten in ihrer Genugtuung über die ungünstigen Eindrücke der Delegation eine kleine Ausschmückung der Einzelheiten jener Reise vorgenommen haben, so ist der Bericht als Ganzes überaus charakteristisch für die Haltung der Siedler und des lokalen Regierungsapparates. Die zionistische Delegation ist von Eindrücken dieser Art sichtlich sehr beeinflußt worden. Es hat sich gezeigt, wie außerordentlich abhängig der Verlauf einer Untersuchung Von ihren Begleitumständen, d. h. von dem Maße der Kooperation, der Unterstützung oder Ablehnung ihrer Motive durch die an Ort und Stelle befindlichen Beamten und sonstigen Repräsentanten der Oeffentlichkeit ist. Alfred Bonne (Jerusalem) parable Schwächung unserer materiellen und sittlichen Kräfte; es wäre aber auch Verrat an unserer großen französischen Tradition.“ Bleibt also — da ja der Verfasser trotz aller beschwichtigenden Argumente die brennende Aktualität der Judenfrage instinktiv zu erkannen scheint — das Generalrezept: die Masse 11 Vermischung (deren erster Akt die Massentaufe wäre). Den Nationalisten ruft er zu: ״Mit dem romanischen Blut wird der Jude auch dort, wo sein Patrioiismus zweifelhaft ist, das Verständnis für die nationalen Interessen in sich ebenso aufnehmen wie alle anderen Patrioten.“ Dagegen soll die jüdische Einwanderung aus dem Osten unterbunden werden. ״Wir sind robust genug, um ein halbes Prozent oder auch ein Prozent jüdischen Blutes zu assimilieren; ein höherer Prozentsatz jedoch würde neue Gefahren schaffen.“ Das Buch und seine These werden in Frankreich lebhaft diskutiert. In dieser Debatte wird auch die Stimme des selbstbewußten Judentums nicht fehlen. Es bleibt zu wünsehen, daß sie laut genug sei, um die — in dem Buch gänzlich ignorierten — geschichtlichen Zusammenhänge einleuchtend darzustellen und nachzuweisen, daß es in nistorisehen und sozialen Prozessen nicht angeht, mechanistische MaBstäbe und auf ihnen beruhende Vorschläge zu benutzen, die stets irreal bleiben und nur zu schweren Enttäuschungen führen müssen. •ro. Selbstanzeige Jecheskel Kotik: Das Haus meiner Großeltern. Aus Kotiks Lebenscrinnerungen übersetzt von Leo Hirsch. Bücherei des Schockcn-Verlags/64, Berlin 1936. Jecheskel Kotik stammt aus dem jetzt polnischen Kamienice Litewski, dessen Geschichte während des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts er, meist aus eigener Erinnerung, in seinen Memoiren berichtet hat. Er selbst hat hier nur seine Kindheit und Jugend verlebt, war dann mit wechselndem Glück Gutspächter, Lehrer und Kaufmann in yerschiedenen Gegenden Polens und Rußlands und Cafetier in Warschau, wo er vor fünfzehn Jahren starb. Seine Lebenserinnerungen sind kulturgeschichtlich eine Fundgrube. Da seine Familie für Kamicnice maßgeblich war, schilderte er mit ihrem Aufstieg und Verfall aucn den Glanz und das Elend ihrer jüdischen Mitbürger, und man darf die Verhältnisse, unter denen die Juden in Kamicnice lebten, für einen großen Teil der russischen Juden jener Epoche für typisch halten. Seine Darstellung ist naiv und eben darum desto glaubwürdiger, dazu ohne allgemeine Tendenz. Die Schicksale und die Lebensbedingungen, die Kotik darstellt, sind die allgemeinen des jüdischen Ostens, die Charaktere, besonders die seiner Großeltern, deren wichtigste Lebensphasen den Inhalt des vorliegenden Auswahlbändchens bilden, sind keineswegs ungewöhnlich, doch mit ungewöhnlieber Wärme geschildert. Als der erste Band der jiddischen Originalausgabe vor dem Kriege erschien — eine zweibändige Ausgabe folgte 1922, ein dritter Band ist noch ungedruckt —, schrieb Schalem Alejchein dem Autor: ״Das ist kein Buch, das ist ein Schatz, ein Garten, ein Paradies voller Blumen und Vogelsang. Es hat mir meine Jugend herauf beschworen, meine Familie, meine Schule, meine Feiertage, meine Träume, meine Typen, nein!, ich und mein Bündel Typen und Bilder, von denen ich eine Menge erlebt und eine Menge erdacht habe, ich bin, ich sage das ohne die mindeste Schmeichelei oder falsche Bescheidenheit, gegen Euch ein armer Junge, ein Habenichts!... Gewalt, wo habtlhr bis jetzt gesteckt! Ein Mensch besitzt soviel Brillanten, Diamanten und Perlen und — gar nichts!... Was mich in Eurem Buch verzaubert hat, ist die heilige, einfache Wahrheit, die ungekünstelte Schlichtheit, heute die Sprache!... Es malt sich mir aus, hört Ihr, daß Eure Familie — das ist meine Familie (una w ahrscheinlich spürt das jeder Leser)... Alle leben sie, alle kenne ich, mit allen freue ich mich und mit allen irauerc ich. Es gehört doch eine Kraft dazu, mich nicht nur zum Lachen zu bringen (es gibt Abschnitte bei Euch, wo ich mich an den Seiten halten mußte vor Lachen), sondern auch, um mir Tränen herauszulocken, und ich schwöre Euch, daß ich zugleich mit Euch allen geweint habe, wie Euer Großvater Euch alle vor dem Jom Kippur gesegnet hat und wie Eure Großmutter, die Wohltäterin, auf der Erde lag und der Großvater hundertmal ohnmächtig wurde. Möchten wir uns bald der Erlösung Israels dermaßen freuen, wie mir die Tränen liefen, und nicht weil ein Mensch gestorben ist, — Mann!, wieviel Menschen sterben jeden Tag, jede Stunde, jederzeit! — sondern weil Euer Großvater und Eure Großmutter — das sind meine, meine, meine!“ Leo Hirsch Der Musiaf Iwrl mußte in der heutigen Ausgabe wegen Raummangels Zurückbleiben,