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Jüdische Rundschau · 1936-08-14 · Heft 65 (14.8.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 65 (14.8.1936)
Date
1936-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 65 14. VIH. 1936 Jüdische Rundschau Seife 7 Hubermans Palästina-Pläne Von unserem Berichterstatter j. R. Wien, 13. August Im künstlerischen Leben Wiens, dessen Schwerpunkt fegenwärtig von der Donau an die Salzach, von Wien nach afzburg verlegt ist, ist ein bemerkenswertes Ereignis bekannt geworden. Bronislaw Hub er nt an, der seit zwei Jahren als Leiter der Mcisterklasse für Violine an der Wiener Staatsakademie (früher Musikakademie) wirkte, wird, wie jetzt verlautet, im kommenden Jahre seine Lehrtätigkeit an diesem Institut nicht mehr ausüben. Auch die Wiener Konzerttätig־ keit Hubermans dürfte eine wesentliche Einschränkung erfahren. Hnberman iiat bereits seine ständige Wiener Wohnung im Hetzendorfer Schlad auf gegeben. Als ausschlaggebendes Motiv für Hubermans Schritt wird, wie in dem Künstler nahestehenden Musikerkreisen verlautet, die große organisatorische Vorbereitungsarbeit Hubermans für das von ihm ins Leben gerufene Palästina- Orchester bezeichnet, die, nebst den zahlreichen umfangreichen Konzertverpflichtungen des Künstlers im Ausland, ihn so sehr in Anspruch nehmen, daß er nur für kurze Zeit gelegentlich nach Wien kommen dürfte. Huberman hat sich dieser Tage nach Salzburg begeben, um mit Arturo Toscanini, der bekanntlich von Huberman dafür gewonnen wurde, die ersten Konzerte des neuen Palästina-Orchesters zu dirigieren, persönlich diese Fragen zu besprechen. Mit Rücksicht auf die gegenwärtige Lage in Palästina und gleichzeitig im Bestreben, das Eröffnungskonzert des. Palästina-Orchesters mit Toscanini zu einem grandiosen Ereignis zu machen, hat sich Huberman entschlossen, dieses Toscanini-Oastspiel auf einen späteren Zeit• punkt zu verlegen. Nun kommt aus Salzburg die Nachricht, daß die Besprechungcn Hubermans mit Toscanini in Salzburg zu einem günstigen Ergebnis geführt haben, ln diesen Besprechungen ist die Tätigkeit Toscaninis als Gastdirigent des Palästina- Orchesters, ferner die genaue Zusammensetzung des Programms, sowie der Termin des Eröffnungskonzertes festgclcgt worden. Danach wird das E r ö f f nungskonzert a in 20. Dezember unter der Lei• tung Toscaninis stattfinden. Das Programm des Eröffnungskonzertes sieht vor: Mendelssohn: Musik zum ,,S 0 m ni c r n a c h t s t r a u m“, Beethoven: ״Leonoren- Ouvertüre“ Nr. 3, Beethovens ״Fünfte Sinfonie“. Das gleiche Programm wird dann von Toscanini in verschie* denen Teilen des Landes, unter anderem auch als Arbeiter• Symphonickonzcrt dirigiert werden. Nach diesen ersten Konzerten in Palästina wird Toscanini mit dem Palästina- Orchester in Aegypten vier Konzerte geben. Bei sämtlichen von Toscanini geleiteten Konzerten wirken keine Solisten mit. Nach der Rückkehr des Orchesters aus Aegypten nach Palästina wird in einem von Generaldirektor Hans Wilhelm Steinberg geleiteten Konzert mit neuem Programm auch der Solist Adolf Busch mitwirken. Für später ist der Dirigent Jassy Dobrowen, der einen Monat lang das Orchester leiten soll, vorgesehen; in "weiteren Konzerten werden wieder Steinberg und Michael T aube das Orchester dirigieren. Zum fünSundzwanzigsten Todestag Jozef Israels’ Der fünfundzwanzigste Todestag von Jozet Israels ist ein Anlaß, sich mit einer Generation jüdischer Künstler 7u beschäftigen, die am Kunstschaffen der Länder, in denen sie wohnten, führend Anteil nahmen. Wir denken da außer an Max Licbcrmann an Camille Pissarro, der den malerischen Reiz der französischen Großstadt für den Imressionismtis in Frankreich entdeckte. Der schwedische Maler rnst Joseph son ließ in seinen Gemälden ״Nöck“ und ״Strömkari“ die nordische Sagenwelt erstehen, Werke, die zu den bedeutendsten der schwedischen Malerei gehören. Die künstlerische Tat Jozef Israels’, die Wiederentdeckung der holländischen Landschaft und Menschen, machte ihn zum bedeutendsten und volkstümlichsten hollämlisehen Maier des 19. Jahrhunderts. Die Frage nach dem jüdischen Element im Schaffen dieser Künstler taucht auf. Ihre Werke sind kennzeichnend für das Kunstschaffen ihres Landes, und nur einzelne Besonderheiten lassen uns den Juden in ihrer Kunst erkennen, wie z. B. der ausgeprägte Familiensinn, der bei Lieberniann und Josephson zahlreiche wundervolle Bildnisse der Familienmitglieder erstehen ließ. Oder die bei jüdischen Menschen häufig zu beobachtende geistige Kraft durch Resignation zu Optimismus zu gelangen, die den durch Krankheit an die Stadt gefesselten Pissarro die Schönheit der Welt auch in den Straßen der Großstadt erkennen ließ. ■ .Joze* Israels läßt sich das jüdische Element leichter feststellen. Der Maler, der aus einer bürgerlichen jüdischen Familie in Groningen stammt, sollte ursprünglich Rabbiner werden. Das jüdische Erlebnis seiner Kinderzeit gab seinem Leben und seiner Kunst die Grundlage. In seinen Bildern ״Der Sohn eines alten Volkes“, ״Thora- Schreiber“ und ״Jüdische Hochzeit“ schuf er ausgesprochen jüdische Kunst. Wohl niemals wurde ein erschütterndcrer Ausdruck für das Leben in der Diaspora gefunden, wie in dem ״Sohn eines alten Volkes“. Ob nun Israels die von der Thora erfüllte Welt des Sofer schildert oder den Tag im Leben zweier jüdischer Menschen, dessen Feierlichkeit sie über den Alltag erhebt, stets bleibt es der 11m1111111111111ll111111:N111111111111111111111111M111111m11m1Hm111m11111111111Hm1111111nM111111111111m1111m111111mmm1111111111111 ZWEI GEDICHTE Von George A. Goldsehlog . Am 14. August wäre der 1934 verstorbene Dichter vierzig Jahre alt geworden■ Landsfreidicr Der Himmel ob meinem Haupte Hängt so schwer. Der Gott, an den!dt glaubte, Tut keine Wunder mehr. Meine Haare sind nafi vom Regen, Meine Füfce vom Wandern wund. Kein Haus kommt mir entgegen. Hinter mir läuft kein Hund. Die Straße Eine 5trabe welk Ith, die führt Ziellos In die Welte. Nebel sind um sie aufgerührt, Regen Ist ihr Gelelle. Blattlose Bäume stehen am Rand. Fahl und mit weher Gebärde Weisen sie immer weiter ins Land Ober die traurige Erde. Manchem wurde der Weg so gram: Schreiend warf er sich nieder . . . Wenn Ihm dann keine Aniworl kam. Schwieg er und wanderle wieder. niiiiiiiMiiiiimiiiNiiiimmiiiiiiiiiiiinmiiiniiiNmiiiiiimiiiiMiiiiiiiMiiiiiiiiiuniiMiHiimiiiiiMiiiiiiiiMiiiiniMiiiiimiiiMmi schlichte jüdische Mensch, dem das Mitempfinden des Künstlers gilt. Diese Bilder sind erfüllt von einer eigenen Welt, von einer jüdischen, weil auch jüdisch erfühlten Welt. Es mag kein Zufall sein, daß Israels eine Monographie voll tiefsten Verstehens von einem anderen großen jüdischen Maler, Max Liebermann, gewidmet wurde. Auch da, wo uns Israels nicht jüdische Menschen, sondern holländiselic Bauern und Fischer schildert, wie die Fischersfrau, die das Kind im Arm, am Meeresstrand die Heimkehr des Mannes erwartet, oder den Witwer, der am Totenbett seiner Frau sich nun allein auf der Welt fühlt, ergreift uns die Empfindungstiefe und feinfühlige Menschenbcobaehtung des Künstlers. Der Vortrag bleibt dabei immer schlicht und vermittelt uns die stille Ergebung in ein unabwendbares Schicksal, die diese einfachen Menschen zu Helden werden läßt. Dort, wo der Maler einmal wie in seinem Gemälde ״Saul und David“, tiefste Schwermut schildert, tritt als versöhnendes Element die Tröstung, die der erkrankte König durch die Musik des harfespielcnden Davids erhält. Wundervoll, wie liier durch Licht und Schattengchung das Motiv unterstrichen wird, lleberschaiit man das Werk Jozef Israels', so sind es weniger jüdische Themen als das Mitleidenvcrmögen eines jüdischen Herzens und die uns Juden wohlvcrtraute Weltanschauung eines schlichten Sichergebens in den Laut der Welt, die uns seine Kunst als die eines Juden empfinden lassen. Seine Werke sind vor allem aber Ausdruck einer wahrhaft, großen künstlerischen Persönlichkeit. Dr. Irmgard Schüler Vom internationalen Studentenverband Vom 19. bis 26. August 1936 tagt in Sofia der alljährlieh stattlindende Kongreß der Confccieration Internationale des Etudiants. Zum erstenmal entsendet die Studenten- Vereinigung Palästinas, die die Studenten der Hebrätschen Universität sowie des Haifacr Technikums umfalW, einen Vertreter zu diesem Kongreß. Die CIE. ist die Spitzenorganisation der Studenten-Vereinigung fast sämtlicher europäischer Länder sowie Nordamerikas und Aegyptens. Die Confederation erblickt ihr Hauptziel in der Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Studenten verschiedener Länder und setzt sich darüber hinaus vor allem für die Durchsetzung spezifischstudentischer Interessen ein. Die Erleichterungen, die den Mitgliedern der CIE. angeschlossenen Studenfcnorganisationen in den betreffenden l ändern gewährt werden, sind betrachtlieh; sie umfassen Ermäßigungen bei Reisen mit Schiff tind Eisenbahn, bei Besuch von Thratern und Kinos und Erlcichlcrungen im internationalen akademischen Bibliothekswesen. __ Im Laufe des Jahres 1931 trat die palästinensische Studentenschaft mit der Leitung der ('.IE. bezüglich ihrer Aufnähme in Verhandlung, Nach langwierigen Erörterungen, die sich bis /um Juni d. Ji hinzogen,"wurde eine Aufnahme j’alästiiias als vollberechtigtes Mitglied (membre titulairc) vom Vorstand der CIE. abgelehnt und mir eine Zugehörigkeit als nichtsfiinmberechtigtcs, ״Freies״ Mitglied (membre!ihre) zugebilligt. Als Grund für diese Entscheidung wurde Artikel 2, § 2, der Satzungen der GIF. angegeben, der als Aufnalime- Bedingung erfordert, daß cs «sich um Studenten eines ״Staates״ (Etat) handelt. Da Palästina ein Vülkcrhundsmandat sei, könne es auf die Bezeichnung ״Staat" keinen Anspruch erlichen. Die Vergünstigungen der ״Freien Mitglieder“ sind dieselben wie die der ״Vollberechtigten Mitglied(! Die Möglichkeit, sieh direkt :ווו die 1 |H. zu wenden, steht den jisdisehen Studenten-( )rganisatioiieti der einzelnen l.äpder nicht zur Verfügung und eine andere •nt׳ rtiationale Studenten- Organisation besteht nicht. Es wird daher eine der I lauptaufaben des palästinensischen I )rl! g׳״!t<!1 sein, die Aufnahme alästinas als ״membre titulairc״ durehzu-et/en. Dr. E rnst B 111 m e n f h ,1 I (Jerusalem) Der Mufti-Mord in Algier, E'nscr Pariser Ka.-Berichterst,atfer schreibt un- : Dir t hitersii( hungen der fr.anzo-.is1 hen Polizei über die I■rnaordung des nlgeri-ehen (iroßmnfti Beirdali Mahmud haben zur Verhaftung der Mörder de- Mufti, wer vorbestrafter Araber, giiuhit. Inr-cr Polizeiaktion ist aber eine viel berleut-amere V<! ludaung gefolgt. Nach Angaben der Mörder ist der (iroßmnfti auf einer Sitzung des Komitees seiner religiösen Gegner, der < inlrmiis, zum Tode verurteilt und seine Exekution durch gedungene Mörder bcschlossen worden. Auf Grund dieser zuig.ahen ist der Eiihrer der Oulemas, der Scheik Taveb cl ()k'ni, eine der angc- *ebensten Persönlichkeiten der islamischen Welt Nonkafrikas, wegen Anstiftung zum Morde verhaftet worden. Tayeb ei Okbi, t! er leidenschaftlichste Agitator dieser puritanischen Sekte im Islam, war zugleich der Herausgeber der verbreiteten Zeitung .,El Baseir", Der Vertreter (frans im französischen Senat, Senator Rouv-f 'reissineg, hat an den französischen Innenminister Salcngro einen offenen Brief gerichtet, indem er auf die w a c 11 s e 11 d c (1 ä r 1: ti g u 11 I c r d c n Fi 11 g e b o r e n e n N o r d;1 f r 1 k a s himveist und den Minister anfragt, welche Maßnahmen er 7t!m Schutze der französischen Siedler und der französischen Interessen jn diesen Provinzen zu ergreifen gedenke. Er weist darauf hin, daß die Oulemas, die öffentlich ihren rein religiösen Charakter betonen, in Wirklichkeit eine starke politische Aktivität ausüben und bei jeder Gelegenheit als Feinde des französischen Einflusses auftreten. Sie gehen vielfach mit den Kommunisten und der bekannten arabisch-nationaiistisehen Gesellschaft ״Stern Nord-Afrikas", die vor einiger Zeit von den Behörden verboten wurde, zusammen. Der Senator verlangt rücksichtslose Unterdrückung der Frankreich feindlichen Agitation in den nordafrikanischeil I)epariements. Gleichzeitig mit der Demarche des Ministers richtet einer der arabischen Führer, Dr. Benieilntil, einen Appell an die Bevölkerung der nordafrikanischen Provinzen, indem er sic auffordert, die Ruhe zu bewahren und zur Durchsetzung ifirer Forderungen bei der französischen Regierung die notwendige Finhcit zu zeigen. Inzwischen wird die Nachricht von einem neuen Attentat, das gleichfalls gegen einen mohammedanischen (ieistlichen gerichtet ist, bekanntgegrhm. Aut einen der Muftis der Stadt Constanfinc, deren Brvölkeruiig durch ihren banan-nnis bekannt ist, sind drei Revolvcrsrhiissf abgegeben worden, die aber ihr Ziel verfehlten. Der Tater, ein europäisch gekleideter Eingeborener, ergriff die Flucht und konnte hoher nicht identifiziert werden. Der Vorfall steht ini engen Zusammenhang mit der Ermordung des Muftis von Algier, Bulan von Belendjer Ein Kapitel aus dem Roman ״Das Volk des harten Sdriafs“ Von OSKAR BAUM (Schluß) Er redete großspurig und eingebildet '׳on seinen Unterriehmungen, als ob er sie allein leitete und wurde grob, wenn Gamlischar, den er aus ״Menschenfreundlichkeit“ beschältigte, und weil er selbst ״ja doch nicht alles allein machen konnte“ es einmal wagte, ihm in irgend etwas nicht beizupflichten. .Am schwersten zu ertragen war seine Ute Laune, die gnädige Herablassung des dummen, dicken lannea mit dem ewig fettigen, roten Haar und der au»- gesehrienen Stimme, wenn er dem Gehilfen manchmal nach wohlabgewirkelten Geschäften wie einem Bettler ״zur Aufb es »erlang für seine Frau“ einen halben geräucherten Fisch reichte, nicht ohne einen Scherz, über seine unverbesserliche Schwäche, immer mit jemandem teilen zu müssen, seien die Zeiten auch noch so schlecht. Alles ließ Chanoch Gamlischar, genannt Eno von Kypros, über sein früh ergrautes Haupt ergehen, das er geduldig und milde gesenkt hielt. Einst war in Bosporus eine ganze Straße von Vorratshäusern und eine Flotte von Handelsgalceren sein gewesen; mit fürsten hatte er bei Tisch gesessen, und Provinzen hatte sein Wille aufblühen lassen. Bulan konnte die Demut des Vaters nicht begreifen. Er hätte dem Dickwanst, der immer von weitem nach Zimtwein und gegorenem Ilonig roch, am liebsten in dos schwammige Gesicht geschlagen, daß die listigen Acuglein etwas von ihrer siegesbewußten Verschlagenheit verloren hätten. Der \ ater nahm Bulan freilich nicht zu diesem Zweck mit. Bulan sollte früh mit ansehen, wie es in der Welt in Wahrheit zuging, und was außerhalb des Lehrhauses und der Kind«•- spiele auf die meisten wartete, damit er seinen wilden Stolz und Eigensinn beugen lerne. ״Sich selbst beherrschen ist schwerer als anderen zu befehlen, aber auch lohnender und wichtiger“, erklärte der Vater auf dem Heimweg. Er suchte Bulan klarzumachen, daß zwischen dem üppigen Leben von einst und dem bescheidenen von heute im Grunde gar kein so großer Unterschied bestehe. Das tägliche Auf und Ab des Gewohnten lulle ein, dort wie hier, und lasse nur daa Unerwartete ,jeweils sich abheben. Was früher die gefährliehe Intrige eines Feindes hu Hofe gewesen sei, sei eine böse Laune des Mißtrauens bei Manassc Gargis. Die Sorge, die einst eine über die Zeit ausgelil!ebene Galeere mit kostbarer Ladung bereitete, entstehe heute durch den gehr•- dienen Fuß eines Kamels, durch zerrissene Pfeifersäcke oder verdorbenen Wein. Bulan hörte diese Philosophie verbissen und ungläubig. Er mußte daran denken, wie die alte Dinah, als er ganz, klein war, immer, wenn er hinficl, laut und eindringlich angle: ״Es tut ja nicht weh!“ und wie sie wirklich überzeugt war, damit ,seinen Schmerz verjagt zu haben. Schweigend ging er neben dem Vater her und hörte mit ehrerbietiger Aufmerksamkc•'* die Reden der tiefen Stimme, die sich niemals besonders hob oder senkte. ,Die Erwachsenen machen alles vollkommen falsch', das war für Bulan ausgemacht. Noch wußte er nicht, wie man es anders machen sollte, aber es konnte nicht schwer sein. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er dahinter kommen würde. Weshalb war der Vater ins Elend gejagt w־orden? Weil er den Lehren zu sehr anhing, die Elejser ben Isra den Kindern vortrug. Aber die ältesten der Weisen sagten doch, daß er diesen Lehren zu wenig anhing. Da war doch etwas nicht in Ordnung! * Bulan hatte drei Freunde: den alten Charnschan mit dem einen Arm und einem Auge, dem «inst ein Petschenege in der Schlacht ein Stückchen Nase weggebissen hatte und den man durum nicht anschauen konnte, ohne zu lachen. Er war nicht Diener in einem bestimmten Hause, für die ganz« Gemeinde machte er Botengänge. Wegen seines gutmütigen Wesens galt er für einfaltig. Aber eben dadurch wurde er für die, die seine Gewitztheit und Erfahrung kannten, ein besonders wertvoller Bote. Man vertraute ihm heikle und verschwiegene Geschäfte an. Bulan — aber er al# einziger — erfuhr alles von ihm. Der zweite Freund war Kutt, der weiße Fuchs, den ihm einst Charaschan winzig, kaum eine Hand groß, von einer weiten Wanderung in den Norden mitgebracht hatte und der mit vieler Sorgfalt in der Gefangenschaft aufgezogen worden war. Kutt schlief neben Bulans Schlaffell recht weit vom Feuer in einer moosgefütterten Lehmgrube, in der immer etwas frische feuchte AValderdo sein mußte. Im Widerspruch zwischen eingeborenen und unerzogenen Gelüsten war er off, auf die k orn i 5c hste W eise verwirrt. Er war der richtige Schalk.*- narr Butens, wie der 11k und der C'hakan ihren Narren zur Erheiterung hatten. Der dritte Freund war ein Stein, den Bulan in höchster Not, von einem wilden Esel verfolgt« am Ufer gefunden halte. Der Stein sah beinahe wie «in Menschenkopf aus mit zwei hörnerartigen Auswüchsen, an denen man ihn gut packen konnte und einer riesigen Nase mit scharfer wie geschliffener Spitze. Steckte man in die Höhlung, die wie ein zum Gähnen aufgerissener Mund aussah, um die Zeit der Abenddämmerung glimmende Stiirrtpeben von Teerfackeln, die man in der Küche sticbilzt hatte, und setzte den Stein einem Baumstumpf am Waldrand auf, so sah das ganz ordentlich zum Fürchten ans. Einmal, hoffte er, werde Dinah, wenn sie Holz hinter dem Hause holte, vor Schrecken wie versteinert stehen bleiben und glauben, Tengryrhan, der Chan aller Geister, erscheine ihr in sichtbarer Gestalt, um sie ein letztes Mal vor fuTcht* barer höchster Strafe zu warnen. Die alte jüdische Sklavin fürchtete sich vor den heidnischen Göttern mehr al* der Chasnr Charaschan. Bulan freute sich darüber, daß sie .*0 dumm war. Das war schon die erste Strafe dafür, daß sie ihn immer so streng aus der Küche oder aus der Kammer der Mutter wies oder gar ans dem Hause jagte, wenn er fröhlich zu singen und 7,11 lärmen begann. Sie nahm ihm auch alle Waffen fort, sobald sie etwas taugten, ob er sie min selbst oder ob Charaschan sie ihm verfertigt hatte. Wieso konnte übrigens sein Gesang die Krankheit der Mutter verschlimmern? Wenn er sie wirklich störte, würde sic ihn doch selbst, }ortweisen; das hatte sie aber noch nie getan! Sie lächelte ihm immer entgegen, wenn er in ihre Nähe kam. Und stürmte er noch so wild zu ihr binein, hatte sie immer dies Lächeln. Einmal hatte er sogar ganz, deutlich gesehen, daß sie der zankenden Dinah Zeichen machte, ihn doch nicht fortzuschicken. Und wie sich die Alte gegen Kutt benahm! Wo immer etwas zur Erde fiel, hatte er 6* hinabgerissen. Und wo sich in der Hütte Unrat fand, mußte er von ihm stammen. Ihre spitzknorhiRen Finger erwischten den schlanken seidigen Hals des erschrokkenen Tieres und hielten die bebende Schnauze eine c ml lose Ewigkeit in den Dreck. Nie, nie, nie wird Bulan mit ihr Frieden schließen! Lange schon hatte er sie nicht einmal

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